mini|Paul Geheeb ca. 1906

Paul („Paulus“) Geheeb (* 10. Oktober 1870 in Geisa/Rhön; † 1. Mai 1961 in Hasliberg-Goldern/Schweiz) war ein deutscher Reformpädagoge. Als Gründer der Odenwaldschule und der Ecole d’Humanité ist er eine wichtige Person der Landerziehungsheimbewegung.

Leben Kindheit und Jugend (1870–1889) mini|Geburtshaus von Geheeb in Geisa

Paul Geheeb war das zweite von fünf Kindern des Apothekers und Moosforschers Adalbert Geheeb (1842–1909) und seiner Frau Adolphine, geborene Calmberg (1841–1884). Paul Geheeb besuchte die Gymnasien in Fulda und Eisenach, wo seine Tante wohnte und ihn versorgte. Als er 14 Jahre alt war, starb – für ihn unerwartet – seine Mutter. Als beinahe 90-Jähriger sagte Geheeb dazu:

Studium und pädagogische Lehr- und Wanderjahre (1889–1909) 1889/90 absolvierte Geheeb seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger in Gießen. Danach studierte er in Berlin und Jena. Zu seinen Lehrern gehörten u. a. die Theologen Otto Pfleiderer, Richard Adelbert Lipsius und der junge Führer der theologischen Linken Otto Baumgarten.

Während seines Studiums wurde Geheeb Mitglied der Reformburschenschaften Burschenschaft Arminia Gießen und der Burschenschaft Neogermania Berlin im Allgemeinen Deutschen Burschenbund.Georg Schwartzer (Hrsg.): Adreßbuch des Allgemeinen Deutschen Burschenbundes. Stand vom 1. August 1919, Max Schlutius, Magdeburg 1919, S. 43 In einer 1891 unter dem Pseudonym Paul Freimut erschienenen Broschüre kritisiert Geheeb den Unsinn des Duellwesens und den übermäßigen Alkoholkonsum ebenso wie die leere Geselligkeit der Burschenschaften und – in seiner Zeit vor allem auffallend – den in der akademischen Jugend offenbar zum guten Ton gehörenden respektlosen Umgang mit Frauen. Es sei nicht nur traurig anzuhören, sondern auch Zeichen einer großen Gefahr, „wenn deutsche Musensöhne das Weib das elendeste und erbärmlichste aller Geschöpfe nennen, das weibliche Geschlecht als das lediglich passive bezeichnen und mehr und mehr der Anschauung huldigen, das Weib habe keine höhere Bestimmung, als dass es dem Manne zur Befriedigung seiner sinnlichen Lüste und als Maschine zur Fortpflanzung des Menschen diene.“Paul Freimut: Die Bedeutung der studentischen Korporation und die wahre Aufgabe des deutschen Studenten. Ideen zur Beurteilung der studentischen Verhältnisse. Herm. Rifel & Cie., Hagen i.W. 1891, Zitat S. 34.

Im April 1893 legte Geheeb das erste theologische Examen vor der sachsen-weimarischen Kirchenbehörde ab. Dabei war seine liberale Deutung der Blindenheilung durch Jesus Christus bei einigen Funktionären der Kirche auf Kritik gestoßen. Diese Erfahrung verstärkten seine Zweifel am Sinn des von ihm eingeschlagenen Weges, sodass er sich in der Folge verstärkt medizinischen, psychologischen, pädagogischen und philologischen Fächern zuwandte. Sein Theologiestudium führte er abwechselnd in Jena und Berlin fort, schloss es nach zwölf Semestern 1899 jedoch nicht mit dem zweiten kirchlichen Examen, sondern mit dem Oberlehrerexamen ab.Zu Geheebs Verhältnis zu Kirche und Religion siehe neben den entsprechenden Abschnitten in Näf 1998 und 2006 besonders Barbara Hanusa: Die religiöse Dimension der Reformpädagogik Paul Geheebs; Leipzig 2006.

Da ihm seine Familie Studium und Unterhalt nicht finanzieren konnte, arbeitete Geheeb von April 1893 bis Juni 1894 neben dem Studium als Lehrer und Erzieher in Johannes Trüpers Anstalt für psychopathische Kinder auf der Sophienhöhe bei Jena und betreute danach für weitere anderthalb Jahre einen epilepsiekranken Jungen einer Jenaer Bürgerfamilie – Tätigkeiten, durch die er u. a. auch mit dem damaligen Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik von Jena Otto Binswanger und dessen Oberarzt Theodor Ziehen, zu dessen Patienten damals auch Friedrich Nietzsche gehörte, in Verbindung kam. Während seiner gesamten Studienzeit engagierte sich Geheeb zudem im Kampf gegen den Alkoholismus; er war Mitglied der Guttempler und verkehrte in der Deutschen Gesellschaft für ethische Kulturzeno.org und im Kreise Moritz von Egidys. Für einen Mann seiner Generation besonders auffallend war Geheebs starkes Interesse für die Anliegen der Frauenbewegung, mit der er aufgrund seiner Freundschaft zu Minna Cauer, Anita Augspurg, Lily Braun, Jeannette Schwerin während der 1890er Jahre auch persönlich verbunden war.

1892 schloss Geheeb Freundschaft mit Hermann Lietz (1868–1919), der nach einer gründlichen pädagogischen Ausbildung bei Wilhelm Rein in Jena und einigen Schulerfahrungen (u. a. einem Jahr an Cecil Reddies 1889 gegründeten New School of Abbotsholme) 1898 das erste deutsche Landerziehungsheim in Ilsenburg am Harz eröffnete. 1930 schrieb Geheeb über diese für seine weitere Entwicklung zentrale Begegnung:

Obschon Lietz seinen Freund Geheeb gerne in Ilsenburg gehabt hätte, nahm dieser 1899 zunächst eine Stelle als Lehrer im neu eröffneten Sanatorium des Carl Gmelin in Wyk auf Föhr an. 1902 folgte er schließlich dem Drängen seines Freundes Lietz und ging als Lehrer nach Haubinda, Lietz’ zweiter Schulgründung aus dem Jahr 1901. Nach der Gründung eines dritten Landerziehungsheims in Schloss Bieberstein (Hessen) bei Fulda übernahm Geheeb 1904 die Leitung von Haubinda, trennte sich jedoch im Juni 1906 im Streit von Lietz und eröffnete im September desselben Jahres zusammen mit Gustav Wyneken, Martin Luserke und einigen weiteren Mitarbeitern und Schülern von Haubinda die in der Nähe des thüringischen Saalfeld gelegene freie Schulgemeinde Wickersdorf.

Trotz des Erfolgs der neuen Schule verließ Geheeb Wickersdorf im Februar 1909, da er – nervlich aufgrund der aufreibenden Jahre bei Lietz und aufgrund einer unglücklichen ersten Ehe angeschlagen – mit seinem Mitdirektor Wyneken nicht zurechtkam.Zum Konflikt mit Wyneken siehe neben Näf 1998 auch Heinrich Kupffer: Gustav Wyneken. Stuttgart 1970, S. 55 ff. sowie Martin Näf: Wyneken und Geheeb: Gemeinsame Anfänge – getrennte Wege – konträre Ziele. In: Jahrbuch des Archivs der Deutschen Jugendbewegung. 3/2006, Schwalbach/Ts 2007, S. 119–146, online verfügbar unter dem Titel Reformpädagogik ist nicht gleich Reformpädagogik Auf der Suche nach einem Standort für eine eigene Schule verhandelte Geheeb während der nächsten Monate u. a. mit Wolf Dohrn, dem leitenden Geschäftsführer der Gartenstadtgesellschaft Hellerau, über die Übernahme der dort geplanten Schule; er erwog kurzzeitig die Gründung eines Landerziehungsheimes zusammen mit Ludwig Gurlitt (1855–1931) und bat in Bayern ohne Erfolg um die Konzession zur Führung einer privaten Internatsschule.Siehe dazu Näf 1998 sowie zu Hellerau speziell Thomas Nitschke: Die pädagogische Provinz. Schulen und Schulversuche in Hellerau. In: Dresdner Hefte. 15 Jg., H. 3 1997, S. 65–72 und ders.: Die Gartenstadt Hellerau als pädagogische Provinz. Dresden 2003.

Gründung der Odenwaldschule – nationale und internationale Bekanntheit (1910–1934) mini|Edith und Paul Geheeb, 1909 mini|Das Schulgelände mit den um 1911 errichteten Schulgebäuden am Waldrand, von links: „Herder“-, „Fichte“-, „Schiller“- und „Humboldthaus“, rechts daneben abgesetzt: „Max-Cassirer-Haus“ und „Pestalozzihaus“. Zeitgenössische Ansichtskarte, 1918. mini|Textseite der obigen Postkarte: Paul Geheeb an Jenny Casewitz, Mannheim, datiert 1. Januar 1918.

Nach der Scheidung von seiner ersten Frau Helene Merck heiratete Geheeb im Oktober 1909 Edith Cassirer (1885–1982), die er als Praktikantin in Wickersdorf kennengelernt hatte, und im April 1910 eröffneten er und Edith Geheeb die OdenwaldschuleVom "Haubinder Judenkrach" über die Odenwaldschule. aufgerufen am 11. Januar 2015. in Ober-Hambach, in der Nähe von Heppenheim.

Durch die in ihr praktizierte Koedukation von Jungen und Mädchen, die Organisation des Unterrichts im Rahmen eines flexiblen Kurssystems und durch die in ihr verwirklichte Schülermitbestimmung erregte die Odenwaldschule bei pädagogisch engagierten Menschen von Anfang an beträchtliches Interesse. Während der Zeit der Weimarer Republik gehörte die von Geheebs Schwiegervater, dem Charlottenburger Kommunalpolitiker und Industriellen Max Cassirer finanziell großzügig unterstützte Schule zu den auch international bekanntesten Reformschulen Deutschlands. Bereits 1911/12 konnte die Schule durch den Bau von vier neuen, vom Bensheimer Architekten Heinrich Metzendorf entworfenen Häusern wesentlich erweitert werden.Arnulf Moser: Wilhelm von Scholz. Die Familie des Dichters und die Odenwaldschule, in: Schriften des Vereins für die Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 128. Heft 2010, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2010, S. 169–179; Digitalisat. Die Häuser trugen die Namen der „Heroen“ der Schule: Goethe, Fichte, Herder, Humboldt und Schiller. Diese Namen markieren zugleich Geheebs geistige Wurzeln.

Der Erste Weltkrieg und die ersten Jahre der Weimarer Republik waren auch für die Odenwaldschule materiell schwierige Zeiten. Im Gegensatz zur Mehrheit der deutschen Intellektuellen stand Geheeb dem Ersten Weltkrieg von Anfang an ablehnend gegenüber. Geheeb weigerte sich, die deutschen Siege oder den Geburtstag des deutschen Kaisers zu feiern; stattdessen feierte man die Geburtstage der Heroen der Schule und anderer bedeutender Menschen. Diese Gleichgültigkeit gegenüber dem Symbol deutscher Macht und der offensichtliche Mangel an nationaler Begeisterung führten im Verlauf des Krieges regelmäßig zu Reibereien mit Behörden und patriotisch gesinnten Freunden. Anfang 1918 drohte sogar kurzfristig die Schließung der Schule.

Obgleich Geheeb das Ende der selbstständigen deutschen Fürstentümer der Vorkriegszeit mit ihrem individuellen Charakter und ihrer zum Teil großen kulturellen Ausstrahlung bedauerte und sich nicht sogleich in die neue Zeit fand, freundete er sich bald mit der Weimarer Republik an. Im Laufe der folgenden Jahre knüpfte er als Teilnehmer zahlreicher Tagungen viele für die Entwicklung der Schule äußerst wertvolle Verbindungen. Er engagierte sich – wenn auch oft mit beträchtlichem Widerwillen wegen der rein materiellen Zielsetzungen dieser Vereinigung – im Rahmen der im Oktober 1924 in der Odenwaldschule gegründeten Vereinigung der freien Schulen und Landerziehungsheime Deutschlands, zu deren „linkem Flügel“ die Odenwaldschule zählte.Walter Schäfer (Hrsg.): Die Vereinigung der deutschen Landerziehungsheime. In: Berichte aus der Odenwaldschule. 6. Jg. Heft 2, Juli 1960, S. 70–84. Walter Schäfer (Hrsg.): Paul Geheeb Briefe. Stuttgart 1970; besonders S. 119 ff. Ab 1925 nahmen er und seine Frau – mit bedeutend mehr Freude – zudem regelmäßig an den alle paar Jahre stattfindenden großen Konferenzen der New Education Fellowship teil und halfen beim Aufbau der deutschen Sektion dieser internationalen Erziehungsbewegung.

Zum (pädagogischen) Freundes- und Bekanntenkreis der Geheebs zählten Hermann Hesse, Romain Rolland, Martin Buber, Georg Kerschensteiner, Stephanie Held-Ludwig, Elisabeth Rotten, Adolphe Ferrière und Pierre Bovet, Peter Petersen und Eduard Spranger, Alexander Neill, Bernhard Uffrecht, Beatrice Ensor, Kuniyoshi Obara und Charleton W. Washburn. Zu den prominenten Schülern der geheebschen Odenwaldschule gehörten u. a. Klaus Mann, Geno und Felix Hartlaub, Wolfgang Hildesheimer, Wolfgang Porsche und Beate Uhse. Ein Höhepunkt der internationalen Anerkennung der Geheebs war ein dreitägiger Besuch des indischen Politikers, Dichters und Philosophen Rabindranath Tagore Anfang August 1930 in der zu diesem Zeitpunkt rund 200 Schüler zählenden Odenwaldschule. Dieser Besuch war auch Ausdruck der vielfältigen Beziehungen, welche die Geheebs seit Beginn der 1920er Jahre mit Indien verbanden.

Emigration in die Schweiz und Aufbau der École d’Humanité (1934–1961)