mini|Festung der Assassinen in Alamut Unter der Fremdbezeichnung Assassinen (Singular der Assassine) sind in der christlichen Geschichtsschreibung des Mittelalters Angehörige der schiitisch-islamischen Glaubensgemeinschaft der Nizariten oder diese Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit bezeichnet worden. Das christliche Europa ist in der historischen Epoche der Kreuzzüge des 12. und 13. Jahrhunderts in direkten Kontakt mit dieser Gruppierung gekommen. Bis heute werden mit diesem Begriff vor allem bis zur Selbstaufopferung reichender Gehorsam, religiöser Fanatismus, geheimniskrämerisches Sektierertum und vor allem (politischer) Meuchelmord assoziiert, was sich mit seinem Einzug in den Wortschatz mehrerer europäischer Sprachen, vor allem der romanischen, als Ausdruck für Mörder, Mord und Morden manifestiert hat.
Mittelalterliche Beschreibung
Etymologisches Trotz der Berichte Marco Polos von den durch Drogenverabreichung (nämlich Opium) gefügig gemachten Jüngern des Alten vom Berge blieb der etymologische Wortstamm des Assassinenbegriffs und seine Herkunft der europäischen Sprachwissenschaft bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts unbekannt. Durch die wiederholten Assoziationen dieses Begriffs mit der berüchtigten Mördersekte aus dem Orient konnte er deswegen auch nur in Europa mit seiner „imaginativen Ignoranz“ gegenüber dem Islam und den Nizariten, zuerst in Italien und dann nacheinander in Frankreich, England und auf der iberischen Halbinsel, die umgangssprachliche Bedeutung für Mörder erhalten. Erst nach seinem Studium des auf Arabisch geschriebenen Buch der zwei Gärten bezüglich der Ereignisse während der Herrschaft von Nur ad-Din und Salah ad-Din () des Damaszener Religionsgelehrten Abu Schama (gestorben 1276), konnte der französische Sprachforscher Silvestre de Sacy das Rätsel lösen. In diesem Werk begegnete ihm die Bezeichnung „die Haschaschinen, Haschischleute“ (, oder ) als Bezeichnung für jene Gruppierung, die in den in Latein und Altfranzösisch verfassten Geschichtswerken des Mittelalters als Assassini bekannt geworden war. In einem am 19. Mai 1809 im Pariser Institut de France gehaltenen Vortrag konnte er darlegen, dass die Nizariten in arabischen Quellen aus der Zeit der Kreuzzüge mit einem Namen bezeichnet worden waren, der vom arabischen Wort für Gras, Hanf, Haschisch () abgeleitet ist. Die von ihm daraus gezogene Schlussfolgerung, das lateinische Assissini sei eine Korruptele des arabischen Ḥaššāšīn (in europäischen Texten Haschaschin oder Assassin für „Haschischkonsumenten“)Peter Heine: Terror in Allahs Namen. Extremistische Kräfte im Islam. Herder, Freiburg 2001, ISBN 3-451-05240-7, S. 45–62 (Der „Alte vom Berg“: Die Geburt des Terrors als eines politischen Mittels.), hier: S. 48–50., wird seither als allgemein anerkannte Lehrmeinung akzeptiert (siehe Daftary, Halm und Hauziński).Vgl. Daftary (1990), S. 10–11, 23–24; Halm (2014), S. 157; Hauziński (2016), S. 89–90.
In jüngster Zeit vertrat der libanesische Schriftsteller Amin Maalouf in seinem Roman Samarcande (1988) eine davon abweichende These und stützte sich dabei auf angeblich erhaltene Texte des Gründervaters der Assassinen, Hasan-i Sabbāh (gest. 1124). Dieser habe seine Anhänger als Ergebene der Asās () bezeichnet, im Sinne der dem Fundament/Grundsatz ihres Glaubens Ergebene. Danach sei Asās im Sprachgebrauch der Schiiten zudem auch ein Ehrentitel für Ali (gest. 661), den Schwiegersohn des Propheten, der in der Zählung der Nizariten auch als Erstgenannter das Fundament ihrer Imamlinie bilde.
Nun ist allerdings nicht bekannt, dass die Franken der Kreuzfahrerstaaten mit dem im persischen Teil des Islamischen Reiches residierenden Hasan-i Sabbāh und seinen Schriften in Kontakt gekommen wären. Der inoffizielle wie offizielle Sprachduktus der Muslime in Ägypten und Syrien lag ihnen dagegen geographisch deutlich näher. Und hier waren die Assassinen/Nizariten, wenn auch nicht ausschließlich, doch sehr wohl auch als Ḥašīšiyyūn bekannt. Vor Abu Schama hatte bereits al-Bundari (gest. nach 1241/42) zwei Mal diesen Terminus in seinem 1226 vollendeten und einem Ayyubidenprinzen gewidmeten Werk Der Ruhm des Sieges und die Auswahl aus der Zuflucht (Zubdat al-Nuṣra wa-nuḫbat al-ʿUṣra) bemüht, das wiederum eine Kurzfassung des Sieges über die Mattheit und die Zuflucht des Naturells (Nuṣrat al-fatra wa-ʿuṣrat al-fiṭra) von Saladins Kanzleichef Imad ad-Din al-Isfahani (gest. 1201) darstellte. Und davor hatte schon der in Palermo wirkende Universalgeograph al-Idrisi (gest. 1166) von den in den Bergen um Tartus (Tortosa) lebenden Haschischis gewusst.Al-Idrisi, Nuzhatu ʾl-Muštāq fī-ʾḫtirāqi ʾl-āfāq, hrsg. und übersetzt ins Französische von Pierre Amédée Jaubert, Géographie d’Edrisi I in: Recueil de voyages et de mémoires publié par la société de géographie. Band 5 (1836), S. 359. Nicht zuletzt wurde die Schia der Nizari-Ismailiten in der 1123 publizierten Streitschrift Das Einschlagen der bezwingenden Blitze – Widerlegung der Argumente der Niederträchtigen (Īqāʿ ṣawāʿiq al-irġām fī idḥāḍ ḥuǧaǧ ulaʾika l-liʾām) des mit ihnen verfeindeten Kalifen und Imams der Mustali-Ismailiten al-Amir (gest. 1130) ebenfalls gleich zwei Mal als Ḥašīšiyyūn verunglimpft, die damit das älteste bekannte Zeugnis ihrer Bezeichnung als Haschaschinen ist.
Begegnungsgeschichte Erste Kontakte Die Geschichte der wechselseitigen Beziehungen zwischen den christlich-abendländischen „Franken“ und den islamisch-morgenländischen „Assassinen“ ist fast so alt wie die der Kreuzzüge selbst. Im selben Jahr 1095, als die Christen in Clermont zum ersten Kreuzzug aufgerufen wurden, kam in einem Kerker zu Kairo der von den Nizari-Ismailiten anerkannte neunzehnte Imam Nizār ibn al-Mustansir zu Tode, woraufhin sich seine in Persien und Syrien beheimatete Anhängerschaft (šīʿa) von jener der Ismailiten Ägyptens separierte. 1097 erreichten die Kreuzritter, von Kleinasien kommend, die Levante und besetzten bis 1101 deren gesamte Küstenlinie bis vor Aschkelon. Durch die Gründung des Königreichs Jerusalem und anderer feudalstaatlicher Territorien trieben sie einen Keil zwischen Syrien und Ägypten, der sie zu direkten Nachbarn der in Syrien verbreiteten Nizaritengemeinde machte. Das Bild der Kreuzritter vom Islam entsprach dem einer religiös homogenen Welt voller „Ungläubiger“, gegen welche alle Christen zur Verteidigung ihrer Herrschaft über das Heilige Grab aufgerufen waren. Weil ihnen der Islam fast ausschließlich in Gestalt des Sunnitentums begegnet war, hatten sie für die seit Jahrhunderten tatsächlich bestehende konfessionelle Fragmentierung dieses Glaubens kaum ein tieferes Verständnis aufgebracht, geschweige denn ein Gespür für die feinen Subtilitäten der unterschiedlichen Strömungen des Schiitentums entwickeln können. Und so gestalteten sich die ersten unmittelbaren Aufeinandertreffen der „Ritter Christi“ mit jener Gruppierung, die sie später als „Assassinen“ zu bezeichnen pflegten, nicht anders als mit anderen „Ungläubigen“ zuvor.
Im Frühjahr 1106 eroberte der Kreuzzugsführer Tankred nach kurzer Belagerung die syrische Festung Apamea am Orontes, derer sich nur kurz zuvor die Assassinen bemächtigt hatten. Mehrere ihrer Anführer ließ er exekutieren, ihren Anführer Abu Tahir (Botherus) „der Goldschmied“ aber führte er in die Gefangenschaft nach Antiochia, um sich für ihn von Radwan von Aleppo ein hohes Lösegeld auszahlen zu lassen.
Das nächste Aufeinandertreffen ereignete sich erst zwanzig Jahre nach der Episode von Apamea. 1126 unternahm König Balduin II. von Jerusalem einen Angriff auf Damaskus, an dessen Verteidigung sich die Assassinen mit einer aus ihrer Gemeinde von Homs rekrutierten Truppe beteiligten. Der Chronist Ibn al-Qalanisi († 1160) würdigte zu diesem Anlass ihre außerordentliche Tapferkeit.
Der nächste, nur drei Jahre später erfolgte Kontakt wurde exemplarisch für die Ambivalenz in den zukünftigen Beziehungen zwischen Assassinen und Franken. 1129 fiel die Assassinengemeinde von Damaskus, die sich kurz zuvor noch bei der Verteidigung der Stadt ausgezeichnet hatte, einem Pogrom der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung zum Opfer. Mehrere tausend Angehörige sollen dabei massakriert worden sein. Als Vergeltung dafür übergab ihr Anführer Ismail „der Perser“ die von ihnen verwaltete Grenzfeste Banyas an das Königreich Jerusalem und begab sich mit den Überlebenden seiner Gemeinde dorthin ins Exil. In der Zeit der Verfolgung durch die Sunniten wurde das Herrschaftsgebiet der Christen zum sicheren Rückzugsort der schiitischen Assassinen, die sich dafür später erkenntlich zeigten. In der Schlacht von Inab am 29. Juni 1149 kämpften sie an der Seite der Christen gegen die Truppen des Nur ad-Din. mini|Die geopolitische Lage in der Levante des 12. Jahrhunderts. mini|Die Burg Masyaf.
Das Land der Mission Wahrscheinlich vom Gebiet der Christen aus nahmen die Assassinen in den Jahren nach dem Pogrom von Damaskus die Errichtung eines eigenen Herrschaftsgebietes auf. Ihr Engagement konzentrierten sie dabei auf die Gebirgsregion des Dschebel Ansariye, das von der Levanteküste bis zum Orontes ein Niemandsland zwischen den Kreuzfahrerstaaten und den syrischen Herrschaften der Zengiden darstellte. Zum Vorbild nahmen sie sich ihre persischen Glaubensgenossen, die schon seit dem Ende des 11. Jahrhunderts durch die Okkupation von Höhenburgen im nordpersischen Elburs-Gebirge über einen eigenen Staat geboten. Durch Kauf erwarben sie 1132/33 als ihre erste Festung die Burg von Qadmus, in deren Umland sie bis spätestens 1165 etwa ein Dutzend weitere selbstbezeichnete „Burgen der Mission“ (qilāʿ ad-daʿwa) in Besitz nahmen und somit eine Kontrolle über ein kleines, kompaktes Territorium errichten konnten, das nach seiner Konsolidierung in zeitgenössischen Schätzungen von mindestens 60.000 Glaubensangehörigen bewohnt wurde. Durch den Mord an ihrem früheren Besitzer brachten sie schließlich 1140/41 auch die Burg Masyaf an sich, die bis kurz vor dem Ende ihres „Landes der Mission“ (bilād ad-daʿwa) 1270 der Hauptstützpunkt der Assassinen und Sitz ihres Führers blieb.
Die Organisation der syrischen Assassinen entsprach der einer Theokratie, in der die Aufgabe der sozialen wie religiösen Führung der Person eines Missionars anvertraut war, dem so genannten „Rufer“ (daʿī). Da jede Kommune von je einem eigenen Rufer betreut wurde, wurde das syrische „Land der Mission“, also die Gesamtgemeinde der dortigen Nizariten, von einem Chefmissionar geführt und nach außen hin vertreten, der heute häufig als „Groß-Da‘i“ oder auch „Großmeister“ bezeichnet wird. Diesem wurde eine geistig-moralische Führungsqualität zuerkannt, weshalb er üblicherweise als Scheich (šaiḫ) angesprochen wurde, was als „Greis/Alter“ oder im Sinne spiritueller Autorität als „Weiser“ übersetzt werden kann. Auch für die Franken war er der senex. Wilhelm von Tyrus irrte sich allerdings in seiner Behauptung, dass der Alte aus den Reihen der Assassinen dank zuvor erworbenen Verdienstes an ihre Spitze gewählt wurde. Bis zum Ende der Kreuzzüge hatten die Franken keine Kenntnis von der Existenz des tatsächlichen spirituellen Oberhaupts der Nizari-Schia, des im persischen Alamut residierenden Imams. Dieser hatte die unumschränkte Führungsautorität über seine gesamte Anhängerschaft inne und er war es, der die Chefpropagandisten der syrischen Gemeinde bestimmte. Tatsächlich stammten die meisten von ihnen auch aus Persien.
Liste der Imame der Ismailiten/Nizeriten (Assassinen)