mini|hochkant|Sitz des DEFA-Studios für Trickfilme: ehemaliger Gasthof Zum Reichsschmied, Kesselsdorfer Straße 208 in Dresden-Gorbitz, noch mit dem 2013 entfernten DREFA-Schriftzug am Turm, 2011 mini|Sitz des Tonateliers des Trickfilmstudios: ehemaliger Gasthof Gittersee, Karlsruher Straße 83 in Dresden-Gittersee, 2012 Das DEFA-Studio für Trickfilme in Dresden war seinerzeit das größte deutsche Animationsfilmstudio. Es entstand aus der Dresdner Außenstelle der DEFA und existierte von 1955 bis 1990 als selbständiger Volkseigener Betrieb (vollständiger Name: VEB DEFA-Studio für Trickfilme Dresden) mit bis zu 250 Mitarbeitern, nach der Wende dann in Form einer Kapitalgesellschaft noch bis zur Abwicklung 1992.
Das Studio war das künstlerische, technische und organisatorische Zentrum für die Entwicklung und Produktion von DEFA-Animationsfilmen in der DDR. Trickfilme entstanden in der DDR ferner beim Fernsehen der DDR, im DEWAG-Studio für Werbefilme und im DEFA-Studio für Dokumentarfilme (betrifft Puppenfilme), jeweils in Ost-Berlin. Neben Letzterem sowie den Studios für populärwissenschaftliche Filme und für Spielfilme, die ebenfalls in Berlin bzw. Potsdam angesiedelt waren, war das Dresdner eines der vier großen DEFA-Studios.
Im Laufe von mehr als drei Jahrzehnten produzierte das Dresdner Studio insgesamt rund 2000 Filme, davon allein 950 Eigenproduktionen für das Kino, vorwiegend animiert unter Anwendung aller damals gängigen Tricktechniken. Darunter befinden sich sowohl Märchen- und Kinderbuchverfilmungen als auch Filme mit politisch-ideologischen sowie sozialkritischen Inhalten. Mit seiner Silhouetten-Animation setzte das Studio internationale Maßstäbe. Den umfangreichen Nachlass verwalten das 1993 gegründete Deutsche Institut für Animationsfilm (DIAF) mit Sitz in Dresden und die DEFA-Stiftung.
Die 950 Eigenproduktionen sind über die Archivplattform Progress Film digital zugänglich und lizenzierbar.
Sitz Der Sitz des DEFA-Studios für Trickfilme befand sich während der gesamten Zeit seines Bestehens im Dresdner Stadtteil Gorbitz und lag in Stadtrandnähe am westlichen Elbtalhang. Das Hauptgebäude war der ehemalige Obergorbitzer Gasthof Zum Reichsschmied an der Kesselsdorfer Straße 208, als F 173 seinerzeit Dresdens Hauptausfallstraße nach Westen. Eingeweiht 1902, beherbergte der repräsentative Bau mit seinem markanten Turm nach seiner Zeit als Gasthaus, dessen Name eine Reminiszenz an Otto von Bismarcks Rolle als Reichseiniger war, bereits ab 1938/39 ein Filmstudio.Lothar Klare: BOEHNER Film Dresden im Obergorbitzer „Reichsschmied“. In: Ortsnachrichten Gompitz – Altfranken – Mobschatz. Ausg. v. Mai 2018, S. 23–25 (Digitalisat). Nach der Enteignung des Inhabers unterstand das Gebäude ab 1946 der DEFA, ab 1955 dem VEB DEFA-Studio für Trickfilme.
Aufgrund seiner baugeschichtlichen Relevanz und wegen seiner Bedeutung für die Geschichte der Filmproduktion in der DDR steht das Bauwerk als eines der Kulturdenkmale in Gorbitz unter Schutz.Kulturdenkmale im Freistaat Sachsen – Denkmaldokument 09210911. Ab Mitte der 1960er Jahre wurde es rückseitig um mehrere Bauten erweitert, darunter ein neues Ateliergebäude als unmittelbarer Anbau und ein Heizhaus. Im Vorderhaus befanden sich neben Ateliers auch Verwaltungsräume in oberen Geschossen und die Kantine im Keller. Der Gebäudekomplex besteht gegenwärtig (2021) teilsaniert weiter; zwischenzeitlich abgerissen wurden u. a. das Heizhaus an der Rädestraße, Baracken und das kleine Torhaus bzw. Wachgebäude, das an der Einfahrt westlich des Hauptgebäudes stand. Das Vorderhaus wurde 1992 an den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und 2005 an ein Unternehmen verkauft, das darin seither ein US-amerikanisches Restaurant betreibt. Ein benachbarter Reitsportfachmarkt erwarb 2005 eine der ehemaligen DEFA-Werkhallen. Die mehr als 60-jährige Nutzung des Hauses als Filmstudio hatte 2000 mit dem Umzug des MDR-Tochterunternehmens nach Leipzig geendet.
