mini|Anti-Gender-Protest während des „Equality March“ 2018 in Rzeszów
Die Anti-Gender-Bewegung ist eine transnationale Bewegung, die sich gegen die von ihr so bezeichnete „Gender-Ideologie“ richtet, weil sie die vermeintlich natürliche Ordnung der Gesellschaft gefährde. In Europa mobilisieren verschiedene Akteure aus dem konservativen, rechten und religiös-fundamentalistischen Spektrum gegen dieses Feindbild von Gleichstellungspolitik (Gender-Mainstreaming), LGBT-Rechten und Gender Studies.Regina Frey, Marc Gärtner, Manfred Köhnen, Sebastian Scheele: Einleitung zur zweiten Auflage. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie. Argumente im Streit um Geschlechterverhältnisse. 2., aktualisierte Auflage (= Schriften des Gunda-Werner-Instituts, 9). 2014, S. 9‒23. Hier werden die als traditionell betrachtete Kernfamilie sowie die als naturhaft verstandenen binären Geschlechtervorstellungen und die Heterosexualität als Leitbild bzw. Norm angesehen. Für das Phänomen wurden auch die Bezeichnungen Anti-Genderismus und War against Gender geprägt.
Inhalte und Stil Die Anti-Gender-Bewegungen mobilisieren gegen ein als „Gender-Ideologie“ bezeichnetes Feindbild, das Gleichstellungspolitik (Gender-Mainstreaming), LGBT-Rechte, Gender Studies und deren Befürworter umfasst. Durch die Bezeichnung „Gender-Ideologie“ werden diese Anliegen als grundsätzlich illegitim dargestellt und Befürworter dieser Anliegen werden etwa als „Lobbyisten“ abgewertet. Auch die Schlagworte „Genderismus“, „Gender-Gaga“, „Gender-Wahnsinn“ oder „Gender-Terror“ sind hierfür gebräuchlich. Diese „Gender-Ideologie“, so die Vorstellung, wolle den Menschen Geschlechterrollen wahlweise aufdrängen oder ihnen aberziehen, wolle das Geschlecht „abschaffen“ bzw. schaffe eine unendliche Zahl künstlich geschaffener Geschlechtskategorien. Damit verstoße sie gegen die „natürlichen Fundamente“ der Gesellschaft. Diese Vorstellungen beruhen teilweise auf Missverständnissen zum Konzept des sozialen Geschlechts („Gender“) oder auf einer verzerrten Darstellung der Frauen- und Geschlechterforschung.
mini|Plakatierung in Warschau, 2014, die den Suizid zweier Kinder als Folge der „Gender-Ideologie“ darstellt.
Im Unterschied zu früheren antifeministischen Bewegungen werden gleiche Rechte für Frauen und Männer nicht abgelehnt, Männer und Frauen werden aber dennoch als von Natur aus grundsätzlich verschieden angesehen; siehe auch Naturrecht. Manche Akteure mobilisieren daher anstatt gegen den Feminismus als solchen gegen eine „geschlechtsindifferente Gleichmacherei“, die etwa die „bewährten Beziehungsmodelle – allen voran die traditionelle Familie“ zerstöre. In dieser Hinsicht thematisieren die Anti-Gender-Diskurse auch die niedrigen Geburtenraten im globalen Norden und machen Abtreibungen und dem „Feminismus verfallene“ Frauen dafür verantwortlich, die die Karriere der Familiengründung vorzögen. Es wird das Bild einer „entvölkerten zukünftigen Welt“ gezeichnet, die dominiert sei von „Einsamkeit und Entfremdung infolge des drohenden Sieges der ‚Gender-Ideologie‘.“ Der „Genderismus“ wird mit Einsamkeit und Unglücklichsein verknüpft. Des Weiteren wird vor einer „Frühsexualisierung“ (Sexualpädagogik in Kindergärten und Schulen) oder einer „Propagierung von Homosexualität“ gewarnt, die das Kindeswohl gefährden würden. Damit sollen insbesondere Eltern mobilisiert werden. Die Existenz transgeschlechtlicher Personen und deren Rechte werden geleugnet. Stattdessen werden simplifizierte Ansichten darüber, wer als Mann und wer als Frau zu gelten habe, verbreitet. Auch stellen die Anti-Gender-Akteure transgeschlechtliche Personen als Bedrohung anderer vulnerabler Gruppen, wie Frauen oder Kinder, dar. Ebenso wird die Intergeschlechtlichkeit im Anti-Genderismus abgewertet.Kathrin Ganz: Anti-Genderismus: Gender unter Ideologieverdacht. In: regenbogenportal.de. März 2020. Die binäre Geschlechtereinteilung (strikte Einteilung in entweder Mann oder Frau) wird als unumstößliche Tatsache postuliert und zur Norm erklärt. Gerechtfertigt wird dies mit Verweisen auf vermeintliche Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften, insbesondere der Biologie. Die tatsächlichen Erkenntnisse biologischer Forschung, laut denen Geschlecht viele Zwischenstufen annehmen kann und daher als ein Spektrum aufgefasst werden muss, werden bei diesen Diskursen vernachlässigt.
