Der Genitiv [] (auch [ˈɡɛnitiːf]), seltener Genetiv, veraltet Genitivus, Genetivus, von , auch Wes-Fall oder Wessen-Fall, veraltet Zeugefall, ist ein Kasus. Viele Grammatiken des Deutschen folgen einer traditionellen Anordnung der Fälle, in der dann der Genitiv als 2. Fall bezeichnet wird.
Die typischste Funktion des Genitivs ist die Markierung von Attributen, also von Substantiven bzw. Substantivgruppen, die von einem anderen Substantiv abhängen. Beispiele im Standarddeutschen sind: „das Haus des Nachbarn“, „der Klang einer fernen Glocke“. Daneben tritt der Genitiv auch bei Ergänzungen von Präpositionen, Adjektiven und Verben auf sowie in bestimmten adverbiellen Funktionen.
Der Genitiv im Deutschen Genitiv zur Markierung von Attributen Der Genitiv steht in den meisten Konstruktionen in Verbindung zu einem anderen Substantiv (oder Nomen), von dem er abhängt. Dies kann als ein Fall von Rektion beschrieben werden: In dem Beispiel „das Haus des Nachbarn“ regiert dann das Substantiv „Haus“ sein Genitiv-Attribut „des Nachbarn“, die Zuweisung der Genitivform hängt also von dem ersten Substantiv ab.
Dieser attributive Genitiv wird im heutigen Deutsch üblicherweise nachgestellt: die Segel des Schiffes der Bauch des Architekten
In bestimmten Fällen wird er jedoch vorangestellt, vor allem bei Eigennamen und gleichwertigen Ausdrücken. Dann entfällt beim Bezugssubstantiv der Artikel, und Adjektive nach solchen vorangestellten Genitiv-Attributen werden stark dekliniert.
Marias Freundin (nicht: die Freundin Marias) Annas lustiger Hund Vaters neues Auto
Im älteren Deutsch war der vorangestellte Genitiv stärker verbreitet, Reste davon finden sich in der Gegenwartssprache noch in festen Wendungen, Sprichwörtern und dergleichen; andere Fälle sind selten (siehe jedoch den letzten Beleg in der folgenden Liste). Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Luther und Zürcher Bibel; Einheitsübersetzung hingegen: „… bis zum Ende der Welt.“) Viele Hunde sind des Hasen Tod. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Das ist des Rätsels Lösung. Des Knaben Wunderhorn Des Kaisers neue Kleider meines Vaters Haus meiner Tochter Kleid „Des Weltmeisters Gedächtnis lässt bereits nach“ (Überschrift in der Neuen Zürcher Zeitung vom 23. Juli 2018, S. 35)
Genitiv als Objekt-Kasus bei Verben
Einige Verben regieren ein Objekt im Genitiv oder können dies zumindest in gehobenem oder altertümlichem Stil. Beispiele sind: bedürfen, entbehren (oft auch mit Akkusativ), ermangeln, gedenken, harren, pflegen (nur noch altertümlich: der Ruhe pflegen), spotten, sich annehmen, sich bedienen, sich besinnen, sich erfreuen (älter auch: sich freuen), sich erinnern, sich rühmen, sich schämen. Früher standen auch die Objekte der Verben vergessen (noch im Pflanzennamen Vergissmeinnicht erhalten), schonen, warnen, warten und steuern im Genitiv, was noch in älteren Texten zu finden ist.
Satzbeispiele: „Sie gedenken der Freunde.“ „Sie erinnert sich ihres letzten Urlaubs.“ „Er spottete der Anwesenden.“ „Freut euch des Lebens.“ „Er erfreut sich bester Gesundheit.“ „Ich bediene mich des Genitivs.“
Bei einigen dieser Verben ist es auch möglich, eine Präposition anstatt der Genitivkonstruktion zu verwenden: „Sie erinnert sich an ihren letzten Urlaub.“ – „Sie erfreuen sich an den Blumen.“
Bei zahlreichen Verben der Rechts- und Gerichtssprache steht die Person im Akkusativ und die Sache im Genitiv (vgl. den in der lateinischen Sprache). Beispiele sind: jemanden einer Sache verdächtigen, anklagen, beschuldigen, bezichtigen, zeihen, überführen; aber auch jemanden einer Sache berauben, entheben, entsetzen, verweisen.
Genitiv und substantivierte Verben „Substantivierte Verben“ sind Substantive, die aus Verben abgeleitet sind; hier ist der Genitiv aus unabhängigen Gründen zu erwarten, da die Rektion des zugrundeliegenden Verbs nicht mehr aktiv ist. Akkusativobjekte des zugrundeliegenden Verbs entsprechen nach der Ableitung dann einem Genitiv der Substantivierung. Beispiel: „die Lebensmittel zu verteilen“ → „die Verteilung der Lebensmittel“
In manchen Fällen kann ein Genitiv bei einer Substantivierung jedoch auch dem Subjekt des Verbs entsprechen: „der Zug hält“ → „der Halt des Zuges“. Die Bezeichnungen genitivus subiectivus bzw. genitivus obiectivus für Genitiv-Attribute unterscheiden nicht, ob es sich um grammatische Entsprechungen zu zugrundeliegenden Subjekten und Objekten des Verbs (bei substantivierten Verben) handelt, oder um gleichartige Bedeutungsbeziehungen im Zusammenhang mit einfachen, unabgeleiteten Substantiven.
Genitiv bei Adjektiven Auch eine Reihe von Adjektiven kann den Genitiv regieren, etwa bar, begierig, bewusst, eingedenk, fähig, frei, froh, fündig, gedenk, gewahr, gewärtig, gewiss, gewohnt, habhaft, kundig, ledig, mächtig, müde, satt, schuldig, sicher, teilhaft, teilhaftig, überdrüssig, unbenommen, unbeschadet, ungeachtet, ungedenk, unkund, unkundig, unteilhaft, unweit, unwert, unwürdig, verdächtig, verlustig, voll, voller, weitab, wert, würdig. In manchen Fällen kommt das Genitivobjekt allerdings nur noch in stehenden Wendungen vor.
Satzbeispiele: „Er ist bar jeglichen Verstandes.“ „Ich bin mir dessen bewusst.“ „Sie ist des Lebens froh, müde, überdrüssig.“ „Sie ist sich der Sache gewiss.“ „Er ist des Verbrechens schuldig.“ „Sie sind dessen nicht würdig.“ Siehe auch Rudolf Hermanns Angewandte Grammatik.
Genitiv bei Präpositionen Standard Auch mit vielen deutschen Präpositionen findet sich der Genitiv. Manche von ihnen repräsentieren einen „geschraubten“ Kanzleistil. Im Laufe der Sprachgeschichte hat sich die Zahl der Präpositionen, die den Genitiv verlangen, stark erhöht, sei es infolge der Entwicklung vom Substantiv zur Präposition (etwa „Trotz“ zu „trotz“), infolge von Univerbierung (etwa „mit Hilfe“ zu „mithilfe“) oder aber infolge des Wechsels der Rektion (etwa im Fall von „längs“).
Präpositionen, die mit Genitiv konstruiert werden können, sind: abseits, abzüglich, anfangs, angesichts, anhand, anlässlich, anstatt, anstelle, aufgrund, ausgangs, ausschließlich, außerhalb, auswärts, ausweislich, behufs, beiderseitig, beiderseits, beidseits, bergseits, betreffs, bezüglich, binnen, dank, diesseits, eingangs, einschließlich, einwärts, ende, exklusive, im Falle, fernab, gelegentlich, halber, hinsichtlich, hinsichts, infolge, inklusive, inmitten, innerhalb, innert, inwärts, jenseits, kraft, längs, längsseits, laut, linkerhand, linkerseits, links, linksseitig, mangels, mithilfe, mittels, namens, nördlich, nordöstlich, nordwestlich, ob (veraltet, etwa in: ob des erlittenen Verlustes), oberhalb, östlich, im Rahmen, rechterhand, rechts, rechtsseitig, seitab, seitwärts, seitens, seitlich, statt, an … statt, südlich, südöstlich, südwestlich, trotz, um … willen, unterhalb, aus Ursachen, vermittels, vermöge, vonseiten, vorbehaltlich, während, wegen, westlich, zeit, zufolge, zugunsten, zulasten, zuseiten, zuungunsten, zuzüglich, zwecks.
Die Genitivrektion der Präpositionen aus obiger Liste ist teilweise schwankend, in etlichen Fällen ist auch Dativ eine Variante, die je nach Stilniveau oder Dialekt eintreten kann. Zudem gibt es eine Gruppe von Präpositionen, die den Dativ oder Akkusativ fordern, wenn sie nachgestellt stehen (also präziser gesagt als Postpositionen auftreten), und nur bei Voranstellung den Genitiv regieren können: den Fluss entlang – entlang des Flusses. Ein anderes Muster zeigt jedoch wegen (wegen dem Unfall / des Unfalls – des Unfalls wegen); oder in älterem Deutsch nachgestelltes ohne, das den Genitiv regierte und noch in dem Wort zweifelsohne erhalten ist.
Es gibt Übergänge zwischen Präpositionen und Konjunktionen. Beispielsweise kann anstatt auch als Konjunktion verwendet werden und regiert dann keinen Kasus, sondern der darauf folgende Kasus hängt vom Verb ab: Er betrat den Garten anstatt den Hof. (Siehe auch im Artikel Konjunktion (Wortart) #Abgrenzung von Präpositionen).
Umgangssprachliche und standardsprachliche Ersetzungen sowie gegenläufige Entwicklungen Bei gängigen Präpositionen wie während, trotz und wegenDie Verwendung des Dativs wohl befürwortend, aber als umstritten darstellend: Präpositionen mit Genitiv, Stichwort „wegen“, Canoonet kann in der Umgangssprache sowie zum Teil in der Standardsprachewegen und trotz auf duden.de. anstelle des Genitivs auch der Dativ stehen.
In der Standardsprache wird der Genitiv bei Präpositionen immer durch den Dativ ersetzt, wenn ein Substantiv im Plural weder durch einen Artikel noch ein Adjektiv mit Fallendungen begleitet wird und somit am Substantiv allein nicht zu erkennen ist, dass es im Genitiv steht, weil die Form des Genitivs Plural mit der Form des Nominativs Plural übereinstimmt. So heißt es zwar wegen Hagels mit in den Genitiv gesetztem Substantiv, pluralisch dagegen wegen Hagelschauern – hier muss der Dativ stehen, da der Genitiv im Plural („Hagelschauer“) allein am Substantiv nicht erkannt werden kann.
Doch auch die umgekehrte Entwicklung ist zu beobachten, die als Hyperkorrektur bezeichnet werden kann. Im Bemühen um einen besonders gehoben und offiziell erscheinenden Sprachstil in Rundfunk und Presse werden gelegentlich Präpositionen, die in der Standardsprache den Dativ (entsprechend, entgegen, gegenüber, gemäß, laut, nahe) oder den Akkusativ (betreffend, wider) verlangen, auch mit dem Genitiv verbunden.Brigitte Grunert: Problemfall Wem-Fall in Der Tagesspiegel, 10. Februar 2008, abgerufen am 20. April 2016.Hans Bickel, Christoph Landolt: Schweizerhochdeutsch. Wörterbuch der Standardsprache in der deutschen Schweiz. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl. Hrsg. vom Schweizerischen Verein für die deutsche Sprache. Dudenverlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-411-70418-7, S. 105. Auch entwachsen in der Kanzleisprache aus Hauptwörtern neu gebildete Präpositionen, etwa behufs, kraft, seitens, die den Genitiv nach sich ziehen.
Besonderheiten der Formenbildung und Schreibung Wortstämme auf -s Wenn ein Eigenname auf einen S-Laut endet und kein Artikel, Possessivpronomen oder dergleichen davor steht, wird zur schriftlichen Kennzeichnung des Genitivs gemäß § 96 der Regeln zur Deutschen Rechtschreibung der Apostroph verwendet. Endungen können folgende sein: s (Klaus’), ss (Grass’), ß (Weiß’), tz (Katz’), z (Merz’), x (Marx’) und ce (Bruce’). Die genannten Buchstaben bilden nur dann den Genitiv durch Apostrophierung, wenn ihnen auch tatsächlich der Laut [s] entspricht oder er stumm bleibt; wenn nicht, wird in der geschriebenen ebenso wie in der gesprochenen Sprache ganz normal ein s angehängt, so etwa Miloševićs, nicht *Milošević’ (ebenso wie Millowitschs, nicht *Millowitsch’) oder Benešs, nicht *Beneš’ (ebenso wie Bauschs, nicht *Bausch’). Eine Ausnahme hiervon stellen lediglich Wörter dar, die auf eines der Grapheme enden, die stumm bleiben. Es wird Jacques’ (und nicht *Jacquess) oder Giraudoux’ (und nicht *Giraudouxs) geschrieben, obwohl in der gesprochenen Sprache durchaus ein [s] angehängt wird ([ˈʒak+s]). Da der Genitiv im Deutschen markierungspflichtig ist, kann der Apostroph bei nachgestellten Genitiven nicht verwendet werden. So ist in dem Syntagma Klaus’ Hund an Wortstellung und Intonation zu erkennen, dass Klaus hier im Genitiv steht; in dem Syntagma der Hund Klaus ist jedoch Klaus nur als der Name des Hundes interpretierbar, und dies kann auch nicht dadurch geändert werden, dass Klaus ein Apostroph hinzufügt wird: *der Hund Klaus’ wäre beim Lesen zwar verständlich, aber ein nicht auszusprechender Text. Sollen stilistisch schwierige Genitive von Eigennamen, die auf einen S-Laut enden, wie Klaus’ Freund Thomas oder Marx’ „Kapital“ vermieden werden, so kann auf die veraltende Genitivbildung mit -ens zurückgegriffen werden: Klausens Freund Thomas, Marxens „Kapital“.Wolfgang Müller: Das Wörterbuch deutscher Präpositionen. 2013, S. 2199 Ferner ist in diesem Fall auch die Umschreibung mit von möglich (analytische Formbildung: Thomas, der Freund von Klaus, „Das Kapital“ von Marx).