alternativtext=Eine Kalkstein Figur, die Königin Johanna I. von Navarra, Frankreich, mit einem Kapellenmodell in den Händen zeigt. Ausstellungsansicht im Berliner Bode-Museum|mini|Königin Jeanne de Navarre als Stifterin, um 1310/1320, Kalkstein, Bode-Museum Berlin Bei Königin Jeanne de Navarre als Stifterin (oder: Johanna I. von Navarra als Stifterin) handelt es sich um eine Stifterinnendarstellung aus dem frühen 14. Jahrhundert. Datiert wird sie auf etwa 1310/1320. Gezeigt wird die Königin Johanna I. von Navarra mit einem kleinen Kapellenmodell in den Händen. Sie ist aus Kalkstein gefertigt und seit 2007 ein Hauptwerk der Pariser Hofkunst in der Sammlung des Berliner Bode-Museums. Wer die Figur gefertigt hat, ist unbekannt.
Material und Bearbeitung Die Statuette wurde vollrund aus weißem, feinkörnigem Kalkstein gefertigt, der in der Normandie und der Île-de-France abgebaut wurde und dort bis heute noch abgebaut wird. Die Kapelle ist weitestgehend freiplastisch gestaltet. Die Details der Architektur, wie Fenster und Arkaden der Kapelle, sind detailgetreu wiedergegeben. Augen, Mund, Fingernägel sowie das gelockte Haar der Königin sind präzise mit kleinen Spitz- und Flacheisen ausgearbeitet. Das Gesicht und die Hände der Statuette sind sorgfältig geglättet. Die Zacken der Krone wurden mit einem Flach- und Rundeisen als Blattornament gefertigt. Das Gesicht und die Hände weisen eine geglättete Oberfläche auf während sich auf den Gewandflächen, der Krone und dem Kapellenmodell Reste feiner Riefelungen unterschiedlich dicht gezahnter Eisen und einer Raspel wiederfinden. Der Teil der Schulter, die vom Kapellenmodell verdeckt wird, ist grob mit einem 8 mm breiten Flacheisen bearbeitet. Die Oberseite der Plinthe wurde vom Bildhauer mit einem 6 mm breiten Rundeisen als Grasnarbenfläche gestaltet. Die Vorder- sowie Rückseite der Figur sind mit einer ähnlichen Präzision ausgeführt. Vom Schleiersaum unterhalb der Schultern bis hin zur Plinthe befindet sich auf der Rückseite ein schmaler 5 cm breiter Streifen in der Mitte der Figur, der mit einem fein gezahnten Zieheisen geglättet wurde. Auf der Rückseite befindet sich außerdem in 38 cm Höhe eine schräg verlaufende quadratische Öffnung im Kalkstein mit den Maßen 4,5 cm × 4,5 cm × 5 cm. Diese wurde mit einem 1,2 cm breiten Flacheisen ausgearbeitet und diente der Figur als Aufhängung. Am Objekt lassen sich keine Hinweise auf eine Werkbankbefestigung ablesen. alternativtext=Kalkstein Figur der Königin Jeanne de Navarre als Stifterin, Königin hält ein Kapellenmodell in den Händen|mini|Königin Jeanne de Navarre als Stiftern, Nahansicht, um 1310/1320, Kalkstein, Bode-Museum Berlin
Fassung Die Figur war ursprünglich polychrom gefasst. Mit dem heutigen Zustand lässt sich die erste Bemalung der verschiedenen Partien nicht mehr rekonstruieren. An der Krone und den Haaren, am Schleier, am Mantel und dem Kleid als auch an der Plinthe lassen sich Reste einer ockerfarbenen Grundierung finden. Die Außenseite des Mantels weist zudem winzige Partikel einer roten Farbschicht auf. Reste einer orangen Schicht eines Anlegemittels, die auf eine Vergoldung schließen lässt, befinden sich am Saum des Mantels. Jedoch finden sich am Objekt keine Reste von Gold.
Die originale Fassung wurde abgenommen und in Teilen abgeschabt, was an Raspel- und Schleifspuren am Objekt eindeutig abzulesen ist. An der Krone und dem Kapellenmodell sind geringe Reste späterer Fassungen zu erkennen. Im Bereich des Außenmantels findet sich ein Rot auf einer orangefarbenen Grundierung, das zu einer Zweitfassung gehört. Auf einer dickeren und grobkörnigen rosafarbenen Grundierungsschicht befindet sich als Drittfassung ein brauner Farbanstrich auf der Krone und auf dem Kapellenmodell. Die gesamte Figur weist Reste eines weiß-hellgrauen Kalkanstrichs auf. Diese Schicht liegt heute unregelmäßig und dünn verwaschen auf allen Bereichen der Figur und sorgt insgesamt für den weiß-gräulichen Farbschleier.
