Die Firma Vereinigte Windturbinenwerke (VWW) in Reick (seit 1913 ein Stadtteil von Dresden) war eine Firma zur Herstellung von Windkraftanlagen und Aussichtstürmen. Sie entstand 1911 durch den Zusammenschluss einer 1859 von Carl Reinsch in Dresden gegründeten Maschinenfabrik mit der in Reick ansässigen Firma Deutsche Windturbinenwerke Rudolph Brauns. Nach der Fusion der beiden Betriebe blieben von den ursprünglich vier nur noch zwei Windanlagenproduzenten im heutigen Dresdner Stadtgebiet übrig. Neben den VWW gab es lediglich noch die Sächsische Stahlwindmotoren-Fabrik G. R. Herzog in Löbtau. Die Dresdner Centralheizungsfabrik Louis Kühne zog sich weitgehend aus dem Geschäft mit der Windkraft zurück und widmete sich fortan ausschließlich der Produktion von Zentralheizungen.1911 finden sich letzte Werbungsannoncen für Windturbinen; Kühne wird aber auch schon 1907 nicht mehr im Buch von Neumann geführt (siehe Friedrich Neumann: Die Windkraftmaschinen: Windmühlen, Windturbinen und Windräder. 3. vollständig neubearbeitete Auflage. Voigt, Leipzig 1907.).

Die Produktion von Windturbinen endete 1930 und der Standort Reick wurde zugunsten von Meißen aufgegeben. Fortan produzierten die VWW ausschließlich Ventilatoren. Nach der Verstaatlichung 1948 wurden die VWW mit weiteren Betrieben zum Turbowerk Meißen zusammengeschlossen. Die VWW können neben anderen Betrieben als Vorgänger der heutigen Howden Turbowerke GmbH in Coswig (Sachsen) gelten, die Hochleistungsventilatoren und -gebläse konstruiert, produziert und vertreibt.

Unternehmensgeschichte mini|hochkant|Grab des Firmengründers Carl Reinsch auf dem Johannisfriedhof in Dresden Carl Reinsch Karl Otto Robert Reinsch (später meist C[arl] Rob[ert] O[tto] oder nur Carl Reinsch), wurde am 4. Juli 1835 als Sohn von Wilhelmine Reinsch (1792–1878)gestorben als Wilhelmine Wiehr, der Witwe eines Dresdner Juweliers; Sterberegister Dresden C 805/1878. in Berlin geboren.Sterberegister Dresden C 606/1908. Carl Reinsch gründete 1859 eine Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen.Frank Papperitz (2020): Fahrradindustrie in Dresden. Der Knochenschüttler 1/2020 S 23–28 (slub.qucosa.de PDF). Seit 1861 wird er im Dresdner Adressbuch als Maschinenbauer in der damaligen Freiberger Straße 11 in der Wilsdruffer Vorstadt geführt (Kataster 336; heute etwa Freiberger Straße 33).Adreß- und Geschäftshandbuch der königlichen Haupt- und Residenzstadt Dresden. Band 7.1861 II. Abteilung Geschäftshandbuch, S. 167. Zeitweise produzierte Reinsch auch Fahrräder mit Frontkurbel, von denen noch zwei erhalten sind (Stand 2020). Ein solches Rad steht im Freilichtmuseum Schwerin-Mueß und trägt eine Plakette mit der Aufschrift „Fabrik für Velocipedes Carl Reinsch Dresden“. Zur Altonaer Landes-Industrieausstellung 1869 fand eines der ersten Velozipedenrennen in Deutschland statt. Viele Konstrukteure fuhren persönlich mit, so auch Carl Reinsch auf seinem Velociped.Historie auf den Websites des Altonaer Bicycle-Clubs (abgerufen am 10. Januar 2021). Später produzierte er auch Windmotoren und Wasserpumpen und war Inhaber eines entsprechenden Patents. Reinsch setzte sich 1886 zur Ruhe. Seit 1887 ist der Inhaber der Fabrik für Maschinen, Windmotore und Pumpen der aus Chemnitz stammende Friedrich Richard Stahlknecht (1845–1928).Adreß- und Geschäfts-Handbuch der königlichen Residenz- und Hauptstadt Dresden. Band 33.1887 2. Theil, VIII. Abschnitt, S. 385. Der Besitzer der Fabrik Carl Reinsch wechselte 1900 erneut. Nun wurde es der aus Dörnthal stammende Kaufmann Ernst Anton Gey (1868–1941).Adreßbuch für Dresden und seine Vororte. Band 1900, V. Theil Handelsregister, S. 42.Sterbeurkunde Dresden C 1970/1941 erneuert 276/1949. Carl Reinsch starb am 11. März 1908 in Dresden im Alter von 72 Jahren, sein Grab befindet sich auf dem Johannisfriedhof (Feld 2F, Stand Oktober 2023). Die letzten Inhaber der 1909 in eine Offene Handelsgesellschaft umgewandeltenDeutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, Nr. 256 vom Freitag den 29. Oktober 1909 S. 15 Windturbinenfabrik Carl Reinsch waren ab 1910 der aus Lübeck stammende Wirtschaftsberater und Finanzmakler Henry Hornung Petit (1866–1944)Sterbeurkunde C Dresden 714/1946. und der in Cottbus geborene Oberingenieur Otto Stertz (1873–1918)Taufbuch der Oberkirche Cottbus 1863–1873; Eintrag 1873 Nummer 43: getauft auf den Namen Richard Georg Otto StertzSterbeurkunde Berlin XI C 1918/20: verstorben am 4. Januar 1918 in seiner Wohnung in Berlin, Chausseestraße 65.Adreßbuch für Dresden und seine Vororte. Band 1910, Teil V Handelsregister, S. 50. Während Petit nach der Vereinigung der beiden Betriebe weiterhin im Vorstand arbeitete, ging Stertz 1912 nach Berlin,Berliner Adressbuch Agust Scherl, Berlin 1913, I. Teil, S. 3082 wo er schon sechs Jahre später im Alter von 44 Jahren verstarb.

Neben einigen Aussichtstürmen wurde eine Vielzahl an Windturbinenmodellen produziert. Den so genannten Reinsch-Motor mit bis zu 60 verstellbaren Rotorblättern gab es in Durchmessern von 3,4 bis 20 m.Friedrich Neumann: Die Windkraftmaschinen: Windmühlen, Windturbinen und Windräder. 3. vollständig neubearbeitete Auflage. Voigt, Leipzig 1907. S. 133 und 138 (Reprint 2013, ISBN 978-3-8262-3066-0). Die Windrichtungsnachführung erfolgte bis 5 m Durchmesser mit einer Windfahne, bei größeren Durchmessern mit einer Windrose gekoppelt an ein Schneckengetriebe. Außerdem gab es Windturbinen nach dem System Halladay mit 3,4 bis 5,25 m Durchmesser. Seit 1909 befand sich die Firma in der Großenhainer Straße 9 im Stadtteil Leipziger Vorstadt.Adreßbuch für Dresden und seine Vororte. Band 1909, Teil I, S. 724. Sie trug seit mindestens 1890 den Titel Herzoglich Sachsen-Altenburgischer Hoflieferant.Wohnungs- und Geschäfts-Handbuch der königlichen Residenz- und Hauptstadt Dresden. Band 36.1890, 2. Theil, VIII. Abschnitt, S. 429.

mini|Inserat Rudolph Brauns von 1911

Rudolph Brauns Wilhelm Rudolph Brauns wurde am 9. April 1851 als Sohn des Leipziger Buchhändlers und Verlegers Gustav Brauns geboren.Heiratsurkunde Berlin B 1073/1886. Rudolph Brauns arbeitete zunächst in Hamburg und Berlin. Er beteiligte sich an der Firma Deutsche Windturbinen-Werke Rother und Wentscher, die von Heinrich Oskar Rother in Dresden geführt wurde. 1898 zog Brauns mit seiner zweiten, aus Fischbach bei Eisenach stammenden Ehefrau Ottilie Helene geborene Nagel (1864–1916)Sterbeurkunde Dresden C 1592/1916. nach Dresden um und wurde Inhaber der Rotherschen Firma. Aus Deutsche Windturbinen-Werke Heinrich Rother in der damaligen Pfotenhauerstraße 71 in der Johannstadt wurde Deutsche Windturbinen-Werke Rudolph Brauns (DWW).Handelsregister Band 47 Bl. 8275; Archivalie im Bestand 11045 Amtsgericht Dresden, Archivaliensignatur 1289 (Datierung 1897–1937).

Produziert wurde damals unter anderem die Stahlwindturbine vom Typ Germania, die es in 18 Größen von 4 bis 15 m Raddurchmesser gab. Auf der Wanderausstellung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft 1898 in Dresden stellte das Unternehmen eine Germania-Windturbine von 7,5 m Raddurchmesser für Maschinenbetrieb auf einem 22 m hohen Turm aus.Anonymus (1898): Stahlwindturbine. Polytechnisches Journal, Band 309, S. 179 (Digitalisat). Brauns plante die neue Windturbine vom Typ Herkules nach dem Eclipse-System von Leonard H. Wheeler und stellte den aus Göppingen stammenden Ingenieur Georg Ludwig Heintel (1873–1954) ein.Sterbeurkunde C Dresden 825/1954. Da seine Ehefrau Ottilie 1911 schwer erkrankte, zog sich Brauns aus der Firma DWW, die sich im gleichen Jahr mit der Firma Reinsch vereinigte, zurück. Ottilie verstarb 1916 im Alter von 52 Jahren. Rudolph Brauns verstarb am 8. Juli 1939 im Alter von 88 Jahren im Sophienhaus in Weimar.Sterbeurkunde Weimar C 541/1939.

Vereinigte Windturbinenwerke 1911 kam es zu einem Zusammenschluss beider Betriebe zur GmbH Vereinigte Windturbinen-Werke (VWW). Die Firma Carl Reinsch brachte die vom dänischen Physiker und Erfinder Poul la Cour gekauften Patentrechte in die VWW mit ein, die hauptsächlich die Erzeugung von Elektroenergie mit Windkraft betrafen. Firmensitz war zunächst die Großenhainer Straße 9, aber es gab schon das Baurecht für eine neue Fabrik in Reick.Bauunterlagen der Firma Deutsche Windturbinen-Werke GmbH Reick (Sächsisches Staatsarchiv, 11626 Vereinigte Windturbinen-Werke AG, Meißen, Nr. 48). Im April 1912 zog man um in die Leubener Straße 18. Die VWW wurden 1923 zur Aktiengesellschaft, der Gesellschaftsvertrag wurde am 8. November 1923 geschlossen.Gesellschaftsvertrag (Sächsisches Staatsarchiv, 11626 Vereinigte Windturbinen-Werke AG, Meißen, Nr. 01). Da der Straßenname geändert wurde, war der Sitz der VWW AG nun in der Mügelner Straße 18.Adressbuch für Dresden und Vororte. 1927/28, Teil I, S. 823. Vorstandsvorsitzender war Henry Hornung Petit, dem vor der Vereinigung schon die Firma Carl Reinsch gehörte. Nachdem sich Petit aus Altersgründen zurückgezogen hatte, übernahm Ludwig Heintel den Vorsitz.Adreßbuch für Dresden und Vororte. Band 1930, Teil V, S. 51. Im Jahre 1930 wurde der Firmensitz in den Meißner Stadtteil Zscheila in die Niederauer Straße 26/28 an den Sitz der Kuhnert-Turbowerke verlagert, während die Fabrik der VWW am alten Standort in der Mügelner Straße verblieb.Adreßbuch Meißen-Stadt. Band 23.1939, S. 572.

Viele Windturbinen wurden exportiert, vor dem Ersten Weltkrieg insbesondere in die deutschen Kolonien. In den 1920er Jahren wurden dann Wasserpumpen mit Windrädern vom Typ Hercules.Metallicus in großer Stückzahl durch die Firma R. S. Stokvis & Zonen Ltd. Rotterdam in den Niederlanden vertrieben. Dieser Import begann schon 1904 im kleinen Maßstab mit zwei frühen Windturbinen Herkules.Mark Ravesloot: Windmotoren in Friesland. Een studie naar de opkomst en ondergang van dit bemalingswerktuig in de provincie. 820808-681-070. Stichting Windmotoren Friesland. Documentatie Centrum 2009/003. Wageningen University 2009 (PDF), S. 38. Die in den 1920er Jahren importierten Windräder hatten größtenteils einen Durchmesser von 8 bis 12 m und wurden zur Entwässerung der Köge (Polder) eingesetzt. Sie unterschieden sich deutlich in der Konstruktion von den Windrädern der Marke Record, welche die heimische Firma Windmotorenfabriek Bakker in IJlst lieferte.Mark Ravesloot: Windmotoren in Friesland. Een studie naar de opkomst en ondergang van dit bemalingswerktuig in de provincie. 820808-681-070. Stichting Windmotoren Friesland. Documentatie Centrum 2009/003. Wageningen University 2009 (PDF), S. 22. Vereinzelt wurden auch noch kleinere Windräder der Firma Jozef J. Mous aus Balk (Provinz Friesland) für die Polder eingesetzt.Mark Ravesloot: Windmotoren in Friesland. Een studie naar de opkomst en ondergang van dit bemalingswerktuig in de provincie. 820808-681-070. Stichting Windmotoren Friesland. Documentatie Centrum 2009/003. Wageningen University 2009 (PDF), S. 49. Mitte bis Ende der 1920er Jahre kamen noch Windpumpen der Marke Energie der Edmund Kletzsch Maschinenfabrik als Konkurrenzprodukte hinzu. Sie waren fast identisch zu den Herkules-Turbinen. 1925 wurden Geschäftsanteile der Sächsischen Stahlwindmotoren-Fabrik G. R. Herzog übernommen, die aber schon ein Jahr später bei einem Zwangsvergleich wieder abgegeben wurden.Vereinigte Windturbinen-Werke AG, Meißen. Hauptstaatsarchiv Dresden, Archivalie Bestandssignatur 11626 (1892–1948), Archivaliensignatur 04 (Aufsichtsrat 1923–1933)

mini|Beim Patentamt eingetragenes Markenlogo für Herkules Lüfter Neue Geschäftsfelder ab 1926 Seit 1926 kamen zu den Windturbinen zwei neue Geschäftsfelder hinzu: die Produktion von Grünfuttersilos aus Metall und die von Ventilatoren. Während der Absatz der Silos mehr oder weniger stagnierte, stieg er bei den Ventilatoren in den folgenden Jahren zunehmend an. Der starke Rückgang bei den Windturbinen führte schließlich dazu, dass 1930 halbfertige und fertige Produkte dieser Sparte komplett abgeschrieben wurden. Da auch der Absatz an Silos zurückging, beschloss man, den Firmenstandort Reick komplett aufzulösen.