mini|Rainer Werner Fassbinder, 1980

Rainer Werner Fassbinder (* 31. Mai 1945 in Bad Wörishofen; † 10. Juni 1982 in München) war ein deutscher Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor, Filmproduzent, Filmeditor, Komponist und Dramatiker.

Obwohl Fassbinder nur 37 Jahre alt wurde, drehte er – bekannt war er für seine schnelle Arbeitsweise – in seiner gerade einmal rund 16 Jahre langen Karriere über 40 Spielfilme, zwei Fernsehserien und drei Kurzfilme. Zudem hat Fassbinder 24 Theaterstücke verfasst und vier Hörspiele produziert. Zu seinen bekanntesten Werken zählen unter anderem Die Bitteren Tränen der Petra von Kant (1972), Welt am Draht (1973) und Angst essen Seele auf (1974), sowie der Fernsehmehrteiler Berlin Alexanderplatz (1980). Allerdings forderte dieser hohe Arbeitseifer seinen Tribut, da Fassbinder im Verlauf seiner Karriere immer schwerer von Kokain sowie Aufputsch- und Beruhigungsmitteln abhängig wurde und zudem Alkoholiker war, um seinem selbstauferlegten Leistungsdruck standhalten zu können, was schlussendlich zu seinem frühen Tod führte.

Rainer Werner Fassbinder gilt als einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Vertreter des Neuen Deutschen Films der 1970er und frühen 1980er Jahre und sein Tod 1982 markiert das Ende dieser Bewegung.

Sein Hauptthema war die „Ausbeutbarkeit von Gefühlen“. Seine Filme beschäftigten sich neben der NS-Vergangenheit, dem deutschen Wirtschaftswunder oder dem Terror der RAF, auch viel mit Außenseiterfiguren in der Stadt und legten hier den Fokus auf Gastarbeiter, Gefangene oder Homosexuelle.

Leben und Werk Kindheit und Jugend mini|Gedenktafel am Filmhaus Huber in Bad Wörishofen Rainer Werner Fassbinder war das einzige Kind des Arztes Hellmut Fassbinder (1918–2010) und der Übersetzerin Liselotte Fassbinder, geb. Pempeit (1922–1993), die sich 1943 in München kennengelernt und dort 1944 geheiratet hatten. Sein Geburtshaus, das denkmalgeschützte „Haus Hubertus“, steht im Garten des Hotels Sonnengarten Adolf-Scholz-Allee 5. Der Vater war zu dieser Zeit als Lazarettarzt in Bad Wörishofen stationiert. Kurz nach der Geburt zog die Familie zurück nach München in die Sendlinger Straße, wo der Vater eine Praxis eröffnete. Aufgrund der Nachkriegsnot verbrachte Rainer Werner Fassbinder den Winter 1945/46 bei der Familie des Zwillingsbruders seines Vaters in Kippenheim bei Lahr im Schwarzwald. Nach der Scheidung seiner Eltern 1951 wuchs er bei seiner Mutter auf, ging in München von 1951–53 in die Rudolf-Steiner-Schule und von 1955–56 auf das Theresiengymnasium, musste jedoch wegen Krankheiten und Sanatoriumsaufenthalten der Mutter auch auf mehrere Internate. Im Alter von 16 Jahren brach Fassbinder die Schule (das Gymnasium bei St. Anna in Augsburg) ab und zog nach Köln zu seinem Vater. In dieser Zeit verfasste Fassbinder erste Theaterstücke, Gedichte, Kurzgeschichten und Drehbücher. Er galt als belesen und eignete sich durch das Studium philosophischer, gesellschaftskritischer und psychoanalytischer Schriften eine Bildung auf hohem Niveau an. Bereits im Jugendalter interessierte sich Fassbinder für das Filmemachen. Nach einer zweijährigen privaten Schauspielausbildung meldete er sich in München zur staatlichen Schauspielprüfung an, bestand jedoch die Prüfung nicht. Auch bei der Aufnahmeprüfung an der damals neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin scheiterte er.