Zustand Die Figur weist insgesamt einen guten Erhaltungszustand auf. Die originale Fassung ist über die Jahrhundert verloren gegangen und kleinere Ausbrüche am Objekt sind erkennbar: an den Kronenzacken, am Schleier, den Mantel- und Gewandsäumen sowie an den Falten des Unterkleides. Das Kapellenmodell hat am Giebel und der Fassade einen etwas größeren Substanzverlust erlitten. Zudem ist die linke Daumenkuppe der Königin abgebrochen. Die Schuhspitzen sind leicht beschädigt und die hintere linke Seite der Standfläche weist einen 7 × 3 cm großen Ausbruch auf.
Beschreibung Dargestellt wird eine bekrönte Frau, die ein kleines Kapellenmodell in den Händen hält. Ihr Oberkörper ist weit nach hinten geneigt. Die Finger und Handfläche ihrer rechten Hand liegen auf der Westfassade des Modells, um es mit leichtem Druck zu stützen. Die linke Handfläche trägt die Unterseite der Kapelle. Der Kopf ist zum Kapellenmodell geneigt. Der Blick der Königin richtet sich frontal nach unten in Richtung der Betrachtenden. Das gewellte Haar der dargestellten Frau wird in großen Teilen durch den Kopfschleier bedeckt. Er fällt bis auf die Schultern, die untere Partie des Gesichts wird durch eine Kinnbinde aus Stoff eingerahmt. Die Stirn ist sanft gewölbt und die Augen liegen weit auseinander. Das Gesicht der Königin weist zudem hohe Wangenknochen auf und einen kleinen Mund mit schmalen Lippen, die den Eindruck eines leichten Lächelns erzeugen.
Die Königin trägt ein lockeres Kleid und einen einteiligen geschürzten Radmantel, der stufenförmig am rechten Unterarm nach unten hin Falten bildet. Die zahlreichen Falten des Stoffes zeichnen sich im Kalkstein der Figur über die gesamte Körpergröße ab. Die dargestellte Frau trägt eine achtzackige Krone mit zwei sich abwechselnden Kronlinien-Formen. Der Körper nimmt die Haltung des Kontrapost ein. Der Körper bzw. die genauen Körperformen und -proportionen sind unter dem Stoff nur leicht zu erahnen. Die Plinthe, auf der sich die Figur befindet, ist längsoval geformt und als Grasfläche ausgearbeitet.
Architektur Das Kapellenmodell in den Händen der Stifterin zeigt eine fiktive Architektur. Das Gebäude ist als einschiffig und als eine Kapelle ohne seitlichen Eingang zu definieren. Die dargestellte Kapelle hat zwei Joche und wird von einem Satteldach sowie einer Maßwerk-Balustrade nach oben hin abgeschlossen. Gegliedert werden die Seiten des Modells durch Strebepfeiler und zweibahnigen Fenstern mit jeweils zugespitzten Vierpässen. Die Fassade zeigt ein Portal mit einer darüberliegenden Vierpass-Rosette. Die gegenüberliegende, abgewandte Seite ist mit einem Fünfpass gerade geschlossen.
Die Architektur ist insgesamt stark vereinfacht, sodass das Gebäude nicht eindeutig identifiziert bzw. einem realen Bauwerk zugeschrieben werden kann. Die tatsächliche Kapelle des Navarra-Kollegs, eine einschiffige Kapelle mit polygonalem Chorschluss und Dachreiter, der 1845 abgerissen wurde, hatte keine Übereinstimmung mit dem Kapellenmodell der Berliner Figur, was jedoch nicht zwangsläufig gegen einen thematischen Zusammenhang sprechen muss.
alternativtext=Statue der Hl. Königin Bathilde in der Klosterkirche St. Pierre in Corbie|mini|hochkant=0.8|Statue der Hl. Königin und Klosterstifterin Bathilde, 1273, Corbie (Somme), St. Pierre, Bistum Amiens Vergleichsbeispiele Motivisch verwandt, ebenfalls dargestellt mit je einem Kapellenmodell in den Händen, sind auf der einen Seite die Statue der Hl. Königin und Klosterstifterin Bathilde von 1273. Sie war Gründerin des Klosters in Corbie, das im Tal der Somme im Bistum Amiens liegt. Die Figur befindet sich heute im barocken Hochaltar in der Klosterkirche St. Pierre, der ehemaligen Abteikirche des Klosters.
