Lucienne Lanaz (* 14. November 1937 in Zürich) ist eine Schweizer Dokumentarfilmerin. Ihr Schaffen wurde 2017 mit dem Preis der Künste, der Literatur und der Wissenschaften des Bernjurassischen Rates (Conseil du Jura bernois, CJB) gewürdigt.
Werdegang Lucienne Lanaz ist in Zürich aufgewachsen und lebt und arbeitet in einem Bauernhaus in Grandval im Berner Jura. Ihre verschiedenen Ausbildungen als kaufmännische Angestellte und Sportlehrerin und ihre Arbeit als Sekretärin beim Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) und als Simultanübersetzerin auf Filmfestivals hielten sie in Bewegung. Ab 1972 arbeitete sie als Assistentin in Schweizer Filmproduktionen. 1974 arbeitete sie mit Marcel Leiser am Dokumentarfilm Le Bonheur à septante ans (Spätes Glück), und mit ihrem ersten Dokumentarfilm Fire, Smoke, Sausages (Die Räucherküche, 1976) wurde sie unabhängige Regisseurin und Produzentin. Sie gründete als Autorenfilmerin ihre eigene Produktionsfirma, die Jura-Films, um ihre Filme selbst herauszubringen. Weil die Lage für Filmerinnen katastrophal war, taten sich einige Filmemacherinnen, unter anderen Isa Hesse, Greti Kläy, Isolde Marxer und Tula Roy, zusammen und gründeten 1975 den Verein CH-Filmfrauen, der bis Ende der Achtzigerjahre aktiv war. Ein Text von Lucienne Lanaz über das Frauenfilmfestival in Sorrento ca. 1977 beschreibt die Situation in den 1980er und 1990er Jahren:
1979/80 veröffentlichte sie in gemeinsamer Regie mit Anne Cuneo, Erich Liebi und Urs Bolliger die 75-minütige humorvolle Dokumentation zur Schweizer Filmwochenschau Ciné-journal au féminin (Das Bild der Frau in der Schweizer Filmwochenschau), eine Recherche, um dieses Medium auf Repräsentationen von Frauen abzuklopfen. Von 9000 Beiträgen ging es in 300 davon auch um Frauen, in 12 nur um Frauen. Die Schweizer Filmwochenschau strahlte in den 1940er Jahren bis 1975 im Kino vor dem Hauptfilm aktuelle Informationen aus, die objektiv informieren und den unabhängigen Geist stärken sollten. 2025 publizierte die Cinémathèque suisse in einer Ausstellung zum feministischen Film der Schweiz ein Interview mit Lucienne Lanaz zu Ciné-Journal au féminin sowie Quellen aus dem Fonds Lucienne Lanaz, der in der Cinémathèque aufbewahrt wird.
Lanaz ist Ehrenmitglied der Schweizerischen Vereinigung der Filmregisseure, seit 5 Jahren Mitglied des Komitees der Schweizerischen Kinogesellschaft, seit 8 Jahren Mitglied der Foto-, Kino- und Videokommission des Kantons Bern und seit 15 Jahren aktives Mitglied der Arbeitsgruppe für den Film des Alpinale-Vorarlberg, Österreich.
Lanaz war Mitarbeiterin bei verschiedenen internationalen Festivals. So war sie Präsidentin, Europabeauftragte, in der Festivalkoordination und Mitglied der Internationalen Jury der Bludenzer Festspiele (1990, 1993, 1997) und Mitglied der Internationalen Jury der Festivals Bilbao (1978), Imola (1996), San Giovanni Lupatoto (1997), Oberhausen (2001) und Leeds (2001). Im Jahr 2008 hielt sie im Rahmen des Internationalen Filmfestivals Freiburg Filmlesungen an der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg.
Preise und Auszeichnungen 1995: Grand Prix des Video-Festivals San Gio’ für ihr Gesamtwerk 2017: Kunst-, Literatur- und Wissenschaftspreis des Conseil du Jura bernois (CJB) für ihr Lebenswerk 2023: Berner Filmpreis – Spezialpreis für ihr Lebenswerk und ihr langjähriges unermüdliches Engagement als Autorin, Regisseurin und Produzentin
Preise für Filme 1989: Internationaler Jury-Preis beim Visual Anthropology Festival in Pärnu, Estland, für Feu, fumée, saucisse 2003: Silberner Bär des Festival of Nations in Ebensee, Österreich, für Nous déclinons toute responsabilité… 2009: Preis für den besten Dokumentarfilm beim Festival de Cine in Granada, Spanien, für Nous déclinons toute responsabilité… 2016: Einer der 12 Preise der Fondation Créativité au Troisième Age für L’enfance retrouvée
Filmografie 1974: Le Bonheur à septante ans (Spätes Glück), in Co-Regie mit Marcel Leiser, Genf und Bern, Schweiz, 24 min 1976: Feu, fumée, saucisse (Die Räucherküche), Grandval, Schweiz, 22 min 1978: Menschen im Alltag – Porträt einer Verkäuferin (Portrait d’une vendeuse), für das Fernsehen DRS, Brig, Schweiz, 25' 1979: La forge (Die Schmiede), Corcelles, Schweiz, 34 min 1979: La composition (Der Aufsatz), La Chaux-de-Fonds, Schweiz, 17 min 1980: Das Bild der Frau in der Schweizer Filmwochenschau / Ciné-journal au féminin, in Co-Regie mit Anne Cunéo, Lausanne, Schweiz, 75 min 1980/81 J’ai un droit sur mon corps… (Ich habe ein Recht auf meinen Körper…), Zürich, Schweiz, 25 min 1987: Queen of Elastic, Deutschland, in Co-Regie mit Grety Kläy, 30 min 1989: Pour un son de cloche (Glocken-Gestaltung Guss und Klang), Aarau, Schweiz, 23 min 1989: Meine Freunde in der DDR (La demande en voyage), Schweiz, 100 min 1992: Setu Lauluema, Estland, 14 min 1995: Cauchemars… De derrière les barreaux (Alpträume… Hinter Gittern), Schweiz, 12 min 1996: Trois gouttes pour le futur (Drei Tropfen für die Zukunft), Burkina Faso, 73:30 min 1997: Una brecha en el bloqueo (Eine Bresche durch die Blockade), Kuba, 54 min 1998: Salvador, Kuba, 15:31 min 1999: La Lupa – Grazie alla vita,La Lupa – Grazie alla vita. In: swissfilms.ch. Schweiz, 90 min 2002: Nous déclinons toute responsabilité… (Jede Haftung wird abgelehnt...), Grandval, Schweiz, 13 min 2003: Douleur et révolteDouleur et révolte. In: swissfilms.ch. (Schmerz und Revolte), Ägypten und Israel, 42 min 2003: Donna Anna,Dona Anna. In: artfilm.ch. Anne-Loïse Raboud, Krankenschwester, Brasilien, 60 min 2006: Vous avez dit Soroptimist? (Haben Sie Soroptimist gesagt?)Vous avez dit Soroptimist? In: swissfilms.ch., Genf, Schweiz, 30 min 2007: Une maison pas comme les autresUne maison pas comme les autres. In: swissfilms.ch. (Ein Haus wie kein anderes), Grandval, Schweiz, 70 min 2009: Super cow, La vache, die Kuh, fermer la porte, die Türe zu, Experimentalfilm, 3 min 2010: Une descente de bois avec Max et Maurice (Eine Holzfuhre mit Max und Maurice), Crémines, Schweiz, 33 min 2014: L’enfance retrouvée – Les petites famillesL’enfance retrouvée – Les petites familles. In: swissfilms.ch. (Kindheit – Ein neues Leben in «Les petites familles»), Schweiz, 93 min 2020: GIANERICA – Das Künstlerpaar Erica und Gian PedrettiGIANERICA Das Künstlerpaar Erica und Gian Pedretti. In: swissfilms.ch., La Neuveville und Graubünden, Schweiz, 55 min
Weiterführende Literatur 2007: Histoire du Cinéma Suisse 1966–2000. Unter der Leitung von Hervé Dumont und Maria Torajada. Cinémathèque Suisse, Lausanne, Verlag Gilles Attinger, Hauterive. 2004: Pionnières et Créatrices en Suisse romande XIXème et XXème siècles. Dienststelle für die Gleichstellung von Mann und Frau, Verlag Slatkine, Genf. 2002: Clé d’art. Elektronisches Kultur-Jahrbuch des frankophonen Kantons Bern 2001: doc vision ch. Dokumentarfilmschaffende aus der Schweiz, Verlag clandestin, Pieterlen.
Weblinks
Emanzipation und Wahlrecht der Frauen: Wie die Filmwochenschau berichtete. 50 Jahre #Frauenstimmrecht. Memoriav – Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz, 21. Januar 2021
Virtuelle Ausstellung der Cinémathèque suisse auf der Plattform Home - virtuelle Ausstellungen der Cinémathèque suisse. Fonds Lucienne Lanaz im Schweizer Filmarchiv Cinémathèque Suisse
Einzelnachweise
Kategorie:Filmregisseur Kategorie:Person (Feminismus) Kategorie:Darstellender Künstler (Schweiz) Kategorie:Schweizer Kategorie:Geboren 1937 Kategorie:Frau