mini|Die Vulkansysteme der Halbinsel Reykjanes (vermutete Ausdehnungen): (1) Reykjanes, (2) Eldvörp-Svartsengi, (3) Fagradalsfjall, (4) Krýsuvík, (5) Brennisteinsfjöll, (6) Hengill mini|Ausbruch südlich des Fagradalsfjall, Situation am 20. März 2021 mini|24. März 2021 mini|Fagradalsfjall am 29. März, 9. Mai und 26. Juni 2021
Die Phase von Vulkanausbrüchen beim Fagradalsfjall seit 2021 auf der Reykjanes-Halbinsel im Südwesten Islands begann am 19. März 2021 mit einem Ausbruch am Südabhang des Bergmassivs Fagradalsfjall und wird von Magma des gleichnamigen Vulkansystems gespeist. Seither folgten mehrere weitere Ausbrüche in der Region, zuletzt im Juli 2023. Die vulkanische Aktivität ist eine Folge von geologischen Verschiebungen zwischen der Nordamerikanischen Platte und der Eurasischen Platte. Diese Ausbrüche fanden in der Nähe der älteren vulkanischen Berge Stóri-Hrútur, Litli-Hrútur und Hagafell statt. Ab Dezember 2023 folgten mehrere Vulkanausbrüche an der Sundhnúkur-Kraterkette nahe Grindavik, die jedoch dem Svartsengi-Vulkansystem zuzurechnen sind.
Auf der Halbinsel Reykjanes hatte es zuvor seit fast 800 Jahren keinen Vulkanausbruch mehr gegeben; der letzte Ausbruch ereignete sich 1240 in der Sturlungen-Zeit.
Benennung Für die Bezeichnung des ersten Ausbruchs hatte sich zunächst noch keine einheitliche Terminologie herausgebildet. Zu Beginn des Ausbruchs war die Bezeichnung „Geldingadalir-Eruption“ (isländisch Geldingadalagos, im Singular Geldingadalsgos) anzutreffen, da die Ausbrüche in diesem Tal begonnen hatten. Auch wurde anfangs angenommen, dass die Eruption vom Krýsuvík-Vulkansystem herrührt und diese entsprechend benannt. Später erfolgte jedoch eine Zuordnung zum Fagradalsfjall-Vulkansystem. Da die Ausbrüche auch beim gleichnamigen Bergmassiv begannen, erfolgte häufig die Bezeichnung als „Ausbruch beim Fagradalsfjall“, „Ausbruch des Fagradalsfjall“ oder „Ausbruch im Fagradalsfjall“ (isländisch Eldgos í Fagradalsfjalli). Auch die Bezeichnung „Reykjanes-Eruption“ nach der Halbinsel Reykjanes ist geläufig.
Ausbruch 2021
Ablauf Die Spalteneruption begann am 19. März 2021 gegen 21:40 Uhr Ortszeit in den Geldingadalir am Südhang des Bergmassives Fagradalsfjall, südlich des Hauptgipfels Langhóll. Dabei drang Magma des Vulkansystems Fagradalsfjall an die Oberfläche, das sich in den Wochen vor dem Ausbruch in einer Intrusion gesammelt hatte. Die isländische Behörde für Bevölkerungsschutz beschrieb die Eruption als „klein und schön“; der Chef der isländischen Zivilschutzpolizei Víðir Reynisson sprach von einem „winzigkleinen Ausbruch“, während der Vulkanologe Þorvaldur Þórðarson ihn einen „echten Touristenausbruch“ nannte. Die Eruption fand zu Beginn gut abgeschlossen in dem Tal statt, in dem sich die Spalte geöffnet hat. Zahlreiche Besucher kamen während des Ausbruchs in das Gebiet.
Durch den Ausbruch waren keine bewohnten Gebiete gefährdet, der nächste Ort Grindavík ist 10 km entfernt. Es wurden nur sehr geringe Mengen an vulkanischer Asche erwartet, der Flugverkehr war nicht betroffen, anders als beim Ausbruch des Eyjafjallajökull 2010. Die drei Straßen Reykjanesbraut 41, Suðurstrandarvegur 427 und Krýsuvíkurvegur 42 wurden vorübergehend gesperrt. Dem Ausbruch gingen zahlreiche Erdbeben durch das aufsteigende Magma voraus. Man hielt zuvor einen Ausbruch beim Vulkanberg Keilir für möglich.
