mini|Constantinus Africanus bei der Harnschau Constantinus Africanus (lateinisch) oder deutsch Konstantin von Afrikaauch Constantinus Africanus Cassinensis und Constantin (von Africa) sowie Konstantin (der Afrikaner) genannt. (* zwischen 1000 und 1030 in Karthago im heutigen Tunesien; † 22. Dezember vor 1098/1099 im Kloster Montecassino) war ein nordafrikanischer („africanischer“ bzw. ifriqiyanischer) medizinischer Forscher, Fachautor und Übersetzer sowie Laienbruder des Benediktinerordens. Der arabische Name des aus einem christlichen oder islamischen Umfeld stammenden Constantinus ist unbekannt. Auf die wissenschaftliche Medizin hatte er durch sein Wirken als Theoretiker an der Schule von Salerno und als Übersetzer in Montecassino Einfluss. Er führte in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts mit seinen Bearbeitungen und Übersetzungen ins Lateinische im christlichen Abendland bzw. Europa die arabisierte Medizin der Griechen ein.

Leben mini|Die Schule von Salerno in einer Darstellung in einer Ausgabe des Kanon des Avicenna

Zum Leben von Constantinus sind vier Quellen bekannt, die sich inhaltlich erheblich widersprechen und teils ins Fantastische abgleiten.Eliza Glaze: Introduction: Constantine the African and the Pantegni in Context. In: Erik Kwakkel, Francis Newton (Hrsg.): Medicine at Monte Cassino: Constantine the African and the Oldest Manuscript of his Pantegni. Brepols, 2019. S. 1–30. Es sind dies: Chronica monasterii Casinensis, von Leo Marsicanus oder Guido kurz nach 1100 verfasst, erhalten in Monte Cassino, MS 450, folia 278–279 (ca. 1140–50) darauf basierend: De viris illustribus von Petrus Diaconus, erhalten in Monte Cassino, MS 361, folia 69v–70r (ca. 1150) von Magister Matthäus F[errarius], erhalten in Erfurt, Universitätsbibliothek, Bibliotheca Amploniana, Cod. Amplon. 8° 62, folia 49v–50r (frühes 14. Jahrhundert) die Cordoba-Montpellier-Tradition, erhalten in London, BL, MS Sloane 2426, folia 7v–8v (13. Jahrhundert)

Alle vier Quellen wurden 2019 in einer zweisprachigen Ausgabe Latein-Englisch zugänglich gemacht.Francis Newton: The Biographies of Constantine the African. In: Erik Kwakkel, Francis Newton (Hrsg.): Medicine at Monte Cassino: Constantine the African and the Oldest Manuscript of his Pantegni. Brepols, 2019. S. 195–203

Nach der ältesten Quelle wurde Constantinus in Karthago geboren, vermutlich im ersten oder zweiten Jahrzehnt des 11. Jahrhunderts, und studierte in Fustat (babilonia), südlich der heutigen ägyptischen Stadt Kairo. Dort soll er sich 39 Jahre aufgehalten haben. Dass er als Gewürzhändler tätig gewesen sei, wird lediglich in der Erfurter Handschrift berichtet. Danach kehrte er nach Tunesien zurück und lebte vermutlich in Kairouan, einem kulturellen Zentrum. Er flüchtete, nachdem 1057 ägyptische Nomadenstämme Kairuan erobert hatten, spätestens 1076/77 nach Salerno, dem damaligen Zentrum der christlich-abendländischen Medizin, wo er zunächst verborgen lebte. Der Abt Johannes, Bruder von Gisulf II., wurde auf ihn aufmerksam und in der Folge traf er auf den Erzbischof Alfanus von Salerno, der sich für Constantin einsetzte und wie dieser medizinische Schriften übersetzte, sowie auf Robert Guiskard. Zur Amtszeit von Abt Desiderius, dem späteren Papst Viktor III., trat er auf Empfehlung von Alfanus in das unter Desiderius zu einem geistigen und kulturellen Zentrum aufsteigende Kloster Montecassino ein, wo er vor 1098/99 starb.

Die traditionell angegebenen Todesjahre 1085 und 1087 sind nicht belegt und basieren lediglich auf Mutmaßungen. Für 1087 wird das Argument angeführt, Constantinus hätte zwar Desiderius seine Pantegni gewidmet, aber keine Schrift dem Nachfolger Oderisius, der ab September 1087 amtierte. Allerdings waren die zwei Äbte grundverschieden und Oderisius hatte vermutlich kein Interesse an weltlichem Ruhm. Annette Hettinger hingegen nennt 1085 als sicheres Todesjahr und bezieht sich dabei auf eine Urkunde aus dem Februar 1086, in der die Schenkung einer Kirche dokumentiert ist. Sie übersieht dabei allerdings, dass 1085 sowohl Alfanus von Salerno als auch Robert Guiskard gestorben sind und dies wohl die Urkunde motiviert hat und nicht etwa der Tod von Constantinus. Daher kann lediglich festgestellt werden, dass Constantinus vor der Erstellung eines Kalenders (erhalten in Vatikan, Borg. lat. 182) durch Leo Marsicanus gestorben sein muss. Dort wird als Todestag der 22. Dezember angegeben.Francis Newton: Constantine the African and Monte Cassino: New elements and the text of the Isagoge. In: Charles Burnett, Danielle Jacquart (Hrsg.): Constantine the African and ‘Alī Ibn al-‘Abbās al-Mağūsī. Brill, New York 1994, ISBN 978-90-04-10014-5, S. 20–33.

Eliza Glaze arbeitet folgende Unterschiede in den Quellen heraus: Aspekt Quellen Montecassino Quelle Salerno Quelle Cordoba-MontpellierHerkunftKarthagosarazenischer Händler ohne Lateinkenntnisse (womit auch Italienisch gemeint sein könnte)CordobaFluchtursacheGelehrsamkeit erzeugte Neid in seiner Heimatkeine, da als Händler unterwegsjuristische Konsequenzen nach Fehlbehandlung des KönigsGrund für Ankunft in SalernokeinerHandelvon Piraten gefangen und versklavtFördererRobert Guiskard und Richard von CapuaAbt Johannes und Erzbischof AlfanusKönig von Cordoba, Prinz von SalernoReligionunklar, wurde Mönch in MontecassinoSarazene, womit auch nur die Herkunft gemeint sein könnteMuslim, konvertierte in SalernoBerufstudierte in Fustat die freien Künste und MedizinHändler mit guten MedizinkenntnissenStudent in Cordoba, behandelte in Salerno erfolgreich den Prinzen und wurde dadurch berühmt

Als Gemeinsamkeiten aller Quellen identifiziert Francis Newton: Constantinus hatte gute Kenntnisse der medizinischen Literatur in der islamischen Welt. Nach seiner Ankunft in Salerno verdiente er sich den Respekt der lokalen Elite. Er übertrug effektiv ein umfangreiches und vielfältiges Korpus sowohl allgemeiner als auch hochspezialisierter Texte ins Lateinische, wodurch das medizinische Wissen erweitert und die Praxis verbessert wurden.

Johannes Afflacius ist als Schüler von Constantinus bekannt.

Werk Einige Zeitgenossen bemängelten, Constantinus habe nicht nur die eigenen, sondern auch die aus dem Arabischen übersetzten und in seinem Sinne bearbeiteten Werke mit seinem Namen unterzeichnet und damit den Eindruck erweckt, der einzige Autor zu sein. Das gelte insbesondere für den Zad Al Mussāfir (lateinisch Viaticus peregrinantis, deutsch „Proviant für den Reisenden“) von Ibn al-Dschazzar. Constantinus griff das Thema allerdings bereits in seiner Einführung zu Zad Al Mussāfir auf und spöttelte: „Wenn die Menschen beabsichtigen, in diesem Buch nachzuforschen, was von mir kommt, lasse ich sie in ihrer Dummheit schlafen. Ich dachte, es ist meine Aufgabe, es zu unterzeichnen, denn Menschen beneiden andere Menschen für ihre Arbeit …“

