mini|Heunisch weiß, in einer Darstellung von Viala und Vermorell Heunisch war in Mitteleuropa bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die wichtigste Weißweinsorte. Besonders zeichnete sie sich durch hohen Ertrag und späten Austrieb aus. Damit war sie ertragssicher in Jahren mit Spätfrösten. Diese Sortenmerkmale waren im Mittelalter wichtige Eigenschaften. Der Wein ist dünn, extraktarm und säurereich.

Genanalysen ergaben, dass 119 der heute bekannten Rebsorten nachweislich vom Heunisch abstammen. Durch natürliche Kreuzung mit Burgunder oder Vitis vinifera subsp. silvestris sind zum Beispiel die Sorten Chardonnay und Riesling entstanden.J. M. Boursiquot, T. Lacombe, J. Bowers, C. Meredith, Le Gouais, un cépage clé du patrimoine européen, in: (PDF; 1,34 MB) Bulletin de l'Organisation Internationale de la Vigne et du Vin (OIV), No. 77, 875-876 (2004), S. 5–19 Heunisch ist mit dem Traminer eine der Stammsorten vieler europäischen Rebsorten.

Herkunft, Verbreitung Es handelt sich um eine sehr alte Rebsorte, deren Herkunft und Wanderung nur auf Vermutungen beruhen. Gut gesichert scheint die Wanderung von Ost nach West, weil die Sorte auch an der Entstehung ungarischer Sorten, wie zum Beispiel Furmint, beteiligt war. Die späte Reife und die Winterfrostempfindlichkeit legen seine Urheimat in südlichere Gebiete.Erika Maul: Die sehr alte Rebsorte Weißer Heunisch und ihre zum Teil berühmt gewordenen Kinder, wie z. B. Chardonnay. Deutsches Weinbau Jahrbuch 2005, Verlag Ulmer, S. 129–145. Drei Einwanderungshypothesen werden häufig genannt. Die Art und Weise und wann die Einwanderung passierte, ist ungewiss und wird auf Grund fehlender Datenlage wohl kaum geklärt werden können. Als Migrationswege sind denkbar: von Osten nach Westen unter Attila († 453) durch die Hunnen, die die germanischen Stämme unterwarfen; mit den Ungarn/Magyaren 905 oder 922; mit süddeutschen Siedlern, die im 9. bzw. 11. Jahrhundert nach Siebenbürgen und Ungarn ausgewandert sind und Reiser in ihre Heimat schickten.

Anzunehmen ist auch, dass die Sorte eher in Friedenszeiten nach Mitteleuropa gebracht wurde, da nur in diesen Zeiten die Kultur und Pflege in Weingärten möglich war. Von Süddeutschland ausgehend verbreitete sich die Sorte wahrscheinlich nach Frankreich und die Schweiz.

Huntscher und frentscher Wein Im Hoch- und Spätmittelalter unterschied man in den deutschen Anbaugebieten zwischen huntschen oder hunnischen (Pannonien) und frentschen oder fränkischen Reben.Fritz Schumann, Rebsorten und Weinarten im mittelalterlichen Deutschland, in: Christhard Schrenk, Hubert Weckbach (Hrsg.): Weinwirtschaft im Mittelalter. Zur Verbreitung, Regionalisierung und wirtschaftlichen Nutzung einer Sonderkultur aus der Römerzeit (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Heilbronn 9), Heilbronn 1997, S. 221–250, hier S. 222 Der Name Heunisch wird oft mit der Bezeichnung „hunnisch“, „huntsch“ oder „hünsch“ in Verbindung gebracht. Zunächst wurde „hunnisch“ oder „heunisch“ von den Hunnen hergeleitet. Gemeint ist jedoch nicht das Reitervolk der Völkerwanderungszeit, sondern das Volk der Ungarn und ihr Siedlungsgebiet in der pannonischen Ebene, dessen Ausdehnung im Mittelalter wesentlich größer war als der heutige Staat Ungarn. Philip Jacob Sachs schreibt 1661 in seiner Ampelographie: Heunisch sei zu Beginn des 10. Jahrhunderts von den Hunnen oder den Ungarn während ihrer Raubzüge nach Deutschland gebracht worden.Philip Jacob Sachs, Ampelographie sive Vitis Viniferae, Preßburg 1661, S. 22: Heunisch vel Hunnisch quod ab Hunnis vel Hungaris in Germaniam anno 906 et 923 irrumpentibus eo simul translatae vites. Im isidorischen Glossar Summarium Heinrici taucht die Bezeichnung huniscdrubo auf. Der Text des Isidortext war verderbt, Balanite wurde fälschlich balatine geschrieben und als große Trauben übersetzt. Dass sich der ursprüngliche isidorische Begriff balanin auf die Größe von Eicheln bezog und nicht verstanden wurde, ist in diesem Zusammenhang nebensächlich. Aufschlussreich ist vielmehr, dass die großen Trauben mit dem Balaton, dem Plattensee, in Verbindung brachte und entsprechend als huniscdrubo übersetzt wurden. Es dürfte somit eine aus Ungarn stammende Rebsorte mit großen Trauben bekannt gewesen sein, die offenbar am Plattensee angebaut wurde.Hildebrandt, Summarium Heinrici, Bd. 1, S. 171f.: Balatine a magnitudine sunt dicte huniscedruben. Vgl. zweite Fassung, Bd. 2, S. 41: Balatinae hunisc drubun a magnitudine dictae sunt.

Seit dem Hochmittelalter ist der Heunisch in allen mitteleuropäischen Ländern vertreten. Die Verbreitung von Nordost- und Westfrankreich über die Schweiz, Südwestdeutschland, Österreich, Ungarn bis Osteuropa ist durch die Namenkunde belegt.Fritz Schumann: Rebsorten und Weinarten im mittelalterlichen Deutschland. In: Christhard Schrenk, Hubert Weckbach (Hrsg.): Weinwirtschaft im Mittelalter. Zur Verbreitung, Regionalisierung und wirtschaftlichen Nutzung einer Sonderkultur aus der Römerzeit. (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Heilbronn 9) Heilbronn 1997, S. 235–237.

In französischen Quellen wird der Heunisch seit dem 13. Jahrhundert Gouais Blanc genannt. Philippe de Beaumanoir erwähnt 1283 den Roten Heunisch als eine einfache Rebsorte, für die man beim Verkauf nur die Hälfte des Grauburgunders erhält.Philippe de Beaumanior, Coutumes de Beauvaisis, hg. von Amédée Salmon, 2 Bde., Paris 1899/1900 (Neudr. Paris 1970), Bd. 1, Nr. 790: Drois pris de vins de rentes (…) Li vins fourmenteus, a la mesure de Clermont, doit estre prisiés chascun mui .XII. s. de rente, et li vins de moreillons chascun mui .IX. s. de rente chascun an, et li vins de gros noirs ou de gouet chascun mui .VI. de rente. Aufgrund der mäßigen Weinqualität ist die Sorte aus den Weinbergen Frankreichs fast völlig verschwunden. In Lothringen wurden bereits im Jahr 1598 Rodungen existierender Rebflächen angeordnet. Die Sorte hielt sich jedoch trotz dieser und später erfolgter Anordnungen, da sie enorm ertragsstark ist. Außerdem treibt sie im Frühjahr spät aus. Die empfindlichen Blüten entgehen daher meist den Frühjahrsfrösten.

Als Gwäss wird die französische Bezeichnung in der deutschsprachigen Schweiz entlehnt.J. M. Boursiquot, T. Lacombe, J. Bowers, C. Meredith, Le Gouais, S. 9–12. Im 16. Jahrhundert gelangte die Sorte in die Schweiz, wo sie heute noch unter der Bezeichnung Gwäss im Oberwallis angebaut wird. Weit verbreitet war der Heunisch in Ost- und Südosteuropa und lieferte hier gute Qualitäten. In Siebenbürgen wurde aus ihm zum Beispiel der berühmte Cotnari erzeugt.Olivier Jullien, Topographie de tous les vignobles connus, Genf, Paris 1985 (Reprint der Ausgabe von 1866), S. 446

Die Sorte wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr empfohlen und ausgepflanzt. Heute sind nur äußerst geringe Bestände mit Heunisch vorhanden.

Abstammung Es handelt sich um eine sehr alte Rebsorte, deren Abstammung nicht bekannt ist.

Von großer Bedeutung ist, dass Heunisch (= Gouais blanc) bei einer großen Anzahl von heute wichtigen Rebsorten als natürlicher Kreuzungspartner (Spontankreuzung) fungierte. Folgende Liste beinhaltet einen Teil bekannter Rebsorten.J. M. Boursiquot, T. Lacombe, J. Bowers, C. Meredith, Le Gouais, un cépage clé du patrimoine européen, in: Bulletin de l'Organisation Internationale de la Vigne et du Vin (OIV), No. 77, 875-876 (2004), S. 5–19, (PDF; 1,34 MB)Erika Maul: Zur Herkunft alter Rebsorten, Schweizer Zeitschrift für Obst-Weinbau Nr. 6/06 Heunisch × Pinot Aligoté, Aubin Vert, Auxerrois, Bachet Noir, Beaunoir, Chardonnay, Dameron, Franc Noir de la Haute Saône, Gamay Blanc Gloriod, Gamay, Knipperlé, Melon de Bourgogne, Peurion, Romorantin, Roublot und Sacy.

Bei der Pinot-Sorte handelte es sich höchstwahrscheinlich um den Pinot Noir (die genetische Nähe von Pinot Noir, Pinot Gris und Pinot Blanc macht eine genauere Bestimmung noch nicht möglich). A single Pair of Parents proposed for a group of Grapevine Varieties in Northeastern France, von J.E. Bowers, R. Siret und C.P. Meredith sowie von P. This und J.-M. Boursiquot Die Häufigkeit der spontanen Kreuzung zwischen den Pinot-Sorten und Heunisch lässt sich dadurch erklären, dass die Pinot mit Heunisch in Frankreich, speziell in Burgund und Champagne, einige Jahrhunderte gemeinsam in den Weingärten ausgepflanzt und vermehrt wurden. Heunisch × Chenin Blanc Colombard, Meslier-Saint-François, Balzac Blanc Heunisch × Blaue Zimmettraube BlaufränkischPI Nr. 24: Abstammung und Herkunft von ‘Blauer Portugieser’ und ‘Blaufränkisch’ (alias ‘Blauer Lemberger’) aufgeklärt Heunisch × unbekannte Rebsorte Muscadelle Heunisch × Vitis sylvestris × Traminer-Klon Riesling,Karl Bauer, Ferdinand Regner, Barbara Schildberger: Weinbau, avBuch im Cadmos Verlag, Wien, 9. Auflage 2013, ISBN 978-3-7040-2284-4, S. 83 Weißer Räuschling, Weißer Elbling

Ampelografische Merkmale mini|Weißer Heunisch In der Ampelografie wird der Habitus folgendermaßen beschrieben: Da es sich um eine sehr alte Sorte handelt, entstand eine große Klonenvielfalt. Dies äußert sich durch sehr unterschiedliche Morphologie. Diese wird sichtbar an der wechselnden Intensität von Rotfärbung an Trieb, Ranken, Knospen, Blättern und Traubengerüst, der Behaarungsintensität von Triebspitze, jungen und ausgewachsenen Blättern und der Form und Haltung von Blättern, Trauben, Beeren und Trieb. Heunisch-Klone werden auch mit eigenem Namen benannt wie: Weißer Heunisch, Grobheunisch, Gelber Heunisch, Rotgestreifter Heunisch und Roter Heunisch.Karl Müller: Weinbau-Lexikon. Verlag P. Parey, Freiburg 1930, S. 341Hans Ambrosi, Bernd H. E. Hill, Erika Maul, Erst H. Rühl, Joachim Schmid, Fritz Schuhmann: Farbatlas Rebsorten, 3. Auflage, Eugen Ulmer, 2011, ISBN 978-3-8001-5957-4, S. 136 Diese sind aber keine selbstständigen Rebsorten.

Triebspitzen: kahl und rötlich gefärbt Blatt: mittelgroß und derb, wenig gebuchteter Blattrand, gesägt, Unterseite leicht wollig behaart Triebwuchs: kräftig Traube: groß, pyramidal, astig, dichtbeerig, Beeren rund, weißgelb gefärbt mit dünner Beerenhaut, sonnenseitig braun gefleckt

Ein Foto von Triebspitzen, Blättern und Trauben findet sich in der Vitis-Datenbank.

Reife: spät

Ertrag Heunisch zeichnet sich durch hohe Ertragsmengen aus und ist durch einen späten Austrieb ertragssicher in Jahren mit spätem Frost.

Vor- und Nachteile Vorteile: sehr hoher und sicherer Ertrag (200 Hektoliter je Hektar)https://www.vinum.eu/de/yoopress-news/yoopress/historische-rebsorten-im-fokus-von-gaensfuesser-urban-adelfraenkisch-und-hartblau/, abgerufen am 11. April 2023. anspruchslos später Austrieb, deshalb in Jahren mit Spätfrösten ertragssicher

Nachteile Weine sind extraktarm und säurereich selbst bei starker Mengenbegrenzung nur wenig Oechsle

Wein Der Wein ist von geringer Qualität, wässerig und sauer. Im Mittelalter wurde die Sorte wegen ihrer guten Fruchtbarkeit kultiviert. Hildegard von Bingen stellt in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in ihrer Physica fest, der fränkische Wein sei ein starker Wein, der mit Wasser vermischt werden müsse, hingegen sei der hunnische von Natur aus wässrig und müsse nicht verdünnt werden.Hildegard von Bingen, Physica, Würzburg 1835, S. 45: Franconicum et forte vinum velut procellas in sanguine parat, et ideo qui eum bibere voluerit, aqua temperet. Sed necesse non est, ut hunonicum aqua permiscatur, quoniam illud naturaliter aquosum est.

Synonyme Gentechnische Untersuchungen ergaben, dass der Weiße Heunisch mit Gouais blanc (Synonym in Frankreich) identisch ist.Regner F., Stadlbauer A., Eisenheld C. 1998, Heunisch x Fränkisch ein wichtiger Genpool europäischer Rebsorten. Vitis Enol. Sci. 53(3): 114–118John Bowers, Jean-Michel Boursiquot, Patrice This, Kieu Chu, Henrik Johansson, Carole Meredith: Historical Genetics: The Parentage of Chardonnay, Gamay, and Other Wine Grapes of Northeastern France. Science 3 September 1999: 1562–1565. doi:10.1126/science.285.5433.1562