mini|Wolfhart Pannenberg, 1983 mini|hochkant|Grabstätte auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf

Wolfhart Pannenberg (* 2. Oktober 1928 in Stettin; † 4. September 2014 in Gräfelfing) war ein deutscher evangelischer Theologe.

Kindheit, Jugend Wolfhart Pannenberg wurde als Sohn eines Zollbeamten geboren. Die Familie zog, bedingt durch den Beruf des Vaters, häufig um. 1942 kam Pannenberg nach Berlin. Er war zwar als Kind getauft worden, blieb aber ohne christliche Erziehung, weil seine Eltern sich so sehr von der Kirche entfremdet hatten, dass sie ausgetreten waren.Wolfhart Pannenberg: Die Bedeutung von Taufe und Abendmahl für die christliche Spiritualität. In: Ders.: Beiträge zur Systematischen Theologie, Band 3: Kirche und Ökumene. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2000, S. 80. In einer autobiografischen Notiz erwähnt Pannenberg, dass sein Vater zeitweilig in Sorge war, sein Sohn vernachlässigte wegen seiner Liebe zur Musik den Schulbesuch und die Beschäftigung mit ernsthaften Gegenständen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Pannenberg 1944 mit sechzehn Jahren Soldat, 1945 war er für kurze Zeit britischer Kriegsgefangener. Ein „Entgrenzungserlebnis“, wie Pannenberg es nannte, gab seinem Leben eine andere Richtung, seine Ausbildung zum Konzertpianisten brach er ab.Felix Körner: Gebrochene Naturgesetze? In: Jesuiten, Jg. 76 (2025), Heft 4, S. 16–17, hier S. 17. Stattdessen begann er, obwohl er in einem nichtchristlichen Umfeld aufgewachsen war, 1947 ein Studium der Theologie und der Philosophie. Auslösendes Moment für diesen Entschluss war seine kritische Auseinandersetzung mit dem Werk Friedrich Nietzsches. Das bei Nietzsche vermittelte Bild des Christentums habe laut Klaus Koschorke Pannenbergs Erfahrungen widersprochen.Klaus Koschorke: Grußwort anlässlich des 75. Geburtstags von Wolfhart Pannenberg, 2003 Durch das Studium der Theologie und der Philosophie versuchte er „einzuholen“, was ihm widerfahren war.

Lehrtätigkeit und kirchliche Aufgaben Pannenberg studierte in Berlin, Göttingen, Basel und Heidelberg. In Basel war Pannenberg unter anderem Schüler von Karl Barth. Seine Doktorarbeit, die er 1953 einreichte und die ein Jahr später veröffentlicht wurde, schrieb er bei Edmund Schlink in Heidelberg über die Prädestinationslehre von Duns Scotus. Seine Habilitationsschrift von 1955 behandelt das Verhältnis von Analogie und Offenbarung, speziell die Diskussion um den Analogiebegriff in der Lehre von der Gotteserkenntnis, und wurde erst 2007 – leicht ergänzt – veröffentlicht. Am 8. Juli 1956 wurde er in der Peterskirche in Heidelberg zum geistlichen Amt ordiniert.

Wolfhart Pannenberg lehrte von 1958 bis 1961 als Professor für Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, von 1961 bis 1967 an der Theologischen Fakultät der Universität Mainz und von 1967 bis zu seiner Emeritierung 1994 an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er gründete dort das Institut für Fundamentaltheologie und Ökumene, das den Dialog mit der römisch-katholischen Theologie fördern sollte, und erwarb sich Anerkennung als einer der profiliertesten Vertreter des lutherisch-katholischen theologischen Dialogs. Zahlreiche katholische Theologen setzten sich mit der Theologie Pannenbergs auseinander, darunter die späteren Kardinäle Kurt Koch und Walter Kasper.Reinhard Bingener: Wolfhart Pannenberg gestorben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. September 2014, S. 6. Pannenberg war von 1975 bis 1990 außerdem Delegierter der Evangelischen Kirche in Deutschland in der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen.

Seine Theologie übte international großen Einfluss aus. Pannenberg zählte zu den bekanntesten evangelischen Theologen der Gegenwart. Zu seinen Schülern gehören Christine Axt-Piscalar, Walter Dietz, Ekkehard Mühlenberg, Friederike Nüssel, Jan Rohls, Falk Wagner und Gunther Wenz.