Auf der anderen Seite ist das Denkmal einer unbekannten Hl. Königin und Klostergründerin aus Paris, das um 1320–1330 entstanden ist und ehemals Teil der Sammlung Stoclet in Brüssel war, mit der Berliner Statuette verwandt. Der derzeitige Standort der Figur ist unbekannt.
Beide Königinnen tragen ein Modell größerer Kirchen mit Querhaus und Turm in ihrer jeweils linken Hand und stützen das Objekt mit ihrer rechten.
Datierung und Zuschreibung Das Objekt weist keinerlei Attribute, Wappen oder Inschriften auf, was zur Folge hat, dass man zunächst nichts über die Herkunft und den Ursprungsort wusste. Da es sich hierbei außerdem um eine idealisierte Königinnendarstellung handelt, kommt man von der reinen Objektbeschreibung allein nicht darauf, wer die hier dargestellte Person ist. Daher kann es auch nicht als Porträt bezeichnet werden. Durch die Aufarbeitung des Kunsthistorikers Robert Suckale geht man seit 2013 davon aus, dass es sich um Johanna I. von Navarra handelt. Die Datierung des Objekts bewegt sich in der Literatur zwischen 1305 und 1320.
Suckale hat sich mithilfe der Kostüm- und Realienkunde an das Objekt angenähert, um es einer Herrscherin zuschreiben zu können, die ein Gebäude aus eigenen finanziellen Mitteln stiften konnte. Die Form der Krone verweist darauf, dass es sich hierbei nicht um eine Prinzessin, sondern eine Königin handelt. Suckale bezeichnet das Band, das die Königin um Kinn, Haupt und Stirn gewickelt hat, als Gebende. Gebende waren Teil einer Tracht, die in dieser Form nur wenige Jahrzehnte getragen wurden. Diese breiten Bänder waren meist aus Leinen und wurden durch einen Schleier ergänzt, was auch auf diese Figur zutrifft. Anhand verschiedener Kunstwerke hat Suckale eine Chronologie zusammengetragen, die den Gebrauch von Gebenden auf die Jahre nach 1280 und 1320 einschränkt.
Mithilfe der Kostüm- und Stilgeschichte kommt Suckale zu dem Entschluss, dass in dem abgesteckten Zeitraum von den zu dieser Zeit in Frankreich lebenden Königinnen und -Witwen nur Johanna I. von Navarra in Frage kommt, da nur sie zu der Zeit die finanziellen Mittel für eine solche Stiftung zur Verfügung hatte. Alle anderen Königinnen und – Witwen waren noch nicht oder nicht mehr in dieser Weise handlungsfähig.
Ikonographie Die Haltung der Königin ist ein Verweis auf den Typus der stehenden Muttergottes mit Kind. Der Terminus geht auf den Kunsthistoriker Wilhelm Pinder zurück. Analog zum Christuskind hält die Königin hier über ihrer linken Brust auf Höhe des Herzens das Modell der von ihr gestifteten Kapelle, was den Eindruck ihrer besonderen Zuneigung zu dem Werk verstärkt und den Stiftungszusammenhang für die Betrachtenden ersichtlich macht. Die linke Hand der Stifterin hält die Kapelle von unten, während die rechte mit ihrer gesamten Oberfläche und scheinbar leichtem Druck auf dem Portal aufliegt. Es entsteht der Eindruck, als würde die Stifterin den Bau liebevoll streicheln.
Vergleichsbeispiel Ein Beispiel, an das die Haltung der Figur angelehnt sein könnte und das Suckale in einen Zusammenhang mit der Berliner Stifterinnendarstellung setzt, ist die berühmte Trumeau-Madonna am nördlichen Querhausportal der Pariser Kathedrale Notre-Dame, die um 1245–1250 entstanden ist. Das künstlerische Zitat bezieht sich hier weniger auf die Übernahme der Form, sondern vielmehr auf die Bedeutung. Die Madonna präsentiert ihren Sohn als Erlöser und überhöht ihn in der Art und Weise, wie sie ihn hält. Sie hält das Kind deutlich höher, als es üblich ist. Die Madonna von Notre-Dame trägt heute kein Kind mehr in den Armen, da dieses im Zuge der Französischen Revolution verloren ging. Die Berliner Stifterin ist im Vergleich zur Pariser Madonna etwas stärker gedreht und ihr rechtes Bein weiter nach hinten gestellt, wodurch bei ihr eher ein Eindruck des Schreitens erzeugt wird.
Kontext und Funktion