mini|hochkant|Titelseite des Dachau-Untersuchungsberichts. Die Zeichen sind zwei Siegrunen, das Symbol der SS, die das KZ leitete. mini|hochkant|seite=2|Erste Innenseite: Luftaufnahme des Lagers

Dachau ist der Titel eines 72-seitigen Untersuchungsberichts der 7. US-Armee über das deutsche Konzentrationslager Dachau und die dort verübten Massenverbrechen der Lager-SS. Der Bericht wurde unmittelbar nach der Befreiung des Lagers von Truppen der 7. US-Armee angefertigt und bereits im Mai 1945 in größerer Auflage veröffentlicht. Neben dem Vorwort enthält der Report drei voneinander unabhängige Einzelberichte, die sich teilweise thematisch überschneiden. Der Bericht gilt als eine der ersten Untersuchungen zum Thema der Konzentrations- und Vernichtungslager in der Zeit des Nationalsozialismus. Im Jahr 2000 wurde er in kommentierter und erweiterter Fassung von einem US-amerikanischen Verlag erneut herausgegeben.

Hintergrund

mini|US-Soldaten zeigen am 30. April 1945 aufgegriffenen Hitlerjungen die Leichen in einem Waggon des Todeszuges aus Buchenwald.

In der Endphase des Zweiten Weltkrieges hatten sich im KZ Dachau die Lebensbedingungen der Häftlinge zusehends verschlechtert, wodurch die Todesrate im Lager rapide angestiegen war. Viele Insassen des überbelegten Lagers litten an Unterernährung und den unhaltbaren hygienischen Zuständen. Räumungstransporte aus anderen Konzentrationslagern sowie eine im Lager grassierende Flecktyphus-Epidemie verschärften die katastrophalen Verhältnisse. Allein von Januar bis April 1945 starben im KZ Dachau und den angeschlossenen Nebenlagern über 13.000 Häftlinge an Krankheiten oder völliger Erschöpfung; viele der Leichen blieben zuletzt unbestattet auf dem Gelände liegen. Auf Todesmärschen in Richtung Süden verloren zudem tausende Häftlinge ihr Leben. Kurz vor Ankunft der US-Armee befanden sich mehr als 32.000 ausgezehrte Häftlinge im KZ Dachau, von denen etwa 8000 bettlägerig waren.Gabriele Hammermann 2004, S. 27 f.

Nachdem das Konzentrationslager Dachau am 29. April 1945 von Einheiten der 42. und 45. Infanteriedivision der 7. US-Armee übernommen worden war, fanden die Befreier dort 3000 Leichen vor und mehrere tausend vor sich hin vegetierende Menschen. Dazu kam ein starker auf dem Lager liegender Verwesungsgeruch. Noch vor dem Betreten des Lagergeländes hatten die US-Soldaten hunderte tote KZ-Häftlinge in dem auf einem Nebengleis abgestellten Todeszug aus Buchenwald entdeckt, die während des Transports in das KZ Dachau größtenteils an Hunger, Entkräftung oder Krankheit gestorben waren.Gabriele Hammermann 2004, S. 41.Stanislav Zámečník: Das war Dachau. Hrsg. vom Comité International de Dachau. Fischer-Taschenbuch 17228, Frankfurt 2007, ISBN 978-3-596-17228-3, S. 390 ff. Der Bataillonskommandeur Sparks berichtete später: „Während der ersten Phase waren einige Männer, alles kampferprobte Soldaten, außer sich. Manche weinten, während andere tobten.“Zitiert nach Gabriele Hammermann 2004, S. 42. Aufgebracht durch diese traumatischen Erlebnisse kam es zur Erschießung von SS-Männern bei der Befreiung des KZ Dachau durch US-Soldaten.Gabriele Hammermann 2004, S. 42.

