Ursprünglich war der Begriff „Muhạdschir“ die Bezeichnung für einen Begleiter des islamischen Religionsstifters und Propheten Mohammed auf der Flucht 622 n. Chr. von Mekka nach Medina. Im vorliegenden Artikel behandelt der Begriff des Muhacir [osmanisch , später auch türkisch als „“ oder „“ (Austauschheimkehrer) bezeichnet] oder Macırlar die Millionen von muslimischen Flüchtlingen, Rückwanderern, Vertriebenen und Umsiedlern aus dem europäischen Teil des Osmanischen Reichs, vor allem vom Balkan, aber auch aus Russland (z. B. von der Krim), aus dem Kaukasus und anderen Regionen des Osmanischen Reiches, die mit dessen Niedergang und Zerfall sukzessive seit dem 18. Jahrhundert in Anatolien angesiedelt wurden. Vor allem die Einwanderer, die erst nach 1951 in die Türkei kamen, werden als Göçmen bezeichnet. Die Begriffe Muhacir und Göçmen unterscheiden sich nur sprachlich, nicht sachlich. Göçmen ist das türkische Wort, Muhacir der früher gebräuchliche arabische Ausdruck. Beide Wörter bezeichnen Flüchtlinge. Unterschiede gab es nur bei der Ansiedlung. Während den ersten Einwanderern vom Staat in der Regel nur Wohn- und Ackerplätze zugewiesen wurden, hat man den Göçmen darüber hinaus auch neue Siedlungen errichtet. mini|400x400px|Die Abbildung zeigt die Haupt-Siedlungsgebiete der Muhacir (in Rot) und die der wichtigsten Minderheiten in der Türkei 1989.

Hintergründe des Muhacirlik Mit dem Verfall der osmanischen Herrschaft war den orthodoxen Muslimen in den verlorenen Reichsgebieten nur die Alternative der Emigration ins muslimische Mutterland geblieben, wenn sie nicht jener Vorschrift islamischen Rechts zuwiderhandeln wollten, dass der gläubige Muslim das Land zu verlassen habe, wenn dieses unter die Herrschaft der Ungläubigen fällt. Die Flüchtlingsströme zeigten, was Herkunft und Ethnie betraf, ein ausgesprochen buntes Muster. Dass ein großer Teil der Flüchtlinge keine Türken, sondern Nachkommen islamisierter Bosniaken, Mazedonier, Bulgaren oder Griechen waren und ihre Umgangssprache vielfach nicht türkisch war, spielte dabei keine Rolle. Gemeinsam war ihnen nur die islamische Religion. Entscheidend war das Bekenntnis zum Islam und damit zum Osmanischen Reich als Vormacht des Islam und Sitz des Kalifen. Es trat in den meisten Fällen an die Stelle der fehlenden Nationalität, verband die Flüchtlinge untereinander und zumeist auch mit den einheimischen Türken. Den Höhepunkt dieser Auslegung bildete der im Vertrag von Lausanne von 1923 festgelegte Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, der allein auf das Kriterium der Religion (Muslime gegen Orthodoxe) gegründet war, so dass z. B. eine Gruppe christlich-orthodoxer Araber aus Kilikien nach Griechenland ausgesiedelt wurde, und es bedurfte damals langer Verhandlungen vor der Gemischten Kommission, um die Massen-Deportation muslimischer Albaner von griechischem Territorium oder orthodoxer Bulgaren oder Jugoslawen von türkischem Territorium zu verhindern.

Auf diesem Hintergrund ist mindestens seit über zwei Jahrhunderten (ab 1783) der Lebensweg beträchtlicher Teile der türkischen Bevölkerung gekennzeichnet von Mobilität, an der oft schon der Großvater beteiligt war. Umgangssprachliche Begriffe, wie „Muhacirlik“ (Rücksiedlung), „Gurbetçilik“ („weg von daheim“: Pendelmigration), „Göçmenlik“ („unterwegs sein“: Binnenmigration) oder „Almancılık“ (Alman = Deutscher: Synonym für Arbeitsmigration nach Europa) verdeutlichen, dass Wanderungsvorgänge verschiedenster Art in der Türkei üblich und auch den Menschen dort bewusst sind. Dabei war das „Muhacirlik“ seit 1783 bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in erster Linie eine Rück- und Umsiedlung als Reaktion auf politische Zwänge und Auseinandersetzungen mit Nachbarstaaten der Türkei bzw. des Osmanischen Reiches.

Es war aber zugleich ein Element, das besonders seit 1878 die Besiedlung Kleinasiens entscheidend vorantreiben sollte, als türkische und muslimische Flüchtlinge den Balkan verließen und nach Anatolien zurückströmten: die Muhacir. Die früheste Emigrantenwelle kam allerdings von der Krim, wo die Annexion von 1783 durch Russland eine auf 1,5 Mio. Menschen geschätzte tatarische Bevölkerung unter russische Herrschaft brachte. Das russische Vorrücken in die muslimischen Gebiete der Krim, des Kaukasus und Zentralasiens rief einen Bevölkerungsstrom hervor, der kaum geringer war als jene späteren vom Balkan. So folgte seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eine Flüchtlingswelle auf die andere. Dass es heute so viele verschiedene ethnische Gruppierungen auf dem Gebiet der Türkei gibt, ist letztendlich das Erbe des „übernationalen“ Osmanischen Reiches, das Ergebnis eines jahrhundertelangen und vielschichtigen Überlagerungs-, Durchmischungs- und Assimilierungsprozesses. Gerade im Laufe des Niedergangs des Osmanenreiches seit dem 17. Jahrhundert sammelten sich zu den alt eingesessenen unterschiedlichen Stämmen turkmenischer und mongolischer Abstammung, zu den Kurden, Arabern, Armeniern, Griechen und Juden im anatolischen Mutterland weitere Volksgruppen (u. a. auch Äthiopier schwarzer Hautfarbe) als Rückwanderer (Muhacir) aus den verlorenen Reichsgebieten.

Inwieweit man andere (sprachliche, ethnische) Minoritäten, die sich in der nördlichen türkischen Schwarzmeer-Region erhalten haben, zu den Muhacir rechnen sollte, ist sicherlich eine Diskussion wert. Von ihnen, den Grusinern, Hemşinlis und Lazen, die irrtümlicherweise von den meisten Türken generell als Lazen bezeichnet werden, weil sie ein gemeinsames Siedlungsgebiet zwischen Rize und Artvin besetzen, sind die Hemşinli vermutlich im 15. Jahrhundert zum Islam konvertierte Teile einer altansässigen Bevölkerung armenischen Ursprungs. Die Grusiner dagegen, die bis nach Şavşat verbreitet sind und zudem weitere Siedlungsgebiete um Ordu, Giresun und Ünye sowie im Westpontus (Samanlıdağ, Adapazarı-Ova, Akçakoca-Bergland) und südlichen Marmarabereich (İnegöl und Manyas) haben, gehören, wie die Lazen, zur kaukasischen Sprachgruppe. Während die Lazen als autochthone Gruppe angesehen werden müssen, sind die meisten Grusiner muslimische Zuwanderer aus dem Kaukasus (christliches Georgien), die nach dem russisch-türkischen Krieg (1877/78) hierher flüchteten.

Dass bei diesen Fluchtprozessen nicht immer nur das Motiv der Religion die entscheidende Rolle spielte, zeigte die noch recht junge Flüchtlingswelle aus Bulgarien nach Thrakien als Reaktion auf politische Repressalien gegen die in Bulgarien lebenden türkischen Bevölkerungsteile. Darüber hinaus ist die Türkei seit 1980 auch Aufnahmeland für (Kriegs-)Flüchtlinge aus dem Irak, aus Iran und Afghanistan, deren Zahl auf 1,5 bis 2 Millionen Menschen geschätzt wird, und seit dem allerjüngsten Bürgerkrieg in Syrien auch solche aus dem syrischen Raum, die bislang allerdings nicht zu den Muhacir gezählt werden.

Die wichtigsten Flüchtlingswellen und die Herkunft der Muhacir Als Russland im 18. Jahrhundert die Schutzherrschaft über die unter türkischer Herrschaft lebenden Christen beanspruchte, kamen zwischen 1782 und 1790 die ersten 300.000 muslimischen Flüchtlinge von der Krim ins anatolische Mutterland. Unter Katharina II. hatten russische Verbände die von etwa 1,5 Millionen muslimischen Krimtataren bewohnten Gebiete annektiert. 70.000 russische Kolonisten waren dort im gleichen Zug angesiedelt worden. Darauf folgte ein ununterbrochener Exodus während des ganzen 19. Jahrhunderts: Eine zweite Welle zwang im Zusammenhang mit den kriegerischen Auseinandersetzungen von 1812 und 1828 etwa 200.000 Personen zur Flucht. 1814 lebten nur noch etwa 238.000 Tataren im Lande, vor allem im gebirgigen Teil der Krim und auf ihrem Südabfall. Dagegen wurde die Steppe im Norden praktisch ganz aufgegeben. Eine dritte Welle folgte nach dem verlorenen Krimkrieg (225.000 Flüchtlinge) und die letzte mit nochmals etwa 60.000 Flüchtlingen zwischen 1890 und 1892. Ähnliches gilt für die Tscherkessen und andere Kaukasier, die sich besonders gegen Ende des Kaukasuskrieges 1817–64, zum kleineren Teil auch später, von der Schwarzmeerküste aus zwischen Sinop und Samsun in einem tief nach Süden bis Maraş reichenden Keil quer durchs Land ansiedelten und weitere Schwerpunkte auf der nordöstliche Biga-Halbinsel sowie in der Çukurova bilden. Die Eroberung des Kaukasus und Turkmenistans durch die Russen (1859–1864 bzw. 1864–1868) trieb dann 100.000 Nogai-Tataren aus westkaspischen Steppen Kaukasiens und 400.000 bis 500.000 Tscherkessen islamischen Glaubens und kaukasischer Sprache nach Anatolien. Tscherkessen ließen sich außerdem in großer Zahl in den nördlichen und westlichen Teilen des Fruchtbaren Halbmonds bis in die Dschazira und das mittlere Euphrattal nieder. Sie haben dort in bemerkenswerter Weise die Pioniergrenze der Sesshaftigkeit in den Randsteppen der Syrischen Wüste vorangetrieben und bilden noch heute größere Minderheiten in Syrien und Jordanien. Eine weitere Gruppe, sibirische Tataren aus der Provinz Tomsk, ließ sich noch 1908 in der zentralanatolischen Steppe nordöstlich des Akşehir Gölü in Zentral-Anatolien nieder.

Gleichzeitig markierten größere vom Balkan kommende Flüchtlingsströme die Phasen des osmanischen Rückzugs aus Südost-Europa. Die Expansion Griechenlands (1881, 1898) auf Kosten des Osmanischen Reiches und die nationale Verselbständigung Serbiens, Rumäniens und Bulgariens auf dem Balkan lösten die Flucht der türkischen und islamisierten Balkanbewohner aus. Mehrere 100.000 Flüchtlinge verließen nach dem Niedergang der türkischen Herrschaft, besonders nach dem Berliner Frieden (1878), den Balkan. Nach dem Verlust von Kreta 1900 waren es wohl nochmals mehrere 10.000 Flüchtlinge. 1878 hatte man die Zahl der Mohammedaner auf dem Balkan auf etwa 3,5 Millionen geschätzt. Nach dem Balkankrieg dürften es nur noch 2 Millionen gewesen sein. Damals war es zu einem ersten offiziellen Bevölkerungsaustausch zwischen Türken und Bulgaren gekommen (1913: ca. 50.000 auf beiden Seiten). Danach folgten 1923 aufgrund einer zweiten derartige Vereinbarung zwischen der Türkei und Griechenland weitere Umsiedlungswellen: Die Rückwanderung von 1921 bis 1928, die erste, über die wir genauer unterrichtet sind, vertrieb etwa 400.000 von griechischem Territorium. Bis 1934 verließen über eine Million Griechen die Türkei, und 375.000 Türken emigrierten nach Anatolien. Auch in Friedenszeiten riss diese Bewegung nicht mehr ab. So wurde noch 1936 bei Antalya ein Dorf von Zyprioten errichtet.