Der Berlin-Brandenburgische Kirchenkreis Kölln-Land I war der Zusammenschluss evangelischer Kirchengemeinden im heutigen Südwesten Berlins und im angrenzenden Kreis Teltow in Brandenburg. Er galt zum Zeitpunkt seiner Auflösung am 1. April 1948 als der größte und bedeutendste Kirchenkreis in der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union.Ulrich Muhs: Die Evangelische Kirchengemeinde in Berlin-Lichterfelde in den Jahren 1919–1927. In: Elke Heinsen: Bekenntnisgebundenes Wort, Amt und Funktionen – Der Berliner Superintendent Max Diestel in den kirchenpolitischen Auseinandersetzungen der Jahre 1933/34. Verlag Micheline Poli, Berlin 2005, S. 15.

Name und Geschichte

In dem Namen Kölln, ältere Schreibweise „Cölln“ und nicht zu verwechseln mit dem rheinischen Köln mit einem „l“, lebt die aus dem 12. Jahrhundert stammende Stadt Kölln an der Spree fort, die 1307 verwaltungstechnisch und 1432 endgültig mit dem benachbarten Berlin zu einer gemeinsamen Stadtgemeinde verbunden wurde.Thekla Sielemann (Hrsg.): Chronik der Metropolen: Berlin. Chronik Verlag, Gütersloh/München 2003, S. 12. Geistlicher Mittelpunkt war die 1945 kriegszerstörte und dann 1960 abgerissene Stadtpfarrkirche St. Petri,Jürgen Boeckh: Alt Berliner Stadtkirchen Band I.Haude und Spener, Berlin 1986, S. 30 ff. die von 1811 bis 1829 auch Sitz des Superintendenten des Kirchenkreises Kölln-Land I war.

Nach der Reformation wurde 1541 der Teil der alten Propstei Berlin, der links (südlich) der Spree gelegen war, an die neu errichtete Propstei Kölln überwiesen.Georg Vorberg (Hrsg.): Die Kirchenbücher der Mark Brandenburg. Zweite Abteilung. Erstes Heft: Die Kirchenbücher im Bereich der Generalsuperintendentur Berlin (= Veröffentlichungen des Vereines zur Geschichte der Mark Brandenburg). Verlag Duncker und Humblot, Leipzig 1905, S. 33. Diese wurde 1812 in eine Stadt- (Kölln-Stadt) und eine Landdiözese (Diözese Kölln-Land) geteilt.Erich Schuppan (Hrsg.): Wider jede Verfälschung des Evangeliums. Wichern-Verlag, Berlin 1998, S. 328 Die Landdiözese erfuhr 1886 eine erneute Teilung in die Kirchenkreise Kölln-Land I sowie Kölln-Land II. Der bei dieser Teilung errichtete Kirchenkreis Kölln-Land I umfasste die evangelischen Kirchengemeinden, die im nordöstlichen Teil des Landkreises Teltow gelegen waren sowie die Gemeinden im südwestlichen Gebiet des heutigen Berlins, die bis 1920 auch zum Landkreis Teltow gehörten.Erich Schuppan (Hrsg.): Wider jede Verfälschung des Evangeliums. Wichern-Verlag, Berlin 1998, S. 334 Der Teilregion Kölln-Land II wurden vornehmlich die im heutigen Südosten Berlins gelegenen evangelischen Gemeinden südlich der Spree zugeordnet.Erich Schuppan (Hrsg.): Wider jede Verfälschung des Evangeliums. Wichern-Verlag, Berlin 1998, S. 338 Dennoch wird in der Literatur für den westlichen Teil dieses Kirchengebietes oft die Bezeichnung Kölln-Land I bereits ab dem Jahr 1812 verwendet.vgl.: Georg Vorberg (Hrsg.): Die Kirchenbücher der Mark Brandenburg. Zweite Abteilung. Erstes Heft: Die Kirchenbücher im Bereich der Generalsuperintendentur Berlin (= Veröffentlichungen des Vereines zur Geschichte der Mark Brandenburg). Verlag Duncker und Humblot, Leipzig 1905, S. 33.

Gemeinden

Zum Jahr 1905 gehörten die folgenden Gemeinden zum Kirchenkreis Kölln-Land I:Nach Vorberg 1905, S. 40 f.

Blankenfelde. Kirchen: a Blankenfelde bei Mahlow, b. Glasow, c. Jühnsdorf, d. Rangsdorf Deutsch Wilmersdorf. Kirchen: a Deutsch-Wilmersdorf mit Halensee, b. Schmargendorf, (eingekircht: Hundekehle), c. Dahlem, (eingekircht: Paulsborn und Jagdschloss Grunewald) Diedersdorf. Kirche: Diedersdorf bei Mahlow Friedenau. Kirche: Zum Guten Hirten in Friedenau bei Berlin Gröben. Kirchen: a. Gröben bei Ludwigsfelde, (eingekircht: Jütchendorf), b. Groß-Beuthen, (eingekircht: Klein-Beuthen) Groß-Beeren. Kirchen: a. Groß-Beeren, b. Heinersdorf (eingekircht: Osdorf), c. Klein-Beeren, Groß-Lichterfelde. Kirchen: a. Paulus-Pfarrkirche, b. Giesensdorf, c. Petrus-Kirche, Hilfskirchen. Grunewald. Kirche in der Kolonie Grunewald Siethen. Kirche in Siethen bei Ludwigsfelde Stahnsdorf. Kirchen: a. Stahnsdorf bei Groß-Lichterfelde, b. Klein Machnow, (Dreilinden wurde zum 1.4. 1899 ausgekircht nach Wannsee, Parochie Klein Glienicke, Kirchenkreis Potsdam I), c. Sputendorf, d. Ruhlsdorf Steglitz. Kirche zu Steglitz bei Berlin Teltow. Kirche: St. Andreas-Kirche zu Teltow, (eingekircht: Schönow) Zehlendorf. Kirche zu Zehlendorf, Kr. Teltow, (eingekircht: Düppel, Oberförsterei Grunewald und Erziehungs-Heim)

Die Zahl der zum Kirchenkreis gehörigen Gemeinden stieg zum Jahr 1924 auf 18 Pfarrsprengel mit ca. 36 Gemeinden und 332.000 Mitgliedern.Elke Heinsen: Bekenntnisgebundenes Wort, Amt und Funktionen. Der Berliner Superintendent Max Diestel in den kirchenpolitischen Auseinandersetzungen der Jahre 1933/34. Berlin, Verlag Micheline Poli, 2005. S. 16. Dies ist vor allem dem Wachstum Berlins geschuldet, was zur Ausgliederung von Filialgemeinden führte. So wurde z. B. 1908 die pfarramtliche Verbindung der drei Kirchengemeinden Deutsch-Wilmersdorf, Schmargendorf und Dahlem aufgehoben, Dahlem bekam eine eigene Pfarrstelle.Website der Kirchengemeinde Dahlem, Abruf 1. März 2021. Bis 1934 vergrößerte sich die Zahl der Gemeindemitglieder und Pfarrstellen im Kirchenkreis nochmals um mehr als ein Drittel. Zur Betreuung der Menschen in den nach der Gründung Groß-Berlins 1920 zahlreich entstandenen Siedlungen wurde im Kirchenkreis Kölln-Land I das – einmalige – Amt eines „Kreispfarrers für Siedlungen“ eingerichtet.Thomas Karzek: Warum heisst die Siedlungskirche eigentlich Siedlungskirche? In: Gemeindenachrichten der Evangelischen Kirchengemeinde St. Andreas, Teltow. Ausgabe September 2020 S. 12

Mit der Gründung Groß-Berlins im Jahre 1920 wurde der Kirchenkreis kommunalpolitisch in zwei Teile geteilt. Zehn Gemeinden verblieben in Berlin, acht im brandenburgischen Kreis Teltow. Mit der Übernahme einer Pfarrstelle in Berlin-Dahlem 1922 durch Waldemar Macholz wechselte der Sitz der Superintendentur von Teltow dorthin und mit der Übernahme des Amtes durch Max Diestel von 1925 bis zur Auflösung des Kirchenkreises nach Berlin-Lichterfelde.

Superintendenten mini|Grabstein von Superintendent Lange auf dem Friedhof in Teltow Die folgenden Superintendenten standen dem Kirchenkreis Kölln-Land bis zu seiner Teilung vor:Elke Heinsen, 2005, S. 15.

1811–1829 Friedrich Samuel Pelkmann (1772–1843), Amtssitz: St. Petri 1829–1846 Friedrich Mann (1780–1853), Amtssitz: Luisen 1846–1850 Karl Büchsel (1803–1889), Amtssitz: St. Matthäus 1850–1854 Wilhelm von Hengstenberg (1804–1880), Amtssitz: Teltow 1854–1858 Wilhelm Pippart (1810–1885), Amtssitz: Teltow 1858–1867 Gustav Mühlmann (1814–1901), Amtssitz: Teltow 1868–1875 Heinrich August Encke (1828–1875), Amtssitz: Teltow 1876–1900 Anton Christian Lange (1830–1900), (während seiner Amtszeit erfolgte die Teilung des Kirchenkreises) Amtssitz: Teltow

Superintendenten des Kirchenkreises Kölln-Land I nach der Teilung:

1901–1914 Johannes Schaper (1842–1921), Amtssitz: Teltow 1915–1925 Waldemar Macholz (1876–1950), Amtssitz: Bis 1922 Teltow, bis 1925 Dahlem 1925–1948 Max Diestel (1872–1949), Amtssitz: Lichterfelde

Besondere Bedeutung des Kirchenkreises in der Zeit des Kirchenkampfes 1933–1945

Im Kirchenkreis Kölln-Land I wirkten viele Persönlichkeiten der Bekennenden Kirche (BK) in der Zeit der Auseinandersetzung der evangelischen Kirche mit dem Nationalsozialismus. An seiner Spitze stand Superintendent Max Diestel, der mutig vakante Pfarrstellen mit Mitgliedern der – oppositionellen – Bekennenden Kirche besetzte. Darüber hinaus förderte er die Ausbildung von Theologiestudenten durch Dozenten der Bekennenden Kirche in der illegalen Kirchlichen Hochschule Berlin, die ab 1935 zuerst in Dahlem, dann in Zehlendorf bestand.Das Pfarrhaus Tietzenweg 130 (I) Unruhige Zeiten - Erinnerungen von Gudrun Diestel in „Der Paulusbrief“ Mitteilungen der Ev. Paulusgemeinde Berlin-Lichterfelde. Ausgabe Juni 2019 S. 8. Zu Beginn des Kirchenkampfes (1933/34) wurde er von der Kirchenbehörde seiner Funktion als Superintendent enthoben, dann jedoch wieder eingesetzt.

Die führenden BK-Pfarrer Hans Böhm, Fritz Müller und Martin Niemöller waren Pfarrer im Kirchenkreis. Pfarrer Kurt Scharf, Mitbegründer des Pfarrernotbundes und Präses der Bekenntnissynode, hatte sein Vikariat in der Kirchengemeinde Dahlem absolviert. Der als Generalsuperintendent der Kurmark abgesetzte Otto Dibelius wohnte in Berlin-Lichterfelde. Das Büro des Bruderrates der Bekennenden Kirche Preußens befand sich ebenfalls in der Lichterfelder Drakestraße 32.Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Steglitz und Zehlendorf. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1986, S. 33. Vorlesungen der illegalen „Kirchlichen Hochschule“ fanden unter anderem in der Steglitzer Paulsenstraße statt.Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Steglitz und Zehlendorf. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1986, S. 27

Darüber hinaus waren Gemeinden im Kirchenkreis Gastgeber mehrerer Bekenntnissynoden: Für die gesamte Bekennende Kirche auf Reichsebene tagte (nach der in Barmen) die zweite Synode vom 19. bis 20. Oktober 1934 in der Kirche Niemöllers in Berlin-Dahlem. Auf regionaler Ebene versammelte sich unter anderem die 3. Bekenntnissynode der preußischen Landeskirche im September 1935 durch Vermittlung der dort wirkenden Pfarrer Klamroth und Messow in der Steglitzer Markus-Gemeinde.Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Steglitz und Zehlendorf. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1986, S. 25: Zum Kirchenkreis stellte die NS-Justiz fest: „Zusammenfassend ist auszuführen, dass von den 11 Berliner Kirchenkreisen nur der Kirchenkreis Kölln-Land I als ausgesprochene Domäne der BK (Bekennenden Kirche) anzusprechen ist“.Hans-Rainer Sandvoß: Es wird gebeten, die Gottesdiente zu überwachen. Lukas-Verlag, Berlin 2014, S. 219.

Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg und Auflösung des Kirchenkreises

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wuchs die Zahl der Kirchengemeinden im Kirchenkreis Kölln-Land I durch eine Neuordnung der Kirchenkreisgrenzen im Berliner Süden und Südwesten sowie der Teilung der Großgemeinde Berlin-Wilmersdorf. Diese wurde zum 1. April 1946 in vier neue, selbständige Kirchengemeinden aufgeteilt: Die Kirchengemeinde der Auenkirche, die der Hochmeister-, der Kirche am Hohenzollernplatz und der Lindenkirche.Kirchliches Amtsblatt der Kirchenprovinz Berlin-Brandenburg Nr. 5 vom 15. Mai 1946, S. 27 f Für den äußersten Südwesten Berlins beschloss die Provinzialsynode der neu gebildeten Kirchenprovinz Berlin-Brandenburg nach Anhörung der Beteiligten die Umgemeindung der Kirchengemeinde Berlin-Wannsee vom Kirchenkreis Potsdam I zum Kirchenkreis Kölln-Land I zum 1. Januar 1947 .Kirchliches Amtsblatt der Kirchenprovinz Berlin-Brandenburg Nr. 1/2 vom 15. Februar 1947, S. 7 Mit der Kirchengemeinde Berlin-Lankwitz wuchs dem Kirchenkreis Kölln-Land I aus der Auflösung des Kirchenkreises Kölln-Land II, ebenfalls zum 1. Januar 1947, eine weitere Gemeinde zu.Kirchliches Amtsblatt der Kirchenprovinz Berlin-Brandenburg Nr. 1/2 vom 15. Februar 1947, S. 7 Im selben Jahr erfolgte die Umbenennung des Kirchenkreises Kölln-Land I zur (ursprünglichen) Bezeichnung Kölln-Land zum 24. FebruarKirchliches Amtsblatt der Kirchenprovinz Berlin-Brandenburg Nr. 4 vom 15. April 1947 S. 17

Der Kirchenkreis Kölln-Land wurde mit Wirkung zum 1. April 1948 aufgelöst. Aus ihm entstanden die in den britischen und amerikanischen Sektoren Berlins gelegenen Kirchenkreise Steglitz, Wilmersdorf und Zehlendorf. Die in der sowjetischen Besatzungszone gelegenen Gemeinden verblieben bis zum Mauerbau 1961 beim Kirchenkreis Zehlendorf und bildeten danach mit anderen vom Westen abgeschnittenen Gemeinden einen eigenen Kirchenkreis Teltow.Kirchliches Amtsblatt der Kirchenprovinz Berlin-Brandenburg Nr. 9 vom 15. Oktober 1948, S. 52. Durch diese Maßnahme ergab sich folgende Aufteilung: