Eugen Werner Velte (* 12. August 1923 in Karlsruhe; † 8. Juni 1984 ebenda) war ein deutscher Professor für Musiktheorie und Komposition, freier Komponist und Musikkritiker.
Leben und Wirken Eugen Werner Velte, Sohn des Geigers Eugen Gustav Velte, war schon als Kind musikalisch früh begabt und studierte von 1942 bis 1949 Musiktheorie an der Badischen Hochschule für Musik bei Heinrich Casimir und Gerhard Nestler.
Bevor er 1957 seinen ersten Lehrauftrag an seiner ehemaligen Lehrstätte erhielt, die schon bald in eine ordentliche Professur für Musiktheorie und Komposition umgewandelt wurde und deren Rektorat er nach ihrer Neugründung als Staatliche Hochschule für Musik Karlsruhe ab 1971 übernahm, verdiente er lange Zeit seinen Lebensunterhalt als freier Komponist und Musikkritiker für Funk und Presse (ein Fach, das er später auch unterrichtete); streckenweise auch als Jazzpianist in amerikanischen GI-Bars. Gezeichnet von einem ungewöhnlich hellen Geist, einem überragenden musikwissenschaftlichen und philosophischen Fachwissen und einer höflichen und hilfsbereiten menschlichen Art wurde er zeit seines Lebens von Kollegen und Studenten gleichermaßen fachlich wie menschlich bewundert und hochgeschätzt. Als die Existenz der Badischen Hochschule (wegen stadtpolitischer Finanzengpässe) Anfang der 70er Jahre in Gefahr geriet, gründete er bis zu ihrer Wiedereröffnung als Staatliche Hochschule (und Übernahme durch das Land Baden-Württemberg) mithilfe von Privatinitiativen einen noch heute in abgewandelter Funktion bestehenden Freundeskreis, um den Studenten nach wie vor ein kostenloses und zeitlich nicht durch Regelstudienzeiten begrenztes Studium zu ermöglichen. Außerdem war er wesentlich am Ausbau der Hochschule beteiligt; so ist der Einzug in das Schloss Gottesaue, das heute einen nach ihm benannten Konzertsaal beinhaltet, auf seinen unermüdlichen persönlichen Einsatz zum Wohle der Studenten zurückzuführen. Velte selbst hat die Neueröffnung des Schlosses nicht mehr miterlebt.
Seine Spezialgebiete umfassten das Werk von Ludwig van Beethoven, Anton von Webern und die Musik des 20. Jahrhunderts, eine Kombination, die auf seinen eigenen Kompositionsstil Schlüsse zulässt, als dessen Wesensmerkmale – anders als es vielleicht die gelegentlich neoklassischen Werktitel vermuten lassen – musikalischer Expressionismus, ein intensiver, gesanglich-deklamatorischer lyrischer Grundton und politisches Bewusstsein, gelegentlich in Form von politischer Musik angesehen werden können. Sein Schüler Wolfgang Rihm beschreibt seine Musik mit den folgenden Worten: Gespanntheit, Stille, Ausbruch, Versunkenheit – das waren die Haupteindrücke, die von ihr ausgingen, als ich als 15-jähriger dieser Musik […] mehr und mehr begegnete. […] Nichts an dieser Musik ist "gängig". Alles scheint äußerst persönlicher Mitteilung zu entstammen, eine Intimität, die aber nirgends indiskret sich ausstellt. In ihrer charakteristischen Mischung aus Introversion und ausfahrender Gestik entspricht Veltes Musik dem Denken und Wesen ihres Autors, so, wie er in Erinnerung bleibt. Die Musik wirkt wie das fortgesetzte Gespräch. Velte war ein Meister des Gesprächs, und er konnte so beredt zuhören, dass der Partner wirklich zu sich kommen konnte. Er war auch ein Meister der Abschweifung, der oft paradoxen Dialektik, so dass kein gesicherter Aufenthalt, kein gemütliches Einrichten in die erreichte Position aufbauen half: Alles blieb in Bewegung, im Fluss.
