mini|Blick vom Potzberg (562 m) zum Donnersberg (2008) Remigiusland ist der Name einer Geschichtslandschaft im Nordpfälzer Bergland um Kusel und Altenglan, die im Mittelalter unter der Grundherrschaft der Benediktiner-Abtei Saint-Remi in Reims stand. Historisches Interesse gewinnt das Remigiusland durch die für eine ländliche Gegend im deutschen Sprachraum früh einsetzende und reichhaltige schriftliche Überlieferung. Die Frühgeschichte des Remigiuslandes überliefern die Kleriker Hinkmar von Reims und Flodoard von Reims.
Name Namenspatron ist Sankt Remigius von Reims. Der Name, der in älterer Zeit St. Remeis Land und ähnlich lautete, kam nach der Reformation in der mehrheitlich protestantischen Region außer Gebrauch. Von Historikern des 18. und 19. Jahrhunderts wurde er wiederbelebt. Im 20. Jahrhundert griffen Geschichtsvereine, Periodika wie das Heimatblatt des Remigiuslandes (erschienen 1.1922–11.1932) und Gastronomiebetriebe den Namen auf. Der auf dem Heiligennamen beruhende Taufname Remig (aus Remigius) war ehemals in Kusel und Umgebung verbreitet.
Geographie mini|Landgericht Kusel (Remigiusland) Das Gebiet umfasst etwa 40 Orte mit einer Fläche von etwa 200 km² und erstreckt sich an den Flüssen Oster und Glan, im Norden bis zur Kuralb und im Süden bis zum Henschbach. Der Bezirk entspricht im Wesentlichen dem ehemaligen Kanton Kusel (1818–1862) und dem ehemaligen Landgericht Kusel. Heute gehören die meisten Orte zur 2018 gebildeten Verbandsgemeinde Kusel-Altenglan im Landkreis Kusel in Rheinland-Pfalz, sechs Gemeinden im Ostertal und die Gemeinde Schwarzerden gliederte die französische Militärverwaltung 1947 dem Landkreis St. Wendel im Saarland an.
Kennzeichnend für die Region ist das Kuseler Bergland, eine stark bewaldete, geschlossene Gruppe markanter Bergrücken und Bergkegel, durchsetzt mit Rodungsfluren und Flusstälern. Das Kuseler Bergland besitzt trotz geringer Höhen (250 bis 300 Meter Höhe in den Tallagen und 320 bis 420 Meter Höhe in den Höhenlagen) ein sehr bewegtes Relief. Bergrippen und Bergrücken mit engen Flussdurchbrüchen wechseln mit sanfteren Hängen, Hochflächenresten und Mulden. Entwässert wird das Gebiet im Osten über den Glan zur Nahe und im äußersten Westen über die Oster zur Blies.
Im Frühmittelalter war die Region Teil des stark bewaldeten und kaum besiedelten Vosagus, womit man den Mittelgebirgsraum von etwa 10.000 km² Gesamtfläche westlich der Oberrheinischen Tiefebene von der Burgundischen Pforte im Süden bis zum Hunsrück im Norden bezeichnete.
Geschichte Nach der von Erzbischof Hinkmar von Reims ausformulierten Legende hatte gegen Ende des 5. Jahrhunderts der hl. Remigius als Bischof von Reims den Frankenkönig Chlodwig I. getauft und mit einem vom Himmel herab gesendeten Öl gesalbt. Der Reimser Kathedrale Notre-Dame als Krönungsort fast aller Könige Frankreichs und der Reimser Abtei Saint-Remi, die das dazu benötigte Salböl aufbewahrte, flossen in der Folge reiche königliche Stiftungen zu.
6. Jahrhundert mini|Waldlandschaft bei Oberalben Die Vita Remigii aus dem 9. Jahrhundert erzählt, der hl. Remigius († 533) habe im Wasichen (in Vosago) ein großes unerschlossenes Waldgebiet gekauft und darin mit Siedlern aus dem bischöflichen Behren (Berna), das er von den Franken bekommen habe, die beiden Weiler Kusel (Cosla) und Altenglan (Gleni) gegründet. Cosla und Gleni hätten ihre Namen nach den Bächen, an denen sie liegen. Remigius selbst habe das Land mit Grenzsteinen abgesteint. Einen Grenzstein habe er so fest in einen hohlen Baum gesetzt, dass niemand ihn herausziehen konnte. Die Siedler hätten aus den Wäldern jährlich Pech zur Reimser Kirche liefern müssen.Hincmar, Vita Remigii, c. 17. MGH SS rer. Merov. 3, S. 309 Die Vita schrieb Erzbischof Hinkmar von Reims 350 Jahre nach den darin berichteten Ereignissen. Der Reimser Chronist Flodoard übernahm die Erzählung etwas gekürzt.Flodoardi Hist. Remen. lib 1, c. 20. MGH SS 36, S. 108 Im Urteil der modernen Historiker ist die betreffende Passage der Vita Remigii eine Erfindung des Vitenautors Erzbischofs Hinkmar von Reims, der den Erwerb des Fernbesitzes der Reimser Kirche durch Berufung auf den Rechtstitel des hl. Remigius vor der allfälligen Entfremdung bewahren wollte.