Oftmals wird dabei Bezug auf Judith Butler genommen, die von den Anti-Gender-Akteuren als eine der wichtigsten Akteure der „Gender-Ideologie“ gesehen wird und der unterstellt wird, sie sehe das soziale Geschlecht als völlig unabhängig vom biologischen Geschlecht und somit als reine Willensentscheidung an bzw. halte das biologische und soziale Geschlecht für gleichermaßen konstruiert. Dabei werden einzelne erkenntnistheoretisch formulierte Passagen aus Butlers Werken fehlinterpretiert und aus dem Kontext gerissen. Laut dem Theologen Gerhard Marschütz hat Butler selbst klargestellt, dass sprachliche Diskurse niemals körperliche Unterschiede negieren könnten. Ein weiterer Vorwurf insbesondere an die Gender Studies lautet, dass sie die Existenz des biologischen Geschlechts vollständig negieren würden. Judith Butler formulierte hingegen: „die Geschlechterforschung negiert das biologische Geschlecht nicht, sondern fragt, durch welchen medizinischen und rechtlichen Rahmen es festgelegt wird.“
Wiederkehrend ist zudem die Auffassung, „fremde Kräfte“ wie die EU, UN oder WHO wollten mit der „Gender-Ideologie“ die eigenen Länder und Traditionen schwächen. Diese Narrative nehmen mitunter verschwörungstheoretische Züge an.
Ursprung Der Ursprung der negativ konnotierten Bezeichnung „Gender-Ideologie“ wird im Vatikan gesehen. Als es durch die Weltbevölkerungskonferenz 1994 und die Weltfrauenkonferenz 1995 zu einer Anerkennung sexueller und reproduktiver Rechte durch die Vereinten Nationen kam, erarbeitete der Vatikan eine Gegenstrategie, da er eine Schwächung der „traditionellen Familie“ sowie die generelle Anerkennung von Abtreibung und Homosexualität befürchtete. Auf diesen Konferenzen wurde unter anderem der zu dieser Zeit bei Großteilen der Bevölkerung noch nicht gängige Begriff des sozialen Geschlechts („Gender“) vorgebracht. Dies sah der Vatikan jedoch als strategisches Mittel zur Schwächung der „traditionellen Familie“ und wandte sich deshalb gegen den Begriff „Gender“. Dem wurde die grundsätzliche Verschiedenartigkeit und vermeintliche Komplementarität von Mann und Frau gegenübergestellt. Dies ist eine Vorstellung, die Johannes Paul II. bereits zuvor innerhalb des Vatikans geprägt hatte.
Als wesentliche Bibelstellen gelten vor allem die folgenden zwei: Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie und Er (Jesus) aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen, dass der, welcher sie schuf, sie von Anfang an als Mann und Frau schuf .
Anti-Gender-Bewegung als Backlash Die Anti-Gender-Bewegungen werden oftmals als ein konservativer Backlash zu bisherigen Gleichstellungsbemühungen und zu einer Ausweitung der LGBT-Rechte aufgefasst. So deutet die Heinrich-Böll-Stiftung die Anti-Gender-Bewegung als eine Reaktion auf bislang erkämpfte Rechte im Bereich der sexuellen und reproduktiven Selbstbestimmung, auf deren Abbau nun hingearbeitet werde.
