Das Konzert Nr. 1 für Flöte und Orchester G-Dur KV 313 (285c) von Wolfgang Amadeus Mozart entstand (entgegen gängiger Annahmen) wahrscheinlich im Januar oder Februar 1777 in Salzburg und zählt heute zu den bedeutendsten und meistgespielten Werken der Gattung. Zudem ist es das einzige original für Flöte geschriebene Solokonzert des Komponisten und wird mitunter auch bei Probespielen als Standardwerk verlangt. Der Tonumfang des Soloparts reicht vom d1 bis zum g3. Die Spieldauer beträgt circa 25 Minuten.

mini|Wolfgang Amadeus Mozart (anonymes Gemälde, 1777)

Entstehung

Vorbemerkung Mozarts Solo- und Kammermusikwerke für Flöte bzw. mit Flötenbeteiligung werden meist mit dem 1778 in Mannheim erteilten Auftrag des begüterten holländischen Musikliebhabers Ferdinand Dejean (1731–1797) in Verbindung gebracht, den der Komponist in seinen Briefen verwirrend als „de Jean“, „De Jean“, „de champs“ sowie als „unseren Indianer“, „indianischen Holländer“ oder „reichen Holländer“ bezeichnete. Dejean, seinerseits Arzt der Niederländischen Ostindien-Kompanie und Flötendilettant, hieß den jungen Mozart, ihm Werke für Flöte zu schreiben und bot ihm dafür ein fürstliches Honorar.

Gestützt auf die Behauptung von Otto Jahn, dass Mozart nur auf Bestellung für die Flöte geschrieben hätte, ordnet der österreichische Historiker Ludwig Ritter von Köchel (1800–1877) die von ihm ohnehin als bedeutungslos eingestuften Flötenkonzerte KV 313 und KV 314 in seinem Chronologisch-thematischen Verzeichniss sämmtlicher Tonwerke Wolfgang Amadé Mozart’s (1862) in das Jahr 1778 ein, worin ihm die meisten Mozart-Biographen folgen. Die genaue Entstehungszeit beider Werke sowie deren Entstehungsgeschichte liegen allerdings bis heute im Dunkeln.

Entstehungsgeschichte In den späten 1770er Jahren, als Mozart noch in Salzburg beheimatet war und daran arbeitete, sich in Europa als Komponist zu etablieren, logierte er während seiner Mannheim-Paris-Reise als Gast im Haus des bekannten Komponisten und Flötisten der berühmten Mannheimer Hofkapelle Johann Baptist Wendling. Dort hatte Mozart die Bekanntschaft mit einem begüterten und musikbegeisterten Niederländer namens Ferdinand Dejean gemacht. Als weitgereister Musikliebhaber war dieser zwar zu einigem Vermögen gekommen, seine virtuosen Fertigkeiten auf der Flöte waren jedoch bescheiden; womöglich schrieb Mozart auch deshalb nur mit wenig Lust an den Werken, die Dejean bei ihm in Auftrag gab, wie Alexander Moore bemerkt.

Das Flötenkonzert Nr. 1 in G-Dur hält Köchel für eines der beiden in diesem Zusammenhang entstanden Konzerte und verweist dabei auf einen Brief vom 14. Februar 1778, in dem Mozart berichtet, für Dejean zwei Flötenkonzerte und drei Flötenquartette fertiggestellt und dafür 96 Gulden erhalten zu haben. (siehe Arbeitsprozess) Die neuere Forschung zeigt jedoch, dass die ganze Angelegenheit weitaus komplizierter ist und letztlich keines der beiden Konzerte während Mozarts Reise nach Mannheim und Paris, sondern bereits im Jahr 1777 entstand:

Im Rahmen der Neuedition von Mozarts Flötenkonzerten im Verlag Breitkopf & Härtel (2006) erwähnt der deutsche Flötist und Musikwissenschaftler Henrik Wiese, dass Mozart am 10. Dezember 1777 in einem Brief an seinen Vater Leopold behaupte, er solle für Dejean gegen stattliche 200 Gulden „3 kleine, leichte, und kurze Concertlen und ein Paar quattro auf die Flötte machen“. Diesbezüglich müsse man sich nun fragen, warum ihm Dejean dann für zwei Konzerte und drei Quartette nicht einmal die Hälfte des vereinbarten Honorars bezahlt hatte, und ob Mozart möglicherweise nur ein Konzert für Dejean geschrieben und seinen Vater in dieser Angelegenheit belogen habe. Jedenfalls notiere der Salzburger Hofrat Joachim Ferdinand von Schiedenhofen (1747–1823) am 25. Juli 1777 in seinem Tagebuch einen Besuch „zu Gusseti, wo die Musick des jungen Mozartn, die er abends seiner Schwester machen wolte, probirt wurde. Sie bestunde in einer Sinfonia, einen Violin Concert, das der junge Mozart spilte, einen Flaute traverse Concert, das der Violongeyger Castel bliese, und alles ware von des jungen Mozarts Composition“. Des Weiteren führt Wiese an, dass das Flötenkonzert in G-Dur eine spezielle Salzburger Raffinesse aufweise, denn im langsamen Mittelsatz setze Mozart anstelle der Oboen zwei Flöten zu den Hörnern und sordinierten Streichern. Solch ein Instrumentationswechsel komme bei Mozart ansonsten lediglich bis zum Jahr 1776 vor und betreffe in der Regel nur seine für Salzburg bestimmten Werke. Da in der Salzburger Erzbischöflichen Kapelle keine Flötisten angestellt waren, hatten stattdessen vornehmlich Oboisten als Nebeninstrument zusätzlich Flöte gespielt. Die Zahl der Spieler erweitere sich also durch diesen Wechsel nicht. Demzufolge sei es naheliegend, KV 313 als dasjenige Konzert zu identifizieren, das bereits 1777 zum Namenstag von Mozarts Schwester Nannerl aufgeführt worden war. Weiter vermutet Wiese, dass Mozart das Konzert aufgrund der späteren Zeitknappheit in Mannheim kurzerhand an Dejean verkauft haben könnte, womit eine weitere Ursache für die Honorarkürzung gefunden sei (siehe Arbeitsprozess). Ferner hätte das 1778 entstandene Andante für Flöte und Orchester in C-Dur KV 315 mit seinen geringeren Spielanforderungen wohl als alternativer Mittelsatz zum Flötenkonzert in G-Dur dienen sollen, um durch den Austausch des Adagios den Wünschen des Auftraggebers nach einem „klein[besetzt]en“, „leichten“ und „kurzen“ Konzert entgegenzukommen und den Oboisten das Flötespielen zu ersparen. Ob Dejean auch diesen Schwindel bemerkt habe, darüber könne nur spekuliert werden, meint Wiese weiter. Auch sei nicht auszuschließen, dass Wendling selbst dieses Konzert vor seiner Abreise nach Paris in Mannheim aufgeführt habe.

Dieselbe Meinung vertritt auch der ungarische Flötist, Musikprofessor und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Flöte e. V. András Adorján, indem er auf die Diskrepanz zwischen Mozarts Brief vom 10. Dezember 1777 und seiner zwei Monate späteren Nachricht an den Vater von der Fertigstellung von „2 Concerti und 3 quartetti“ hinweist. Diesbezüglich gebe es zu denken, dass der Auftraggeber [Dejean] das vereinbarte Honorar um mehr als die Hälfte gekürzt habe. Da von den genannten Werken einzig das Flötenquartett in D-Dur KV 285 im Autograph mit Datierung vom 25. Dezember 1777 enthalten sei und Mozart in diesem Zeitraum außerdem weitere, teils größere Kompositionsprojekte beschäftigten, ließe sich vermuten, dass er schlichtweg aus Zeitnot Dejean entgegen seiner Behauptung mit nur einem Quartett und beiden möglicherweise bereits vorliegenden Konzerten zufriedenzustellen versucht habe. Weiter nimmt Adorján an, dass das Flötenkonzert in G-Dur daher identisch mit einem bereits zu Nannerls Namenstag am 26. Juli 1777 aufgeführten „Flaute traverse Concert“ sein könnte, von dem Schiedenhofen bereits am 25. Juli (und somit mehrere Monate vor Dejeans Auftrag vom 9. Dezember 1777) in seinem Tagebuch berichtet hatte. Unzweifelhaft vor der Mannheim-Paris-Reise, also noch in Salzburg, sei jedoch das Oboenkonzert KV 314 entstanden, das Mozart in aller Eile für die Flöte eingerichtet und von C-Dur um einen Ganzton höher transponiert habe.

Arbeitsprozess Die Arbeit an den beiden Flötenkonzerten KV 313 und KV 314 ist Mozart nicht leicht von der Hand gegangen. Seinem Vater gegenüber entschuldigt er sich in einem Brief vom 14. Februar 1778 damit, dass er in Mannheim derart viele Verpflichtungen habe und darüber hinaus die Flöte nicht leiden könne:

Und doch trage später eine seiner berühmtesten Opern den Titel „Die Zauberflöte“ und habe der magischen Wirkung von Flötentönen überirdische Kräfte beigemessen, wie Moore berechtigterweise anmerkt. Ebenfalls habe Mozart in zahlreichen späten Werken (besonders in den letzten Klavierkonzerten) unglaublich schöne Solopassagen für die Flöte geschrieben – es sei daher anzunehmen, dass er seine Meinung über das Instrument im Lauf der Jahre geändert habe.

