Die Postmoderne (von ‚hinter‘, ‚nach‘) ist im allgemeinen Sinn der Zustand der abendländischen Gesellschaft, Kultur und Kunst „nach“ der bis in die Gegenwart andauernden Moderne.

Im engeren Sinn ist die Postmoderne eine umstrittene politisch-wissenschaftlich-künstlerische Richtung, die sich gegen bestimmte Institutionen, Methoden, Begriffe und Grundannahmen der Moderne wendet und diese aufzulösen und zu überwinden versucht, dann auch Postmodernismus genannt. Die Vertreter des Postmodernismus kritisieren das Innovationsstreben der Moderne als lediglich habituell und automatisiert (Sozialkonstruktivismus). Sie bescheinigen der Moderne ein illegitimes Vorherrschen eines totalitären Prinzips, das auf gesellschaftlicher Ebene Züge von Despotismus in sich trage und das bekämpft werden müsse. Maßgebende Ansätze der Moderne seien eindimensional und gescheitert (Nihilismus). Dem wird die Möglichkeit einer Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehender Perspektiven gegenübergestellt (Relativismus). Mit der Forderung nach einer prinzipiellen Offenheit von Kunst wird auch kritisch auf die Ästhetik der Moderne Bezug genommen.

Die Diskussion über die zeitliche und inhaltliche Bestimmung dessen, was genau postmodern bzw. postmodernistisch sei, wird etwa seit Anfang der 1980er Jahre geführt. Postmodernes Denken will nicht als bloße Zeitdiagnose verstanden werden, sondern als kritische Denkbewegung, die sich gegen Grundannahmen der Moderne wende und Alternativen aufzeige.A. Preda: Postmodernism in Sociology. In: Neil Smelser, Paul B. Baltes (Hrsg.): International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences. Elservier Science, Amsterdam u. a. 2002, S. 11865–11868.

Überblick Prägend für den Begriff war Jean-François Lyotards (1924–1998) Bericht Das postmoderne Wissen aus dem Jahr 1979, in dem er die philosophischen Systeme der Moderne für gescheitert erklärte. Bekannt wurde die Rede des französischen Philosophen und Literaturtheoretikers vom Ende der großen Erzählungen,Lyotard: Das postmoderne Wissen. Passagen, Wien 1999. (orig.: La Condition postmoderne: Rapport sur le savoir. Paris 1979) worin sich auch die Kernthese seiner Diagnose ausdrückt: Lyotard spricht nicht von philosophischen Systemen, sondern von „Erzählungen“. Die einzelnen modernen „Erzählungen“ legten, so Lyotard, der Welterklärung jeweils ein zentrales Prinzip zugrunde (z. B. Gott oder das Subjekt), um auf dieser Grundlage zu allgemeinen Aussagen zu kommen. Damit scheiden sie jedoch das Heterogene aus oder zwingen das Einzelne unter eine allgemeine Betrachtungsweise, die gewaltsam dessen Besonderheiten einebnet. Lyotard setzt an die Stelle eines allgemeingültigen und absoluten Erklärungsprinzips (Gott, Subjekt, Vernunft, Systemtheorie, marxistische Gesellschaftstheorie etc.) eine Vielzahl von Sprachspielen, die verschiedene „Erzählungen“, also Erklärungsmodelle, anbieten. Lyotard wendet sich also nicht gegen Rationalität im Allgemeinen, sondern gegen eine bestimmte historische Form der Rationalität, die auf der Ausgrenzung des Heterogenen basiert.

Dies hat gesellschaftliche Konsequenzen: Dienten in der Moderne die Metaerzählungen noch dazu, gesellschaftliche Institutionen, politische Praktiken, Ethik und Denkweisen zu legitimieren, so geht in der Postmoderne dieser Konsens verloren und löst sich auf in eine Vielzahl von nicht miteinander zu vereinbarenden Wahrheits- und Gerechtigkeitsbegriffen. Zugleich nimmt eine tolerante Sensibilität für Unterschiede, Heterogenität und Pluralismus zu und damit die Fähigkeit, die Unvereinbarkeit der Sprachspiele zu ertragen.

Die im Anschluss an Lyotard geführte Diskussion um die Epochendiagnose der Postmoderne, die in den 1980er-Jahren sehr intensiv und mit großer Aufmerksamkeit in der intellektuellen Öffentlichkeit geführt wurde, ist seit 1989 erlahmt oder verlagerte sich auf andere Gebiete, wie den Streit um Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte.Fukuyama: Das Ende der Geschichte. München 1992. Der Begriff beginnt außerdem den festen Charakter einer Epochenbezeichnung zu verlieren, was u. a. daran liegt, dass einige seiner Vertreter auch Verbindungen zur Moderne pflegen. Von anderen, wie beispielsweise Umberto Eco (1932–2016), wurde dagegen versucht, den Begriff von jeglicher Beziehung zur Moderne zu befreien und ihn als allgemeines künstlerisches Streben zu propagieren, das in jeder historischen Epoche auftreten kann.Umberto Eco: Nachschrift zum Namen der Rose. 1984, S. 77.

Begriffsgeschichte Ursprünge Mit dem Begriff Postmoderne, um 1870 erstmals verwendet, wurde von verschiedenen Autoren versucht, sehr heterogene gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen zu fassen und teilweise auch zu bewerten.Zur begrifflichen Entwicklung vgl. Welsch: Unsere postmoderne Moderne. Weinheim 1987, S 12ff.; Vgl. auch Hassan: The Postmodern Turn, Essays in Postmodern Theory and Culture. Ohio University Press, 1987. Um 1870 schlug der englische Salonmaler John Watkins Chapman vor, einen postmodernen Malstil (postmodern style of painting) zu entwickeln, der moderner sein sollte als jener der französischen Impressionisten.Higgins: A dialectic of centuries. Notes towards a theory of New Arts. New York 1978.

Im Jahre 1917 gebraucht der deutsche Schriftsteller und Philosoph Rudolf Pannwitz den Begriff bereits als philosophisch geprägten „Kulturbegriff“.Rudolf Pannwitz: Die Krisis der europäischen Kultur. Nürnberg 1917, S. 64.

Wenige Jahre später, im Jahre 1926, beschreibt der amerikanische Theologe Bernard Iddings Bell eine neue religiöse Spiritualität, die sich im Rahmen des christlichen Bekenntnisses neuen Forschungserkenntnissen öffnen sollte, als „Postmodernismus“.B.I. Bell: Postmodernism and Other Essays. Milwaukee 1926; Vgl. auch die Besprechung in: The Journal of Religion. Vol. 6, No. 6 (Nov., 1926), S. 629f.

Ausschließlich literarisch nutzt der spanische Literaturwissenschaftler Federico de Onís den Begriff im Jahre 1934. Er bezeichnet als „Postmodernismo“ eine Zwischenperiode der hispanisch-amerikanischen Dichtung in den Jahren von 1905 bis 1914, die geprägt sei von einer kurzzeitigen, rückwärtsgewandten Abwendung von der Moderne als Zwischenphase vor einer erneuten, gesteigerten Hinwendung zur Moderne.de Oniz: Antologia de la poesia española e hispoamericana. Madrid 1934.

1947 beschreibt der britische Kulturtheoretiker und Geschichtsphilosoph Arnold J. Toynbee eine Phase der Kultur als „post-modern“, deren Beginn er 1875 ansetzt: die Postmoderne in diesem Sinne ist durch eine frühe Politik des Denkens in globalen Zusammenhängen gekennzeichnet und unterscheidet sich von dem vorherigen Politikverständnis in der Überwindung der nur nationalen Perspektive. Nach Toynbee wird mit der Postmoderne die Spätphase der abendländischen Kultur eingeleitet.Arnold J. Toynbee: A Study of History. 1947, S. 39.

Im nordamerikanischen Literaturdiskurs des Jahres 1959 bezeichnet der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Irving Howe die Gegenwartsliteratur der Postmoderne als Verfallsphänomen einer Moderne, die durch mangelnden Neuerungswillen geprägt sei. Howe verwendet den Begriff „Postmoderne“ hier erstmals im heutigen Sinne.Irving Howe: Mass Society and Postmodern Fiction. Partisan Review, 1959, S. 420–436. Die Umwertung erfolgte besonders in den 1960er Jahren durch Irving Howe selbst sowie durch Harry Levin, vor allem aber auch durch Susan Sontag und Leslie Fiedler.Leslie Fiedler: Cross the Border – Close the Gap. 1969.

Auf Architektur und Urbanistik übertragen wurde der Begriff 1977 durch den US-amerikanisch-britischen Architekten und Architekturtheoretiker Charles Jencks (1939–2019).Charles Jencks: The Language of Post-Modern Architecture. Rizzoli: New York 1977. Unter dem Einfluss des Strukturalismus und unter Nutzung von Schlüsselbegriffen der Semiotik entwickelte er einen theoretischen Rahmen für Beurteilungen. Dem Funktionalismus der Moderne bescheinigte er, eine kommunikative Verbindung zu den Menschen verloren zu haben. Eine Reihe von Strömungen, die diese Verbindung wieder entwickelten, bezeichnete er als postmoderne Architektur.Elie Haddad: Charles Jencks and the historiography of Post-Modernism. In: The Journal of Architecture. Band 14 (2009), Heft 4, S. 493–510 (online)

Fast allen von diesen Ansätzen in Kunst, Kulturgeschichte, Philosophie, Theologie und Literatur war gemeinsam, dass sie ein jeweils spezifisches Unbehagen an der Moderne und ihren Entwicklungen formulierten und daraus Konsequenzen entwickelten. Ihren Abschluss fand diese erste Formationsphase mit Howe, dessen Konzeption als grundlegend für die weiteren Entwicklungen gesehen werden kann.

Für die Theoriebildung und Methodenfindung späterer Vertreter der Postmoderne sind französische Philosophen wichtig wie Michel Foucault, Jacques Derrida und Roland Barthes, die mit Dekonstruktivismus, Poststrukturalismus und Diskursanalyse neue analytische Methoden entwickelten, aber auch die französische Psychoanalytikerin, Luce Irigaray, die auf Basis der Arbeiten des Psychoanalytikers Jacques Lacan die feministische Theoriebildung vorantrieb. Viele dieser Theoretiker stehen jedoch dem Begriff Postmoderne kritisch gegenüber (→ Kritik).

Begriffsbildung Von „der Postmoderne“ als einer unter diesem Begriff fassbaren geistig-kulturellen Bewegung zu sprechen wird trotz der benannten Vorläufer erst durch den französischen Philosophen und Literaturtheoretiker Jean-François Lyotard mit seiner Schrift Das Postmoderne Wissen populär. Das Werk wird 1979 erstmals veröffentlicht. Es war ursprünglich als Studie über die Rolle des Wissens in postindustriellen Gesellschaften für die kanadische Regierung geschrieben worden. Hier bereitet Lyotard mit seiner These des Endes der großen Erzählungen die Basis für viele Entwicklungen in Philosophie, Kunst, Kultur sowie den Gesellschaftswissenschaften: „In äußerster Vereinfachung kann man sagen: ‚Postmoderne‘ bedeutet, dass man den Meta-Erzählungen keinen Glauben mehr schenkt.“Lyotard: Das Postmoderne Wissen. 1986, 7/14.

Nach Lyotard gibt es drei große Meta-Erzählungen: Aufklärung Idealismus Historismus

Diese bilden in der Postmoderne keine vereinheitlichende Legitimation und Zielorientierung mehr. Die Emanzipation des Individuums, das Selbstbewusstsein des Geistes, das im Sinne des deutschen Philosophen des Idealismus Georg Wilhelm Friedrich Hegel in eine Ganzheitsideologie mündet, und die Idee eines sinnhaften Fortschritts der Geschichte hin zu einer Utopie sind die großen Erzählungen, denen man nicht mehr glauben kann. Folglich kann es auch kein Projekt der Moderne mehr geben, keine große Idee von Freiheit und Sozialismus, der allgemeine Geltung zu verschaffen ist und der sich alles gesellschaftliche Handeln unterzuordnen hat.

Es gibt keine übergeordnete Sprache, keine allgemeinverbindliche Wahrheit, die widerspruchsfrei das Ganze eines formalen Systems legitimiert. Wissenschaftliche Rationalität, sittliches Handeln und politische Gerechtigkeitsvorstellungen spielen je ihr eigenes Spiel und können nicht zur Deckung gebracht werden.

In systematischer Hinsicht stellt Lyotard heraus, dass theoretische und praktische Vollzugsformen von „Vernunft“ unvermittelbar seien. In seinem systematischen Hauptwerk „Der Widerstreit“ bezieht Lyotard dies besonders auf die Funktionsweisen sprachlicher Verknüpfungsoperationen. Weder theoretische noch praktische Vernunft könnten für eine Brückenbildung aufkommen, allenfalls ein kunstvolles Interchangieren sei möglich und müsse sich einer „ästhetischen“ Urteilskraft bedienen, für die wesentlich sei, fortwährend auf Regelsuche für ihre eigene Operationsweise zu sein. Bekannt unter anderem dafür wurde das Bild der Kreuzfahrt in einem zerklüfteten Archipel.