mini| Hans Fiehler (um 1920):Ich bin auch heute noch nicht feige,als Europäer, wie als Mann.Ich plane, warte, handle, schweige.Vielleicht erkennt mich doch wer an.Handschriftliches Gedicht(unterer Bildrand) Hans Fiehler (eigentlich Johannes Baptist Fiehler, auch Hans im Glück; * 8. Juni 1890 in Bayreuth, Oberfranken; † 8. Juli 1969 in Weinsberg, Landkreis HeilbronnJahrbuch für die Stadt Weinberg, verbunden mit einem Kalender für 1970 mit Angaben über das behördliche, kirchliche und kulturelle Leben, Schulen, Vereine, standesamtliche Anzeigen, einem Anzeigenteil der Weinsberger Industrie, des Handwerks und der Gewerbetreibenden und dem Einwohnerverzeichnis der Stadt Weinsberg. Weinberg 1969, S. 63; dort heißt es: „Johannes Fiehler, Kunstmaler und Schriftsteller, verw., 78 J., wohnhaft in Weinsberg, Bahnhofstraße 20, gest. 8. 7. 1969.“) war ein deutscher Kunstmaler, Liederdichter und origineller Pazifist, der singend, musizierend und malend seine Vision eines von Frieden geprägten „Völkerfrühlings“ zu verbreiten suchte. Anders als seine Brüder, die sehr früh begeisterte Anhänger Adolf Hitlers waren, lehnte er den Nationalsozialismus ab und verstand sich als Europäer.
Leben mini|Hans Fiehler (Nr. 4) mit Eltern und Geschwistern (um 1910) mini|Paulsche Villa – Sitz der Bruderhöfer und häufiger Aufenthaltsort Hans Fiehlers mini|Von Hans Fiehler gestaltete Karte (Vorderseite) mini|Von Hans Fiehler gestaltete Karte (Rückseite) mini|hochkant|Titelseite des Gesangbuchs Sonnenlieder
Hans Fiehler war das zweitälteste Kind des Baptistenpastors Heinrich FiehlerKurzbiographie Hans Fiehler; abgerufen am 16. März 2021. (1858–1945) und dessen Ehefrau Emma, geborene Wulff. Er hatte vier Brüder und zwei Schwestern.Das Familienbild von 1910 zeigt Hans Fiehler mit Eltern und Geschwistern; (1) Werner Fiehler, (2) Gerhard Fiehler, (3) Otto Fiehler, (4) Hans Fiehler, (5) Karl Fiehler, (6) Elisabeth Fiehler, (7) Frieda Fiehler Unter ihnen waren die Hitlerputsch-Teilnehmer Werner (1889–1952) und Karl, der spätere Nazi-Oberbürgermeister von München. Auch seine Brüder Otto (1892–1936)Otto Fiehler war Blutordensträger; siehe Heidelberger Neueste Nachrichten – Heidelberger Anzeiger vom 12. Mai 1936: Otto Fiehler † sowie Gerhard (1893–1950)Zu Gerhard Fiehler siehe zum Beispiel Gedenken am Gärtnerplatz. In: Jüdische Allgemeine.de, 8. August 2019. Dort heißt es: „Die Firma Leopold Schwager Lederhandlung und Schäftefabrikation fiel 1939 durch Arisierung Gerhard Fiehler, dem Bruder des Münchner NS-Bürgermeisters Karl Fiehler, zu.“ waren Mitglieder und Profiteure der nationalsozialistischen Bewegung.
Die Baptistengemeinde in Bayreuth, dem Geburtsort Hans Fiehlers, war die erste Dienststelle seines Vaters. Kurz nach der Geburt seines zweiten Sohnes Johannes Baptist (genannt Hans) folgte Heinrich Fiehler einer Berufung der Baptistengemeinde Neuplanitz (heute ein Stadtteil von Zwickau) und verblieb dort mit seiner Familie bis 1894. Weitere Umzüge folgten: Braunschweig (bis 1902) und München (bis 1914). Im Anschluss daran verzogen die Eltern nach Flensburg.A. Holzmann: 50 Jahre im Dienst am Wort. In: Der Wahrheitszeuge. Oncken-Verlag, Kassel, Nr. 47/1937, S. 376. Hans Fiehler blieb zunächst in München und ließ sich dann in Heilbronn nieder, wo er seinen Lebensunterhalt als Sekretär Rudolf Kraemers, des „Anwalts der deutschen Blinden“Christhard Schrenk: Anwalt der deutschen Blinden. Rudolf Kraemer (1885–1945). In: Christhard Schrenk (Hrsg.): Heilbronner Köpfe II. Lebensbilder aus zwei Jahrhunderten. Stadtarchiv Heilbronn, 1999, ISBN 3-928990-70-5, S. 71. und Vorsitzenden des Württembergischen Blindenvereins, verdiente. Aus dieser Zeit stammt eine von Fiehler gestaltete Jugendstil-Kunstkarte, die in Braille- und Druckschrift zum „Blumentag 3. Mai 1914“ als Vorbereitung für den Internationalen Blindentag 1915 einlud (siehe Bild).
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Hans Fiehler zur Marine eingezogen. Er avancierte zum Batteriechef bei der Küstenartillerie in Flandern. Aus dieser Zeit ist ein Gedicht überliefert, das in der Kriegszeitung „An Flanderns Küste“ abgedruckt worden istHans Fiehler: Flieger-Abwehr. In: An Flanderns Küste. Kriegszeitung für das Marinekorps, Nr. 27 (15. April 1917). und die Abwehrkraft der deutschen Artillerie gegenüber einem feindlichen Flieger rühmt. Die anfängliche „nationalistische Leidenschaft“, mit der Fiehler in den Krieg gezogen war, wich aufgrund der Realitäten des Krieges einer starken Ernüchterung.Hymnary.org: Kurzbiographie Hans Fiehler; abgerufen am 16. März 2021. Später berichtete er dem Bruderhöfer Johann Heinrich Arnold von einem Nahkampf, bei dem er seinen Gegner getötet hatte. Dieses Ereignis habe in ihm starke Schuldgefühle ausgelöst und „seine ganze Weltsicht verändert“.Peter Mommsen: Radikal barmherzig. Das Leben von Johann Heinrich Arnold – eine Geschichte von Glauben und Vergebung, Hingabe und Gemeinschaft (aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Christopher Groß). Neufeld Verlag, Cuxhaven 2017, S. 40. Fiehler wurde zum Pazifisten. Politische Verhältnisse, die durch Krieg und Waffengewalt hergestellt worden waren, lehnte er ab. Von daher ist auch eine Protestaktion zu verstehen, die er 1920 in Flensburg, dem letzten Wirkungsort seines Vaters, gegen die Alliierte Kontrollkommission unternahm. Dabei tauschte er den britischen Union Jack und die französische Tricolore, die auf dem Polizeipräsidium wehten, gegen die deutsche und die schleswig-holsteinische Flagge. Der „Flaggentausch“ wurde entdeckt und rückgängig gemacht. Eine ständige bewaffnete Fahnenwache wurde angeordnet, und während Hans Fiehler unentdeckt blieb, hatte die Stadt Flensburg eine hohe Geldstrafe zu zahlen.Walter Schinkel (1925–2015), Neffe Hans Fiehlers, berichtete von diesem Ereignis im Flensburger Tageblatt vom 13. Juni 1998: Grenzkampf 1920: „Union Jack“ und „Tricolore“ gegen „Schwarz-Weiß-Rot“ und „Blau-Weiß-Rot“. Illegaler Flaggentausch in Flensburg.
Hans Fiehler verließ Flensburg und führte ein „abenteuerliches Wanderleben“.Antje Vollmer: Die Neuwerkbewegung. Zwischen Jugendbewegung und religiösem Sozialismus. Herder Verlag, Freiburg/Basel/Wien 2016, ISBN 978-3-451-31504-6, S. 96, Anmerkung 5. Anlaufstelle war in diesen Jahren immer wieder das Sannerzer Domizil der neuhutterischen Bruderhof-Bewegung. Emmy Arnold, die Mitbegründerin des Bruderhofs, beschrieb seinen eigenartigen Aufzug: „Er hatte eine rote Zipfelmütze, kurze Hosen und eine rote Weste, auf der hinten groß geschrieben stand ‚Hans im Glück‘“. Außerdem führte er eine italienische Geige und eine Blechgeige mit sich sowie vier Okarinas, die er – vermutlich in der Reihenfolge ihres Alters – „Urahne, Großmutter, Mutter und Kind“ nannte.Emmy Arnold: Gegen den Strom. Ein Leben in der Herausforderung der Bergpredigt. Plough Publishing House, New York 2012, S. 47. Auf einem Bild ist zu sehen, dass er seine Habseligkeiten in einem Handwagen transportierte.Das Bild aus dem Jahr 1925 findet sich bei Emmy Arnold: Gegen den Strom. Ein Leben in der Herausforderung der Bergpredigt. Plough Publishing House, New York 2012, S. 49. Am liebsten tauchte er auf dem Bruderhof zur nächtlichen Stunde auf und kündigte seine Ankunft durch das Spiel auf einer seiner Okarinas an. Nachdem ihm die Tür geöffnet worden war, stellte er sich stets mit denselben Worten vor: „Ich bin Hans im Glück und suche den Frieden zwischen den Völkern!“Peter Mommsen: Radikal barmherzig. Das Leben von Johann Heinrich Arnold – eine Geschichte von Glauben und Vergebung, Hingabe und Gemeinschaft (aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Christopher Groß). Neufeld Verlag, Cuxhaven 2017, S. 39f.
Bei seinen Wanderungen durch Städte und Dörfer waren es vor allem die Kinder, die als erste seine „Friedensbotschaften“ hörten. Mit seinen kindgerechten Ansprachen und Liedern versuchte er seinen jungen Zuhörern einen neuen Blick in die Zukunft zu vermitteln. Die meisten waren Kriegskinder, manche auch Kriegswaisen. Sie hatten nicht nur während des Krieges Hunger und Entbehrung erlebt. Er erzählte ihnen deshalb Kontrastgeschichten „von der Zukunft der Menschen und aller Kreatur und dass einmal die ganze Erde Himmel sein würde“. Sie sollten deshalb nicht zurück, sondern nach vorne blicken. Um diesen auf das Kommende gerichteten Blick einzuüben, müssten sie Zeit- und Datumsangaben nicht an der Vergangenheit festmachen, sondern an der Zukunft; sie sollten nicht mehr sagen: „20 nach vier, sondern 40 vor fünf“, nicht mehr „1925 (nach der Zeitenwende), sondern 75 Jahre vor 2000“ und so weiter. Ritueller Abschluss dieser Veranstaltungen war immer das von Fanny Crosby (1820–1915) verfasste Sonntagsschullied: Lasst die Herzen immer fröhlich und mit Dank erfüllet sein. Denn der Vater in dem Himmel nennt uns seine Kinderlein! […].Der ursprüngliche Liedtitel lautete Let our hearts be always cheerful; die Übersetzung ins Deutsche besorgte J. A. Reitz (1838–1904).Emmy Arnold: Gegen den Strom. Ein Leben in der Herausforderung der Bergpredigt. Plough Publishing House, New York 2012, S. 47f. Nicht nur sein Äußeres sollte aufmerksam machen, sondern auch manche Streiche, die er bisweilen zum Ärger auf der einen und zur Freude auf der anderen Seite seinen Mitmenschen spielte. Einem General, dem Mitschuld am verlorenen Krieg vorgeworfen wurde, machte er den Vorschlag, die Gulaschkanonen aus den Kasernen zu holen und sie in die Stadt zu bringen. Eine groß angelegte Armenspeisung würde sein verlorenes Ansehen garantiert wieder herstellen. Er wäre dann auch mit einer Kamera dabei, um die Aktion zu fotografieren und die Bilder anschließend der Zeitung zur Verfügung zu stellen. Der General ließ sich darauf ein und bediente bei der Essensausgabe am anderen Tag die zahlreich Erschienenen sogar persönlich. Als er nach der Aktion von Hans Fiehler den belichteten Film erbat, zeigte dieser den leeren Fotoapparat und entschuldigte sich mit den Worten: „Ich muss den Film zu Hause liegen gelassen haben!“ Während der General und seine Mannschaft mit heftigem Zorn reagierten, hatte Fiehler die Menschenmenge auf seiner Seite.