mini|Imre Kertész fotografiert von Oliver Mark, Berlin 2005
Imre Kertész [] (geboren am 9. November 1929 in Budapest; gestorben am 31. März 2016 ebendaBiographische Daten nach der Biographie auf der Website des Budapester Kertész-Instituts (kerteszintezet.hu) sowie Imre Kertész: Galeerentagebuch. Über den Autor. S. 319; Imre Kertész: Dossier K. Lebensdaten. S. 236f, falls nicht anders angegeben.) war ein ungarisch-jüdischer Schriftsteller und Holocaust-Überlebender. 2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Biographie Imre Kertész wurde am 9. November 1929 in Budapest geboren. Wegen seiner jüdischen Abstammung wurde er mit vierzehn Jahren im Juli 1944Imre Kertész: Galeerentagebuch. Eintrag von Juni 1990, S. 282f. (im Verlauf eines gegen Miklós Horthy gerichteten Gendarmerieputsches in Budapest)Imre Kertész: Dossier K. S. 9f. über Auschwitz in das Konzentrationslager Buchenwald und in dessen Außenlager Wille in Tröglitz / Rehmsdorf bei Zeitz verschleppt.Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 3: Sachsenhausen, Buchenwald. C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-52963-1: „Im Lager inhaftiert waren […] hauptsächlich ungarische Juden, die über Auschwitz nach Buchenwald und von dort zur Zwangsarbeit in das Außenlager ‚Wille‘ transportiert wurden. Zu ihnen gehörte auch Imre Kertész.“, S. 593. Im Anschluss an seine Befreiung am 11. April 1945Imre Kertész: Letzte Einkehr. Tagebücher 2001–2009. Eintrag vom 11. April 2004: „Heute vor 59 Jahren bin ich in Buchenwald befreit worden.“, S. 281. kehrte er nach Budapest zurück.
Nach seinem Abitur 1948 fand Kertész von 1949 bis 1950 eine Anstellung als Journalist bei der Tageszeitung , die er jedoch wieder aufgeben musste, da diese zum Parteiorgan der Kommunisten erklärt wurde. Daraufhin arbeitete er zunächst in einer Fabrik und dann in der Presseabteilung des Ministeriums für Maschinenbau und Hüttenwesen.
Ende 1951 wurde Kertész zum Militärdienst einberufen. Unter anderem arbeitete er als Wärter in einem Militärgefängnis. Aus dieser Stellung entkam er durch das Vortäuschen eines Nervenzusammenbruchs. Danach wurde er im Filminstitut der Armee beschäftigt.Interview Imre Kertész über sein neues Buch »Dossier K.« und den neuen europäischen Antisemitismus. von Eszter Rádai, 2006.
Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst 1953 begann Kertész in Budapest als freier Schriftsteller zu arbeiten. Seinen Lebensunterhalt sicherte er sich zunächst mit dem Schreiben von Texten zu Musicals und Theaterstücken, die er jedoch nicht zu seinem literarischen Werk zählt.Zu den Musicals und Theaterstücken siehe die Selbstaussagen von Kertész in: Man schreibt als ein glücklicher Mensch. Gespräch mit Ijoma Mangold. Süddeutsche Zeitung, 9. November 2004; Denken ist eine Kunst, die den Menschen übersteigt. Gespräch mit Alexandre Lacroix. Philosophie Magazin, Nr. 5, 2013 (online auf philomag.de).
1953 lernte Kertész seine spätere Ehefrau Albina Vas kennen, die er 1960 heiratete und mit der er bis zu ihrem Tod 1995 zusammenlebte.
Von 1960 bis 1973 arbeitete Kertész an seinem ersten Roman Schicksalslosigkeit (1975, ungar. Originaltitel: ; dt. 1990: Mensch ohne Schicksal, 1996: Roman eines Schicksallosen), der zu den bedeutendsten Werken über den Holocaust zählt und der seinen Ruhm begründete. In dem Roman beschreibt Kertész anscheinend das Erlebnis seiner Lagerhaft. Jedoch zeigt eine genauere Betrachtung, dass der Text sich von einem herkömmlichen Lagerroman (wie namentlich etwa Fritz Selbmann, Die lange Nacht, 1961, ungar. 1963) wesentlich unterscheidet. Sein eigentliches Thema ist Kertész’ Entwicklung von einem durch den Totalitarismus geprägten „funktionalen Menschen“Imre Kertész: Galeerentagebuch. Eintrag von Ende 1963, S. 9. zu einer freien, verantwortlichen Person und zu einem autonomen Autor.Bernhard Sarin: Lot auf der Terrasse des Kempinski. Fiktion und Realität im Werk von Imre Kertész. S. 9/151 (Anm. 5 zu Kertész’ Auseinandersetzung mit Selbmann, Die lange Nacht); S. 20–23. Hierauf hat Kertész auch selbst in Tagebuchnotizen und Interviews hingewiesen. Schicksalslosigkeit sei eine „als private Autobiographie getarnte[]“ „Parodie“ auf die „bis zum Überdruss bekannte[] Lagerliteratur“.Imre Kertész: Letzte Einkehr. Tagebücher 2001–2009. Einträge vom 25. Januar 2003 und 11. Juni 2008, S. 167, 423. Er habe „kein Holocaust-Buch geschrieben“, denn darüber könne man „keinen Roman schreiben“: „Man sagt, über den Holocaust kann schreiben, wer in der Gaskammer getötet worden ist. Ich habe einen Roman über die Schicksalslosigkeit geschrieben. Das ist ein Zustand des Menschen in einer Diktatur, wo man des eigenen Schicksals beraubt wird.“Kertész im Gespräch Man schreibt als ein glücklicher Mensch mit Ijoma Mangold, Süddeutsche Zeitung, 9. November 2004. Das Manuskript wurde 1973 wegen seines anstößigen Gehalts von dem Verlag Magvető zunächst zurückgewiesen. 1975 konnte der Roman schließlich bei Szépirodalmi erscheinen, da er dort wider Erwarten zwei positive Gutachten erhalten hatte.Kertész im Gespräch Ein Roman und sein Schicksal mit Michael Töteberg (2005), in: Imre Kertész, Roman eines Schicksallosen. Sonderausgabe zum deutschen Kinostart des Films Fateless, S. 293. Es wurde eine „Grundauflage“ von 5000 Exemplaren gedruckt, von denen allerdings nur sehr wenige im Handel verfügbar waren.Kertész im Interview »Ich will meine Leser verletzen«. Der Spiegel, 29. April 1996 (Nr. 18). Erst die zweite Auflage von 1985 erlangte in Ungarn einige Bekanntheit.Kertész im Gespräch Ich zeige einen Ausweg mit Klaus Nüchtern, Falter, 26. November 2003 (Nr. 48); Kertész im Gespräch A Conversation with Imre Kertész mit Thomas Cooper (2010), in: Imre Kertész, The Holocaust as Culture. S. 36f. Kertész konnte nach Schicksalslosigkeit aber durchaus regelmäßig publizieren. 1976 erschien seine frühe Erzählung Erdenbürger und Pilger, 1977 Der Spurensucher zusammen mit Detektivgeschichte, 1978 die Erzählung Die Bank, 1985 der »Prolog« seines zweiten großen Romans Fiasko, 1988 Fiasko und 1990 sein letzter vor der Wende geschriebene Roman Kaddisch für ein nicht geborenes Kind. Nach der Veröffentlichung von Schicksalslosigkeit im Jahr 1975 war es Kertész außerdem möglich, mit Übersetzungen Geld zu verdienen.Kertész im Gespräch Ein Roman und sein Schicksal mit Michael Töteberg (2005): „Erst nachdem mein Buch 1975 erschienen war, konnte ich Übersetzungen machen. Vorher haben die Leute im Literaturbetrieb meinen Namen nicht gekannt, und das war so auch richtig. Denn ich wollte nicht Karriere machen in einem Literaturbetrieb, der ganz ekelig war.“ (Zitiert nach: Imre Kertész, Roman eines Schicksallosen. Sonderausgabe zum deutschen Kinostart des Films Fateless, S. 297). Unter anderem übertrug er Werke von Friedrich Nietzsche, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Sigmund Freud, Joseph Roth, Elias Canetti, Tankred Dorst, Walter E. Richartz, Volker W. Degener, Friedrich Dürrenmatt und Ludwig Wittgenstein.Siehe die Bibliographie auf der Website des Budapester Imre-Kertész-Instituts, Abteilung 3. Műfordítások / Übersetzungen (online auf kerteszintezet.hu).
Eine breitere Rezeption seiner Arbeit auch außerhalb Ungarns setzte erst nach dem politischen Systemwechsel von 1989 ein (obwohl die Kritikerin Eva Haldimann schon seit März 1977 in der Neuen Zürcher Zeitung Rezensionen zu seinen ungarischen Veröffentlichungen schriebIlma Rakusa: Das Recht auf Individualität. NZZ, 12. Oktober 2009; Imre Kertész: Briefe an Eva Haldimann. Haldimanns Rezensionen sind abgedruckt in Eva Haldimann: Momentaufnahmen aus dreißig Jahren ungarischer Literatur.). Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt und er hatte zum ersten Mal ein größeres Publikum. Neben weiteren Erzählungen und Romanen, in denen er sich mit den neuen Lebensbedingungen nach der Wende auseinandersetzt, verfasste er seit 1990 auch Reden und Essays, in denen er insbesondere „über die ethische und kulturelle Bedeutung des Holocaust“Imre Kertész: Vorwort zum Essayband Eine Gedankenlänge Stille, während das Erschießungskommando neu lädt. S. 9; ebenso in der Vorbemerkung des Autors des erweiterten Essaybands Die exilierte Sprache. S. 13. reflektiert. Allgemeine Bekanntheit erlangte er durch Christina Viraghs Neuübersetzung Roman eines Schicksallosen von , die 1996 bei Rowohlt Berlin erschien.
1996 heiratete Kertész in zweiter Ehe die aus Ungarn stammende Amerikanerin Magda Ambrus-Sass (1942–2016).https://www.rc-budapest-city.hu/magda-and-imre-kertsz Kennengelernt hatte er sie bereits im Oktober 1990 auf einer Abendgesellschaft des Kritikers Sándor Radnóti.Clara Royer: Imre Kertész. S. 266.
mini|Berliner Gedenktafel am Haus, Meinekestraße 3, in Berlin-Charlottenburg 2001 nahm Kertész zunächst eine Arbeitswohnung in Berlin und lebte schließlich mit seiner Frau dauerhaft in Berlin. 2002/2003 war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, von dem er eine Förderung zur Fertigstellung seines Romans Liquidation erhielt.
Im Oktober 2002 wurde Kertész mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.
Im Zusammenhang mit seinem Theaterstück (Eselskarren) aus den 1950er Jahren (das Kertész nicht zu seinem literarischen Werk zählt) hatte ein einstiger Freund, der Autor und Dissident Pál Bán, gegen ihn einen Plagiatsvorwurf erhoben. Dieser Anschuldigung, die in der Zeitung am 14. November 2002 veröffentlicht wurde, widersprach Kertész.Internet-Magazin Gondola, 15. November 2002: (online auf gondola.hu). In einer Tagebuchnotiz vom 17. November kommentiert er den unmittelbar nach dem Nobelpreis gegen ihn gerichteten Angriff: „Die Groteske, die mein Leben begleitet. […] es setzt mir mehr zu als nötig.“Imre Kertész: Letzte Einkehr. Tagebücher 2001–2009. S. 158.
Am 3. Oktober 2003 hielt Kertész auf Einladung der Landesregierung von Sachsen-Anhalt die Festrede zur zentralen Feier der Deutschen WiedervereinigungImre Kertész: Rede zur Feier der deutschen Wiedervereinigung. NZZ, 4. Oktober 2003 (NZZ Online). in Magdeburg.Imre Kertész: Letzte Einkehr. Tagebücher 2001–2009. S. 448 (Anmerkung zu 2. März 2004: „meine Magdeburger Rede …“).
Am 29. Januar 2007 war Kertész Gastredner im Deutschen Bundestag anlässlich des offiziellen Gedenktages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Im Rahmen der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus las er aus seinem Roman Kaddisch für ein nicht geborenes Kind.Informationsseite des Deutschen Bundestages über Kertész. 29. Januar 2007, abgerufen am 24. Februar 2011.
Im November 2012 wurde in der Berliner Akademie der Künste das Imre-Kertész-Archiv der Öffentlichkeit präsentiert. Dem Archiv hatte Kertész schon seit Ende 2001 Manuskripte und Korrespondenz überlassen. Maßgeblich beteiligt an dieser Transaktion war der mit Kertész befreundete Berliner Rechtsanwalt Ingo Fessmann (der seit 1997 auch bei verschiedenen Personen und Institutionen dafür geworben hat, Kertész für den Nobelpreis vorzuschlagen).Ingo Fessmann: Imre Kertész und die Liebe der Deutschen. Eine persönliche Sicht auf Leben und Werk. Hentrich und Hentrich, Berlin/Leipzig 2019. Weiteres umfangreiches Material folgte 2011. 2012 erwarb die Akademie den bei ihr lagernden Bestand mit Unterstützung der Friede-Springer-Stiftung, der Kulturstiftung der Länder und des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.Pressemitteilung der Akademie der Künste Berlin, 31. Oktober 2012.