mini|Gebäudeausschnitt der Tuchfabrik, 2008, vor Sanierung mini|Schräge Frontalansicht, Richtung Haupteingang, 2014 Die Draegersche Tuchfabrik auch Tuchfabrik Gebr. Draeger, gelegen im Zentrum Pritzwalks am Meyenburger Tor 1, ist ein städtebaulich bedeutender Gebäudekomplex, der sich aus verschiedenen Funktionsgebäuden zusammensetzt. Die Draegersche Tuchfabrik prägte in der Zeit der Industrialisierung das Wirtschaftsleben in Pritzwalk intensiv. Das Produktionsgebäude ist eine Keimzelle des späteren Industrieimperiums der Familie Quandt.
In der Pritzwalker Tuchfabrik wurden aus Wolle Uniformstoffe aller Art hergestellt, nicht nur für das Preußische Militär, sondern auch für die Eisenbahn, die Post, Beamte und sonstige uniformierte Amtspersonen im preußischen Staatsdienst.
Gebäudebestandteile Die Fabrik besteht aus Verwaltungsgebäude (zuletzt Kreisverwaltung), Wolllager, Lagerhaus, Wäscherei und Trocknerei, Maschinenhaus, Kesselhaus, Schornstein, Färberei, Materiallager, Lichtgang, altem Hochbau, Walke, Presserei, Spinnerei- und Webereihochbau, Treppenturm, Treppenhaus, Schlosserei, Lagerräume, Galerie, Übergang und Einfriedung.
Geschichte der Tuchfabrik als textiles Produktionsgebäude Im Jahr 1839 übernahmen die Gebrüder (Johann Friedrich) Ludwig Dräger (* 1812; † 1879) und August (Friedrich Ferdinand) Dräger (* 1816 in Pritzwalk) die Weberei ihres Vaters Johann Wilhelm Dräger (* 19. Dezember 1769; † 15. April 1852) und machten daraus eine Tuchfabrik, in der sie Pritzwalks erste Dampfmaschine einsetzten. Die Nachfrage vor allem des Militärs nach strapazierfähigen Tuchen ließ die Fabrik wachsen. Man zog schließlich auf das Grundstück an der Dömnitz.
mini|Gesellschaftervertrag von 1883 mit den Unterschriften von Friederike und Emil Dräger sowie deren Kinder Paul, Hedwig Quandt, Max, Emmy, Natalie Pfeffer und Schwiegersohn Fritz Pfeffer mini|Günther Quandt (Bildmitte) mit seinen Brüdern Werner und Gerhard im Jahr 1890 mini|Emil (links) und Günther Quandt im Jahr 1900 mini|Mausoleum der Fam. Quandt, 1925–1927 erbaut, auf dem Friedhof in Pritzwalk Emil Quandt trat 1865 mit 16 Jahren in die 1839 gegründete Tuchfabrik der Gebrüder Draeger in Pritzwalk ein, zunächst als Prokurist. Ein Großbrand bei der Tuchfabrik Dräger im Dezember 1871 zerstörte den inzwischen vierstöckigen Fachwerkbau bis auf die Grundmauern. Die Londoner Versicherung Phönix, die den Schaden schnell beglich, ermöglichte einen großzügigen Neuaufbau. Bei dieser Gelegenheit ließ sich August Dräger ausbezahlen und zog sich aus dem Geschäft zurück. Sein Bruder Ludwig übernahm die Firma als Alleineigner. Er hatte mit Gemahlin Friederike, geb. Zick, zwei Söhne, Paul Dräger (* 1853 in Pritzwalk) und Max Dräger (* 1856 in Pritzwalk) sowie drei Töchter, Hedwig (Amalie) Dräger (* 12. Mai 1855 in Pritzwalk; † 1933), Natalie Pfeffer, geb. Dräger, und Emmi Dräger. Als Ludwig Dräger 1879 starb, zeigte sein ältester Sohn Paul als prädestinierter Nachfolger an der Tuchfabrikation kein Interesse. Ein Jahr später heiratete Emil Quandt die älteste Tochter von Friederike und Ludwig Dräger. Emil Quandt, inzwischen Geschäftsführer der Firma, leitete für Friederike Dräger, der Witwe Ludwig Drägers, den Betrieb zunächst gemeinsam mit dem zweiten Sohn Max Dräger weiter. Anfang 1883 erwarb Emil Quandt gemeinsam mit Max Dräger von dessen Mutter Friederike zu gleichen Teilen die Textilfabrik, die inzwischen 70 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigte. Der Gesellschaftsvertrag von 1883 regelte zugleich die Versorgungsansprüche der Angehörigen, nämlich der Witwe Friederike Dräger sowie der Geschwister Max Drägers, der Referendar Paul Dräger, Natalie Pfeffer, geb. Dräger, Hedwig Quandt, geb. Dräger, und die noch minderjährige Emmi Dräger. Das Kapital Hedwig Quandts wurde auf ihren Ehemann Emil übertragen.
Von den einstmals 11 Tuchfabriken in Pritzwalk überlebte nur das Unternehmen Gebrüder Dräger die wirtschaftlich schwierigen 1880er Jahre. Im benachbarten Wittstock/Dosse trotzten die Konkurrenten Friedrich Wilhelm Wegener und Friedrich Paul dem unerbittlichen Wettbewerb. Aus dieser Notlage heraus kam es zur Zusammenarbeit der drei verbliebenen Unternehmen. Paul Georg Wegener, der Alleininhaber der 1828 gegründeten Tuchfabrik Friedrich Wilhelm Wegener, die um ein Vielfaches größer war als die der Gebrüder Dräger, bot Max Dräger und Emil Quandt 1882 Verkaufs- und Einkaufsvereinbarungen an. Beide richteten 1884 einen Brief an die Königliche Intendantur, in der sie um Militärtuchaufträge für fünf Jahre zum Festpreis baten. Diese Aufträge brachten gute Gewinne. Max Dräger heiratete eine der beiden Töchter Paul Georg Wegeners. Er war 1986 aus Gesundheitsgründen aus der Firma Gebrüder Dräger ausgeschieden, so dass Quandt alleiniger Inhaber der Tuchfabrik Gebrüder Dräger wurde, die seit 1896 auch das schwedische Heer belieferte. Nach dem Tod seines Schwiegervaters Paul Georg Wegener sah sich Max Dräger aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage die doppelt so große Tuchfabrik Friedrich Wilhelm Wegener zu übernehmen. So kaufte Emil Quandt die Tuchfabrik Friedrich Wilhelm Wegener, die sein Sohn Günther Quandt führte.
Emil Quandt hatte drei Söhne, Günther Quandt, Werner Quandt (* 27. Juli 1884 in Pritzwalk; † 26. Februar 1965) und Gerhard Quandt (* 14. November 1885 in Pritzwalk; † 28. September 1945 im Speziallager Nr. 9 Fünfeichen) sowie zwei Töchter, Edith Quandt (* 22. Januar 1891 in Pritzwalk) und Anneliese Quandt (* 5. Januar 1894 in Pritzwalk). Sie alle verbrachten ihre Kindheit in Pritzwalk, Meyenburger Tor 7, neben der Tuchfabrik Gebrüder Draeger. Edith Quandt heiratete 1911 den Wittstocker Tuchfabrikanten Friedrich Paul. Die drei Brüder und Schwager Friedrich (Fritz) Paul vereinigten ihre Firmen unter dem Namen Draeger-Paul-Wegener Werke GmbH (DPW), wobei Günther Quandt dominierte. Günther Quandt kam 1914 auch zugute, dass er als wehruntauglich ausgemustert wurde, während seine Brüder Werner und Gerhard sowie Friedrich Paul in den Ersten Weltkrieg einberufen wurden. 1929 wurde der Gesellschaftsvertrag der DPW mit Gerhard Quandt und Friedrich Paul aufgelöst. Die Dräger-Werke GmbH wurden gegründet, die von den Familien Günther und Werner Quandt geführt wurden. Die faktische Leitung der Tuchfabrik Gebrüder Draeger in Pritzwalk fiel Werner Quandt zu. Während in der Zeit der Weimarer Republik die Militärtuchaufträge zurückgingen und zivile Aufträge für Uniformtuche für Zoll, Polizei, Reichspost, Reichsbahn und Feuerwehr dominierten, florierten die Aufträge erneut in der Zeit des Nationalsozialismus mit der Produktion von Uniformtuchen für Reichsarbeitsdienst, NSDAP, SS und SA. 1935 wurde der Hochbau des Jahres 1908/1909 aufgestockt. Die Quandts ließen 1936 bis 1938 ein neues fünfstöckiges Verwaltungsgebäude mit repräsentativer Klinkerfassade für ihre Tuchfabrik errichten. Das Verwaltungsgebäude befindet sich auf einer Insel der Dömnitz. Erbaut wurde es von Hoffmann. Am Haupteingang versinnbildlichen vier Statuen die Grundbedingungen des Erfolgs der Draeger-Werke: das Bauhandwerk, die Tuchmacherei, den Handel und den Arbeitsfrieden. Das Gesamtgelände der Firma Gebrüder Draeger umfasste inzwischen 23 670 Quadratmeter; die Gesamtnutzfläche der Fabrikgebäude belief sich auf 20 900 Quadratmeter. Im Jahr 1939, d. h. 100 Jahre nach der Gründung der Tuchfabrik Gebrüder Draeger, beschäftigte die Tuchfabrik 298 Frauen und Männer. Jährlich wurden 500.000 Meter Tuche hergestellt, was „einer Strecke von Berlin nach Essen“ gleichkam.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs war mit Untergangserscheinungen verbunden. Pritzwalk war bereits weitgehend zerstört, als die Stadt am 2. Mai 1945 von sowjetischen Truppen besetzt wurde. Der gesamte Draeger-Maschinenpark wurde ausgeräumt und in die Sowjetunion transportiert. Der Werkleiter Werner Quandt erhob im Sommer 1946 gegen die Beschlagnahme und im Oktober 1948 gegen die Enteignung Einspruch. Beide Einsprüche wurden nach jeweils einem Jahr abgelehnt. Werner Quandt selbst wurde im Oktober 1947 inhaftiert und nach vier Monaten entlastet. Einer bevorstehenden Ausweisung kam Werner Quandt zuvor, in dem er nach einer Berlin-Reise im Westen blieb. Damit endete die Unternehmensgeschichte der Gebrüder Draeger in Pritzwalk.
Über Werners Bruder Günther Quandt und dessen Sohn Herbert Quandt entwickelte sich von Pritzwalk aus eines der größten Familienunternehmen Deutschlands, namentlich über Herberts dritte Ehefrau Johanna Quandt sowie die beiden jüngsten Kinder Susanne Klatten und Stefan Quandt.
Nachnutzungskonzepte Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Tuchfabrik zum Sitz der Kreisverwaltung Pritzwalk. Als 1993 der Kreisstadtstatus verloren ging, stand auch die Tuchfabrik schnell leer. Seit 2017 ist die vormalige Tuchfabrik gleichermaßen Bildungsstandort, Wohnraum für dreißig Mietparteien und Museum. Dieses trägt nach einer Entscheidung vom August 2017 nun den Namen Museumsfabrik Pritzwalk.
Literatur
Einzelnachweise
Weblinks
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