Theologische Bedeutung Pannenbergs Ansatz ist grundlegend in seiner Programmschrift Offenbarung als Geschichte von 1961 dargestellt, in der er sich explizit von der Wort-Gottes-Theologie sowohl Barth’scher als auch Bultmann’scher Prägung absetzte. Gestützt auf exegetische Untersuchungen von Rolf Rendtorff und Ulrich Wilckens entwickelte er die Position, dass die Offenbarung im Sinne einer Selbstoffenbarung Gottes nicht direkt durch einzelne Offenbarungsereignisse, sondern durch das Gotteshandeln als Ganzes in der Geschichte geschehe. Gottes Selbstoffenbarung könne daher erst von ihrem Ende her, in eschatologischer Zukunft, voll verstanden werden. Allerdings sei das Christusereignis, insbesondere die Auferstehung, als Vorgriff (Prolepse) auf diese eschatologische Zukunft zu verstehen, deswegen werde ihm in der christlichen Theologie zu Recht exklusive Bedeutung beigemessen. Damit öffnet Pannenberg den christlichen Glauben der allgemein-menschlichen Erfahrung und dem rationalen interdisziplinären Diskurs.

Offenbarung dürfe nicht durch die Autorität einer kirchlichen Instanz begründet werden, sondern habe sich vor dem Forum der autonomen philosophischen und historischen Vernunft zu bewähren.Klaus von Stosch: Einführung in die systematische Theologie. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2006, S. 91. Folglich zählte der intensive Diskurs mit der Philosophie, aber auch den Sozial- und Naturwissenschaften, zu den hervorstechenden Merkmalen der theologischen Arbeit Pannenbergs.

In seinem weiteren theologischen Schaffen entfaltete Pannenberg den Ansatz der Offenbarung als Geschichte weiter. Besonders wichtig sind seine Arbeiten zur Wissenschaftstheorie der Theologie. Er vertrat dabei die Auffassung, dass es sich bei theologischen Aussagen bis hin zur Aussage der Existenz Gottes um „Hypothesen“ handle, die sich an der Erfahrung bewähren müssten. Diese Bewährung könne nur indirekt geschehen, eine endgültige Verifikation sei erst im Jenseits möglich – ein Gedanke, den Pannenberg von John Hick übernahm. Aus diesem Grund dürfe die (systematische) Theologie auch nicht die Wahrheit der christlichen Glaubensaussagen aufgrund der Autorität des Offenbarungsgeschehens formal voraussetzen; vielmehr sei es ihre Aufgabe, diese Wahrheit inhaltlich zu begründen.

Mitgliedschaften und wissenschaftliche Kontakte 1977 wurde Pannenberg zum ordentlichen Mitglied der Philosophisch-historischen Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Zu verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen in den USA, in Großbritannien und Italien (Philosophie) sowie mit der Universität Comillas in MadridBayerische Akademie der Wissenschaften: pflegte er intensiven Kontakt. Bis zum 1. April 1998 war Pannenberg (evangelischer) Wissenschaftlicher Leiter des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen.Theodor Schneider, Wolfhart Pannenberg (Hrsg.): Schriftverständnis und Schriftgebrauch (= Dialog der Kirchen, Bd. 10). Herder, Freiburg im Breisgau 1998, S. 11.

Auszeichnungen und Ehrungen 1972: Ehrendoktorwürde der University of Glasgow 1977: Ehrendoktorwürde der University of Manchester 1979: Ehrendoktorwürde des Trinity College Dublin 1987: Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1997 zurückgegeben) 1993: Ehrendoktorwürde der University of St Andrews 1993: Bayerischer Verdienstorden 1995: Bayerischer Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst 1999: Ehrendoktorwürde der Päpstlichen Universität Comillas 2008: Ehrendoktorwürde der Babeș-Bolyai-Universität Cluj

Stellungnahme zur Homosexualität 1997 gab Pannenberg sein Bundesverdienstkreuz aus Protest zurück, nachdem 1996 der Diakonin und Sozialpädagogin Herta Leistner das Bundesverdienstkreuz verliehen worden war. Nach Pannenberg steht die Auszeichnung im Widerspruch zu dem in Art. 6 Abs. 1 des Grundgesetzes verankerten Schutz von Ehe und Familie.Deutscher Bundestag: Darüber hinaus stehe das Engagement für Homosexualität im Widerspruch zur theologischen Lehre. Pannenberg bezog in der Schrift Maßstäbe zur kirchlichen Urteilsbildung über Homosexualität von 1994 dezidiert zu dem Thema Stellung. Dabei konstatierte er, dass die biblischen Zeugnisse eindeutig in ihrer scharfen Ablehnung von homosexuellem Verhalten seien. Dieses bringe die Abkehr von Gott besonders eklatant zum Ausdruck. Die Aufgabe der Kirche, die einerseits Toleranz und Verständnis aufbringen müsse, sei es, die Betreffenden zur Umkehr aufzurufen. Würde die Kirche homosexuelle Lebensgemeinschaften anerkennen, stünde sie nicht mehr auf dem Boden der Schrift.Wolfhart Pannenberg: Beiträge zur Ethik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, S. 99. Auszüge: Andreas Roth: Der Sonntag, 25. Januar 2012 Jedoch betonte er – hier hielt es Pannenberg mit Rendtorff –, dass die Kirche die Homosexualität tolerieren könne. Eine Gleichberechtigung mit der Ehe lehnte er aber ab.

