mini|hochkant|Thomas Heise beim Underdox Filmfestival (2019) Thomas Heise (* 22. August 1955 in Ost-Berlin; † 29. Mai 2024 in Berlin) war ein deutscher Dokumentarfilmer, Feature-Autor und Theaterregisseur.
Leben Heise, Sohn der Germanistin Rosemarie HeiseIhr eigener Lebensbericht in: Endlich wieder leben: Die fünfziger Jahre im Rückblick von Frauen, Hg. Helga Hirsch, Siedler Verlag 2012, S. 199–242; in Google Books einzusehen und des Philosophieprofessors Wolfgang Heise, absolvierte von 1971 bis 1973 eine Lehre als Drucker. Nach einjährigem Wehrdienst in der NVA arbeitete er von 1975 bis 1978 als Regieassistent im DEFA-Studio für Spielfilme, unter anderem bei Heiner Carows Bis daß der Tod euch scheidet (1979). Zeitgleich holte er sein Abitur auf der Abendschule nach. 1978 begann er ein Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“, das er 1982 abbrach, um seine künstlerische Freiheit zu wahren. Seine erste Filmübung in dieser Zeit war Imbiß, der 1978 entstand. Seitdem war Heise freiberuflich als Autor und Regisseur tätig. Seine ersten Dokumentarfilme, die während seines Studiums sowie für die Staatliche Filmdokumentation der DDR entstanden waren, wurden allerdings verboten bzw. gelangten nicht zur Aufführung.
1987 bis 1990 war Heise Meisterschüler bei Gerhard Scheumann an der Akademie der Künste der DDR. In dieser Zeit realisierte er für den Rundfunk der DDR das Radio-Feature Widerstand und Anpassung – Überlebensstrategie. Erinnerungen eines Mannes an das Lager Dachau (1987), dem seine Gespräche mit dem Schauspieler Erwin Geschonneck zugrunde lagen. Widerstand und Anpassung zählt zu den bedeutenden Werken im Bereich des O-Ton-Features. Trotz Geschonnecks Fürsprache wurde die fertige Produktion aus politischen Gründen auf Eis gelegt und ins Archiv verbannt. Anfang Dezember 1989, vier Wochen nach dem Fall der Mauer, wurde das Stück vom Berliner Rundfunk urgesendet.Patrick Conley: (PDF; 1,2 MB) In: Cut, Jg. 3, Nr. 10 (Oktober 1999): S. 36–40.
Von 1990 bis 1997 war Heise Mitglied des Berliner Ensembles.
Erst nach der friedlichen Revolution wurde Heise bekannt und legte mehrere streitbare Werke vor, unter anderem 1992 STAU – Jetzt geht’s losSTAU-jetzt gehts los D 1992, Stau – Jetzt geht's los (1992) über die rechtsradikale Jugendszene in Halle an der Saale. Von 1993 bis 1998 inszenierte er mehrere Stücke am Berliner Ensemble, darunter Bertolt Brechts Der Brotladen (1993) und Joe Fleischhacker (1998), Heiner Müllers Zement (1994) und Der Bau (1996) und Michael Wildenhains Im Schlagschatten des Mondes und Hungrige Herzen (1995). Im Jahr 2002 wurde er von der DEFA-Stiftung mit dem Preis zur Förderung der deutschen Filmkunst geehrt. Sein Film Mein Bruder. We Will Meet Again lief auf der Berlinale 2005.
Am 5. September 2008 drehte er das Segment über den S-Bahnhof Ostkreuz für Volker Heises 24-stündiges Dokumentarfilmprojekt 24h Berlin – Ein Tag im Leben, das genau ein Jahr später auf mehreren Fernsehsendern ausgestrahlt wurde.
2009 wurde Heises Film Material im Forum der Berlinale uraufgeführt. Der Film besteht aus zwölf zwischen 1988 und 2008 in Deutschland aufgenommenen Einzelfilmen, die bis dahin keine Verwendung gefunden hatten. Es sind u. a. Proben zur Inszenierung eines Stücks von Heiner Müller in Ost-Berlin zu sehen, der Demonstrationszug vom 4. November 1989 Unter den Linden und Günter Schabowski, der auf dem Alexanderplatz ausgepfiffen wird. Das Werk wurde anlässlich des Jubiläums des Mauerfalls von der Bundeskulturstiftung gefördert. Was seine Form betrifft, ist Material nicht eindeutig einem Genre zuzuordnen. Der Film wurde mit dem Grand Prix des Internationalen Filmfestivals von Marseille ausgezeichnet.
Heises Film Die Lage über den Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland 2011 lief im Forum der Berlinale 2012.
Zwischen dem Wintersemester 2007/08 und dem Sommersemester 2013 war Heise Professor für Film an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Ab dem Wintersemester 2013/2014 war er Professor für Kunst und Film an der Akademie der bildenden Künste Wien.
In seinem Dokumentarfilm Heimat ist ein Raum aus Zeit aus dem Jahr 2019 entwirft Heise anhand von Briefen seines Großvaters Wilhelm Heise, seiner Mutter Rosemarie Heise und seines Vaters Wolfgang Heise eine Familiengeschichte über vier Generationen und gleichzeitig eine Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert.Barbara Wurm: Thomas Heise über seinen Berlinale-Film: „Der Osten ist ein Pickel“, Interview mit Thomas Heise, Taz, 9. Februar 2019 Der von der Kritik einhellig gelobte Film hatte im Februar 2019 Premiere im Forum der Berlinale und wurde im Juni desselben Jahres in Stuttgart mit dem Hauptpreis des Deutschen Dokumentarfilmpreises ausgezeichnet., Südwest Presse, 28. Juni 2019 Im Jahr darauf erhielt der Film auf der Berlinale den Preis der deutschen Filmkritik.
Thomas Heise wurde in die Jury des Berlinale Dokumentarfilmpreises bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2024 berufen. Er starb Ende Mai 2024 nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 68 Jahren in Berlin.Autor und Regisseur Thomas Heise gestorben, rbb24.de, veröffentlicht und abgerufen am 30. Mai 2024.
Filmografie (Auswahl) Regie 1978: Imbiß (HFF Potsdam) 1980/1989: Wozu denn über diese Leute einen Film? (HFF Potsdam) 1981: Anka und… [abgebrochen] 1982: Erfinder 82 (HFF Potsdam) 1984 (2001): Das Haus / 1984 (Staatliche Filmdokumentation der DDR) 1985 (2001): Volkspolizei / 1985 (Staatliche Filmdokumentation der DDR) 1987 (2004): Der Ausländer 1987: Heiner Müller 1 1989: 4. November 1989 1990: Imbiß Spezial (DEFA) 1990: Zuchthaus Brandenburg, Dezember 1989 1991: Eisenzeit 1992: Stau – Jetzt geht’s los 1997: Barluschke 2000: Neustadt (Stau – Der Stand der Dinge) 2000: Meine Kneipe 2002: Vaterland 2005: Mein Bruder – We’ll Meet Again 1999/2006: Im Glück (Neger) 2007: Kinder. Wie die Zeit vergeht 2008: 24 h Berlin. Ein Tag im Leben (mit weiteren Regisseuren) 1988–2009: Material 2010: 20 × Deutschland. Orte Geschichten Ideen (mit anderen Regisseuren) 2011: Sonnensystem 2012: Die Lage 2012: Gegenwart 2014: Städtebewohner 2019: Heimat ist ein Raum aus Zeit
Regieassistenz 1977: Die zertanzten Schuhe 1978: Der Meisterdieb 1979: Bis daß der Tod euch scheidet
Hörspiele und Features Vorname Jonas, 1983 produziert für den Rundfunk der DDR, verboten, gesendet im DeutschlandRadio Berlin 1989Vorname Jonas, Deutschlandfunk Kultur, 30. Mai 2020 Schweigendes Dorf, Bühnenfassung 1987, gesendet im DeutschlandRadio Berlin 1992, heise-film.de Widerstand und Anpassung – Überlebensstrategie, ein Gespräch mit dem Schauspieler Erwin Geschonneck, produziert für den Rundfunk der DDR 1987, verboten, gesendet im DeutschlandRadio Berlin 1989, heise-film.de Nachtgespräche, 1988, ausgestrahlt am 8. Januar 1999 im Literaturforum im BrechthausMichael Lissek: Subtile Jagden Einiges über Sounds und etwas mehr. Detail-Beobachtungen zu Thomas Heises akustischen Arbeiten. S. 3.
Schriften Spuren. Eine Archäologie der realen Existenz, Texte zum Dokumentarfilm, Band 13; Verlag Vorwerk 2010. ISBN 978-3-940384-22-5
Auszeichnungen (Auswahl) 1991: Förderpreis, 34. Internationales Festival für Dokumentar- und Animationsfilm Leipzig, für Eisenzeit 1992: Förderpreis, DokumentART Neubrandenburg, für Eisenzeit 1992: Bester Dokumentarfilm, Preis der Deutschen Filmkritik Duisburger Filmwoche, für STAU – Jetzt geht’s los 1993: 1. Preis des Dänischen Filminstituts, für STAU – Jetzt geht’s los 1993: 1. Preis der Niederländischen Fernsehakademie, für STAU – Jetzt geht’s los 1995: Kunstpreis der Film- und Medienkunst, Akademie der Künste (Berlin) 1997: Silberne Taube, 40. Internationales Festival für Dokumentar- und Animationsfilm Leipzig, für Barluschke 2000: Bester Dokumentarfilm, Preis der Deutschen Filmkritik, Saarbrücken, für Neustadt (Stau – Der Stand der Dinge) 2002: Preis der DEFA-Stiftung zur Förderung der Deutschen Filmkunst 2003: Prix special, Visions du Réel Nyon, für Vaterland 2005: Preis des Goethe-Instituts, Duisburger Filmwoche, für Mein Bruder 2007: Silberne Taube, 45. Internationales Festival für Dokumentar- und Animationsfilm Leipzig, für Kinder. Wie die Zeit vergeht 2009: Grand Prix des Internationalen Wettbewerbs, Festival International du Documentaire de Marseille, für Material 2014: DEFA Förderpreis, 61. Internationales Festival für Dokumentar- und Animationsfilm Leipzig, für Städtebewohner 2014: Arte Dokumentarfilmpreis, Duisburger Filmwoche, für Städtebewohner 2019: Deutscher Dokumentarfilmpreis für Heimat ist ein Raum aus Zeit 2019: Caligari-Preis für Heimat ist ein Raum aus Zeit 2020: Preis der deutschen Filmkritik für Heimat ist ein Raum aus Zeit
Literatur
Matthias Dell/Simon Rothöhler (Hrsg.): Über Thomas Heise. Vorwerk 8, Berlin 2014. Michael Lissek: Subtile Jagden. Detailbeobachtungen zum akustischen Werk Thomas Heises. Claus Löser: Im Zweifel für die Schwachen. Die radikale Ambivalenz des Thomas Heise. In: apropos: Film 2003 – Das Jahrbuch der DEFA-Stiftung, Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2003, S. 192–206, ISBN 3-929470-28-4.
Weblinks
Filme von Thomas Heise in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung
Nachrufe Matthias Dell: Streitbarer Filmemacher – Thomas Heise ist tot. Audiobeitrag, Deutschlandfunk. Kultur heute. Berichte, Meinungen, Rezensionen vom 30. Mai 2024. Berliner Zeitung Deutschland vom 30. Mai 2024: Nachruf auf Thomas Heise: Er gehörte weder zur DDR noch zum wiedervereinigten Deutschland, von Susanne Lenz Der Spiegel Kultur vom 31. Mai 2024: Zum Tod von Thomas Heise. Von einem, der nach beständiger Wahrhaftigkeit suchte. Ein Nachruf von Gerd Kroske der Freitag Ausgabe 23/2024 Kultur: Zum Tod von Thomas Heise: Woher nahm er diesen Mut?
Interviews Dokumentarfilmer Thomas Heise: „Ich gehöre weder im Osten noch im Westen richtig dazu“ auf Spiegel Online vom 1. Oktober 2019. Thomas Heise über seinen Berlinale-Film: „Der Osten ist ein Pickel“ Heise im Interview mit Barbara Wurm, taz, 9. Februar 2019Untertitel: Mit „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ erzählt Thomas Heise anhand von Briefen seiner bekannten Eltern eine Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. (Rosemarie Heise lebte von 1927 bis 2014) taz-Interview mit Thomas Heise über seinen Film Mein Bruder – We’ll meet again
Einzelnachweise
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