Entstehung und Beteiligte mini|hochkant=0.8|William Wilson Quinn (späteres undatiertes Bild) war feder­führend für den Bericht verantwortlich und unterzeichnete das Vorwort

Als Colonel William W. Quinn, stellvertretender Stabschef (Assistant Chief of Staff) des Militär-Nachrichtendiensts G-2 der 7. US-Armee, nach der Befreiung des KZ Dachau von den schockierenden und unbeschreiblichen Eindrücken der Kameraden erfuhr, verschaffte er sich umgehend vor Ort selbst ein Bild der Lage. Er gab an, dass die dort vorgefundenen Massenverbrechen seine Vorstellungskraft überstiegen hätten.Pierre Sauvage: America and the Holocaust, In: Naomi Kramer (Hrsg.): Civil Courage: A Response to Contemporary Conflict and Prejudice, Peter Lang Publishing, New York 2007, S. 63. Nach seinem Empfinden hätte seinerzeit niemand die im Lager verübten Gräueltaten geglaubt. Im von Quinn unterzeichneten Vorwort heißt es dazu:Dachau, Vorwort: „DACHAU, 1933-1945, will stand for all time as one of history’s most gruesome symbols of inhumanity. There our troops found sights, sounds and stenches horrible beyond belief, cruelties so enormous as to be incomprehensible to the normal mind. Dachau and death were synonymous.“

Quinn beschloss das Erlebte umgehend zu dokumentieren, woraus der Untersuchungsbericht entstand.John C. McManus: Hell Before Their Very Eyes: American Soldiers Liberate Concentration Camps in Germany, April 1945, Johns Hopkins University Press, Baltimore 2015, ISBN 978-1-4214-1765-3, S. 138. Er bildete mehrere Teams, die Informationen zu den Geschehnissen im Lager zusammentragen und dabei auch Aussagen ehemaliger Häftlinge aufnehmen sollten. Insbesondere war es ihm auch wichtig herauszufinden, was die Bevölkerung der nahegelegenen Stadt Dachau vom Konzentrationslager wusste und wie sie darüber dachte. Der Bericht wurde innerhalb kürzester Zeit fertiggestellt, die Zeitangaben reichen von einer bis zu zwei Wochen.Morris U. Schappes: The Editors Diary. In: Jewish Currents, Volume 47, 1993, S. 20.

Beteiligt an dem Report waren das Office of Strategic Services (OSS), das Counter Intelligence Corps (CIC) und der Psychological Warfare Branch (PWB) der 7. US-Armee. Die enthaltenen 28 Fotos wurden von einer Einheit des United States Army Signal Corps aufgenommen.Dachau, S. 68: „163d Signal Photo Company“.Dachau Liberated (= bearbeitete Neuausgabe 2000), S. 5.

Der Bericht basiert vor allem auf Befragungen von befreiten Häftlingen durch US-amerikanische Nachrichtendienstler und auf Untersuchungen vor Ort. Dabei halfen Mitglieder des Comité International de Dachau, einer inoffiziellen Häftlingsverwaltung, die sich kurz vor der Befreiung des Lagers gebildet hatte.

Veröffentlichung Der Text des Berichts ist mit Schreibmaschine geschrieben, Überschriften in großer Schrift und Bilder wurden hinzugefügt. Zuständige Einheiten der US-Armee übernahmen den Druck.Dachau Liberated (= bearbeitete Neuausgabe 2000), S. 2 und 5. Bereits im Mai 1945 wurde eine Auflage von etwa 10.000 Exemplaren erreicht. Der Dachau-Bericht war laut den Memoiren von William W. QuinnWilliam W. Quinn: Buffalo Bill Remembers: Truth and Courage. Ende des Kapitels 34, Wilderness Adventure Books, November 1991, ISBN 978-0-923568-23-8. zunächst nur als interner Bericht zur Verwendung in der US-Armee gedacht, gelangte aber dann ungeplant durch Auslage in einem Presseraum an Journalisten, wodurch er der Öffentlichkeit bekannt wurde. Er kursierte bald unter US-Soldaten und Pressevertretern.Dachau Liberated (= bearbeitete Neuausgabe 2000), S. 2.

Die Weltöffentlichkeit war schon vor dem Bekanntwerden des Dachau-Berichts über die vorgefundenen Zustände im KZ Dachau informiert worden. So waren bereits während der Befreiung des KZ Dachau einige Journalisten als Begleiter der US-amerikanischen Soldaten zugegen, darunter die Kriegsberichterstatterin der New York Herald Tribune Marguerite Higgins. Sie schrieb den „ersten, allerdings verspätet übermittelten Bericht aus Dachau“.Norbert Frei: „Wir waren blind, ungläubig und langsam“. Buchenwald, Dachau und die amerikanischen Medien im Frühjahr 1945. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 35, Heft 3/1987, S. 391, FN 17. Bereits am 1. Mai 1945 veröffentlichten viele Zeitungen entsprechende Artikel. Auch kamen Filmteams in das befreite Lager. Auf Einladung von Dwight D. Eisenhower machten sich Delegationen amerikanischer Politiker sowie von Chefredakteuren und Verlegern am 2. bzw. 3. Mai 1945 vor Ort ein Bild der Lage. Das Ziel war, „durch ihre Berichterstattung die Öffentlichkeit in den USA von dem Ausmaß und der Authentizität der Gräuel zu überzeugen“.Harold Marcuse: Das ehemalige Konzentrationslager Dachau: Der mühevolle Weg zur Gedenkstätte, 1945-1968. In: Dachauer Hefte 6/1990, S. 184.

Inhalt Zusammenfassung mini|Leichen verhungerter Häftlinge, die während des Transports in das KZ Dachau starben. Ein Ausschnitt dieses Fotos vom 30. April 1945 ist im Bericht auf Seite 17 zu sehen. mini|hochkant|seite=66|Organisation des KZ Dachau als Organigramm, Seite 64

Der Bericht stellt den Komplex des Konzentrationslagers Dachau umfassend und aus verschiedenen Perspektiven dar. Da die amerikanischen Untersucher als Befreier im Lager waren und daher auf hohe Kooperationsbereitschaft und AussagewilligkeitDachau, S. 18, 21. der befreiten Häftlinge setzen konnten, nehmen einen Teil des Reports Augenzeugenberichte der Insassen ein, ebenso wie vereinzelte längere Auszüge von Tagebüchern und persönliche Erlebnisberichte einzelner Häftlinge.Dachau, S. 35–45, 46–60, 61–63. Ein Großteil sind sachliche Analysen bzw. Zusammenfassungen durch die Verfasser des Reports.

Durch den gesamten Inhalt zieht sich die Schilderung verschiedener Aspekte der extrem harten Lebensbedingungen, die den Insassen aufgezwungen worden waren.Dachau, S. 3, 7–10, 60. Diese seien ständig vom Tod durch Verhungern, Erfrieren oder Hinrichtung bedroht gewesen. Exemplarisch steht dazu im vom OSS verfassten Teil:Dachau, S. 8: „These factors dividing people in a normal type of society are totally inapplicable to the situation at Dachau where people lived the most abnormal kind of existence imaginable. Regardless of origin, education, wealth, politics, or religion, people living in Dachau for a certain time were gradually reduced to the most primitive and cruel form of existence – motivated almost exclusively by fear of death. They no longer acted as former bankers, workers, priests, Communists, intellectuals or artists, but primarily as individuals trying to survive in the physical conditions of Dachau, i.e., trying to escape the constantly threatening death by starvation, freezing, or execution.“

Darlegungen zur Soziologie und Sozialpsychologie des Systems aus Häftlingen bzw. Häftlingsgruppen, deren Interaktion untereinanderDachau, S. 3, 14, 16. sowie mit der das Lager befehligenden SS und der sogenannten Häftlingsverwaltung bzw. ArbeitsverwaltungDachau, S. 3, 11 ff. werden ergänzt durch eine Darstellung der Organisation des Konzentrationslagers als Organigramm.Dachau, S. 44. Es gibt statistische Auflistungen über Häftlingszahlen und den Anteil unterschiedlicher NationalitätenDachau, S. 5 ff., 15, 28, 65. und der vorgeworfenen Verbrechen, ebenso wie Zahlen über Todesfälle im Lager, die ab Herbst 1944 stark anstiegen.Dachau, S. 6, 66. Darstellungen der sozialen Dynamik der Häftlinge untereinanderDachau, S. 3, 14, 16. nehmen erheblichen Raum ein, etwa die Interaktion zwischen Häftlingsgruppen unterschiedlicher Nationalitäten und wie diese Unterschiede von der SS absichtlich zu Kontroll- und Unterdrückungszwecken instrumentalisiert wurden – etwa indem deutsche Insassen gezielt und überdurchschnittlich in mit gewisser Macht ausgestatteten Positionen als Funktionshäftlinge in der Häftlingsverwaltung eingesetzt wurden.Dachau, S. 3, 9, 11 f.