Stellenwert im Gesamtwerk Obwohl die Kompositionen für solistische Flöte im umfangreichen Gesamtwerk Mozarts nur einen bescheidenen Platz einnehmen, gehören die beiden Flötenkonzerte in G-Dur KV 313 und D-Dur KV 314 wohl zu den bekanntesten und bedeutendsten ihrer Gattung. Wie der deutsche Musikwissenschaftler Rudolf Gerber bemerkt, habe der damals 22-jährige Mozart gleichwohl im Rahmen einer hochkultivierten Gesellschaftsmusik Meisterwerke geschaffen, die sowohl die Technik des Blasinstruments in vorzüglicher und allseitiger Weise zur Geltung kommen ließe, als auch Geist und Gemüt des Rokoko und deutscher Empfindsamkeit vollendet spiegelten.

Musikalische Gestalt (Analyse) Im Gegensatz zu den Violin- und Klavierkonzerten sind die Bläserkonzerte einfacher strukturiert und der Charakter ihrer Melodik durch die Einschränkungen der Instrumente definiert. Auch wurden sie generell auf Auftrag komponiert, so dass es sich lediglich um Gelegenheitswerke Mozarts handelt. Die Konzerte, die Mozart zur Entstehungszeit des Flötenkonzerts Nr. 1 geschrieben hat, zeigen bereits eine fortgeschrittene Meisterschaft. Nach den vier Violinkonzerten aus dem Jahr 1775, wovon das erste vermutlich bereits um 1773 entstanden ist, folgte eine Serie von Klavierkonzerten, u. a. KV 242, KV 271 „Jenamy“ in Es-Dur sowie die Sinfonia concertante für Violine und Viola KV 364. In der Gesamthaltung wie in der Bewältigung der formalen Probleme stehen die beiden Flötenkonzerte durchaus den Violinkonzerten von 1775 nahe, jedoch finden sich auch in thematischer Hinsicht diverse Parallelen, so z. B. der Anfang des Flötenkonzerts Nr. 1 und des Violinkonzerts Nr. 4 KV 218. Sie haben somit einen besonderen Stellenwert im Rahmen von Mozarts Feilen an der Konzertform. Diese als persönliche Orchestergattung zu etablieren, so wie er es bereits für Violine oder für Klavier tat, gelingt ihm mit dem G-Dur-Konzert KV 313 ebenso eindrücklich für die Flöte.

Stilmerkmale Im Wesentlichen verwendet Mozart die damals gängigen Stilmittel der Mannheimer Schule, so u. a.

Tonleitern, Arpeggien und Sprünge über den gesamten Tonraum, Triller und Verzierungen, Synkopen, rhetorische Gesten usw. scharfe Kontraste im Bereich von Artikulation und Dynamik (z. B. Legato vs. Staccato, Forte vs. Piano) Zwischenharmonien, Trugschlüsse, Moll-Eintrübungen, Phrygischer Halbschluss (in Moll und Dur), Neapolitanischer Sextakkord, übermäßige Quintsextakkorde, Fauxbourdon usw. Motivisch-thematische Arbeit, Phrasenverschränkungen usw. elaborierte Dialoge zwischen Solopart und Orchester (im Sinne einer Weiterentwicklung des barocken Prinzip des Konzertierens) Weiterentwicklung der Konzertform: Kopfsatz als Kombination von Ritornell- und Sonatensatzform solistische Bläser und chorisch besetzte Streicher werden gleichrangig behandelt (sinfonischer Mischklang)

Gesamtform Das Flötenkonzert Nr. 1 mit seiner traditionellen Gliederung in drei Sätze (schnell–langsam–schnell) weist diverse Besonderheiten auf: Einem gewichtigen, mit Allegro maestoso überschriebenen Kopfsatz in G-Dur folgt ein ausdrucksstarker Mittelsatz in der Dominanttonart D-Dur, der schon beinahe romantische Färbung hat. Als Finale erklingt ein Rondo in typisch französischem Menuett-Stil, wie es sich u. a. bereits in den Violinkonzerten findet (z. B. in Nr. 5 KV 219). Ferner war die Flöte gerade in Frankreich zum Modeinstrument avanciert, wodurch sich Mozart nicht zuletzt auch ganz bewusst in eine Reihe namhafter Flötenliteratur stellt. Des Weiteren erscheint in allen (!) drei Sätzen eine Solokadenz, was damals in Bläserkonzerten eher unüblich war.

Nachfolgend eine Analyse der einzelnen Sätze:

1. Satz – Allegro maestoso

G-Dur, 4/4-Takt, 219 Takte