Eugen Werner Velte war zeit seines Lebens aufgeklärter Humanist, Kosmopolit, Philosoph und Freigeist christlich-marxistischer Gesinnung. Im Zentrum seiner Philosophie stand das Individuum, dessen Freiheit und Verantwortung. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch die Gründung seiner berühmten Gruppe kreative Musik, einer fachübergreifenden Hochschulveranstaltung für experimentelle Gruppen-Improvisation, die auf das musikalische Denken ihrer Teilnehmer, Studenten von Instrumental- und Theoriefächern sowie externe Mitglieder (wie Schauspieler und bildende Künstler) weitestgehende Auswirkungen hatte. Die von und in dieser offenen Gruppe entwickelten Performances, Spielweisen von Instrumenten sowie formal-dramaturgischen Konzepte gingen über alles hinaus, was zuvor und zeitgleich von vergleichbaren Hochschulen angeboten wurde. Velte selbst spielte bei diesen abends stattfindenden Veranstaltungen die Rolle des zurückhaltenden, scharfsinnigen Kritikers, was in der dialektischen Wechselwirkung Aktion → Analyse oder Analyse → Aktion zu einer spannenden Neuerfahrung von und einem neuen Denken über Musik überhaupt führte, mithin ein Grund für die große Bedeutung dieser Gruppe für ihre Teilnehmer, darunter zahlreiche Komponisten.
Außerdem war Eugen Werner Velte als Dozent erfolgreich. Zu seinen international bekanntgewordenen Kompositionsschülern zählen u. a. Wolfgang Rihm, Volker Heyn, Sabine Schäfer, Joachim Krebs, Helmut Bieler-Wendt, Ursula Euteneuer-Rohrer und Andreas Raseghi.
Privat beschäftigte er sich gerne mit Graphologie und Meteorologie. Auf dem letzten Gebiet war er so bewandert, dass er mehrere Zeitungsartikel darüber veröffentlicht hat.
Diskographie und Schriften (Auszug) Eugen Werner Velte: Blüten und Klang…, Feuilleton, BNN (Badische Neuste Nachrichten) zur Bundesgartenschau, BNN (Badische Neuste Nachrichten) 1967 Eugen Werner Velte: 1967 war ein Jahr der Stürme, Meteorologischer Artikel, BNN 1968 Eugen Werner Velte: Jazz – modern und pessimistisch, Kritik zum Konzert des Miles-Davis-Quintett im Großen Saal der Stadthalle Karlsruhe, BNN 1968 Eugen Werner Velte: Lineatur und Klangorganisation in Beethovens spätem Streichquartett in: Logos Musicae, Festschrift für Albert Palm, Franz Steiner Verlag Stuttgart (ehm. Wiesbaden), 1982 Eugen Werner Velte, Gedenkschrift der Staatlichen Hochschule für Musik Karlsruhe zum 10-jährigen Todestag, 1994 Eugen Werner Velte und seine Schüler (2 CD), Hoepfner Classics in der Antes Edition (Bella Musica Tonträger), ca. 1995
Werkverzeichnis Die Manuskripte und Originalpartituren Eugen Werner Veltes sind an der Staatlichen Hochschule für Musik Karlsruhe archiviert, die zudem Aufführungsmaterial bereithält (Kontakt: Die Leiterin der Hochschulbibliothek, [email protected], siehe auch den Link im Anhang).
Zwei dreistimmige kirchentonale Inventionen für Klavier, 1947 Sechs dreistimmige kirchentonale Inventionen für Klavier, 1947 Zweistimmige lineare Invention für Klavier, 1947–48 Dreistimmige Fuge für Klavier, 1948 Triosonate für zwei Violinen und Klavier, 1951 Zwei Klavierstücke, 1952 Streichtrio 1947, 1947–53 Präludium und Fuge für Orgel, 1954 Zwei vierstimmige Fugen für Klavier, 1954 Duo für Violine und Klavier, 1955 Drei Lieder für Sopran und Klavier nach expressionistischen Texten (Texte von Sophie von Leer, Herrmann Kasack und Wilhelm Klemm), 1955 Klavierduo zu vier Händen, 1956 Musik für Flöte und Klavier, 1956 Suite für Violoncello solo, 1956 Vier Klavierstücke, 1956 Drei Lieder für Sopran und Klavier (Texte von F. Garcia Lorca), 1957 Permutationsfuge für Streichquartett oder Streichorchester, 1954–57 Ein Lied an Gott für Sopran und Streichquartett (Text von Else Lasker-Schüler), 1957 Missa brevis für vierstimmigen gemischten Chor a-cappella, 1958 Missa brevis für Chor und Streichorchester, 1958 Fünf kleine Stücke für Klaviertrio, 1959 Musik für Oboe und Klavier, 1959 Sonate für Violoncello und Klavier, 1959 Vier Klavierstücke, 1960 Phantasie über "Christus, der uns selig macht" für Orgel, 1962 Vier Stücke für Flöte, Violine und Klavier, 1962 Trio für Querflöte, Violoncello und Klavier, 1963 Fuge und Postludium für Cembalo, 1963 Moto perpetuo für Streichorchester, 1963 Sonate für Violine und Klavier, 1963 Toccata für Orgel, 1963 Menuetto (aus Köchel Anhang 136) von W. A. Mozart, Bearbeitung für Streichorchester oder Streichquartett, 1963 Zwei Motetten für Sopran und Orgel (Texte: Hl. Augustinus), 1963 Zwei Motetten für Sopran und Orgel (Texte: Klagelieder des Jeremias), 1963Von diesen beiden Werken existiert eine Instrumentierung für Sopran und Kammerorchester seines Schülers Wolfgang Rihm unter dem neuen Werktitel "Vier Motetten […]" aus dem Jahr 1985. Vier Stücke für Klarinette, Violoncello und Klavier, 1964 Drei Stücke für vier Gamben, 1964Von diesem Werk existiert eine Bearbeitung seines Schülers Norbert Krupp für Streichquartett aus dem Jahr 1988. Streichtrio 1964, 1964 Toccata, Fuge und Postludium für Akkordeonorchester, 1964 Drei Stücke für Streichorchester, 1965Dieses Werk existiert auch in einer Bearbeitung des Verfassers für Streichquartett aus demselben Jahr. Streichquartett 1966, 1966 Zwei Chöre für drei Männerstimmen a-cappella (Texte: Else Lasker-Schüler), 1966 Drei Lieder für hohe Stimme und Klavier (Texte: Ingeborg Bachmann), 1967 Drei Lieder nach expressionistischen Texten für zwei Soprane und Klarinette (Texte: Jakob van Hoddis, August Stramm und Franz Werfel), 1967 Elegie für Flöte und Klavier, 1967 Intrada für Blechbläser und Pauken, 1967 Dialog für Flöte und Klavier, 1968 Dialog für Flöte und Violine, 1968 Nachtstück I für Klavier, 1969 Phantasie für Violine und Klavier, 1969 Stück I für zwei Klaviere, 1969 Drei kleine Klavierstücke, 1970 Drei Zwiegespräche zwischen Violoncello und Klavier, 1970 Grave I für Streichorchester, 1970 Musk für einen Gottesdienst in moderner Form für Chor, drei Instrumentalgruppen auf verschiedenen Emporen und Orgel, 1970 Nachtstück II für Klavier, 1970 Sonate für Violine solo, 1970 Nachtstück III für Klavier, 1971 Streichquartett 1971, 1971 In memoriam… für Klavier, 1971 Intellege, ut credas – crede, ut intellegas (Augustinus). Dreiergespräch unter diesem Leitgedanken zwischen Klarinette, Violine und Violoncello, 1972 Notturno für Streichquartett, 1974 Drei Lieder zum "Lob der Osterkerze" (überliefert vom Hl. Augustinus) für Sopran und Streichorchester, 1974 Streichtrio, 1974 Drei Zwiegespräche zwischen Violoncello und Klavier, 1974 Super flumina Babylonis, Motette für gemischten Chor zu vier Stimmen a cappella, 1975 Vision I für Solovioline, Klavier, Streicher und Bläser, 1975 Vier Bagatellen für Streichtrio, 1977 Zum Andenken und zur Erinnerung… Grave II für Kammerorchester, 1977 Arietta I für Violine solo, 1978 Arietta II für Flöte solo, 1978 (rev. 1981) Musik für ein Puppentheater nach "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry für Flöte, Violine, Violoncello und Klavier, 1978 Vexierbild in Klängen für Violine und Klavier, 1978 Instrumentierung der unvollendeten Fuge über drei neue Themen aus J. S. Bachs "Die Kunst der Fuge" für Kammerorchester, 1979 Impromptu I für Klavier, 1981 Nachtstück IV für Klavier, 1981 Musik und Stille für Streichtrio, 1982 Andantino aus dem Streichquartett g-moll op. posth. des 18-jährigen Franz Schubert, Bearbeitung für Violine und Klavier, 1983 Arietta für Bratsche solo, 1982 Studie I für zwei Klaviere, 1982 Seid still vor dem Herrn (Zeph. 1, 7.14.15) für Chor und Instrumente (graphisch notiert), o. J.
Literatur Isabel Steppeler: Humorvoller Meister tönender Stille. Dem Komponisten Eugen Werner Velte hat die Musikhochschule einiges zu verdanken (= Karlsruhe und seine Köpfe, Folge 115). In: Badische Neueste Nachrichten vom 22. Mai 2015, S. 23. Christa Philipp: Der Komponist und Hochschullehrer Eugen Werner Velte (1923–1984). In: Bürgergemeinschaft Rüppurr (Hrsg.): Rüppurrer Lebensbilder. 2. Auflage, Lindemanns, Karlsruhe 2022 (Rüppurer Hefte; 2), ISBN 978-3-88190-402-5, S. 68–77.
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