Das Testamentum Remigii amplius eines unbekannten Verfassers des 9. oder 10. Jahrhunderts, in dem manche ebenfalls den Erzbischof Hinkmar von Reims erblicken möchten, setzt auf dem originalen Remigius-Testament auf, in dem genannte Besitzungen an genannte Kirchen vermacht sind. Durch den Einschub zahlreicher Orte wird es erweitert bzw. verfälscht. Darin heißt es, König Chlodwig I. († 511) habe Remigius die Ländereien im Wasichen (in Vosago) übergeben, nämlich Berna und Bischmisheim (Piscofesheim), das den Namen des Bischofs in der deutschen Volkssprache trage. Gekauft habe Remigius Coslo und Gleni und andere Orte diesseits und jenseits des Rheins, die jährlich Pech zur Reimser Kirche zur Abdichtung der Weinfässer lieferten.Flodoardi Hist. Remen. lib 1, c. 18. MGH SS 36, S. 98 Neu hinzu kommt namentlich Bischmisheim. Im Übrigen folgt die Darstellung der Remigius-Vita, diesmal ohne die Geschichte vom Grenzstein im hohlen Baum. Das Testamentum Remigii amplius gilt den modernen Historikern als Zweckfälschung.
Eine Urkunde des 10. Jahrhunderts berichtet, die Abtei Kusel mit allem Zubehör sei dem hl. Remigius von Chlodwigs Sohn Chlodomer (511–524), dem König von Neustrien, zugewendet worden. Diese Variante bezeichnen die modernen Historiker als „zweifelhaft“.MGH DD Merow. 2, S. 503, Dep. Nr. 12 Der Hauptgrund, alle drei Berichte, die den Erwerb des Remigiuslandes noch zu Lebzeiten des hl. Remigius († 533) geschehen lassen, zu verwerfen, besteht darin, dass im Testamentum Remigii brevis, das Remigius selbst zugeschrieben wird, keine Rede vom Remigiusland ist. Jedoch beinhalten die Erzählungen einen wahren Kern. Das Remigiusland gehörte Reims, die Pechlieferung aus dem Remigiusland nach Reims ist vielfach verbürgt und die etymologischen Notizen, dass nämlich Cosla und Gleni ihre Namen nach den gleichnamigen Bächen erhielten und Piscofesheim nach dem besitzenden Bischof, finden die Zustimmung moderner Historiker.
Eine Angabe des Reimser Chronisten Flodoard aus dem 10. Jahrhundert wird endlich von den Historikern nicht bezweifelt. Darin berichtet Flodoard, es sei im Reimser Archiv zu seiner Zeit eine Urkunde vorhanden gewesen, mit der König Childebert II. von Austrasien (575–596) einen Weiler im Wasichen (villarem quendam situm in Vosago) unweit des Flusses Saar (prope fluvium Saroam) dem Reimser Bischof Ägidius (550–590) zu seinem und der Reimser Kirche Besitz übertragen habe. Das zeigt, dass die Reimser Kirche bereits vor dem Jahr 590 Fernbesitz in der Saargegend erhielt, wobei diese Lageangabe am besten mit Bischmisheim vereinbar ist.
9. Jahrhundert mini|Siegel der Kathedrale Notre-Dame Zwischen dem 6. und dem 9. Jahrhundert kam das Remigiusland – sicherlich vor der Brüderteilung des Frankenreichs im Vertrag von Verdun im Jahr 843 – in den Besitz der Reimser Kathedralkirche. Der 845 zum Erzbischof von Reims erhobene Hinkmar von Reims (845–882) erzählt in der Vita Remigii ein Wunder, bei dem zwei Brüder, Franken und Förster Kaiser Ludwigs des Frommen (813–840), auf der Stelle bestraft worden seien, als sie die Grenze des Remigiuslandes gegen den kaiserlichen Forst falsch gewiesen hätten.Hincmar, Vita Remigii, c. 27. MGH SS rer. Merov. 3, S. 323 Flodoard übernahm die Erzählung etwas gekürzt ohne den Namen Ludwigs und nahm nur Bezug auf den königlichen Forst.Flodoardi Hist. Remen. lib 1, c. 20. MGH SS 36, S. 108
