Der Roman ist eine literarische Gattung, und zwar die Langform der schriftlichen Erzählung. Das Wort Roman ist ein Lehnwort aus dem Französischenzu der Kurzform für einen abenteuerliche Erzählung; ursprünglich für ein in der „lingua romana“ geschriebenen Text. Die „lingua romana“ war im Imperium Romanum die verbreitete Volkssprache (im Unterschied zur „lingua latina“, der Sprache der Gebildeten) und bedeutet „Erzählung in Versen oder Prosa“. Es löste im 17. Jahrhundert das Wort Historie ab, das bis dahin die unter diese Gattung fallenden Werke bezeichnet hatte. Auch verstand man ab dem 17. Jahrhundert nur noch in Prosa abgefasste Schriften als „Roman“. Der Plural „Romane“ wurde erst im 18. Jahrhundert gebräuchlich.

Definition mini|hochkant|Gerard ter Borch um 1680: lesender junger Mann, das Format des Buches ist romanverdächtig, ebenso die abgeschiedene Lektüresituation. mini|hochkant|François Boucher, 1756: Madame de Pompadour bei der entspannten nachmittäglichen Privatlektüre – religiöse und wissenschaftliche Lektüre wird anders dargestellt. mini|Winslow Homer 1877: The New Novel, vergleichbare Lektüreumstände mini|hochkant|Romanlesender S-Bahn-Pendler, Berlin 2009

Bis heute ist es schwierig, den Roman eindeutig zu definieren, da er zum einen in der antiken Diskussion über literarische Formen nicht erwähnt wird und zum anderen viele unterschiedliche Einflüsse auf die Romanproduktion einwirkten und bis heute weiter einwirken. Daraus resultieren zwei für die Definition des Romans wichtige Grundannahmen. In der Romantheorie wird der „Roman“ erstens als Synthese verschiedener Gattungen aufgefasst, da es außer dem Prosakriterium kaum formale Vorgaben gibt und daher andere ästhetische Muster leicht zu integrieren sind. Und zweitens ist der Roman aufgrund seiner Offenheit gegenüber anderen Formen und Genres einem stetigen Wandel unterworfen, der bis in die Gegenwart andauert und noch nicht abgeschlossen ist.

Von anderen Gattungen ist der Roman vor allem negativ abzugrenzen. Das Kriterium der Fiktionalität unterscheidet den Roman von faktualen Erzählungen – etwa denen der Geschichtsschreibung –, die ein getreues Abbild eines Geschehens darbieten wollen. Oft weist schon das Wort Roman auf dem Bucheinband oder Titelblatt einen Roman als künstlerisches und damit fiktionales Werk aus. Vor 1700 wurden die Romane allerdings oft als Schlüsselromane mit durchaus historiographischem Anspruch gelesen, weswegen sie oft das Wort „Historia“ im Titel trugen. Erst infolge der vertieften poetologischen Diskussionen im 18. Jahrhundert werden Romane als eigenständige Kunstform und als fiktionale Werke im eigentlichen Sinne wahrgenommen. Die Abwertung des Romans als geschichtliche Quelle geht mit einer Aufwertung im literarischen Gattungssystem einher. Erich Auerbach sieht im Roman „keine Tragödie und keine Komödie, sondern aus beiden untrennbar verflochten, die Chronik komischen Unglücks und dunkel grundierten Glücks.“

Im Unterschied zu historischen Werken behandelt der Roman in der Regel vergleichsweise private Stoffe aus subjektiven Erzählpositionen. Liebesgeschichten waren bis in das 18. Jahrhundert hinein als privates Sujet gattungsbestimmend. Andere, jedoch in der Regel nicht minder private Stoffe breiteten sich in den Untergattungen des Schelmenromans und des satirischen Romans aus.Pierre Daniel Huet geht in der Gattungsbestimmung zu Beginn seines Traitté de l’origine des romans, erstveröffentlicht von Marie de LaFayette als Zayde (Paris 1670), breit mit allen strittigen Diskussionspunkten um, um dann ohne Kontroverse als inhaltliches Kriterium die zentrale Liebesgeschichte zu benennen. Huet übersieht dabei den satirischen Roman, möglicherweise, weil er ihn eher als Satire auf den Roman auffasst und nicht als Roman.