Andererseits wird argumentiert, dass die Anti-Gender-Bewegungen nicht als reiner Backlash (also eine Reaktion auf „bereits Erreichtes“) gesehen werden sollten und auch nicht alle ihrer Anhänger per se antifeministisch oder homophob seien. Da diese gleichzeitig und vernetzt in Europa und besonders stark in osteuropäischen Ländern auftreten, obwohl gerade dort die Gleichstellungsbemühungen und LGBT-Rechte noch deutlich schwächer ausgeprägt sind, müssten andere Erklärungen wie die sozioökonomischen und politischen Umstände mit einbezogen werden. Teilweise finden sich laut der Politikwissenschaftlerin Eszter Kováts auch Bezüge zu einzelnen, umstrittenen Strömungen des Feminismus und LGBTQ-Aktivismus, die das Geschlecht nur als eine individuelle Identität darstellen (anstatt als etwas, das durch die Gesellschaft zugeschrieben wird), sich immer weiter fragmentieren („individualisierte“ Intersektionalität, Identitätspolitik) und fälschlicherweise einzelne Individuen für strukturelle Unterdrückungssysteme verantwortlich machen würden. Diese vor allem aus dem angloamerikanischen Raum stammenden Strömungen seien durch die Individualisierungslogik der ökonomischen Verhältnisse geprägt worden und hätten den Feminismus und LGBTQ-Aktivismus deutlich anfälliger für diese Art von Gegenreaktion gemacht; der „Backlash“ richte sich teilweise gegen diese aufkommenden Strömungen.
Sozioökonomisch-kultureller Kontext Die Entstehung und der Erfolg der Anti-Gender-Bewegungen, die den Begriff „Gender“ als Feindbild betrachten, werden vielfach als Symptome einer tiefer zugrunde liegenden sozioökonomischen, politischen und kulturellen Krise der liberalen Demokratie aufgefasst. Unter anderem werden diese als eine Reaktion auf den Neoliberalismus begriffen, das heißt eine Politik der Deregulierung, Prekarisierung von Arbeit und des Abbaus wohlfahrtsstaatlicher Sicherungen sowie auf die aus der Finanzkrise 2007 entstandenen Wohlfahrtsverluste und der Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich. Den Zusammenhang erklärt die Soziologin Katharina Scherke auch damit, dass die Arbeitswelt – unter anderem durch die Prekarisierung – keine positiven Identitätsbezüge mehr stifte und die Menschen sich daher auf kulturelle Identitätsmerkmale wie das Geschlecht fokussierten. Die Auflösung der traditionellen Geschlechterrollen habe deshalb gerade auch bei denjenigen, die Statusverluste erleiden bzw. befürchten müssten, zu einem „kulturellen Backlash“ geführt.
In der Zeitschrift Luxemburg analysierten die Soziologin Weronika Grzebalska sowie die Politikwissenschaftlerinnen Eszter Kováts und Andrea Pető die „Gender-Ideologie“ als Metapher für die Unsicherheit und Unfairness, die durch die sozioökonomischen Umstände produziert worden seien. Illiberale Populisten hätten es geschafft, an die Gefühle der Menschen anzuknüpfen und diese gegen Gleichstellungsfragen zu richten. Opposition gegenüber der „Gender-Ideologie“ bedeute auch die Ablehnung der Priorisierung der Identitätspolitik gegenüber materiellen Fragen und Kritik am Verlust sozialer, politischer und kultureller Sicherheit. Die Autorinnen fordern daher, dass die progressive Agenda stärker um die Bekämpfung ökonomischer Ungleichheiten, der Prekarisierung von Arbeit und der Privatisierung der Daseinsvorsorge erweitert werden müsse.
Agnieszka Graff und Elżbieta Korolczuk interpretieren die Anti-Gender-Rhetorik als „reaktionäre Kritik am Neoliberalismus“. Der Anti-Genderismus gebe denjenigen Ängsten eine Stimme, die aus den zunehmend prekären Arbeits- und Lebensbedingungen resultierten. Anstatt das Problem jedoch in sozioökonomischen Begriffen wie Ungerechtigkeit und Ausbeutung zu benennen, werde die Kritik moralisiert und die Gewinner des Kapitalismus würden als degeneriert und moralisch korrupt dargestellt. Die Anti-Gender-Diskurse bezögen sich aber nicht nur auf die ökonomischen, sondern auch auf die soziokulturellen Folgen des neoliberalen Paradigmas, welches gesellschaftlich zu einer Individualisierung führte, die Eigenverantwortung in den Vordergrund stellte und die Kommodifizierung vieler Lebensbereiche beinhaltete. Die Anti-Gender-Bewegung stelle dem „Gemeinschaft, Solidarität und familiäre Werte“ gegenüber. In der proklamierten „Auflösung“ bzw. „Krise der Familie“ fänden sich zudem die Auswirkungen des Kapitalismus auf die soziale Reproduktion und Entwertung der Sorgearbeit wieder.