mini|hochkant|Ignaz Goldziher (1911/1912) Ignaz Goldziher (geboren als Isaak (Yitzhaq) Yehuda Goldziher; * 22. Juni 1850 in Stuhlweißenburg, Kaisertum Österreich; † 13. November 1921 in Budapest) war ein ungarischer Orientalist. Er publizierte einige seiner Werke auf Ungarisch, den Hauptteil jedoch in deutscher Sprache, seiner Erstsprache,Siehe dazu: István Ormos: Goldziher’s mother tongue: a contribution to the study of the language situation in Hungary in the nineteenth century. In: Éva Apor, István Ormos (Hrsg.): Goldziher memorial conference. The Hungarian Academy of Sciences, Budapest 2005, S. 203–243. da seine Heimat bis zum Ersten Weltkrieg zu Österreich-Ungarn gehörte. Zusammen mit Theodor Nöldeke und Christiaan Snouck Hurgronje gilt er als Begründer der modernen Islamwissenschaft.

Leben Frühe Jahre, Karrierebeginn Goldzihers sefardische Vorfahren kamen im 17. Jahrhundert nach Hamburg, zogen später nach Berlin, Wien und schließlich nach Ungarn, wo die Familie sich zunächst in Kittsee, das damals zu den burgenländischen Siebengemeinden gehörte, und im Jahre 1842 in Stuhlweißenburg niederließ. Sein Vater Adolf Goldziher, ein Schüler des Rabbiners Moses Sofer, war ein wohlhabender Lederwarenhändler,Das Tagebuch, S. 15–17; L. I. Conrad (1993), S. 121. der aber, als Ignaz Goldziher noch ein Kind war, verarmte. Aus wirtschaftlichen Gründen musste die ganze Familie 1865 nach Pest übersiedeln, wo Goldziher ab diesem Datum bis zu seinem Tode lebte. In Stuhlweißenburg besuchte er ein Gymnasium der Zisterzienser und nach seinem Umzug in Budapest ein protestantisches Gymnasium, das er 1868, zusammen mit Max Nordau, mit der Matura abschloss.(Meir) Martin Plessner (Übers.): Jizchak Jehuda Goldziher, seine Biografie und sein wissenschaftliches Werk. In: Ignaz Goldziher: Hartsaot 'al ha-Islam. („Vorlesungen über den Islam“). Bialik Institute. Israel 1951, S. 15.

Sein erster Privatlehrer war der damals berühmte Vertreter der Hebraistik und Judaistik Moses Wolf Freudenberg, dessen Einfluss auf seinen Werdegang Goldziher in seinem Tagebuch lobend hervorhebt.Das Tagebuch, S. 21; L. I. Conrad (1993), S. 121. Schon 1865 hatte er sich als Hörer an der Universität Budapest eingeschrieben, wo er beim international bekannten Orientalisten Hermann Vámbéry Persisch, Arabisch, Syrisch und Türkisch hörte und aufgrund seiner Begabung zweimal den Preis pro diligentia erhielt.Róbert Simon (1986), S. 22–23. Vámbéry hatte damals außer Goldziher nur einen weiteren Studenten.Arminius Vámbéry: The Life and Adventures of Armenius Vambery (1832–1913). (London 1883), S. 352; L. I. Conrad (1990), S. 259; über Vámbéry und seinen Charakter siehe die gut dokumentierte Studie von L. I. Conrad (1990), Kap. The dervish’s disciple, S. 243–266. Gleichzeitig lernte Goldziher bei Rabbiner Samuel Löb Brill Talmud (auf Aramäisch) und unterrichtete den gleichaltrigen Wilhelm Bacher in Persisch. 1869 ging Goldziher zunächst an die Universität zu Berlin, wo er bei Emil Rödiger, Johann Gottfried Wetzstein und Friedrich Heinrich Dieterici arabische und semitische Philologie hörte und bei Abraham Geiger und Moritz Steinschneider die Wissenschaft des Judentums erlernte. Anschließend zog er nach Leipzig, um dort bei dem damals bekanntesten Arabisten Heinrich Leberecht Fleischer, einem Schüler Silvestre de Sacys, zu studieren, dessen wissenschaftliches Erbe er anzutreten berufen war.So die Einschätzung von Johann Fück: Die arabischen Studien in Europa vom 12. bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts. In: Richard Hartmann, Helmuth Scheel (Hrsg.): Beiträge zur Arabistik, Semitistik und Islamwissenschaft. Leipzig 1944, S. 214. Dort promovierte er 1870 mit seiner Arbeit über den jüdisch-arabischen Bibelkommentator Tanchum Jeruschalmi (1220–1291).Studien über Tanchūm Jerūschalmi, List und Franke. Leipzig 1870. Während seines Studiums in Leipzig begann er das vierbändige Lexicon arabico-latinum (Halle 1830–1837) von Georg Wilhelm Freytag mit Marginalien zu versehen, bestimmte Phrasen und ganze Sätze zu den einzelnen Wörtern zu schreiben.Manfred Ullmann: Wörterbuch der Klassischen Arabischen Sprache. Band II. 40. Lieferung. Wiesbaden 2009. S. 2470