Novelle, Märchen, Legende sowie Kurzgeschichte sind als Formen epischer Prosa zwar mit dem Roman verwandt, aber als epische Kleinformen meist deutlich kürzer. Außer durch die Länge unterscheidet sich der Roman von diesen Gattungen vor allem aber dadurch, dass er die Darstellung einer kontingenten Welt ins Zentrum rückt. Literaturhistoriker des 19. und 20. Jahrhunderts sprachen wie Georg Lukács vom „epischen Zugriff des Romans auf das Leben in seiner ganzen Totalität“.Siehe Georg Lukács: Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik (verfasst 1914–1916). Cassirer, Berlin 1920. Im Unterschied zum Epos setzt der Roman jedoch keinen für alle Leser gültigen Sinnhorizont voraus, sondern gestaltet die Welt aus dem Erfahrungshorizont des Einzelmenschen. Dieser kann brüchig, inkohärent oder gar chaotisch sein, was in einem Epos undenkbar wäre. Für Georg Lukács ist die Form des Romans daher „Ausdruck der transzendentalen Obdachlosigkeit“Georg Lukács: Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik. Cassirer, Berlin 1920, S. 23 f. der Moderne.

Es handele sich bei einem Werk um einen Roman, wenn man nicht sagen könne, was darin vorkomme, definiert es Heimito von Doderer.

Geschichte Außereuropäische Traditionen und der europäische Roman der Antike

mini|Auch hier Papier als bahnbrechendes Trägermedium: Murasaki Shikibu bei der Abfassung ihrer Geschichte des Prinzen Genji (frühes 11. Jahrhundert) in einer Abbildung des 17. Jahrhunderts

Romanhaftes Erzählen war in vielen Hochkulturen bereits früh verbreitet, so in der Kultur Japans, der Chinesischen Kultur, der Indischen Kultur und im arabisch-orientalischen Kulturkreis. Die außereuropäischen Romane und der Roman der Antike waren im Vergleich zum antiken Epos für die Herausbildung des modernen Romans jedoch nur von untergeordneter Bedeutung.Vgl. Jochen Vogt: Aspekte erzählender Prosa. Fink, München 2006, ISBN 978-3-8252-2761-6, S. 225. Einige der wichtigsten außereuropäischen Romane sind die Genji Monogatari (11. Jh.) von Murasaki Shikibu, der arabische Ḥayy ibn Yaqẓān von Ibn Tufail (vor 1185) und die Geschichte der Drei Reiche Luo Guanzhongs. Die Rezeption der europäischen antiken Romane setzte bereits im Mittelalter ein,Zum spätantiken griechischen Roman und seinem Einfluss siehe Georges Molinié: Du roman grec au roman baroque. Un art majeur du genre narratif en France sous Louis XIII. Presses universitaires du Mirail, Toulouse 1995, ISBN 2-85816-248-4. intensivierte sich aber erst im 17. Jahrhundert.Vgl. Günter Berger: Legitimation und Modell. Die „Aithiopika“ als Prototyp des französischen heroisch-galanten Romans. Reinhold Merkelbach zum 65. Geburtstag. In: Antike und Abendland 30 (1984), S. 177–185, hier: S. 179; Niklas Holzberg, Der antike Roman: Eine Einführung. Artemis & Winkler, Düsseldorf, Zürich 2001, ISBN 978-3-538-07115-5, S. 120; Michael Oeftering, Heliodor und seine Bedeutung für die Litteratur. Felber, Berlin 1901. Den barocken Romanciers wurde vor allem Heliodors Aithiopika (3. Jh. n. Chr.) mit seinem Medias-in-res-Einstieg und den zahlreichen nachgeholten Vorgeschichten zum unerreichten Gattungsmuster. Weitere wichtige Vorbilder für den höfisch-historischen Roman waren auch Achilleus Tatios’ Leukippe und Kleitophon (1. Jh. n. Chr.) und Xenophons von Ephesos Ephesiaka (2. Jh. n. Chr.). Ein vielgelesener Vorläufer des bukolischen Genres war Longos’ Daphnis und Chloe.Zum Roman der Antike siehe als Überblick Niklas Holzberg: Der antike Roman: eine Einführung. 3. Aufl. Wiss. Buchges., Darmstadt 2006, ISBN 978-3-534-18769-0; John Robert Morgan, Richard Stoneman (Hrsg.): Greek fiction. The Greek novel in context. Routledge, London u. a. 1994, ISBN 0-415-08506-3; Gareth L. Schmeling (Hrsg.): The Novel in the Ancient World. Brill, Leiden, Boston 1996, ISBN 978-90-04-21763-8; Tim Whitmarsh (Hrsg.): The Cambridge companion to the Greek and Roman novel. University Press, Cambridge 2008, ISBN 978-0-521-68488-0. Ein wichtiger antiker Vorläufer des modernen historischen Romans ist laut Tomas Hägg der wohl im 1. Jahrhundert n. Chr. entstandene Roman Chaireas und Kallirhoë des Chariton von Aphrodisias. Nachgedruckt in Autoren des satirischen Romans konnten an die Metamorphosen des Apuleius (2. Jh. n. Chr.) sowie an Petrons Satyricon (1. Jh. n. Chr.) anknüpfen.

Die Gattungsbegründung im europäischen Mittelalter Tradition des Heldenlieds, 1100–1500

mini|hochkant|Chaucer im Vortrag aus seinem Versroman Troylus and Criseyde: Abbildung aus dem Manuskript des Corpus Christi College, Cambridge, frühes 15. Jahrhundert

Das altfranzösische Wort „romanz“ kam im 12. Jahrhundert für Erzählungen in „romanischer“ (altfranzösischer und anglonormannischer) Volkssprache in Gebrauch, die allerdings im Unterschied zu späteren Romanen nicht in Prosa, sondern in Versen abgefasst waren. Nordfrankreich etablierte sich mit Werken wie dem Roman de Thèbes (ca. 1160), dem Roman d’Énéas (kurz nach 1160), dem Roman de Troie (ca. 1165) und dem Roman d’Alexandre (von dem Fragmente und Redaktionsstufen aus der Zeit zwischen 1120 und 1180 überliefert sind) als neues, bereits humanistisch (im Sinne einer „Renaissance des 12. Jahrhunderts“)Bernhard D. Haage: Medizin und Dichtung (Mittelalter). In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 929–932; hier: S. 929. geprägtes, literarisches Zentrum im mittelalterlichen Europa. Von der überregionalen Bedeutung dieser Werke zeugen Romane wie Heinrich von Veldekes Eneasroman (ca. 1170–1187) oder Geoffrey Chaucers Troilus and Criseyde (1380–1387). Alle diese Werke sind im höfischen Milieu angesiedelt und beziehen ihre Stoffe aus der Antike, weswegen sie als Antikenromane bezeichnet werden.

Nordeuropäische und christliche Stoffe (etwa der Tristan, der Artus- und der Grals-Stoff) verbreiteten sich seit der Mitte des 12. Jahrhunderts in der Romanliteratur. Im höfischen Milieu angesiedelte Liebesbeziehungen dominieren als Sujet. Der Standardplot der mittelhochdeutschen Artusromane eines Hartmann von Aue oder Wolfram von Eschenbach, in denen der Held von der Geliebten getrennt wird und zahlreiche Abenteuer (Aventiuren) zu bestehen hat, zeigt formale Anleihen zum antiken Roman.

Prosavarianten der neuen Romane – der Prosa-Lancelot, der Prosa-Perceval, der Prosa-Tristan – entstanden ab dem frühen 13. Jahrhundert. Zur selben Zeit wurden auch die ersten Satiren auf diese Romane verfasst.

Die Novelle, 1300–1600 mini|Chaucer, Canterbury Tales, Holzschnitt des Caxton-Drucks von 1484

Seit Beginn der schriftlichen Fixierung von Epen (in Nordeuropa etwa ab dem Jahr 1000, um diese Zeit wurde das altenglische Beowulf-Epos niedergeschrieben) entwickelten sich hier rasch Kunstformen, die auf die Möglichkeit, den Text schrittweise zu komponieren, essentiell angewiesen waren. Der soziale Ort der Epik legte sich im selben Moment fest, denn Handschriften benötigten bis zum Aufkommen des Papiers finanzstarke Auftraggeber. Ab dem 13. Jahrhundert traten neben den adligen Auftraggebern auch reiche städtische Handelsherren als neue Interessenten auf. Sie erwarben mit Liederhandschriften von Rittern eine Kultur, an der sie selbst vom Stand keinen Anteil haben konnten. Die bedeutendste mittelhochdeutsche Liederhandschrift, der Codex Manesse, weist als Auftragswerk diese bürgerliche Herkunft auf.

Eine Vielzahl von Erzählformen blieb gegenüber der Epik in der Tradition mündlicher Überlieferung: Bis heute bewahrte sich von ihnen allen der Witz seinen Ort mitsamt festgelegten Erzählmustern von Fragen und kuriosen Antworten oder dem Dreierschritt,So in Witzen der Art „Ein Deutscher, ein Amerikaner und ein Pole reisen zusammen …“ bei dem der letzte Schritt die Pointe birgt. Der Witz selbst zirkulierte bis in das 19. Jahrhundert neben Langformen mündlichen Erzählens wie dem Schwank, der Fabel, dem Märchen, dem Exempel (mittelhochdeutsch bîspel), das in Büchern ebenso wie auf der Kanzel Einschub finden konnte, um eine jeweilige moralische Sentenz zu illustrieren.