Erzbischof Hinkmar bemühte sich in Briefen an in- und ausländische Machthaber um die Rückerstattung entfremdeter Besitztümer der Reimser Kirche. Flodoard überliefert zahlreiche solche Briefe Hinkmars in kurzen undatierten Notizen. Adressaten bezüglich Besitzungen im Vosagus und im Wormsgau waren König Ludwig der Deutsche,MGH SS 30, 2, S. 210, S. 267 König Karl der Kahle,MGH SS 30, 2, S. 259 [Graf] Nantar,MGH SS 30, 2, S. 332 Graf Megingaud,MGH SS 30, 2, S. 340, S. 341 Erzbischof Liutbert von Mainz,MGH SS 30, 2, S. 272 Bischof Wala von Metz,MGH SS 30, 2, S. 316 und gleich vier Briefe gingen an Erluin,MGH SS 30, 2, S. 341 dem Hinkmar mit Gold und Silber für seine Bemühungen dankte. Er wird teils mit dem Pfalzgrafen Ludwigs des Deutschen identifiziert. Die Datierung der Hinkmar-Briefe ist in vielen Fällen nicht allzu genau möglich. Zwischen 845 und 876 fällt jedenfalls ein verlorenes Diplom Ludwigs des Deutschen († 876), in dem er dem Erzbischof Hinkmar Scavenheim im Wormsgau, Cosla und Gleni im Wasichen sowie Schouerunstat und Helisleba in Thüringen und Austrien zurückerstattete.MGH DD LdD S. 170 Nr. 120
Hinkmars Nachfolger Fulko von Reims erwirkte 884 in Metz ein Diplom Kaiser Karls III. zur Rückgabe entfremdeter Güter; aufgezählt werden im längst nicht mehr bestehenden Herzogtum Thüringen (in ducatu Toringorum) Scaunistat, Northus und Adlistat, weiter Cobas und Prummern (Promere) im Ripuariergau und schließlich Behren (Berna) und Bischmisheim (Biscofesheim) im Rosselgau in der Bliesgrafschaft.MGH DD Karl III S. 170 f. Nr. 106 Die beiden letztgenannten Orte werden häufig zum Remigiusland gezählt oder im Zusammenhang mit diesem genannt. Von der Rückgabe Behrens (Berna) an Fulko berichtet auch Flodoard von Reims.Flodoardi Hist. Remen. lib 4, c. 2. MGH SS 36, S. 372
Das Remigiusland war kein alleiniger, fest umschriebener Besitz der Reimser Kirche. Die Besitzstreitigkeiten zeigen an, dass weltliche Große hier gleichfalls Besitz erlangt hatten. Überliefert ist Adelsbesitz nur in Ausnahmefällen, etwa wenn er gestiftet wurde. Der Adlige Heririch, Bruder des hl. Bischofs Hunfrid von Thérouanne, hatte 868 der Salvatorkirche der Abtei Prüm Güter in Weinsheim bei Kreuznach und Bingen und 70 Leibeigene übergeben. König Ludwig der Deutsche bestätigte 870 nach Heririchs Tod der Abtei Prüm die Güter und zählte dabei noch Glena und Gensingen auf.MGH DD LdD S. 182 f. Nr. 131 Da das Prümer Urbar von 893 die Orte in der Reihenfolge Glene, Odenbach am Glan und Weinsheim aufzählt, ist Glena/Glene im Glantal zu suchen (Altenglan oder Hundheim am Glan). Heririch trug ein Lehen in Niederkirchen i. O. (Osternaha), das König Ludwig der Deutsche nach Heririchs Tod der Salvatorkirche in Frankfurt am Main überließ und worauf die Kirche in Niederkirchen i. O. mit Zehnt und Ländereien gebaut war.
10. Jahrhundert mini|Abteikirche Saint-Remi Am 16. September 902 konferierten Erzbischof Hatto I. von Mainz und Erzbischof Heriveus von Reims über kirchliche Angelegenheiten und über die Politik des Reiches. Ort ihrer Zusammenkunft war das „Kloster/Stift des Herric(us)“ (in Herrici monasterio, in basilica scilicet sancti Salvatoris), das nur dieses eine Mal genannt wird. Es lag in der Nähe von Kusel. Bei der Zusammenkunft übertrug Erzbischof Heriveus von Reims dem Mainzer Erzbischof Hatto I. den Schutz der Reimser Güter im Wormsgau (in pago Guormacensi).MGH SS 30, 2, S. 755 f. Am übernächsten Tag, dem 18. September 902, weihte Heriveus Kirche und Hauptaltar von Kusel (in Chuosla saltus Vosagi) auf das Patrozinium des hl. Remigius und Hatto I. bestätigte die Weihe.MGH SS 30, 2, S. 755 f. Am nächsten Tag urkundete König Ludwig das Kind, dessen Nähe beide Erzbischöfe suchten, von Metz her kommend, in Wadgassen an der Saar.MGH DD LdK S. 119 Nr. 116
Der Chronist Flodoard berichtet, dass Erzbischof Heriveus die Kirche auf den Besitzungen des hl. Remigius im Vosagus erbaut und mit Zustimmung des Mainzer Diözesans geweiht habe.MGH SS 30, 2, S. 406 Folglich lag das Remigiusland im Erzbistum Mainz. Gau- und Grafschaftszugehörigkeit ergeben sich aus einer Urkunde von 918 über eine Schenkung von Gütern in Niederkirchen i. O. (Hosternaha) im Nahegau (in pago Nahgoue) in der Grafschaft des Grafen Konrad an die Reimser Kathedrale, die in der Remigiuskirche in Kusel verhandelt wurde.