Eine Analyse der beim Ausbruch geförderten Laven ergab einen primitiven tholeiitischen Basalt mit einer Temperatur von 1180–1190 °C, der sich deutlich durch seinen geringen Gehalt an TiO2, K2O und P2O5 von dem Material unterscheidet, das bei den Ausbrüchen vom 9. bis zum 13. Jahrhundert im Gebiet Reykjanesskagi gefördert wurde. Auf eine Herkunft des Materials von der Grenze der Erdkruste zum Mantel in ca. 14–16 km Tiefe und eine „Zwischenlagerung“ des Materials in einem Dyke in einem halben bis 2 km Tiefe wird durch Geothermobarometrie geschlossen.
mini|Eingebrochener Doppelkrater und Lavasee, 30. März 2021
Lang anhaltende Eruptionen könnten mit der Zeit einen Schildvulkan bilden. Schildvulkane werden im Allgemeinen über längere Zeiträume aufgebaut und ihre Lavafelder erstrecken sich einige wenige bis mehrere Kilometer um ihre Quellen herum. Das geförderte Magma war mit 8,5 % reich an MgO, was ein Indikator dafür ist, dass das Magma aus einer Tiefe von 17–20 km stammt. Um die Eruptionsstelle herum bestand eine konstante Gasbelastung mit Schwefeldioxid (SO2) und Kohlendioxid (CO2), deren räumliche Verteilung durch den Wind bestimmt wurde. Dieses konzentriert sich vor allem in Senken und kann sich dort in lebensbedrohlichen Konzentrationen ansammeln. Seit Eruptionsbeginn zeigten sich keine Indizien für signifikante tektonische Aktivität, auch keine Indizien für neue Ausbruchsstellen entlang des Dykes.
Am 1. April 2021 veröffentlichte das Institute of Earth Sciences der University of Iceland eine Untersuchung zu seltenen Erden und Blei-Isotopen in der Lava. Es gibt einen klaren Unterschied zu den vorher in dem Gebiet auftretenden Laven, obwohl sie den früher geförderten Laven ähnlich sind. Die Unterschiede werden als Ankunft von frischem und anderem Material vom Mantel interpretiert.
mini|Eruptionsspalten am 5. April 2021 mini|Eruptionsspalten und Lavafluss am 5. April 2021
Weitere Ereignisse mini|Krater am 24. Mai 2021 mini|Lava am Fagradalsfjall, 9. Mai 2021 Am 5. April öffneten sich weitere Spalten nördlich der Geldingadalir. Die Lava aus den Spalten bildete einen mehrere hundert Meter langen Lavafluss nach Süd-Osten durch ein steiles Trockental abwärts und breitet sich zu den Meradalir hin aus. Die Mikrobebentätigkeit stieg nach diesem Ausbruch leicht an. Obwohl sich der Lavaausfluss an der ersten Ausbruchsstelle nach dem zweiten Ausbruch deutlich verringerte, verdoppelte sich der Lavaausfluss insgesamt aus beiden Eruptionsstellen zusammen auf fast 10 m³/s.
Das gesamte Eruptionsgebiet wurde bei Beginn des zweiten Ausbruchs geräumt und weiträumig abgesperrt. Die Befürchtung war, dass sich noch mehr Spalten ohne Vorwarnung öffnen und Besucher eventuell zwischen Lavaströmen eingeschlossen werden, und zum anderen, dass die Meradalir deutlich wasserreicher sind und bei Kontakt der Lava mit Wasser Dampfexplosionen auftreten können.
Am 7. April 2021 öffnete sich zwischen der ersten und der zweiten Ausbruchsstelle eine dritte Spalte in einer Reihe mit den anderen. Dort ausfließende Lava floss in die Geldingadalir. Am 10. April öffnete sich zwischen der zweiten und der dritten Spalte eine vierte Spalte. Insgesamt 10 Personen litten seit Beginn der Eruptionen unter Vergiftungssymptomen, nachdem sie vulkanischen Gasen ausgesetzt waren. Am 14. April waren insgesamt acht Spalten aktiv. Drei Tage später öffnete sich eine weitere kleine Spalte. Allerdings schienen nicht mehr alle Eruptionsspalten aktiv zu sein, wahrscheinlich waren es insgesamt nur noch sieben.
Am 19. April 2021 äußerten Schafzüchter aus der Nähe des Vulkans ihre Befürchtung, dass die Ausgasungen des Vulkans die Weiden so stark mit Fluor kontaminieren könnten, dass eine Schafzucht problematisch würde.
Am 27. April 2021 wuchs der Lavaausstoß an einem der Schlote an. Dabei entstanden Fontänen in Höhe von über 50 Metern, wie Þorvaldur Þórðarson mitteilte. Bis dahin erreichten die Magmafontänen nur ca. 15 m Höhe. Anfang Mai wurde von Fontänen mit einer Höhe von bis zu 300 m berichtet. Die Menge der insgesamt aus allen Schloten und Spalten ausgeworfenen Lava hatte sich nicht signifikant verändert.
