mini|hochkant|Großmeister Jonathan „June“ Makiling Abaya mit Rattanstöcken
Filipino Martial Arts (kurz FMA) ist ein international etablierter Sammelbegriff für alle philippinischen Kampfkünste.
In populären Medien stößt man am ehesten auf die Begriffe Arnis, Eskrima oder Kali, wenn von den Kampfschulen der Philippinen die Rede ist. Diese Benennungen stehen für eine hauptsächlich bewaffnete Kampfkunst aus Südostasien, welche sich mit unterschiedlichen Waffenarten, aber auch dem unbewaffneten Kampf beschäftigt (siehe 4 Disziplinen weiter unten).
Der Einfachheit halber wird in diesem Artikel der Begriff Arnis stellvertretend für Arnis, Escrima und Kali verwendet. Dennoch ist zu beachten, dass es auf den Philippinen sowohl Kampfschulen der traditionellen Künste gibt, die wie Yaw-Yan keine hauptsächlich bewaffnete Kampfkunst darstellen, als auch Schulen, die wie das Kuntao so stark in der philippinischen Kultur verwurzelt sind, dass sie als natürliche Bestandteile des kulturellen Erbes angesehen werden.
Geschichte miniatur|hochkant|Ein tagalisches Liebespaar aus der Kaste der Maharlika, entnommen aus dem Boxer Kodex, 16. Jahrhundert
Die Kunst des Arnis gehörte zu einer Reihe von Künsten und Traditionen der südostasiatischen Kriegerkaste Maharlika (trad. Bay.: ᜋᜑᜎᜒᜃ / kol. Bay.: ᜋᜑᜇ᜔ᜎᜒᜃ). Als Kriegskunst beinhaltete sie mehrere Aspekte des Kampfes, wobei das Hauptaugenmerk auf bewaffneten Auseinandersetzungen lag. Die Krieger wurden im Umgang mit Lang- und Kurzschwert, Messerkampf sowie Speerkampf unterwiesen und erlernten zudem noch das Ringen sowie Schlag- und Tritttechniken. Eine besondere Fähigkeit waren der simultane Umgang mit zwei Waffen des gleichen oder unterschiedlichen Typs sowie die Verteidigung unter Gebrauch von alltäglichen Gegenständen. Allerdings wurden die Künste bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts lediglich innerhalb des eigenen Clans gelehrt. Beim Training wurden meist Hartholz- oder Rattanstöcke anstelle von Schwertern verwandt, um das Verletzungsrisiko möglichst gering zu halten. Noch bevor jungen Kriegern der Umgang mit dem Schwert erlaubt war, mussten sie ihr Können mit schweren Hartholzstöcken aus Bahi oder Kamagong – auch bekannt als Eisenholz – unter Beweis stellen. Diese imitierten das Gewicht und die Länge eines echten Schwertes. Dabei fällt auf, dass bei südostasiatischen Waffentechniken Waffen, die man mit einer Hand führen kann, deutlich bevorzugt werden. Grund dafür ist wahrscheinlich die dichte Vegetation, die vor allem vor dem 20. Jahrhundert in der Region existierte. Dadurch waren die Krieger gezwungen, kompakte Techniken und kleinere Waffen zu bevorzugen.
Momentan ist nur relativ wenig über die Herkunft und über berühmte vorkoloniale Vertreter dieser Kunst bekannt. Eine der bekanntesten ist Prinzessin Urduja, die während der Yuan-Dynastie (元朝Pinyin:yuán cháo) lebte. Auch ist die Kunst Teil vieler Legenden und Geschichten des Archipels. So sei Lam-Ang, der Held eines nordluzónischen Epos, ein Meister der Kunst gewesen. Auch der Gott Apo Laki, Bruder von Guanyin, sei ein Meister des Schwertkampfes.