Karrierebeginn: Vom Theater zum Film Dem Film näherte er sich als Autodidakt und scherte sich zunächst wenig um Konventionen. 1966 und Anfang 1967 produzierte Fassbinders Partner Christoph Roser dessen erste Kurzfilme Der Stadtstreicher und Das kleine Chaos. 1967 stieß Fassbinder auf das Action-Theater und wurde von der jungen Gruppe um Ursula Strätz, Peer Raben, Kurt Raab u. a. als Ensemblemitglied aufgenommen. Fassbinder, der bald auch die Regie übernahm, brachte Hanna Schygulla mit, die er auf der Schauspielschule kennengelernt hatte, sowie Irm Hermann (die sich auch als Agentin für Fassbinder einsetzte), mit der er und Roser zusammenlebten. Etwas später stießen Harry Baer, Ingrid Caven und Günther Kaufmann sowie 1970 Margit Carstensen hinzu, die er als Star neben Hanna Schygulla in die Gruppe integrierte. Er schrieb für sie unter anderem die Theaterstücke Bremer Freiheit und Die bitteren Tränen der Petra von Kant. Im Mai 1968 löste sich das Action-Theater auf, und Fassbinder gründete mit Peer Raben, Hanna Schygulla und Kurt Raab das antiteater. Das Ensemble hatte Aufführungen im Büchner-Theater in der Kunstakademie und schließlich im Hinterraum der Schwabinger Kneipe Witwe Bolte. 1969 inszenierte Fassbinder mit dem antiteater das Stück Gewidmet Rosa von Praunheim für den damals jungen Regisseur Rosa von Praunheim. Zwei Jahre später benannte er eine Rolle für seinen Film Der amerikanische Soldat nach von Praunheim. Von Praunheim ging allerdings nicht auf Fassbinders Versuche ein, ihn für sein Umfeld zu gewinnen, und verfolgte stattdessen erfolgreich seine eigene Karriere.

Beeinflusst von Jean-Luc Godard und der Nouvelle Vague sowie den US-amerikanischen Kriminalfilmen von John Huston, Raoul Walsh und Howard Hawks, vor allem aber von den Melodramen von Douglas Sirk, begann Fassbinder mit den Schauspielern des antiteaters die ersten Spielfilmprojekte zu realisieren. 1969 entstanden der Krimi Liebe ist kälter als der Tod und Katzelmacher. In beiden Filmen verband Fassbinder die Theaterarbeit mit der des Filmemachens. 1969 spielte er fürs Fernsehen die Hauptrolle in Volker Schlöndorffs Theaterverfilmung Baal. Zwischen 1969 und 1971 entstanden nicht nur zahlreiche Theaterstücke, sondern auch in sehr kurzer Zeit von Fassbinder produzierte „alternative“ Filme unter dem Unternehmensnamen (Firma) antiteater-X-Film (z. B. Götter der Pest, Rio das Mortes, Whity, Der amerikanische Soldat, Warnung vor einer heiligen Nutte). Als das antiteater Mitte 1971 aufgrund einer desaströsen Finanzsituation auseinanderbrach (es war keine im Handelsregister eingetragene Firma), übernahm Fassbinder die alleinige Verantwortung und in den kommenden Jahren die Abzahlung der Schulden, die sich auf ca. 200.000 DM beliefen. Seine Mutter Liselotte Eder übernahm die Aufarbeitung der Steuer- und Sachleistungsschulden und die Filmgeschäftsführung der von Fassbinder neu gegründeten Produktionsfirma Tango-Film, mit der er im August 1971 als erstes Werk den Film Händler der vier Jahreszeiten produzierte.

Fernsehen Fassbinders wachsender künstlerischer Erfolg ließ auch die Verantwortlichen des Fernsehens auf ihn aufmerksam werden, und so begann ab 1971 eine sehr produktive Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR). Peter Märthesheimer, der für ihn später, gemeinsam mit Pea Fröhlich, die Drehbücher seiner BRD-Trilogie schrieb, war sein wichtigster Unterstützer und zeichnete als verantwortlicher Redakteur des WDR bei den Fernsehfilmen Niklashauser Fart (1971), der Arbeiterserie Acht Stunden sind kein Tag (1972) sowie bei Martha (1974), Welt am Draht (1973), Angst vor der Angst, Ich will doch nur, daß ihr mich liebt (1975) und Wie ein Vogel auf dem Draht (1976).

Das ZDF erteilte 1970 den Auftrag für Pioniere in Ingolstadt (ausgestrahlt im Mai 1971) und sendete im März 1972 den Händler der vier Jahreszeiten. Wildwechsel entstand 1972 im Auftrag des SFB, Bremer Freiheit 1972 und Nora Helmer 1973 im Auftrag des Saarländischen Rundfunks.Rainer Werner Fassbinder Foundation (Hrsg.): Rainer-Werner-Fassbinder-Werkschau. Argon, Berlin 1992, ISBN 3-87024-212-4, mit Werkverzeichnis S. 257–264.

Kontroversen In den Jahren 1971 bis 1974 erreichte Fassbinder mit den von Tango-Film produzierten Spielfilmen Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1972), Angst essen Seele auf (1973), Faustrecht der Freiheit (1974) und zusätzlich mit Theaterregie-Einsätzen in Bremen, Bochum und Frankfurt am Main ein Maximum an öffentlicher Aufmerksamkeit. Fassbinder war in der Spielzeit 1974/75 Mit-Intendant am Theater am Turm in Frankfurt und schrieb für das Ensemble das auf einer Romanvorlage von Gerhard Zwerenz basierende Stück Der Müll, die Stadt und der Tod (1974), das aufgrund der Verwendung antisemitischer Klischees eine heftige Kontroverse auslöste. Kritik kam z. B. von Joachim Fest, Ignatz Bubis, Salomon Korn und Friedrich Uttitz. Eine der Figuren ist ein jüdischer Immobilienspekulant, dem Ähnlichkeiten mit Ignatz Bubis nachgesagt wurden. Im Jahr 1975 verfilmte der Schweizer Regisseur Daniel Schmid das noch nicht aufgeführte Stück unter dem Titel Schatten der Engel (mit Fassbinder selbst in einer Hauptrolle und als Co-Drehbuchautor sowie Ingrid Caven, Klaus Löwitsch, Annemarie Düringer, Boy Gobert und Irm Hermann). Eine erste Inszenierung am Schauspiel Frankfurt wurde 1985 von Demonstranten verhindert, die in dem Stück das antisemitische Klischee vom „reichen Juden“ propagiert sahen und ihren Protest zum Ausdruck brachten, indem sie die Bühne besetzten. Weitere Pläne, das Stück in Deutschland zu zeigen, wurden nach Protesten zurückgezogen. Dagegen wurde das Stück 1999 in Israel inszeniert und ohne Proteste aufgeführt.Unkontrollierte Mehrdeutigkeiten:Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ in Tel Aviv, welt.de, 26. April 1999, auf haGalil

Karrierehöhepunkte Fassbinder entwickelte seine Filmsprache konsequent weiter und die Filme wurden größer und professioneller. 1977 realisierte er für sechs Millionen DM den Film Despair – Eine Reise ins Licht mit der Bavaria Film in München, seine bis dahin teuerste Produktion, gedreht in englischer Sprache nach einem Drehbuch des britischen Dramatikers Tom Stoppard, basierend auf einem Roman von Vladimir Nabokov. Obwohl hochkarätig besetzt (der englische Weltstar Dirk Bogarde spielte die Hauptrolle) und als Wettbewerbsfilm 1978 in Cannes eingeladen, hatte der Film an den Kinokassen keinen Erfolg. Als Teilnehmer der Berlinale und vielen Festivals im Ausland (1974 widmete ihm die Cinémathèque française eine Gesamtretrospektive und das New York Film Festival zeigte seit 1971 jährlich seine aktuellen Filme) wurde Fassbinder zwar von der internationalen Kritik in höchsten Tönen gelobt, in Deutschland aber wegen seiner direkten Themen häufig angegriffen. Erst mit seinem vorletzten Film, Die Sehnsucht der Veronika Voss (in der Hauptrolle Rosel Zech, die seit den frühen 1970er Jahren ein großer Theaterstar war), gewann er den Goldenen Bären der Berlinale.

Fassbinder schuf weitere wichtige Frauenfiguren der Nachkriegsfilmgeschichte, so mit Fontane Effi Briest (1974), Die Ehe der Maria Braun (1979) und Lili Marleen (1981), dargestellt von Hanna Schygulla, oder mit dem Film Lola (1981), in dem Barbara Sukowa die Hauptrolle spielte. Diese Frauenfiguren gingen in die Filmgeschichte ein und ihre Darstellerinnen erlangten eine Bekanntheit, die ihnen eine von Fassbinder unabhängige Karriere ermöglichte.

Fernsehgeschichte schrieb er 1980 mit dem Mehrteiler Berlin Alexanderplatz nach dem Roman von Alfred Döblin (mit Günter Lamprecht, Gottfried John, Hanna Schygulla und Barbara Sukowa), der später im Kino, meist bei Festivals und Retrospektiven, als 15½-Stunden-Marathon gezeigt wurde. Fassbinder war auch berühmt wegen seines atemberaubenden Arbeitstempos (im Jahr 1970 entstanden sieben Filme). So habe er sein Lebensziel darauf eingerichtet, am Ende mit der Zahl seiner Filme die Zahl seiner Lebensjahre zu erreichen.

Früher Tod mini|Fassbinders Grabstätte auf dem Bogenhausener Friedhof