mini|Geburtsszene mit der Krippe von Bethlehem. Kopenhagener Psalter: Folio 9v Der Kopenhagener Psalter (auch Folkungepsaltere) ist ein Meisterwerk der Buchkunst im Europa des späten 12. Jahrhunderts; er enthält im Wesentlichen das Buch der Psalmen in lateinischer Sprache. Vermutlich wurde der Kodex als Lese- und Andachtsbuch für einen königlichen Prinzen hergestellt.

Beschreibung Der Kodex hat 199 Seiten im Folioformat, das ist die Größe eines halben Bogens (Zeichen: 2°). Der lateinische Text ist beidseitig auf Pergament-Blätter kalligrafiert.Christopher de Hamel: Der Kopenhagener Psalter. Kapitel 7 in: Christopher de Hamel: Pracht und Anmut. Begegnungen mit zwölf herausragenden Handschriften des Mittelalters. Bertelsmann, München 2018, S. 331–385.

Den Psalmen König Davids vorgesetzt, die jeweils von kunstvoll gestalteten Initialen eingeleitet sind, bietet der Band einen Kalender (Folio 2 bis F 7vErklärung zur Fachsprache: „Folio recto“ (Fr) benennt die rechte aufgeschlagene Buchseite. Nach dem Umblättern sieht man die Rückseite; demnach ist „Folio verso“ (Fv) die linke aufgeschlagene Buchseite.), sechzehn ganzseitige Illuminationen auf goldenem Hintergrund (F 8r bis F 15v) sowie eine Widmung in Gebetsform („Suscipe[re] digneris“, F 16v). Den Psalter beschließt eine Sammlung von sieben Gebeten um die Gnade Gottes, Vergebung der Sünden und um angstfreien Frieden (F 193v – F 194r).De Hamel: 2018, S. 382–383, 385: „Deus cui proprium est misereri semper & parcere suscipe deprecationem n[ost]ram. & quos delictorum cathena constringit. miseratio tu[a]e pietatis absoluat.“ – „Al[lelu]ia“.

Außerdem enthält eine Seite die Buchstaben des (lateinischen) Alphabets einschließlich der gebräuchlichsten Abbreviaturen. Darauf folgen, wie in einer Fibel, als erste Leseübungen das „Vater unser“ als das christliche Hauptgebet und das christliche Glaubensbekenntnis, schließlich eine Litanei. Diese Indizien und die prächtige Gestaltung legen nahe, dass der Kodex als frommes Lehr- und Lesebuch für einen jugendlichen Prinzen diente.De Hamel: 2018, S. 351.

Geschichte des Kodex Vergleiche mit anderen Manuskripten, besonders mit dem Hunterian Psalter, der um 1170 in York hergestellt wurde,Der Hunterian Psalter trägt seinen Namen nach dem Sammler William Hunter. Er befindet sich in der Universitätsbibliothek in Glasgow (). verweisen auf in England tätige Künstler. Die Namen der Heiligen, deren Gedenktage im Kalender angegeben und teilweise durch farbige Schrift besonders hervorgehoben sind, machen es wahrscheinlich, dass der Kodex in Nordengland (in Lincoln, York oder Durham) entstand. Die Aufnahme von Augustinus von Hippo und König Oswald von Northumbrien, Patron der englischen Augustiner-Chorherren, lässt auf eine Entstehung im Umfeld dieses Ordens schließen.Copenhagen Psalter. In: The Grove Encyclopedia of Medieval Art and Architecture, Band 2, S. 193. Einen Hinweis auf die Datierung gibt die Tatsache, dass – wie im Hunterian Psalter – der Name des populären englischen Heiligen Thomas Beckett im Kalender und in der Litanei fehlt. Beckett wurde am 29. Dezember 1170 ermordet und bereits 1173 heiliggesprochen. Der Kodex wäre demnach vorher entstanden.

Der Text wurde in der hochmittelalterlichen Textura geschrieben; die erstaunlich gleichmäßige Ausführung spricht für einen einzigen Schreiber. Die künstlerische Gestaltung ist jedoch vier Illuminatoren zu danken.De Hamel: 2018, S. 371–374. Ein erster Künstler dekorierte die Pergamenten-Lage ii, die Folio 8 bis Folio 15 umfasst, sowie die Lagen x–xv (F 72 – F 119), ein zweiter Künstler die Lage i (F 1 – F 7) sowie die Lagen iii–ix (F 16 – F 71), ein dritter Künstler die Lagen xvi–xviii (F 120 – F 143). Beim vierten Künstler handelte es sich um den Simon Master, einen der berühmtesten Illuminatoren des 12. Jahrhunderts, der in Paris und später in der bedeutenden Abtei von St Albans in Südengland lebte. Ihm werden etliche Manuskripte zugeschrieben, die zwischen 1150 und 1180 entstanden. Im Kopenhagener Psalter gestaltete er die Lagen xix–xxiv (F 144 – F 191).De Hamel: 2018, S. 374.

Auftraggeber und Entstehungszeit des Psalters können nach Patricia StirnemannPatricia Stirnemann: The Copenhagen Psalter reconsidered as a coronation present for Canute VI. In: The Illuminated Psalter: Studies in the Content, Purpose and Placement of its Images, Turnhout, Brepols 2004, S. 323–328. noch weiter eingegrenzt werden: Im Zusammenhang mit der Überführung der Gebeine seines heiliggesprochenen Vaters Knud Lavard in die neu erbaute Vor Frues og Hellig Knud Martyrs Kirke, die heutige St.-Bendts-Kirche in Ringsted, ließ König Waldemar I. seinen ältesten, höchstens achtjährigen Sohn Knut am 25. Juni 1170 zum Mitkönig krönen. Es sei naheliegend, „dass die Handschrift für die Feierlichkeiten in der Abtei von Ringsted angefertigt wurde“.De Hamel: 2018, S. 361. Der Bischof, der die Krönung vornahm, war Eskil von Lund, der zuvor mehrere Jahre im Kloster Clairvaux verbracht hatte und von dort über Kontakte zu den Künstlern verfügte, bei denen er möglicherweise den Kodex in Auftrag gab. Der Prinz, der diesen Kodex wahrscheinlich zu seiner Krönung erhielt, regierte von 1182 bis zu seinem Tod 1202 als alleiniger König Knut VI. über Dänemark. Auch für seine Schwester Ingeborg wurde ein kostbares Andachtsbuch geschaffen, der sogenannte Ingeborg-Psalter.

Auf einen anderen Besitzer/Auftraggeber des Psalters schließt Christopher Norton aus dem auf der ersten Seite des Buches (F 1r) eingetragenen Reliquiarium, einem Verzeichnis von Reliquien. Dieses enthält als letztes den heiligen Erzbischof Thomas Beckett („san[c]to Thoma archiep[iscop]o“) und lässt sich damit auf die Zeit nach 1173 datieren. Der Name des Besitzers dieser Reliquien und ihr Aufbewahrungsort wurden später unlesbar gemacht, nur noch die Buchstaben dns für Dominus (Herr) sind zu erkennen. Aufgrund des Vergleichs mit dem Reliquienbestand des Nidarosdom in Trondheim vermutet Norton, der norwegische König Magnus V. (1161–1184) sei Besitzer von Buch und Reliquien gewesen.Christopher Norton: Archbishop Eystein, King Magnus and the Copenhagen Psalter – A New Hypothesis, in: Eystein Erlendsson – Erkebiskop, politiker og kirkebygger, Nidaros Domkirkes Restaureringsarbeiders forlag, Trondheim 2013, S. 184–215. Letzterer war 1156 geboren worden und wäre bei einer angenommenen Entstehungszeit des Kodexes kurz vor 1170 durchaus im richtigen Alter für die Leselernübungen gewesen. Christopher de Hamel dagegen entzifferte den Namen des Besitzers der Reliquien als „uualdemarus“, also den oben genannten König Waldemar I. Dem restlichen Text meinte er die Ortsbezeichnung „apud rinsta[dius]“ entnehmen zu können. Demnach handele es sich also um die Reliquiensammlung der St.-Bendts-Kirche in Ringsted. Gegen diese Deutung spricht, dass in der Auflistung der Reliquien ausgerechnet Knud Lavard fehlt, dessen Reliquien 1170 in ebendiese Kirche überführt worden waren, allerdings als Patroziniumsheiliger in einem gesonderten Schrein.De Hamel: 2018, S. 358–359.

Der kostbare Handschriften-Kodex mit den Psalmen sei laut Hamel in der königlichen Familie weitergegeben worden und verdanke seine heutige Gestalt der ehemaligen dänischen Königin Mechthild von Holstein († 1288). Er nimmt an, dass Mechthild das Gebet „Suscipe[re] digneris“ verfasst habe. Darin erscheint nämlich eine Fürbitte für einen hohen schwedischen Adligen (lateinisch Dux, schwedisch Jarl) namens Birger. Diesen identifizierte de Hamel als Birger Jarl, mit dem Mechthild in zweiter Ehe verbunden war und der 1266 starb. Dass sich der Kopenhagener Psalter in Mechthilds Besitz befunden hat, belege auch ein nachträglicher Eintrag auf der Kalenderseite des Mai: Dort ist am 27. des Monats in kleiner Schrift nachträglich eingefügt, Erik, Herzog von Jütland und Sohn von Mechthild und ihrem ersten Mann Abel, der 1250–1252 über Dänemark geherrscht hatte, sei im Jahr 1272 gestorben.De Hamel: 2018, S. 350.

Das Schicksal des Buchs in den folgenden vier Jahrhunderten ist weitgehend unbekannt. Hamel nimmt an, dass die zweimal verwitwete Mechthild es einem Nonnenkloster überließ.De Hamel: 2018, S. 353. Johann Henrich von Seelen, der 1737 eine erste Beschreibung des Handschriften-Bandes verfasste,Johann Henrich von Seelen: Meditationes exegeticae. Lübeck 1737. nannte als ersten ihm bekannten Besitzer Rudolf Capell (1635–1684), Professor für Griechisch und Hebräisch am Akademischen Gymnasium in Hamburg.Erik Petersen: Suscipere Digneris. Et fund og nogle hypoteser om Københavnerpsalteret Thott 143 2° og dets historie. In: Fund og Forskningi det kongelige Bibliotekssamlinger Bind 50. København 2011, S. 21–63, S. 36f. Der dänische Handschriftenexperte Erik Petersen vermutet, dass Capell das Buch aus dem nach dem Dreißigjährigen Krieg sich in Auflösung befindlichen Altkloster in Buxtehude erwarb.Erik Petersen: Suscipere Digneris. Et fund og nogle hypoteser om Københavnerpsalteret Thott 143 2° og dets historie, S. 46ff. Capell schrieb die Nummern der Psalmen neben die entsprechenden Texte und hinterließ einige Notizen. Von Capells Sohn erwarb Michael Richey (1678–1761) den Kodex, der ihn dem dänischen Sammler Otto Thott (1703–1785), Lehnsgraf auf Schloss Gavnø, überließ. Großzügig vergab Graf Thott den Kodex mit anderen Büchern an die Dänische Königliche Bibliothek.De Hamel: 2018, S. 349. Dort wird der „Kopenhagener Psalter“ mit der Bezeichnung FolkungepsaltereDiese Bezeichnung verweist auf das schwedische Geschlecht der Folkunger, aus dem Birger Jarl stammte. unter der Signatur Thott 143, 2° verwahrt.

Kalendarium im Kodex Nach dem wohl nachträglich ergänzten Reliquiarium auf F 1r beginnt der Handschriftenband auf F 2r mit einem Kalendarium. Die Monats-Seiten sind oben links mit den beiden Initialen „KL“ (Kalendarium) gekennzeichnet. Die 365 Tage des Jahres sind folgendermaßen den Monaten zugeteilt: Januar 31 Tage, Februar 28, März 31, April 30, Mai 31, Juni 30, Juli 31, August 31, September 30, Oktober 31, November 30, Dezember 31 Tage. Diese Verteilung verrät: Es ist ein Julianischer Kalender. Etwas anderes ist kaum möglich, denn der Gregorianische Kalender wurde von Papst Gregor XIII. erst 1582 verordnet.

Eine weitere zeitliche Kategorie zählt die Dauer der Mondmonate mit durchschnittlich 29,53 Tagen – von einem Neumond bis zum nächsten. Im Kopenhagener Psalter sind die Mondmonate unterschiedlich lang, und zwar: Januar 30 Tage, Februar 29, März 30, April 30, Mai 30, Juni 30, Juli 30, August 29, September 30, Oktober 29, November 30, Dezember 29 Tage. Das Mondjahr des Kopenhagener Psalters hat also 356 Tage und ist damit neun Tage kürzer als das Sonnenjahr. Die Tagundnachtgleichen im März (Frühlingsäquinoktium) und im September (Herbstsäquinoktium) sowie Sommer- und Wintersonnenwende sind ebenfalls erwähnt.

Im Kalendarium sind Gedenktage mancher Heiliger eingetragen, die vor allem in England verehrt wurden, wie Beda Venerabilis am 25. Mai und Augustinus von Canterbury am 26. Mai. Am 27. Mai ist mit kleinerer Schrift nachgetragen: „Anno d[omi]ni .M.cc.Lxxii. Obiit illustris dux Jucie Eric[us] filius Abel regis.“ (= [Am 27. Mai] Anno Domini 1272 starb der erlauchte Herzog von Jütland, Erik, der Sohn König Abels.)De Hamel: 2018, S. 350, 353.