mini|Lise Cristiani, Lithographie von H. J. J., nach Thomas Couture, ca. 1860Freia Hoffmann: Art. „Cristiani, Christiani, Chrétien, Barbier, Lise, Lisa, Elise“. In: Europäische Instrumentalistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. 2007/2010. Online-Lexikon des Sophie Drinker Instituts, hrsg. von Freia Hoffmann. Lise Cristiani, auch Lisa Cristiani, Lisa Christiani, eigentlich Lise Barbier Chrétien (* 4. Dezember 1825 in Paris;In den meisten Nachschlagewerken lautet die Angabe 24. Dezember 1827. Der Musikhistoriker Waldemar Kamer präsentierte in dem Dokumentarfilm Mit dem Cello ans Ende der Welt (Deutschland 2024) die lange Zeit verschollen geglaubte Geburtsakte Lise Cristianis, die das Datum 4. Dezember 1825 belegt. Die Angabe 24. Dezember findet sich erst später in der Heiratsakte ihrer Mutter. Außerdem wurde sie von ihrem "Großvater"/"Vater" zwei Jahre jünger gemacht, möglicherweise, um sie als Wunderkind für das Publikum interessanter zu machen. † In den meisten Nachschlagwerken lautet die Angabe 24. Oktober 1853. Doch Waldemar Kamer belegte, dass dies ein Tippfehler in dem Artikel in Le Tour du Monde (1863) war. Lise Cristiani verstarb am 2. Oktober nach dem damals in Russland gängigen Julianischen Kalender, also am 14. Oktober 1853 nach unserem Gregorianischen Kalender (so wie es auch in den zeitgenössischen Zeitungsartikeln steht). in Nowotscherkassk, Russland) zählte zu den ersten professionellen Cellistinnen der Musikgeschichte sowie zu den bekanntesten Spielern des Instruments im 19. Jahrhundert.

Leben Lise Cristiani wurde als uneheliches Kind geboren, ihr Vater ist unbekannt. Anm. : Dort liest man in der wiedergefundenen Geburtsurkunde: „à deux heures du matin, Delle Elisberth [sic für Elise-Berthe, später Lisberthe] Barbier, âgée de Vingt un ans [sic statt 20], née à Paris, est accouchée chez ladite sage-femme d’un enfant du sexe féminin, qu’elle nous présente, et auquel elle a donné le prénom Agathe.“ (Waldemar Kamer, René de Vries: Lise Cristiani. Bleu nuit éditeur, Paris 2025, S. 12). Der Geburtsname von Lise Cristiani war also Agathe Barbier. Ihre Mutter Lisberthe Barbier heiratete am 18. Januar 1827 Etienne Paul Chrétien, einen Freund der Familie.Katharina Deserno: Cellistinnen. Transformationen von Weiblichkeit in der Instrumentalkunst (= Musik – Kultur – Gender. Bd. 14). Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2018, S. 162. In der Heiratsurkunde wird eine Tochter erwähnt, die an einem 24. Dezember 1825 geboren sei. Ob der deutlich ältere Chrétien der leibliche Vater ist, ist nicht bekannt, möglicherweise handelte es sich bei der Heirat um ein Arrangement. Lise Cristiani wuchs im Haus ihrer Großeltern auf, des Kunstmalers Nicolas Alexandre Barbier (1789–1864),Artikel Nicolas Alexandre Barbier in der französischsprachigen Wikipedia. der ihr musikalisches Talent erkannte und förderte, und dessen Frau, der Schauspielerin Agathe-Marie RichardFreia Hoffmann: Art. „Cristiani, Christiani, Chrétien, Barbier, Lise, Lisa, Elise“. In: Europäische Instrumentalistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. 2007/2010. Online-Lexikon des Sophie Drinker Instituts, hrsg. von Freia Hoffmann., eine für ihre Zeit sehr emanzipierte und fortschrittliche Frau, die als „Mutter“ und Vorbild einen entscheidenden Einfluss auf die kleine „Lise“ hatte.Über die Schauspielerin Agathe Marie Richard (1785–1875) ist bis jetzt sehr wenig bekannt. So wie ihre gleichaltrige Kollegin Marceline Desbordes-Valmore (1786–1859), wuchs sie in einer Weinstube auf und wurde nach dem Ruin ihrer Eltern während der französischen Revolution mit 16 Jahren Schauspielerin, um den Familienunterhalt zu verdienen. Beide bekamen vier uneheliche Kinder. Der Taufpate der ältesten Tochter von Agathe, Lisberthe Richard (1805–1850), war der Schauspieler Barthélémy La Rochelle (1750?–1807), möglicher Weise auch der Vater des Kindes, also der leibliche Großvater von Lise. Agathe Marie Richard scheint eine beeindruckend schöne, gebildete und emanzipierte Schauspielerin gewesen zu sein, die vor ihrer Ehe (1818) durch Frankreich und Europa tourte – ein Vorbild für die späteren Tourneen von Lise Cristiani. (Waldemar Kamer, René de Vries: Lise Cristiani. Bleu nuit éditeur, Paris 2025, S. 13–17, Kapitel „une femme emancipée avant la lettre“.) Das Ehepaar bekam 1825 ein Sohn, der spätere Autor, Dichter und Librettist Jules Barbier, mit dem Lise Cristiani zusammen aufwuchs, der gleichzeitig Karriere machte wie sie und nach ihrem frühen Tod ihr erster Biograph werden wollte.

Ihren ersten Unterricht in Tonsatz, Gesang und Klavier erhielt Lise Cristiani bei Auguste Wolff (1821–1887), einem französischen Pianisten und Klavierfabrikanten, der später Dozent am Pariser Konservatorium wurde. Zur Cellistin wurde sie bei Bernard Bénazet (1781–1846), einem Schüler von Bernhard Romberg, ausgebildet.

Ab 1844 trat sie unter ihrem italienisierten Namen „Lise Cristiani“ auf und gab Konzerte, sowohl in solistischer als auch kammermusikalischer Besetzung, in Paris. Ihr „Repertoire bestand aus Bearbeitungen beliebter Melodien (Schubert, Donizetti, Ernst), Fantasien über Opernthemen (Batta) und wenigen Originalkompositionen (Offenbach, Franchomme). Ergänzt wurde es durch Kammermusik (Hummel, Rossini, Beethoven, Mayseder), die sie mit ortsansässigen Musikern aufführte.“

Debüt und Konzertreisen Am 14. Februar 1845 gab Lise Cristiani ihr „Großes Debüt-Konzert“ in der Salle Herz (dem damals wichtigsten Konzertsaal in Paris) in Anwesenheit des mondänen und musikalischen Tout-Paris: darunter die königliche Familie, in der Nicolas Alexandre Barbier (der Mann ihrer Großmutter, den sie „papa“ nannteWaldemar Kamer, René de Vries: Lise Cristiani. Bleu nuit éditeur, Paris 2025, S. 13.) wenige Monate zuvor eine feste Anstellung bekommen hatte als sous-secrétaire des commandements und chef du secrétariat du duc d’Aumale.Waldemar Kamer: Le peintre Nicolas Alexandre Barbier, professeur de dessin et secrétaire particulier du duc d’Aumale. In: Bulletin des Amis du Musée Condé. Nr. 88, Chantilly, 2025. Es kamen auch mehrere damals in Paris einflussreiche Journalisten, wie die Schriftsteller Jacques Arago und Théophile Gautier, und der Komponist Hector Berlioz. Dieser nahm im Gegensatz zu einigen Kollegen keinen Anstoß an der „unschicklichen Haltung“ einer Dame mit einem Cello „zwischen den Beinen“, sondern lobte ihre „elegante Bogenführung“ und meinte, dass die Virtuosin und ihr Instrument „perfekt harmonierten“ („la virtuose et l’instrument s’harmonisent parfaitement“).Waldemar Kamer, René de Vries: Lise Cristiani. Bleu nuit éditeur, Paris 2025, S. 51–55.Die Rezension von Hector Berlioz wurde in der Cristiani-Forschung bis 2025 übersehen, weil – so Waldemar Kamer – der Typograf des Journal des débats politiques et littéraires den Namen des Autors vergessen hat. Der Artikel vom 4. März 1845 befindet sich in der Gesamtausgabe: Hector Berlioz: Critique musicale. Tome VI 1845–1848. Buchet/Chastel, Paris 2008, S. 11–12. Er belegt, dass die häufig zitierte (z. B. bei Freia Hoffmann und Katharina Deserno), sehr negative und frauenfeindliche Rezension des „Rover of Concerts“ (wahrscheinlich Henri Blanchard) in der Revue et Gazette musicale de Paris vom 23. Februar 1845 – bis 2025 die einzige bekannte von diesem Konzert – keineswegs repräsentativ ist. Kein anderer Debütant (männlich oder weiblich) bekam 1845 in der Salle Herz eine ähnlich zahlreiche und positive Presse.