Auch später tauchte in der Wissenschaftsgeschichte hin und wieder der Vorwurf des Plagiats der oft freizügigen Übersetzungen auf. Er ist jedoch nicht aufrechtzuerhalten. Constantinus wollte nach seinen Angaben der Schule von Salerno keine eigenständigen Kompendien zur Verfügung stellen, sondern lediglich für den Schulgebrauch dienliche Kompilationen und zweckentsprechende Kompositionen. Er bezeichnete sich dementsprechend auch als „coadunator“, „compilator“ oder „abbreviator“. Als solcher spielte er für die mit dem hohen Mittelalter einsetzende Aufnahme und Übernahme der Wertevorstellungen (Rezeption) der griechisch-arabischen Medizin eine vorbereitende Rolle.Vgl. auch Heinrich Schipperges: Die Assimilation der arabischen Medizin durch das lateinische Mittelalter (= Sudhoffs Archiv. Beiheft 3). Wiesbaden 1964, insbesondere S. 17–54. Für die Medizinschule von Salerno war sein Wirken so bedeutend, dass man die mit ihm beginnende Epoche als „Hochsalerno“ bezeichnet. Petrus Diaconus, in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts Bibliothekar und Archivar im Kloster Monte Cassino, der wichtige Hinweise zu Leben und Werk von Constantinus lieferte,Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 41. ehrte ihn mit der Bezeichnung Orientis et Occidentis magister („Meister des Orients und des Okzidents“).

Schriften, lateinische Bearbeitungen und Übersetzungen mini|Constantinus bei der Vorlesung

Bereits in den Quellen zu seinem Leben werden Constantinus rund zwei Dutzend Werke zugeschrieben.

Antike Autoren HippokratesVgl. etwa Karl Gottlob Kühn: Magni Hippocratis opera omnia. 3 Bände. Leipzig 1827 (= Medicorum Graecorum operae quae extant. Band 21–23). Lateinische Textausgabe. Aphorismi mit Kommentar von Galenos Liber prognosticorum mit Kommentar von Galenos Regimen acutorum morborum mit Kommentar von Galenos De victus ratione variorum morborum

Galenos: Microtegni Megategni: Buch über die therapeutische Methodik des Galenos Disputatio Platonis et Hippocratis in sententiis

Arabische, persische und jüdische Autoren ʿAli ibn al-ʿAbbas al-Madschūsi, bekannt auch als Haly (filius) Abbas: Liber Pantegni, auch Pantechne genannt: ErstübersetzungGundolf Keil: Pantegni, Pantechne. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1096. der in Theorie und Praxis unterteilten Enzyklopädie des griechisch-arabischen Heilwissens.Charles Burnett, Danielle Jacquart (Hrsg.): Constantine the Africa and ʿAlī ibn al-ʿAbbās al-Mağūsī: The Pantegni and Related Texts. Leiden 1994 (= Studies in Ancient Medicine. Band 10). Al Kamil, dessen erste drei Teile auf See verloren gingen.

Hunain ibn Ishāq (Johannitius), 9. Jahrhundert: De oculis (auch Liber de oculis Constantini Africani): AugenkrankheitenGundolf Keil: „blutken – bloedekijn“. Anmerkungen zur Ätiologie der Hyposphagma-Genese im ‚Pommersfelder schlesischen Augenbüchlein‘ (1. Drittel des 15. Jahrhunderts). Mit einer Übersicht über die augenheilkundlichen Texte des deutschen Mittelalters. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013, S. 7–175, hier: S. 8.Dominique Haefeli-Till: Der „Liber de oculis“ des Constantinus Africanus. Übersetzung und Kommentar. (Medizinische Dissertation) Zürich 1977 (= Zürcher medizingeschichtliche Abhandlungen, Neue Folge, Band 121). Isagoge ad Tegni Galeni (von Hunain ibn Ishāq und seinem Neffen Hubaysch ibn al-HasanHeinrich Schipperges: Die Assimilation der arabischen Medizin durch das lateinische Mittelalter. Wiesbaden 1964 (= Sudhoffs Archiv. Beiheft 3), S. 33Gregor Maurach: Johannicius: Isagoge ad Techne Galieni. In: Sudhoffs Archiv. Band 62, 1978, S. 148–174.

Theophilos (Protospatharios): Peri urōnFriedrich v. Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. Ernst Giebeler, Darmstadt 1982, ISBN 3-921956-24-2, S. 6 und 8.

Abu Bakr Muhammad ibn Zakariya ar-Razi oder Razes Ali Ibn Massaouia Baghdad: Al Hawi

Ishaq ibn Imran (Isḥāq ibn ʿImrān) (9./10. Jahrhundert):