Der Betriebsteil Tonatelier des DEFA-Studios für Trickfilme wurde Anfang der 1960er Jahre in eine Außenstelle im südwestlichen Dresdner Stadtteil Gittersee verlegt, etwa vier Kilometer Luftlinie südöstlich des Hauptsitzes. Es war im Saal des ehemaligen Gasthofs Gittersee (Konzert- und Ballsäle Gittersee) an der Karlsruher Straße 83 untergebracht. Auch dieses um 1890 errichtete, nach 1990 sanierte Gebäude, das mittlerweile als Lagerhaus dient, steht unter Denkmalschutz.Kulturdenkmale im Freistaat Sachsen – Denkmaldokument 09211928.
Seit 1971 gab es eine Außenstelle in Ost-Berlin, um die Kooperationsbeziehungen mit den Berliner und Babelsberger Studios zu verbessern und den ständigen Kontakt mit übergeordneten Einrichtungen wie der Hauptverwaltung Film und mit Vertragspartnern aufrechtzuerhalten. Zudem war dem DEFA-Studio für Trickfilme die 1980 gegründete Produktionsgruppe Sorbischer Film unterstellt, die ihren Sitz in Bautzen hatte.
Geschichte Vorgeschichte mini|Logo der DEFA Ein früher Vorläufer des Trickfilmstudios war das Unternehmen Boehner-Film. Inhaber Fritz Boehner produzierte im NS-Staat vor allem Werbefilme, aber auch Kulturfilme, Propagandafilme und Aufklärungsfilme. Er bediente sich dabei auch Tricktechniken und expandierte mit seinem Betrieb 1938/39 in jene Räume, die 1955 der Sitz des DEFA-Studios für Trickfilme werden sollten. Zu seinen Mitarbeitern gehörten Curt A. Engel, Freimut Kalden und Werner Bergmann. Kurz nach den Luftangriffen auf Dresden, von denen der Gorbitzer Standort nicht unmittelbar betroffen war, verlagerte der Produzent sein Unternehmen im März 1945 nach Wirsberg in Oberfranken. Er erhielt nach Kriegsende von den US-amerikanischen Besatzungsbehörden aber keine Lizenz und kehrte zunächst nach Dresden zurück. Sein von einem Treuhänder geführtes Dresdner Unternehmen arbeitete unter gleichem Namen und an selber Stelle in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) weiter und wurde dort im Oktober 1945 der SMAD unterstellt. Zum 1. September 1946 wurde es im Rahmen der Industriereform in der SBZ enteignet und in Volkseigentum überführt, woraufhin Boehner in den Westen Deutschlands übersiedelte und neue Unternehmen in Erlangen und Hamburg gründete.
In diesem Zuge erfolgte eine Umbenennung in DEFA-Produktion Sachsen und damit eine Angliederung an die wenige Monate zuvor gegründete DEFA. Zu den Mitarbeitern in dieser Phase zählte neben Erich Gusko u. a. der Kameramann Richard Groschopp, später einer der bekanntesten und renommiertesten DEFA-Regisseure. Bei dem Betrieb handelte es sich ab 1952 um eine Außenstelle des Babelsberger DEFA-Studios für populärwissenschaftliche Filme, die allerdings wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit 1954 aufgegeben und deren Kapazität an den Hauptsitz in Babelsberg verlagert wurde.