Die heutzutage bekannteste Auseinandersetzung zwischen europäischen und südostasiatischen Streitkräften war der Kampf, der zwischen Ferdinand Magellans und Lapu-Lapus Truppen am 27. April 1521 stattfand. Angeblich soll Magellan von Lapu-Lapu selbst erschlagen worden sein. Dies ist allerdings nur ein Gerücht, das erst im 19. Jahrhundert verbreitet wurde und historisch nicht belegbar ist, da in den Aufzeichnungen Antonio Pigafettas über seine Reise um die Welt lediglich geschrieben steht, dass Magellan von mehreren feindlichen Soldaten unter Lapu-Lapus Kommando angegriffen und vermutlich erschlagen wurde. Progetto Pigafetta der Biblioteca Bertolianamarine-niemeyer.com: . A Narrative Account of the First Circumnavigation (1519–1522), kartografisch ausgestattetes Exemplar von Cornelis Koeman
mini|hochkant=1.7|Der Kris gehört zu den bekanntesten Waffen Südostasiens. Nach dem großen Misserfolg bei Mactan gelang es den Spaniern dennoch mit großem Kalkül, schließlich das Vertrauen der einheimischen Adligen zu erlangen und diese gegeneinander auszuspielen. Mit dieser Taktik schwächten sie das gesamte politische Gleichgewicht des ArchipelsGeo Epoche, Ausgabe Nr. 21 – Das kaiserliche Japan, Japans christliches Jahrhundert S. 68–74. 2006 – den Adligen war es nun nicht mehr möglich, eine effektive Streitmacht gegen die Spanier aufzustellen, als sich deren tatsächliche Absichten herauskristallisierten.Duncan Stearn: Chronology of South-East Asian History 1400–1996. The Mitraphab Centre Pty Ltd, Dee Why (NSW) 1997. Obwohl die politisch und wirtschaftlich wichtigen Städte sowie Schiffe des philippinischen Archipels mit südostasiatischen Kanonen, genannt Lantaka, geschützt waren, konnten sie wegen der politischen Zerrissenheit nichts gegen die viel weiter entwickelten Schusswaffentechnologien der zukünftigen Besatzer anrichten. Auch der Heimvorteil der Archipelbewohner verfiel, da auf der Seite der Spanier ebenfalls Maharlika kämpften.Jose S. Arcilla S.J.: Introduction to Philippine History. Erstausgabe 1971, Ateneo de Manila University Press
Die Ausübung der Kunst wurde 1764 offiziell von der spanischen Kolonialmacht verboten, und so übten die Krieger ihr Können im Geheimen. Viele verbanden die Kampfkunst mit der südostasiatischen Tradition der Folkloretänze und versteckten ihr Wissen für die Nachwelt auf diese Weise.
Während des Zweiten Weltkriegs und des Vietnamkrieges ließ die U.S. Armee einen Großteil der Kampfhandlungen von philippinischen Soldaten ausführen. Zu diesen Soldaten gehörte unter anderem der spätere philippinische Präsident Fidel Ramos. Aus dem Sachverhalt der Anheuerung heraus entstand der Mythos in der westlichen Welt, dass die US-Armee gezielt Arnis-Meister angeheuert habe, weil diese sich mit Guerillataktiken im südostasiatischen Terrain auskennen würden und herausragende Kämpfer seien. Dies kann allerdings durch nichts belegt werden. Die USA ließen lediglich Soldaten aus dem Archipel für sich kämpfen, unabhängig davon ob, sie Arnis konnten oder nicht. Tatsächlich waren die allermeisten Soldaten weder Arnis-Meister noch -Schüler.
Die Militärzeit ermöglichte vielen die Aussicht auf die US-amerikanische Staatsangehörigkeit. Dadurch gelangten unter anderem die philippinischen Kampfkünste auf den amerikanischen Kontinent. Anfang der 1970er Jahre wurden diese dann durch Leute wie Dan Inosanto, der diese Kunst in viele US-Actionfilme einbrachte, nach und nach bekannter.