Werke (Auswahl) Die Prädestinationslehre des Duns Skotus im Zusammenhang der scholastischen Lehrentwicklung. Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte 4. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1954 (Dissertation). (Hrsg.:) Offenbarung als Geschichte (= Kerygma und Dogma, Beiheft 1). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen (1961) 5. Aufl. 1982 (engl.: Revelation as History, 1968). Grundzüge der Christologie. (1964) 7. Aufl. Mohn, Gütersloh 1990, ISBN 3-579-04014-6 (engl.: Jesus — God and Man, 1968). Reformation zwischen gestern und morgen (= Aspekte moderner Theologie, 7). Mohn, Gütersloh 1969. Theologie und Reich Gottes. Mohn, Gütersloh 1971, ISBN 3-579-04096-0. Christentum und Mythos. Späthorizonte des Mythos in biblischer und christlicher Überlieferung. Mohn, Gütersloh 1972, ISBN 3-579-04228-9. Gegenwart Gottes. Predigten. Claudius Verlag, München 1973, ISBN 3-532-61128-7. Wissenschaftstheorie und Theologie. (1973) stw 676. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1987, ISBN 3-518-28276-X (engl.: Theology and the Philosophy of Science, 1976). Ethik und Ekklesiologie. Gesammelte Aufsätze. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1977, ISBN 3-525-56139-3. Die Bestimmung des Menschen. Menschsein, Erwählung und Geschichte (= Kleine Vandenhoeck-Reihe, 1443). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1978, ISBN 3-525-33423-0. Gottesgedanke und menschliche Freiheit. (1974) 2. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1978, ISBN 3-525-01605-0. Grundfragen Systematischer Theologie. Gesammelte Aufsätze. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1967/1980 (Band 1: 1967. 2. Aufl. 1971, ISBN 3-525-58141-6; Band 2: 1980, ISBN 3-525-58142-4). Gottebenbildlichkeit als Bestimmung des Menschen in der neueren Theologiegeschichte (= Sitzungsberichte / Bayerische Akademie der Wissenschaften: Philosophisch-Historische Klasse, 1979, 8). Verl. der Bayerischen Akad. der Wiss., München 1979, ISBN 3-7696-1501-8 Digitalisat. als Hrsg.: Sind wir von Natur aus religiös? (= Schriften der Katholischen Akademie in Bayern. Band 120). Patmos Verlag, Düsseldorf 1986. Christliche Spiritualität. Theologische Aspekte (= Kleine Vandenhoeck-Reihe. Band 1519). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1986, ISBN 3-525-33522-9. (Hrsg.) mit Karl Lehmann (Hrsg.): Teil: 1. Rechtfertigung, Sakramente und Amt im Zeitalter der Reformation und heute (= Ökumenischer Arbeitskreis Evangelischer und Katholischer Theologen (Hrsg.): Lehrverurteilungen - kirchentrennend? Teil 1), (= Dialog der Kirchen, Band 4). 3. Auflage. Freiburg i. Br. 1988, ISBN 3-451-20849-0 und ISBN 3-525-56925-4. Christentum in einer säkularisierten Welt. Herder, Freiburg i. Br. 1988, ISBN 3-451-21244-7. Metaphysik und Gottesgedanke (= Kleine Vandenhoeck-Reihe, 1532). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1988, ISBN 3-525-33541-5. Das Glaubensbekenntnis. Ausgelegt und verantwortet vor den Fragen der Gegenwart (= Gütersloher Taschenbücher Siebenstern, 1292). 5. Aufl. Gütersloher Verlagshaus Mohn, Gütersloh 1990, ISBN 3-579-01292-4. Systematische Theologie, 3 Bände. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1988/1991/1993 (zentrales Werk) (engl.: Systematic Theology, 1991ff.) Band 1: 1988; ISBN 3-525-52185-5. Band 2: 1991; ISBN 3-525-52187-1. Band 3: 1993; ISBN 3-525-52190-1.