Gnosis (von „Erkenntnis“Johann Baptist Hofmann: Etymologisches Wörterbuch des Griechischen. R. Oldenbourg, München 1950, S. 45 (zu γιγνώσκω ‚erkenne‘).) oder Gnostizismus (latinisierte Form des griechischen ) bzw. Gnostik bezeichnet als religionswissenschaftlicher Begriff verschiedene religiöse Lehren und Gruppierungen des 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr., teils auch frühere Vorläufer.
Der Ausdruck wird auch für verschiedene Strömungen verwendet, die in wirkungsgeschichtlichem Zusammenhang mit diesen Gruppierungen stehen oder in den vertretenen Lehren Ähnlichkeiten aufweisen. Gnostische Positionen fassten teilweise auch in einigen Gemeinden des frühen Christentums Fuß. Die Gnosis entwickelte sich im 2. Jahrhundert zum theologischen Hauptgegner der frühen Kirche.Stuttgarter Erklärungsbibel. 2. Auflage. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1992, ISBN 3-438-01121-2, Sacherklärungen S. 29
Trotz aller Verschiedenheiten zeigen die gnostischen Lehren eine gewisse Grundtendenz: Eine oberste, über alle irdische Wirklichkeit schlechthin erhabene „gute Gottheit“ entfaltet sich in vielfachen Abstufungen und Ausströmungen (Emanation). Die sichtbare Welt schuf ein „Demiurg“, der auch den minderwertigen „fleischlichen“ Menschen bildete, indem er das zur göttlichen Oberwelt gehörende Pneuma mit der „bösen Materie“ vermischte. Die Erlösung des Menschen liegt in der Gnosis, d. h. in der Erkenntnis seines kosmischen Geschicks und der Göttlichkeit seines eigenen Selbst.Gnosis, Artikel im Onlinelexikon wissen.de, Konradin Mediengruppe, Leinfelden-Echterdingen.
Sprachgebrauch Die Ausdrücke Gnosis, Gnostik und Gnostizismus werden oft unterschiedslos verwendet. Üblicherweise bezeichnet Gnosis ein religiöses Wissen, das die Gnostiker (die „Wissenden“, die vom Offenbarungsvorgang ihren Namen ableitetenAllison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 27–28.) nach eigenem Verständnis von der übrigen Menschheit abhebt. In der Literatur des zweiten und dritten Jahrhunderts war Gnostiker eine gängige Bezeichnung für christliche und jüdische, aber auch heidnische und hellenistische Intellektuelle. Gnō̂sis bedeutete „Erkenntnis“ im allgemeinen Sinn, so dass die Selbstbezeichnung als „Gnostiker“ oft unspezifisch ist. Gnostische Bewegungen im spezifischen Sinn wurden nach ihren Führern oder Gründern als Valentinianer, Simonianer oder Basilidianer bezeichnet, was aber vermutlich bereits Fremdbezeichnungen von Kritikern sind, während einige dieser Gruppen sich vermutlich schlicht „Christen“ nannten.Dafür sprechen u. a. Belege bei Justin (Dialog mit Trypho 35,6); siehe z. B. Markschies 2001, 18. Die unspezifische Selbstbezeichnung als Wissende oder Erkennende wurde im Gefolge antignostischer Polemik christlicher Theologen (insbesondere Irenäus von Lyon) ausgedehnt auf jene geistig nahestehenden Lehren, die Glaubensinhalte mit spekulativ-philosophischen Elementen versahen und unter verschiedenen Hinsichten in Abhängigkeits- oder Ähnlichkeitsbeziehungen zu stehen scheinen.
Die spätere Literatur setzte oft eine einheitliche Bewegung namens Gnosis voraus. Der Begriff Gnostizismus entstammt der Neuzeit. Der englische Philosoph und Theologe Henry More prägte ihn im 17. Jahrhundert zur Zusammenfassung sämtlicher christlicher Häresien. Seit dem 18. Jahrhundert dienen Gnosis oder Gnostizismus auch als Interpretationskategorie für zeitgenössische religiöse oder philosophische Strömungen (etwa bei Ferdinand Christian Baur, Johann Gottlieb Fichte oder Rudolf Steiner). Damit geriet jedoch das religionsgeschichtliche Phänomen, das in der Antike als Gnosis bezeichnet wird, aus dem Blick. Auf dem Gnosis-Kongress von Messina wurde daher 1966 eine präzisere Sprachregelung vorgeschlagen. Danach bezeichne Gnosis ein „Wissen um göttliche Geheimnisse, das einer Elite vorbehalten ist“, Gnostizismus hingegen „eine bestimmte Gruppe von Systemen des 2. Jahrhunderts nach Christus“, die durch historische und typologische Merkmale umgrenzt wird. Dieser Vorschlag steht nicht nur im Konflikt mit der Begriffsgeschichte (etwa insofern er das religionsgeschichtliche Phänomen von einem für Historiker unbrauchbaren Gnosis-Begriff abtrennt), sondern ist auch unterbestimmt.
In der jüngeren Diskussion ist – abhängig von der historischen Einschätzung – umstritten, ob Gnosis als Bewegung innerhalb der christlichen Religion (mit möglicherweise vorchristlichen Vorstufen) zu fassen ist (so etwa Adolf von Harnack) oder als Weltanschauung oder Religion, die sich verschiedenen Religionen anpassen kann (so etwa Gilles Quispel und zeitweise Hans JonasVgl. Hans Jonas: Gnosis und spätantiker Geist. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1934; 1954; Erster Teil: Die mythologische Gnosis. Mit einer Einführung zur Geschichte und Methodologie der Forschung. 4. Auflage. 1988, ISBN 3-525-53123-0; Zweiter Teil: Von der Mythologie zur mystischen Philosophie. 3. Auflage. hrsg. u. erg. v. Kurt Rudolph 1993, ISBN 3-525-53841-3. und Eric Voegelin). Hierbei wird unterschiedlich beurteilt, ob Gnosis eine ursprünglich eigenständige Religion oder einen Versuch darstellt, die jüdisch-christliche Religion philosophisch zu untermauern, der dann in der manichäischen Religion endet. Insbesondere jüngere Textfunde haben die Einsicht geschärft, dass es ein einheitliches Phänomen Gnosis nur im Rahmen typologischer Konstruktionen gibt (so etwa Christoph Markschies). Der amerikanische Religionswissenschaftler Michael A. Williams plädierte in einer 1996 vorgelegten Studie dafür, auf den Begriff Gnostizismus grundsätzlich zu verzichten, da die Phänomene, die unter dieser Bezeichnung zusammengefasst werden, mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten aufwiesen. Stattdessen solle man von Valentinianismus oder in einem weiteren Sinne von „biblical demiurgical traditions“ („biblischen demiurgischen Traditionen“) sprechen, die als Schöpfer und Lenker der Welt nicht den höchsten Gott annehmen, sondern eine oder mehrere ihm untergeordnete Entitäten.Michael A. Williams: Rethinking „Gnosticism“. An Argument for Dismantling a Dubious Category. Princeton University Press, Princeton 1996, ISBN 0-691-01127-3, das Zitat S. 52. Manche Religionswissenschaftler behalten den Terminus Gnostizismus auch den ausgearbeiteteren Systemen des späten zweiten und dritten Jahrhunderts vor. Im angelsächsischen Sprachgebrauch hat sich der Terminus gnosticism weitgehend zur religionswissenschaftlichen Eingrenzung auf spezifische mythische Erscheinungsformen durchgesetzt.
Hauptmerkmale der Gnosis Kurt Rudolph (1977) entwirft fünf Wesenmerkmale, um die Gnosis zu ordnen bzw. zu charakterisieren: Dualismus, es besteht ein Gegensatz zwischen Gut und Böse, und es gibt einen transzendenten, verborgenen Gott und einen niederen Schöpfergott (Demiurg) Kosmogonie, auch im Ergebnis werden Dualitäten beschrieben, Licht und Finsternis, Geist und Fleisch; das Böse war von Anfang an in der Schöpfung vorhanden Soteriologie, eine Erlösung wird in der Gnosis über den Weg der Erkenntnis des dualistischen Charakters der Welt beschritten. Eschatologie, Ziel des Gläubigen ist es, sich in den Ort des Guten hinein zu bewegen, das Primat der spirituellen Dimension in der eigenen Existenz zu erkennen Gemeinde und Kult.Kurt Rudolph: Die Gnosis. Wesen und Geschichte einer spätantiken Religion. 3. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990, ISBN 978-3-52552-110-6, S. 65 f.
Zu den zentralen Inhalten der Gnosis gehören die folgenden Thesen: Es gibt einen vollkommenen allumfassenden Gott. Durch einen eigenmächtigen bzw. selbstbezogenen Akt in den Äonen tritt ein unvollkommener Gott ins Dasein. Dieser wird Demiurg oder Schöpfergott genannt, weil er seinerseits eigenmächtig das materielle All erschafft. Der Demiurg wird in vielen gnostischen Schriften mit JHWH identifiziert, dem Gott des jüdischen Tanach, des Alten Testaments der Bibel. Daher gehen die Gnostiker davon aus, dass Jesus von Nazareth nicht der Sohn des Gottes der Juden ist, sondern – als eine Inkarnation des Christus – das Kind der vollkommenen Gottheit, also geistig verstanden, nicht etwa körperlich (Christologie). Ebenfalls erschafft der Demiurg den Menschen und verbringt diesen in die Materie. Die Schöpfung (und der Mensch) tragen jedoch grundsätzlich das Prinzip der ursprünglichen vollkommenen Gottheit in sich, von dem sie nicht zu trennen sind. Einige gnostische Strömungen sehen die materielle Welt inklusive menschlichem Körper als „böse“ an, andere legen den Schwerpunkt auf das innewohnende geistige Prinzip, das den Rückweg zur geistigen Vollkommenheit respektive Einheit ermöglicht. Das innewohnende geistige Prinzip, auch Pneuma, Funke oder Samenkorn genannt, muss dem Menschen in Abgrenzung zur Psyche bewusst werden, um die Verhaftungen an die materielle Welt erkennen und lösen zu können.
Christoph Markschies (2001) schlägt auf Grundlage eines „gewissen Konsens[es]“ der neueren Forschung ein typologisches Modell vor. Demnach sind solche theologischen Systeme gnostisch, die durch mehrere der folgenden Motive gekennzeichnet sind:
Die oberste Gottheit ist jenseitig und fern. Es gibt weitere göttliche Figuren, die den Menschen näher sind. Die materielle Welt ist böse, der Gnostiker fühlt sich in ihr fremd. Der in platonischer Tradition als Demiurg bezeichnete Schöpfergott ist unwissend oder böse. Göttliche Funken fielen in die materielle Welt, schlummern nun in einem Teil der Menschen und können befreit werden. Ein Erlöser steigt aus der oberen Sphäre herab (und später wieder hinauf), um den Menschen die Erkenntnis über ihren Zustand mitzuteilen. Wer erkennt, dass der Funke in ihm ist, erlangt Erlösung. Sowohl der Gottesbegriff als auch die Entgegensetzung von Geist und Materie und die Anthropologie sind dualistisch.Christoph Markschies: Die Gnosis. Beck, München 2001, S. 22–26
Laut dem italienischen Religionshistoriker Giovanni Filoramo wurzelt die Gnosis in Entfremdungs- bzw. Trennungserfahrungen, nämlich in der Abtrennung des Selbst von den verschiedenen Masken des empirisch erlebten Ich, von der der Welt und insbesondere der Trennung von Gott. Die Gnosis erhebe den Anspruch, diese Trennung durch die Erkenntnis zu überwinden, dass das Selbst mit dem Göttlichen identisch ist. Insofern sei sie „totale Erkenntnis, als sie die Dichotomie zw[ischen] Subjekt und Objekt, eigentlich jede Dichotomie, überschreitet, weil sie absolute Erkenntnis des Absoluten ist“. Diese Erkenntnis beinhalte die Erlösung.Giovanni Filoramo: Gnosis/Gnostizismus I. Religionswissenschaftlich. In Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage, Bd. 3, Mohr-Siebeck, Tübingen 2000, S. 1043.
Antike Gnosis Größere Kenntnis ermöglichen die überlieferten Quellen für gnostische Gruppen im frühen Christentum, wobei Elemente der antiken griechischen Philosophie und Religiosität (insbesondere Mittelplatonismus und Neupythagoräer, Seelenwanderungslehre), persischer (insbesondere Zoroastrismus), babylonischer und ägyptischer Religionen auszumachen sind. Auch Zusammenhänge mit dem etwa gleichzeitig in Nordindien entstandenen Mahayana-Buddhismus werden erwogen.
Ursprünge Die Ursprünge der Gnosis sind ein bis heute ungelöstes Problem. Diskutiert werden verschiedene historische Strömungen, die alle eine stark dichotome Weltsicht aufweisen: So wird vermutet, sie wurzele in heterodoxen und namentlich apokalyptischen Strömungen im antiken Judentum; andere wie die französische Philosophin Simone Pétrement sehen sie als Häresie des frühen Christentums an;Simone Pétrement: A Separate God. The Christian Origins of Gnosticism. HarperSanFrancisco, San Francisco 1990, ISBN 0-06-066501-7. wieder andere suchen die Ursprünge der Gnosis im mittleren Platonismus mit seiner Betonung der Transzendenz (was nach dem amerikanischen Theologen Robert M. Grant schlecht zu der scharfen Kritik passt, mit der ihr Plotin und die Neuplatoniker begegneten);