Nachdem in den 1980er Jahren der Begriff „Kali“ populär geworden war und die Nachfrage stieg, veränderten einige Meister den Namen ihres Kampfstiles,Mark V. Wiley et al.: Arnis – Reflections on the History and Development of the Filipino Martial Arts. 2001, S. 35f. ISBN 0-8048-3269-2 um sich die Möglichkeit zusätzlicher Einnahmen nicht entgehen zu lassen.
Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts erhielten erfolgreiche Krieger und Kopfjäger der indigenen Stämme der Gebirgsregion Luzons rituelle Tätowierungen als Ehrung.
Arnis war zudem noch eine Disziplin in den Südostasienspielen in den Jahren 1991 und 2005 und wurde 2010 durch Gloria Macapagal-Arroyo zum offiziellen Nationalsport der Philippinen ernannt. Es muss an allen philippinischen Schulen unterrichtet werden.sports.inquirer.net: (englisch)
Etymologie Der Begriff Arnis ist eine Verballhornung des Terms arnes, zu deutsch „Harnisch“. Er leitet sich daraus ab, dass die spanischen Besatzer, die zuerst 1521 auf den Philippinen landeten, in ihren Rüstungen zu ungelenk und schwer waren, um gegen die Maharlika zu bestehen. Eskrima hingegen, auch bekannt als Escrima, leitet sich vom spanischen Begriff esgrima, zu deutsch „fechten“, ab. Der Grund für die Existenz zweier Schreibweisen dieses Wortes ist, dass es im philippinischen Alphabet den Buchstaben c nicht gibt. Der Ursprung des dritten Begriffes für die Kunst, Kali, bleibt hingegen bis heute umstritten.Ned. R. Nepangue, M.D., Celestino C. Macachor: Cebuano Eskrima – Beyond the Myth. 2007, S. 49ff. ISBN 978-1-4257-4621-6 Dan Inosanto führte den Begriff auf die beiden alt-malaiischen Worte KAhmot (Hand) und LIhot (Körper) zurück und meinte, dass es für Bewegung von Hand und Körper stünde. Eine weitere Theorie besagt, dass der Name der indischen Göttin Kali, nachempfunden wurde, oder aber von dem alt-malaiischen „Kalis“, Schwert, abgeleitet sei.
Traditionelle und moderne Kunst Der Unterschied zwischen der traditionellen und der modernen Kunst liegt darin, dass das klassische Arnis die ursprüngliche Kriegskunst ist, welche sich mit mittelalterlichem Kriegswerkzeug wie Schwert oder Speer beschäftigt, und das moderne Arnis sich eher auf den Gebrauch von Stöcken und kontemporären Alltagsgegenständen konzentriert.
Das moderne Arnis wuchs erst zur Kunst heran, als die spanische Kolonialmacht 1764 ihre Ausübung verbot und die Bevölkerung entwaffnete. Die Menschen sahen sich gezwungen, im Geheimen und ohne den Gebrauch der eigentlichen Waffen die Kunst an kommende Generationen weiterzuvermitteln. Daraus entwickelten sich auf Schlagwaffen zugeschnittene Techniken, neue Bewegungsschemata sowie Kampf- und Verteidigungstaktiken.
Bis heute ist es allerdings noch so, dass Anfänger im klassischen Bereich dennoch, damals wie heute, ihre Techniken, genau wie Schüler des modernen Arnis, mit Stöcken üben. Erst nach Jahren des andauernden Trainings ist es ihnen erlaubt und auf den Philippinen auch üblich, dass sie mit scharfen Klingen entweder allein oder mit Partnern üben. Nur so können sie zu Meistern des Arnis werden.
Disziplinen Von den jungen Maharlika wurde damals verlangt, dass sie in der sogenannten Bothoan-Schule in den Gebieten Geschichte, Philosophie, Poesie sowie Tanz und der Kriegskunst unterwiesen werden. Das Arnis selbst wurde hierfür in zwölf Stufen – kriegerischen Disziplinen – unterteilt, die ein Schüler auf dem Weg zum Meistertum erlernen musste. Diese sind: