mini|Grabstein Konrat Ziegler auf dem Stadtfriedhof GöttingenDas Grab befindet sich in Abteilung 29. Quelle: Jens-Uwe Brinkmann (Text), Kaspar Seiffer (Fotos): Der Göttinger Stadtfriedhof. Ein Rundgang. Göttinger Tageblatt, Göttingen 1994, ISBN 3-924781-26-5, S. 50, Nr. 35. Ein Abteilungsplan ist hier unter Stadtfriedhof Göttingen abrufbar.

Konrat Julius Fürchtegott Ziegler (* 12. Januar 1884 in Breslau, Provinz Schlesien; † 8. Januar 1974 in Göttingen) war ein deutscher klassischer Philologe. Neben einem breiten Spektrum an eigenen Forschungen zur griechischen und lateinischen Literatur der Antike hat ihm besonders die Herausgabe der letzten Bände des Ausführlichen Lexikons der griechischen und römischen Mythologie (1923–1937) und eines bedeutenden Teils von Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (1946–1974) wissenschaftliche Bekanntheit verschafft.

Leben Herkunft und Ausbildung Konrat Ziegler wurde 1884 als drittes von sieben Kindern von Ludwig Ziegler und Bertha Ziegler (geborene Diener) geborenKonrat Ziegler: De precationum apud Graecos formis quaestiones selectae. Grass, Barth & Comp., Breslau 1905 (zugleich Dissertation, Universität Breslau 1905), Lebenslauf auf dem hinteren Buchdeckel. und entstammte einer Familie Breslauer Kaufleute. Bereits mit 14 Jahren begann er die Mitarbeit im Import-Unternehmen seines Vaters und nach dem frühen Tod seiner Mutter übernahm er zudem als ältester Sohn zusätzliche Verantwortung im Haushalt.Bettina Kratz-Ritter: Konrat F. Ziegler, Professor Dr. phil., Dr. phil. h. c., ein „Gerechter unter den Völkern“. In: Włodzimierz Appel (Hrsg.): Magistri et discipuli. Kapitel zur Geschichte der Altertumswissenschaften im 20. Jahrhundert. Toruń 2002, ISBN 83-231-1521-4, S. 19–37, hier S. 19.

Die Schulzeit in seiner Heimatstadt Breslau an der von Carl Mittelhaus gegründeten „Privatschule für Knaben“Horst Fuhrmann: „Fern von gebildeten Menschen“. Eine oberschlesische Kleinstadt um 1870. C.H. Beck, München 1989, ISBN 3-406-33984-0, S. 134 (online). und am Elisabet-Gymnasium beendete er 1902 mit dem Reifezeugnis und nahm ein Studium der Geschichte, Archäologie und Klassischen Philologie an der Universität Breslau auf. Er wurde Mitglied des Philologischen Vereins Breslau im Naumburger Kartellverband.M. Göbel, A. Kiock, Richard Eckert (Hrsg.): Verzeichnis der Alten Herren und Ehrenmitglieder des Naumburger Kartell-Verbandes Klassisch-Philologischer Vereine an deutschen Hochschulen, A. Favorke, Breslau 1913, S. 41. Im Herbst 1904 unternahm er im Auftrag seines Professors Franz Skutsch eine zweimonatige Studienreise nach Rom, wo er das einzige erhaltene Manuskript der Schrift De errore profanarum religionum des Iulius Firmicus Maternus untersuchte und ihm einige Verbesserungen der Textrekonstruktion gelangen.Konrat Ziegler: Neue Firmicus-Lesungen. In: Rheinisches Museum für Philologie. Band 60, 1905, S. 273–296 (PDF; 4,8 MB). Im Oktober 1905 wurde Konrat Ziegler bei Skutsch aufgrund der am 20. Juli verteidigten Dissertation „De precationum apud Graecos formis quaestiones selectae“ zum Dr. phil. promoviert.

Werdegang bis 1933 1906 absolvierte er das Staatsexamen für die Fächer Geschichte, Latein und Altgriechisch im Lehramt an höheren Schulen, wandte sich dann aber einer universitären Karriere zu. Zunächst erhielt Ziegler vom preußischen Staat ein Stipendium in Höhe von 500 Mark für eine Reise nach Italien, wo er Handschriften von Plutarchs Biographien verglich. Seine Einleitung zu Maternus' De errore profanarum religionum wurde 1907 der Universität Breslau als Habilitationsschrift vorgelegt, die Habilitation selbst erfolgte im Oktober dieses Jahres bei Franz Skutsch. Zum Januar 1910 wurde Ziegler in Breslau zum außerordentlichen Professor ernannt.

Ebenfalls im Jahr 1910 heiratete er am 21. März Johanna Hübner (* 4. August 1880; † 15. Mai 1958); die fünf gemeinsamen Kinder (eine Tochter und vier Söhne) wurden zwischen 1913 und 1921 geboren.Zur Heirat und Familie siehe Bettina Kratz-Ritter: Konrat F. Ziegler, Professor Dr. phil., Dr. phil. h. c., ein „Gerechter unter den Völkern“. In: Włodzimierz Appel (Hrsg.): Magistri et discipuli. Kapitel zur Geschichte der Altertumswissenschaften im 20. Jahrhundert. Toruń 2002, ISBN 83-231-1521-4, S. 19–37, hier S. 20.

Nach dem Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg (zunächst als Dolmetscher, später als Presseattaché der deutschen Gesandtschaft in Bulgarien) wurde er 1920 persönlicher Ordinarius in Breslau. 1923 wechselte Ziegler als Nachfolger von Johannes Mewaldt an die Universität Greifswald, wo er 1926/1927 Dekan der Philosophischen Fakultät und 1928/1929 Rektor der Universität war.

Konrat Ziegler war Gründungsmitglied der Deutschen Demokratischen Partei und in ihrem Hauptvorstand tätig, gehörte dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold sowie der Deutschen Friedensgesellschaft an und war Mitglied und später Vorstand (1928/1929) des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus.Bettina Kratz-Ritter: Konrat F. Ziegler, Professor Dr. phil., Dr. phil. h. c., ein „Gerechter unter den Völkern“. In: Włodzimierz Appel (Hrsg.): Magistri et discipuli. Kapitel zur Geschichte der Altertumswissenschaften im 20. Jahrhundert. Toruń 2002, ISBN 83-231-1521-4, S. 19–37, hier S. 21; Während seiner Greifswalder Zeit geriet der überzeugte Demokrat daher zunehmend in Konflikt mit nationalistischen und monarchistischen Kreisen, wobei er sich bereits 1924 im „Greifswalder Flaggenstreit“ gegen den Prorektor der Universität Theodor Vahlen stellte, weil der am Verfassungstag 1924 die schwarz-rot-goldene Reichsfahne entfernen ließ.Israel Gutman (Hrsg.): Lexikon der Gerechten unter den Völkern. Seite 292. Bis ins Jahr 1939 hatte der konsequente Anhänger der Weimarer Republik eine Büste des Reichspräsidenten Friedrich Ebert auf seinem Schreibtisch stehen, die seine Söhne bei seiner Verhaftung in diesem Jahr gerade noch vor der Durchsuchung durch die Gestapo versteckten. Aber bereits weit vor 1933 machte sich Ziegler durch seine politische Haltung sowohl im akademischen Umfeld Greifswalds als auch in der Klassischen Philologie Deutschlands insgesamt zum Außenseiter. Im Jahr 1931 wurden bei Studentendemonstrationen die Fenster von Zieglers Haus eingeworfen.Bettina Kratz-Ritter: Konrat F. Ziegler, Professor Dr. phil., Dr. phil. h. c., ein „Gerechter unter den Völkern“. In: Włodzimierz Appel (Hrsg.): Magistri et discipuli. Kapitel zur Geschichte der Altertumswissenschaften im 20. Jahrhundert. Toruń 2002, ISBN 83-231-1521-4, S. 19–37, hier S. 19–21. Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er am 2. Mai 1933 telegrafisch beurlaubt und am 26. September von den neuen Machthabern auf Basis des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wegen „nationaler Unzuverlässigkeit“ entlassen.Eckart Mensching: Verfolgte Philologen im Berlin der dreißiger Jahre – Konrat Ziegler (1884–1974) vor Berliner Gerichten. In: Eckart Mensching: Nugae zur Philologie-Geschichte. Band 3, Technische Universität, Berlin 1990, ISBN 3-7983-1347-4, S. 5–47, hier S. 20. Maud Antonia Viehberg: Restriktionen gegen Greifswalder Hochschullehrer im Nationalsozialismus. In: Werner Buchholz (Hrsg.): Die Universität Greifswald und die deutsche Hochschullandschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 3-515-08475-4, S. 284–292.

Zeit des Nationalsozialismus Mit seiner Entlassung verlor Konrat Ziegler auch das universitätseigene Wohnhaus, das er mit seiner Frau Hanna und den fünf Kindern in Greifswald bewohnt hatte. Die Familie siedelte nach Berlin über, wo Ziegler privat weiter wissenschaftlich tätig war und seine finanzielle Lage durch Privatunterricht aufzubessern versuchte. Nachdem er 1938 einem befreundeten jüdischen Bankier bei der Flucht ins Ausland und dem heimlichen Nachtransport von dessen Vermögen geholfen hatte, wurde Ziegler am 5. Januar 1939 verhaftet und kam in die Justizvollzugsanstalt Moabit in Untersuchungshaft.Bettina Kratz-Ritter: Konrat F. Ziegler, Professor Dr. phil., Dr. phil. h. c., ein „Gerechter unter den Völkern“. In: Włodzimierz Appel (Hrsg.): Magistri et discipuli. Kapitel zur Geschichte der Altertumswissenschaften im 20. Jahrhundert. Toruń 2002, ISBN 83-231-1521-4, S. 19–37, hier S. 22 f. Im Mai 1940 wurde er angesichts seiner angeblichen „Weltfremdheit und ein[em] ungewöhnliche[n] Maß an Hilfsbereitschaft“, die durch das Gericht als mildernde Umstände ausgelegt wurden, zu einer Geld- und Gefängnisstrafe verurteilt.Zitiert nach Die Haftstrafe wurde schließlich unter Anrechnung der bereits abgesessenen acht Monate Untersuchungshaft auf vier verbleibende Monate verkürzt, die Ziegler in der Justizvollzugsanstalt Tegel verbüßte; die Geldstrafe wurde ihm schließlich erlassen.Bettina Kratz-Ritter: Konrat F. Ziegler, Professor Dr. phil., Dr. phil. h. c., ein „Gerechter unter den Völkern“. In: Włodzimierz Appel (Hrsg.): Magistri et discipuli. Kapitel zur Geschichte der Altertumswissenschaften im 20. Jahrhundert. Toruń 2002, ISBN 83-231-1521-4, S. 19–37, hier S. 23. Ein Dienststrafverfahren im folgenden Jahr wurde eingestellt, allerdings belegte der Propagandaminister Joseph Goebbels ihn mit einem totalen Publikationsverbot. Dennoch arbeitete er weiter an seiner Plutarch-Biographie, die im Jahr 1949 publiziert wurde. Siehe Konrat Ziegler: Plutarchos von Chaironeia. Metzler, Stuttgart 1949.

Ebenfalls nach seiner Entlassung aus der Haft versteckte Ziegler die Tochter zweier jüdischer Bekannter in seiner Wohnung, nachdem die Eltern Selbstmord begangen hatten.Bettina Kratz-Ritter: Konrat F. Ziegler, Professor Dr. phil., Dr. phil. h. c., ein „Gerechter unter den Völkern“. In: Włodzimierz Appel (Hrsg.): Magistri et discipuli. Kapitel zur Geschichte der Altertumswissenschaften im 20. Jahrhundert. Toruń 2002, ISBN 83-231-1521-4, S. 19–37, hier S. 23 f. Am 22. November 1943 wurde die Wohnung der Zieglers allerdings bei einem Luftangriff ausgebombt und auch die Privatbibliothek ging vollständig verloren. Konrat Ziegler zog mit seiner Familie nach Osterode am Harz, wo bereits seine beiden Schwestern Helene und Elisabeth lebten. Die Klassischen Philologen an der örtlichen Städtischen Oberschule halfen ihm mit ihren privaten Beständen an Fachliteratur aus, sodass er in gewissem Maße seine Arbeit fortsetzen konnte. Seinen früheren Greifswalder Kollegen Kurt Latte, der als Jude verfolgt wurde, überzeugte er, ebenfalls in das vergleichsweise ungefährliche Osterode umzusiedeln, und vermittelte ihm Unterkünfte und Kontakte.; Bettina Kratz-Ritter: Konrat F. Ziegler, Professor Dr. phil., Dr. phil. h. c., ein „Gerechter unter den Völkern“. In: Włodzimierz Appel (Hrsg.): Magistri et discipuli. Kapitel zur Geschichte der Altertumswissenschaften im 20. Jahrhundert. Toruń 2002, ISBN 83-231-1521-4, S. 19–37, hier S. 25–27.

Werdegang seit 1945 Am 17. April 1945 wurde Konrat Ziegler von der britischen Besatzungsmacht durch Major Crouch zum Landrat des Kreises Osterode am Harz ernannt und übte diese Funktion bis November 1946 aus.