In den folgenden Jahren betrieb er arabische Handschriftenstudien an der Universität Leiden und der Universität Wien (1871). Im Februar 1872 kehrte Goldziher nach Ungarn zurück. Im selben Jahr wurde er zum Privatdozenten – ohne GehaltRóbert Simon (1986), S. 54. – an der Universität Budapest ernannt. 1873 bis 1874 unternahm er eine Orientreise nach Istanbul, Beirut, Damaskus, Jerusalem und Kairo. Aus Kairo erhielt er 1875 einen Ruf als Direktor der Khedivial-Bibliothek. Doch sein Ziel war ein Lehrstuhl in Budapest.

Das Jahr 1876 stellt einen tiefen Bruch in der steilen Karriere des jungen Forschers dar. Im März dieses Jahres erschien in Leipzig bei Brockhaus Goldzihers Buch Der Mythos bei den Hebräern und seine Entwicklung. Untersuchungen zur Mythologie und Religionswissenschaft. Das Buch muss als eine Kampfschrift verstanden werden, denn es war gegen die These Ernest Renans – sein Leben Jesu stand damals in jedem bürgerlichen Haus – gerichtet, dass die Semiten keine Mythologie gekannt hätten. Im gleichen Jahr nahm Goldziher eine Sekretariatsstelle an der israelitischen Kultusgemeinde zu Pest an, nachdem seine Hoffnung, in Budapest nach seiner Habilitation in arabischer Philologie einen ordentlichen Lehrstuhl zu bekommen, nicht in Erfüllung gegangen war – man zog trotz vorheriger Versprechen einen Katholiken vor.

Am 29. Dezember 1877 lernte Goldziher Laura Mittler (1855–1925), die Tochter eines Hausarztes in Aradszentmárton (heute Sânmartin im rumänischen Kreis Arad), kennen; sie heirateten am 21. Mai 1878 in Arad.Tagebuch, S. 89–90; Während der Überfahrt nach Istanbul (September 1873) widmet der junge Goldziher leidenschaftliche Zeilen einer jungen Frau L. (The Oriental Diary, S. 88), die L. I. Conrad (1999), S. 109–110; 113 irrtümlich mit Laura Mittler identifiziert. Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor: Miksa (geb. 1880; gest. 1900 durch Freitod)Im Tagebuch, S. 228–229 steht irrtümlich das Todesdatum 31. Mai 1899. Weiteres hierzu siehe Peter Haber (2006), S. 198–199. und Károly (1881–1955).

In der Zusammenfassung seiner frühen Jahre, bis zu seinem vierzigsten Geburtstag, an dem er sein Tagebuch begann, schreibt Goldziher mit Bezug auf seine Familie:

Am Rande des 6. Orientalistenkongresses in Leiden im Jahre 1883, an dem Goldziher als Delegierter des ungarischen Kultusministers teilnahm, fanden in Begleitung seiner Frau auch private Besuche bei Kollegen aus der Studienzeit 1871–1872 statt: „Die Sehnsucht, die Stätte meines jugendlichen Fleisses in Gesellschaft meiner Frau wiederzusehen […] machten wir denn, meine Laura und ich, von Norderney aus […] die Reise nach Holland.“Tagebuch, S. 94. Im selben Jahr kamen Goldziher und seine Frau mit al-Afghani (siehe unten) in Paris zusammen.

Akademische Laufbahn und Berufsleben mini|Brief von Goldziher (1888) Nach seinen Auslandsstudien strebte Goldziher die Privatdozentur an der Universität Budapest an, die er nach anfänglichen Schwierigkeiten 1871 erhielt. Im September 1871 wurde er zur Probevorlesung geladen, deren Thema die Entwicklung der historischen Literatur bei den Arabern war. Als Habilitationsschrift erschien die Vorlesung in der Protestantischen Rundschau noch im selben Jahr.Tagebuch, S. 50–51; Róbert Simon (1986), S. 39–40. Mit den Strömungen der Historiografie bei den Arabern beschäftigte sich Goldziher auch später und verarbeitete seine Habilitationsschrift in einer umfassenden Darstellung A történetírás az arab irodalomban (Die Geschichtsschreibung im arabischen Schrifttum), vorgelesen auf der Sitzung der Akademie am 4. November 1895.Siehe: István Ormos (1995), Bd. 2, S. 636–681.

Im liberalen Kultusminister Baron József Eötvös hatte Goldziher zunächst einen wichtigen Fürsprecher. Der Minister hatte geplant, Goldziher nach seiner Habilitation mit anschließender Forschungsreise einen Lehrstuhl für Semitistik an der Budapester Universität anzubieten. Doch Eötvös starb im Februar 1871, und Goldziher verlor damit einen wichtigen Fürsprecher in der Regierung und der Ungarischen Akademie. Er konnte zwar noch die geplante Orientreise unternehmen, doch nach seiner Rückkehr 1874 ging der ihm vor der Abreise versprochene Lehrstuhl an einen katholischen Theologen. Um sich und seine Familie finanziell über Wasser halten zu können, nahm Goldziher 1876 in der israelitischen Kultusgemeinde von Pest die Stelle des Gemeindesekretärs an, die er dreißig Jahre lang ausübte.Róbert Simon (1986), S. 51–53; (PDF; 295 kB), S. 70–71. Seine Enttäuschung brachte er in seinem Tagebuch mit folgenden Worten zum Ausdruck:

Goldzihers Tagebuch zeigt, wie verbittert er war – und wie diese Verbitterung umschlug in Hass auf die Budapester Juden, speziell auf seinen Kollegen David Kaufmann, für den er aber trotzdem die Totenrede am 11. Juli 1899 in Budapest hielt.Friedrich Niewöhner: Der Gefangene von Budapest. S. 132–134.

Im Jahre 1876 wurde er korrespondierendes Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften.Róbert Simon (1986), S. 107. In seiner Antrittsvorlesung „Die Stellung der spanischen Araber in der Entwicklung der islamischen Geschichte im Vergleich mit den östlichen Arabern“A spanyolországi arabok helye az iszlám fejlődése történetében összehasonlítva a keleti arabokéval verglich er den Islam in Spanien mit dem islamischen Osten, ein in der damaligen Orientalistik nur wenig behandeltes Thema.Siehe: István Ormos (1995), Bd. 1, S. 141–220; vorgetragen am 13. November 1876 an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Sitzungsberichte, Bd. 6, Nr. 4. S. 3–80. Siehe auch: Joseph DeSomogyi (Übers.): The Spanish Arabs and Islam. In: The Muslim Word 53 (1963), 54 (1964). Auch in: Gesammelte Schriften. Band 1, S. 370–423 (Hildesheim 1967). Im selben Gremium hielt er am 29. Oktober 1888 die Ansprache anlässlich der Gedenkstunde zum Tod seines Mentors und Lehrers H. L. Fleischer († 10. Februar 1888) mit einer wissenschaftlichen Würdigung seiner Stellung in der europäischen Orientalistik. Die 44 Seiten umfassende, ungarisch geschriebene Gedenkrede, die Goldziher mit dem Titel Fleischer Leberecht Henrik emlékezete (In Erinnerung an H. L. F.) versah,István Ormos (1995), Bd. 2, S. 415–458. ist zugleich eine umfassende Darstellung der Geschichte der Islamwissenschaften, beginnend mit dem Wirken des französischen Orientalisten Silvestre de Sacy († 21. Februar 1838), dessen Schüler Fleischer gewesen ist.

Am 2. September 1889 erhielt Goldziher in Stockholm aus der Hand von König Oskar II. (Schweden) die Goldene Medaille als höchste Auszeichnung des Internationalen Orientalistenkongresses.

Über diese Auszeichnung berichtete Goldziher in einem Brief an seine Familie mit den Worten:

In diese Zeit fällt auch die Veröffentlichung seiner hoch angesehenen Muhammedanischen Studien und, ab Juni 1890, der Beginn seiner unregelmäßigen Aufzeichnungen in sein Tagebuch.L. I. Conrad (1990), S. 230.

Am 6. Mai 1892 wurde Goldziher zum ordentlichen Mitglied der Akademie gewählt und vermerkte tags darauf Folgendes: