mini|hochkant|Statue eines Herrschers von Melid im Museum Ankara, vermutlich König Mutallu von Kummuḫ Die Skulpturen von Malatya, auch Skulpturen von Arslantepe, sind eine Gruppe von Steinkunstwerken, bestehend aus einer kompletten und anderen fragmentierten Statuen, mehreren Löwenskulpturen und zahlreichen Orthostaten, die mit Reliefs und zum Teil mit Inschriften in luwischen Hieroglyphen versehen sind. Sie stammen alle vom Siedlungshügel Arslantepe, der etwa sechs Kilometer nordöstlich der türkischen Provinzhauptstadt Malatya in Ostanatolien liegt, oder aus dessen Umgebung und sind vermutlich im 12. bis 8. Jahrhundert v. Chr. entstanden. Der Ort war damals das Zentrum des späthethitischen Königreichs Melid. Der größte Teil der Werke wird mit dem dortigen Löwentor in Verbindung gebracht, einer späthethitischen Toranlage, die vom 12. bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. existierte und in den 1930er Jahren ausgegraben wurde. Der überwiegende Teil befindet sich im Museum für anatolische Zivilisationen in Ankara, ein kleinerer Teil im Archäologischen Museum Malatya und eins der Reliefs ist im Louvre in Paris ausgestellt. Die Bildwerke sind gesammelt in Winfried Orthmanns Untersuchungen zur späthethitischen Kunst (1971) besprochen, die Inschriften publizierte John David Hawkins in seinem Corpus of Hieroglyphic Luwian Inscriptions (2000). Einige erst in diesem Jahrtausend entdeckte erschienen in separaten Veröffentlichungen. Die jüngste Zusammenstellung der kompletten Gruppe lieferten 2016 Federico Manuelli und Lucia Mori.Federico Manuelli, Lucia Mori: “The King at the Gate”. Monumental Fortifications and the Rise of Local Elites at Arslantepe at the End of the 2nd Millennium BCE In: ORIGINI XXXIX, 2016-1 S. 209–241. Nach einer Einteilung, die Hans Henning von der Osten bereits 1929 vornahm und die bis heute verwendet wird, werden sie in drei Stilgruppen (bei Orthmann Malatya I–III) eingeordnet.

Entdeckung mini|links|Löwentor während Delaportes Ausgrabungen Als erster berichtete 1894 der britische Archäologe David George Hogarth von zwei bearbeiteten Steinen, die er in Malatya sah und von denen mindestens einer sicher vom Hügel Arslantepe stammte.David George Hogarth: Note on Pre-Hellenic Finds In: Gaston Maspero (Hrsg.): Recueil des Travaux relatifs à la Philologie et à I’Archéologie Egyptiennes et Assyriennes 17 Paris 1895 S. 25–27. Als nächster beschrieb 1911 der US-amerikanische Hethitologe Benson Brush Charles im Bericht der Cornell Expedition to Asia Minor der US-amerikanischen Cornell University vier Orthostaten, die er im Serail in Malatya sah, eine auf dem Hügel gefundene Löwenskulptur und ein Löwenrelief.Benson Brush Charles: Hittite Inscriptions (Cornell Expedition to Asia Minor). Ithaca/New York 1911, S. 33–49. Die britische Reisende und Archäologin Gertrude Bell brachte von ihren Reisen ebenfalls Photographien der Reliefs mit.Bell Archive Als der deutsche Vorderasiatische Archäologe Hans Henning von der Osten auf seiner Kleinasienreise im Auftrag des Oriental Institute at Chicago 1927–1928 sich einige Tage in Malatya aufhielt, lieferte er die erste topographische Karte des Hügels. Er untersuchte auch kurz den Fundort des von Olmstead gefundenen und in situ belassenen Löwen, wobei er einen Reliefstein und nach Hinweisen von Anwohnern weitere drei Orthostaten fand. In seinem 1929 veröffentlichten Bericht beschrieb er die bis dahin bekannten 15 Orthostaten und teilte sie nach stilistischen Gesichtspunkten in drei Gruppen ein.Hans Henning von der Osten: New Sculptures from Malatia In: The AmericanJournal of Semitic Languages and Literatures 45-2, 1929 S. 83–89 Pl. I–IX. Damit war die Aufmerksamkeit der Wissenschaft, die bis zu diesem Zeitpunkt den Fundort vornehmlich der römischen Zeit zugeordnet hatte, auf den vorklassischen Aspekt der Fundstätte gerichtet. Infolgedessen unternahm der französische Archäologe Louis-Joseph Delaporte von 1932 bis 1938 die ersten archäologischen Ausgrabungen auf dem Hügel. Er konzentrierte seine Arbeiten auf den Nordostteil des Arslantepe um die Löwenfundstelle und brachte dort schließlich die unter der Bezeichnung Löwentor bekannte späthethitische Toranlage ans Licht. Aufgrund seiner Funde und der bisher bekannten Reliefs rekonstruierte er die gesamte Ikonographie der Anlage. Mit seinen Grabungen legte er sechs späthethitische und eine hethitische Schicht frei.Louis Delaporte: Malatya: Fouilles de la Mission Archéologique Française. Tome 1,1: Arslantepe, La porte des lions Paris 1940. Digitalisat Nach einer Unterbrechung während des Zweiten Weltkriegs setzte der französische Archäologe Claude Schaeffer die Arbeiten von 1949 bis 1951 fort, wobei er Suchgräben durch den Hügel treiben ließ, um Informationen über die Stratigraphie zu erhalten, und unter dem Löwentor eine ältere Toranlage entdeckte. Seine Ausgrabungen wurden nicht dokumentiert.Corrado Alvaro: The Topography and Architecture at Arslantepe during the Second and First Millennia B.C.: Reconsidering more than 100 Years of Researches In: ORIGINI XXXIV, 2012 S. 345–360.Marcella Frangipane: Arslantepe-Malatya: A Prehistoric and Early Historic Center in Eastern Anatolia In Sharon R. Steadman, Gregory McMahon (Hrsg.): The Oxford Handbook of Ancient Anatolia, 2011, S. 970–971.

Mit den italienischen Ausgrabungen durch ein Team der Universität La Sapienza ab 1960, zunächst unter der Leitung von Salvatore M. Puglisi und Piero Meriggi, später von Alba Palmieri und schließlich bis heute von Marcella Frangipane, wurde zuerst die Grabungszone um die Toranlagen vergrößert. Die Arbeiten erstreckten sich bald auf den gesamten Hügel, wo unter anderem ein bedeutender vorgeschichtlicher Palast des 4. Jahrtausends v. Chr. freigelegt wurde. Der Bereich im Nordosten blieb dann für etwa 50 Jahre weitgehend unberührt, bis er ab 2008 erneut untersucht wurde. Die neuen Ausgrabungen haben vorrangig ein besseres Verständnis der Schichtenabfolge zum Ziel. Dennoch wurden 2010 auch dabei nochmals zwei Reliefsteine gefunden, später noch ein weiterer.

Fundsituation mini|hochkant|Grundriss des Löwentors (nach Orthmann) Von den heute (2020) bekannten 26 Skulpturen stammen elf vom Löwentor, die Statue F3Im Text wird die Nummerierung aus der neuesten Beschreibung der Skulpturen von Manuelli/Mori (siehe Literatur) verwendet, für andere Bezeichnungen siehe die Tabelle, die beiden Portallöwen D1 und D2 sowie die Orthostaten A1 bis A8. Die beiden Löwen sowie die Reliefs A1 bis A4 wurden in situ gefunden, die anderen in der Umgebung, aber auf dem Hügel. Weitere Funde aus dem Bereich der Hügeloberfläche sind A9, C5 und C6. Der Rest stammt größtenteils aus der Umgebung von Arslantepe, ein Orthostat (B2) wurde bei einem Kunsthändler in Harput erworben, zwei weitere (C4 und A10) kamen im Magazin des Museums in Malatya zu Tage.

Stil Hans Henning von der Osten, der 1929 die damals bekannten 15 Skulpturen beschrieb, teilte sie – ohne die Torlöwen und die Statue – in die Stilgruppen Malatya I–III ein. Die Einteilung wurde auch 1933 von Viktor ChristianViktor Christian: Untersuchungen zur nordsyrisch-„hettitischen“ Kunst In: Archiv für Orientforschung 9, 1933–34 S. 1–34. übernommen und 1971 von Winfried Orthmann, der sie auch auf andere Stelen und Felsbilder im Bereich des Königreichs Melid anwendete. Sie ist bis heute in Gebrauch.

Orthostaten Zur Gruppe Malatya I gehören die Orthostaten des Löwentors, A1 bis A9 (bei Orthmann A/3 bis A/11). Es sind flach gearbeitete Reliefs mit abgeschrägten Reliefkanten auf einem eingetieften, geglätteten Untergrund, die auch innerhalb der Figuren kaum Höhenunterschiede aufweisen. Auch Gliedmaßen und Bärte sind meist nicht durch Höhenabstufungen, sondern nur durch Einschnitte gezeichnet. Die Figuren wirken sehr steif und stehen voneinander isoliert ohne erkennbaren Bezug zueinander. Durch fehlende Abstufungen an den Gelenken wirken die Gliedmaßen etwas kraftlos. Die Figuren stehen ohne Standlinie in einer Ebene, die im Allgemeinen der Unterkante des Steins entspricht. Die Stele E1 (Orthmann B/4) aus der Umgebung des Hügels und das im Stadtgebiet von Malatya gefundene Stelenfragment E2 (D/1) werden trotz geringer Abweichungen bei der Löwenmähne und dem Bart ebenfalls zur Stilgruppe Malatya I gerechnet.Winfried Orthmann: Untersuchungen zur späthethitischen Kunst. (=Saarbrücker Beiträge zur Altertumskunde Bd. 8) Habelt, Bonn 1971, ISBN 978-3774911222, S. 91–95.

Bei Malatya II ist ebenfalls der Hintergrund eingetieft, allerdings gibt es einen stehengebliebenen Rand, der oben breiter und mit Inschriften gefüllt ist. Die Reliefs sind ebenso flach und ohne Abstufungen wie bei Malatya I, was hier noch deutlicher ins Auge fällt, da die Figuren und Formen sich teilweise überschneiden. Dies ist gut zu erkennen bei der gestaffelt stehenden Wagenbesatzung der Bilder B1 und B2, die nicht durch Abstufungen unterschieden sind, sondern nur durch Einschnitte getrennt sind. Gleiches gilt für die Beine der Pferde. Dabei wird aber auch klar, dass hier im Gegensatz zu Malatya I die Abgebildeten eine zusammengehörige Gruppe darstellen, die sich berühren und überschneiden. Die Gestalten sind nicht mehr statisch, sondern in Bewegung. Außer den beiden Jagdszenen B1 und B2 (Orthmann B/1 und B/2) wird das Fragment B3 (B/3) zu dieser Gruppe gerechnet.

Zur Gruppe Malatya III werden die Reliefs C1a bis C1c, C2 und mit Einschränkungen C3 gerechnet. Hier ist in den Körpern eine leichte Modellierung vor allem bei den Gliedmaßen zu erkennen. Die Bildfläche ist, den Figuren angepasst, im Unterschied zu den ersten beiden Gruppen ein Hochformat. Die Figuren, sowohl der Gott als auch die Mischwesen und die Stiere, wirken dynamischer. Überschneidungen der Arme verleiht den Gestalten etwas Tiefe. Die Haltung der beiden Löwenmenschen auf Block C3 ist dagegen statisch und erinnert damit eher an Gruppe Malatya I, weshalb die Zuordnung dieses Stücks umstritten ist. Die Orthostaten dieser Gruppe weisen keine Inschriften auf.

Rundplastiken mini|Fundlage der Statue im Bereich des Löwentors (Zeichnung Delaporte) Die beiden Portallöwen zeigen in der Haltung deutliche Ähnlichkeiten mit den Löwen auf A3b und A7b (Orthmann A/5b und A/9a). In den Proportionen sowie in Details von Krallen und Mähne ähneln sie dagegen dem verwundeten Tier von B1 (B/1), sodass sie zwischen Gruppe I und II einzuordnen sind. Die Statue F3 (A/12) ist besonders in der Gestaltung der Oberflächen, der Haare und des Gesichts nicht mit den recht flachen Darstellungen der Reliefs zu vergleichen. Sie kann keiner Stilgruppe zugeordnet werden und ist sicherlich jünger als die Orthostaten. Die Statuenköpfe Fi und F2 (C/4, C/5) sind in der Formgebung ähnlich der Gruppe I, aber in den Details etwas fortgeschrittener.Winfried Orthmann: Untersuchungen zur späthethitischen Kunst. (=Saarbrücker Beiträge zur Altertumskunde Bd. 8) Habelt, Bonn 1971, ISBN 978-3774911222, S. 97–99.

Zeitliche Einordnung der Stilgruppen