Nachdem einige Zeit nur noch Krater 5 Lava ausgestoßen hat, wurde am 8. Mai auch wieder der erste Krater kurzzeitig aktiv. Weiterhin war nur Krater 5 intermittierend geysirähnlich aktiv. Am 10. Mai 2021 bedeckte das Lavafeld eine Fläche von 1,78 km², es waren 30,7 Millionen m³ Lava ausgetreten und der Lavastrom war leicht auf 12,9 m³/s angestiegen. Am 24. Mai 2021 sagte Þorvaldur Þórðarson, dass sich aus dem jetzigen Ausbruch sehr wahrscheinlich ein Schildvulkan entwickeln wird. Es seien dafür gewisse Voraussetzungen eingetreten wie z. B. die Bildung von großen Lavateichen, die durch ihr Wärmespeichervermögen und Isoliervermögen den Förderschlot des Vulkans schützen und so eine lang anhaltende Eruption ermöglichen könnten. Wie durch die Auswertung von am 18. Mai 2021 erstellten Luftbildern festgestellt wurde, waren neben dem von Lava überfluteten Gelände weitere 31 Hektar Vegetationsfläche verbrannt, als das Wetter trockener wurde. Seitdem gab es weitere Brände.
Eine ursprünglich namenlose Erhebung, die nach Entstehung des Kraters 5 umgangssprachlich als Gónhóll („Glotzhügel“) bezeichnet wurde, wurde am 4. Juni 2021 vollständig von Lava eingeschlossen. Dort war bis dahin die beste Sicht auf den aktiven Krater. Wo im Juni die Lava aus den Geldingadalir nach Osten floss, war schon seit Ende Mai der Zugang gesperrt. Seit dem 13. Juni 2021 floss die Lava direkt aus den südlichen Geldingadalir in das Tal Nátthagi und machte damit einen weiteren Fußweg unpassierbar.
Am 27. Juni 2021 veröffentlichte der Ríkisútvarpið einige Infrarotaufnahmen des Erdbeobachtungssatelliten Sentinel-2 von dem Lavafeld. Darin war zu erkennen, dass weite Bereiche des Lavafeldes unter einer erstarrten Kruste immer noch flüssig waren; es hatten sich Kanäle ausgebildet, in denen die Lava, temperaturisoliert durch eine dünne erstarrte Kruste, sehr weit fließen konnte.
mini|Lavafeld am 21. August 2021 Zu einer vorübergehenden Verringerung der vulkanischen Aktivitäten kam es am 28. Juni 2021. Vermutlich war ein großer Teil des Kraterrandes abgebrochen und in den Schlot gestürzt und behinderte so den Austritt von Lava und damit auch deren Entgasung. Direkt beobachtet worden war der Einsturz aber nicht, weil das Gebiet von lang anhaltendem dichten Nebel überzogen war. Später stabilisierte sich die vulkanische Aktivität wieder; der Lavaausfluss war weiterhin auf im Wesentlichen unverändertem Niveau. Seit dem 21. August 2021 floss Lava erneut in das Tal Nátthagi. In der Zeit davor strömte die Lava in nordöstliche Richtung in die Meradalir.
Seit Donnerstag, dem 2. September 2021 kam kein Lavafluss mehr aus dem Krater. Der Vulkan war deutlich inaktiver aber dem Krater entströmte noch sehr viel Gas, und im Dunkeln konnte ein rotes Glühen wahrgenommen werden. Þorvaldur Þórðarson, Vulkanologe an der Universität von Island, schloss daraus, dass immer noch Magma nachströme, entgase und tief im Krater vorhanden sei, aber durch irgendetwas am Austritt gehindert werde. Das könnte letztlich den Ausbruch beenden. Der dahinterstehende Mechanismus sei aber nicht bekannt.
mini|Nacht vom 11. zum 12. September 2021 Am Samstag, dem 11. September 2021 war ab 18:00 Uhr erneut Aktivität zu beobachten. Lava quoll im Krater empor, trat an dessen Basis durch Spalten aus, und floss auf ein Lavafeld. Dort ergoss sich die Lava durch Lavaröhren in das Tal Geldingadalur. Dort endeten die Röhren am Grunde eines Lavateiches, der sich dort gebildet hatte, die Lava quoll hervor und wegen weiterer Entgasung bildeten sich dort kleine Fontänen. Es handelt sich also nicht um „neue“ Ausbruchsstellen.