Entwicklung von 1955 bis 1990 mini|Otto Sacher (1928–2008), 1955 Mitbegründer und bis 1990 Regisseur mit eigenem Filmstab im Trickfilmstudio mini|Tricktisch mit Trickfilmkamera aus den 1960er Jahren, ausgestellt in den Technischen Sammlungen Dresden (TSD) mini|Elektronischer Klangerzeuger Subharchord des Trickfilmstudios von 1966, ausgestellt in den Technischen Sammlungen Dresden (TSD) mini|hochkant|Arbeitsmittel der Schnittmeisterinnen des Trickfilmstudios, ausgestellt in den Technischen Sammlungen Dresden (TSD) mini|Puppen und Requisiten aus dem Trickfilmstudio, ausgestellt in den Technischen Sammlungen Dresden (TSD) Am Dresdner Standort sollte im Gegenzug die zunächst 1946 in Berlin angesiedelte Abteilung Zeichenfilm der DEFA, ab 1953 als Abteilung Zeichentrickfilm in Potsdam, konzentriert und ausgebaut werden. Die institutionelle Bündelung geschah nach dem Vorbild des Moskauer Studios Sojusmultfilm. Per Gesetz rückwirkend zum 1. April 1955 wurde die Dresdner Außenstelle aus dem Potsdamer Betrieb herausgelöst und zum selbständigen VEB DEFA-Studio für Trickfilme. Tatsächlich war ein Großteil der Beschäftigten bereits Anfang des Jahres aus Berlin und Potsdam nach Dresden übergesiedelt und seit Januar 1955 in dem neuen Betrieb tätig. Wie die anderen DEFA-Studios auch war er direkt der Hauptverwaltung Film beim Ministerium für Kultur unterstellt. Die anfänglich 80 Mitarbeiter waren auf acht Filmstäbe verteilt, davon jeweils drei für Zeichentrick (leitende Regisseure Lothar Barke, Klaus Georgi, Otto Sacher) und für Puppentrick (Johannes Hempel als Regisseur, Herbert K. Schulz, Kurt Weiler), einer für Silhouettenfilm (Bruno J. Böttge) und einer für Handpuppenspiel (Erich Hammer).
Die ersten Jahre waren von viel Improvisation gekennzeichnet, da es im Haus zunächst an Technik, Ausstattung und Erfahrung mangelte. Im Gebäude kam es zu umfangreichen Aus- und Umbauarbeiten. Das Puppen- und Handpuppenatelier entstand im ehemaligen Tanzsaal. Die Kegelbahn wurde für Vorführungen, als Archiv und für Schneideräume umgerüstet. Dabei war das Ziel staatlicherseits durch eine indoktrinierte Kulturpolitik klar vorgegeben: Die in dem Studio produzierten Filme sollten der Erziehung und Bildung der jungen Generation zu sozialistischen Persönlichkeiten dienen, aber auch der Erwachsenenqualifizierung. „Blickt man heute mit dem Abstand der Jahre auf die Filme vor allem der Anfangszeit, so ist zwar eine gewisse moralinhaltige Didaktik nicht zu übersehen, aber es erstaunen zugleich Charme, Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit bei einfachster Fabelführung.“
Die Zahl der Mitarbeiter stieg auf 156 im Jahr 1957 an und auch die Anzahl der jährlich produzierten Filme entwickelte sich von zwei (1955) zu 17 (1956) und 20 (1957). In den 1950er Jahren entstanden sie ausschließlich für das Kino, und zwar schon frühzeitig nach einem festgelegten, mit dem Filmauswerter Progress Film abgestimmten Jahresplan. In den frühen 1960er Jahren kam mit dem Deutschen Fernsehfunk, dem staatlichen Fernsehen der DDR, ein zweiter wichtiger Auftraggeber hinzu, für den das Trickfilmstudio u. a. ab 1963 bis 1976 Werbespots (zuletzt zwei im Jahr) für die Sendung Tausend Tele-Tips produzierte. Daneben gab es weitere Partner wie das Deutsche Hygiene-Museum, für das mehrere Kundi-Filme entstanden, sowie der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB), der die Filmreihe Theo und der Arbeitsschutz in Auftrag gab. Zum Klassiker mit hoher Bekanntheit avancierte vor allem Lothar Barkes Zeichentrickfilm Alarm im Kasperletheater von 1960.
In Dresden befand sich die komplette Produktionslinie für Animationsfilme, einzig das Kopierwerk war beim DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilm in Berlin angesiedelt. Die Filme aus dem Dresdner DEFA-Studio bedienen sämtliche klassischen Animationstechniken und Genres aus den Bereichen der 2D-Animation und Stop-Motion, etwa Zeichentrickfilme, Flachfigurenfilme, Silhouetten-Animationen, Knetanimationen und Puppentrickfilme. Auf diese Weise entstanden dort in den 1970er und 1980er Jahren jährlich rund 60 Filme. Davon entfielen rund 70 Prozent auf Werke für Kinder, wobei die Hauptzielgruppe ein Alter von vier bis acht Jahren hatte. Die übrigen 30 Prozent waren Filme für das Beiprogramm in Kinos, für das Fernsehen und andere Auftraggeber. Die Produkte wurden in mehr als 100 Länder weltweit exportiert.