mini|Innenansicht (2018)
Der Felsendom (; Kippat ha-Sela) in Jerusalem ist der älteste monumentale Sakralbau des Islams und eines der islamischen Hauptheiligtümer. Er steht auf dem Tempelberg im südöstlichen Teil der Jerusalemer Altstadt. Er wurde nach gegenwärtigem Forschungsstand zwischen 687 und 691 errichtet und im Lauf der Jahrhunderte vielfach restauriert, verändert und umfassend ergänzt, zuletzt Anfang der 1990er Jahre.
Die Bezeichnung „Felsendom“ leitet sich ab von der Gestalt des Bauwerks (Dom im Sinne von Kuppel) und dem im Zentrum des Baus stehenden Felsen. Dieser Felsen heißt im Hebräischen אבן השתייה (Even ha-Shetiyya), der Gründungsfels. Nach volkstümlicher jüdischer Tradition sei darauf die Welt gegründet worden, deren Mittelpunkt im Jerusalemer Tempel der Stein bildete. An dieser Stelle habe Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollen (Bindung Isaaks), und hier habe sich die Bundeslade befunden.Gerald Y. Bildstein in: Encyclopaedia Judaica. 2. Auflage (Detroit, 2007): „Even Shetiyya“ Im Tanach jedoch wird in der Geschichte von der Bindung Isaaks keine Beziehung zu früheren oder späteren Bedeutungen der Opferstätte angegeben. Der spätere Tempelberg wiederum wurde zum heiligen Ort der Israeliten mit einem Altar zur Beendigung der Pest erst, nachdem ihn König David dem Jebusiter Arauna abgekauft hatte.
Nach der islamischen Tradition soll Mohammed von diesem Felsen aus die Himmelfahrt und seine Begegnung mit den früheren Propheten des Islams, darunter Jesus, angetreten haben. Die islamische Tradition und Koranexegese, nach der nicht Isaak, sondern Ismael geopfert werden sollte, bringen den Felsen mit Abrahams Opfer nicht in Zusammenhang.
Der Felsendom ist ein Meisterwerk der islamischen Baukunst des frühen Umayyadenstils und übernimmt den frühchristlich-byzantinischen Zentralbautyp.Christian Ewert (1981): „So wie der Felsendom durch die Übernahme des frühchristlich-byzantinischen Zentralbautyps die geistige Landnahme im ehemals christlichen Osten vor Augen rückt, könnte Qairawan … usw. “ – dort mit weiteren Quellenangaben
Der Bau mit einer ursprünglich in Holzkonstruktion errichteten Kuppel (gegenwärtige innere Höhe 11,5 m, Durchmesser 20,40 m)Busse, Heribert / Georg Kretschmar: Jerusalemer Heiligtumstraditionen in altkirchlicher und frühislamischer Zeit. Otto Harrassowitz: Wiesbaden, 1987, ISBN 3-447-02694-4, S. 5. wurde über einem offenliegenden Felsen (arabisch sachra) errichtet. In der archäologischen Forschung ist umstritten, in welchem Verhältnis dieser Felsen zu vorigen Tempelbauten aus biblischen Zeiten steht. Vielfach wird vermutet, dass sich das Allerheiligste oder der Brandopferaltar des antiken Jerusalemer Heiligtums auf dem Fels befand.Vgl. Meik Gerhards (2013): Noch einmal: Heiliger Fels und Tempel
Der Felsendom wurde ursprünglich – und wird auch heute – nicht als Moschee, sondern als ein Schrein beziehungsweise eine Kuppel () verstanden.
Das Bauwerk Die Grundmauern sind aus unregelmäßigem Naturstein in mörtelloser Bauweise ausgeführt. Als Material ist wahrscheinlich Granodiorit, ein granitähnliches Material, eingesetzt worden. Die Fundamente sind aus Betonquadern, die ebenfalls unregelmäßig dimensioniert sind. Das Flachdach hat eine versteckte Innenentwässerung etwa einen halben Meter unter dem oberen Abschluss der Mauern. Die Mauern sind etwa 7–8 Meter hoch. Über dem Flachdach befindet sich ein 5–6 Meter hoher Tambour, dessen Grundfläche etwa ein Drittel der Gesamtfläche des Gebäudes beträgt, mit einem Kuppeldach aus vergoldetem Blech. Ab etwa drei Metern Höhe sind alle Mauern mit orientalischen Motiven auf blauen Fliesen geschmückt. Das gesamte Gebäude ist rundum mit je sieben Rundbögen je Achteck-Seite ausgestattet. Diese sind ausgemauert und ebenfalls mit blauen Fliesenornamenten versehen. Die Gesamtanlage ist ursprünglich als ein oktogonales Ambulatorium konzipiert.
mini|Grundriss Der achteckige Grundriss ist in einen Kreis mit knapp 55 Metern Durchmesser eingepasst. Der innerste Säulenkreis hat einen Durchmesser von 20,37 Metern und ist geringfügig gegen das äußere Oktogonal verdreht. Der Dom hat vier Eingänge, die in Richtung der vier Himmelsrichtungen angeordnet sind. Das südliche Tor wird durch einen Portikus hervorgehoben und gilt als Haupteingang.
Die Kuppel besaß bis 1962 ein schwarzes Bleidach. Während der umfangreichen Renovierung zwischen 1959 und 1962 erhielt sie mit Blattgold behämmerte Aluminiumbronzeplatten. 1993 ließ König Hussein diese durch gold-galvanisierte Platten ersetzen. Insgesamt 40 Pfeiler und Säulen stützen die Kuppel. Die Säulen sind im Achteck angeordnet und dienen somit auch als Abgrenzung von zwei achteckigen Wandelgängen.Grabar, Oleg (Hg.) (2005): Jerusalem, Volume IV – Constructing the Study of Islamic Art. Hampshire: Ashgate Publishing Limited, S. 3.
In der Nähe des Felsendoms – ebenfalls auf dem Tempelberg – befindet sich die al-Aqsa-Moschee, die ebenfalls unter den Umayyaden errichtet wurde. Die irrtümlich verwendete Bezeichnung „Umar-Moschee“ geht auf Überlieferungen zurück, deren Authentizität fraglich ist. Danach soll der zweite Kalif ʿUmar ibn al-Chattāb nach der muslimischen Eroberung Jerusalems am Palmsonntag, dem 2. April 635, auf dem Tempelberg (oder am Mihrab Davids, heute als der Turm Davids am Jaffator bekannt) gebetet haben.H. Busse (1986), S. 160 und 166–167. Weiteren Berichten zufolge, deren Authentizität ebenfalls fraglich ist, sollen der Kalif und der christliche Patriarch Sophronius von Jerusalem († gegen 638) den Tempelberg gemeinsam von Abfall und Trümmerschutt befreit haben.Olag Grabar: al-Haram al-Sharif: An Essay in Interpretation. In: Constructing the Study of Islamic Art. IV. Jerusalem. Ashgate 2005. S. 2006; davor in: Bulletin of the Royal Institute for Inter-Faith Studies. Band 2 (2000), S. 1–13; Gülru Necipoǧlu (2008), S. 19.
Die Quellenlage In der Forschung hat man wiederholt darauf hingewiesen, dass die islamische Überlieferung – Universalgeschichte, Lokal- und Stadtgeschichte – keine zeitgenössischen Berichte über die Bauarbeiten des Felsendoms enthält. Geschichtsschreiber der abbasidischen Zeit behandeln in ihren Werken zwar die Regierungszeit von ʿAbd al-Malik ibn Marwān (regierte 685–705) ausführlich, erwähnen allerdings den von ihm angeordneten Bau in Jerusalem nicht.Nasser Rabbat (1993), S. 67; Oleg Grabar: The Umayyad Dome of the Rock in Jerusalem. In: Ars Orientalis 3 (1959), S. 33–35.
Eine genauere Beschreibung der Anfänge der Baugeschichte ist erstmals im Faḍāʾil bait al-muqaddas (Die Vorzüge von Jerusalem) des Geschichtsschreibers und Predigers Abū Bakr al-Wāsiṭī überliefert, der sein Werk in seinem Haus in Jerusalem im Jahre 1019 im Kreis einiger seiner Schüler vorlas.Herausgegeben von Isaac Hasson. Magnes Press. The Hebrew University of Jerusalem. 1979. The Max Schloessinger Memorial Series. Text 3. Siehe dort Introduction, S. 8. Der Verfasser stützt sich auf authentische Berichte lokaler Überlieferer und auf Informationen von zwei Personen, die der Kalif ʿAbd al-Malik mit der Bauleitung vor Ort beauftragt hatte: von Raǧāʾ ibn Ḥaywa, einem in seiner Zeit bekannten Traditionarier und Rechtsgelehrten, und von Yazīd ibn Salām, einem Schutzbefohlenen des Kalifen. Diesem Bericht zufolge sollte der Bau zunächst praktischen Zwecken dienen, „die Muslime vor Hitze, Kälte und Schnee zu schützen“.al-Wāsiṭī, S. 81–82; der Passus ist von Nasser Rabbat (1993), S. 68 ins Englische übersetzt worden.
Der Bericht bei al-Wāsiṭī hat auch für spätere Schriften über die Vorzüge Jerusalems und des Felsendoms als Vorlage gedient. Überraschenderweise wird aber weder bei al-Wāsiṭī noch in den späteren Werken die aus Koranversen zusammengesetzte Friesinschrift erwähnt. Die sorgfältige Auswahl der Koranverse, die ausschließlich gegen das christliche Gottesbild gerichtet sind (Es steht Gott nicht an, sich irgendein Kind zuzulegen; 19:35), muss aber ein Kenner des Korans, ein Theologe getroffen haben. Da Raǧāʾ ibn Ḥaywa, geboren in Baisān – heute Bet Scheʾan – (gest. 738), eine bekannte Persönlichkeit des Gelehrtenlebens in Syrien und Palästina war – seiner Biographie widmet Ibn ʿAsākir in seiner Gelehrtenbiographie von Damaskus 20 SeitenBand 18, S. 96–116. – und im Auftrag des Kalifen alle Bauphasen zu überwachten hatte, wird heute angenommen, dass er der Urheber der Zusammenstellung der Koranzitate gewesen sein könnte.Nasser Rabbat (1993), S. 70. Er galt als bekannte Autorität bei der Überlieferung zeitgenössischer Traditionen, die die Rolle des Kalifen ʿAbd al-Malik bei dem Wiederaufbau des Tempels von Jerusalem (haikal bait al-maqdis) hervorheben.Raya Shani (1999), S. 188–189. Er soll den Felsen umsäumt und mit Tüchern bedeckt haben.Kaplony (2002), S. 340–342. Zwar werden die engen Kontakte des Gelehrten Raǧāʾ ibn Ḥaywa zum Kalifen und seinen Nachfolgern von den Gelehrtenbiographen hervorgehoben, über seine Aktivitäten am Bau des Felsendoms berichten sie jedoch nicht.Kaplony (2002), S. 341, Anm. 2
Eine weitere wichtige Quelle für die Entstehung und Beschreibung des Felsendoms ist das Faḍāʾil bait al-maqdis wa-l-Ḫalīl wa-faḍāʾil aš-Šāʾm (Die Vorzüge Jerusalems und Hebrons und die Vorzüge Syriens), verfasst von dem nur durch dieses Werk bekannten Abū l-Maʿālī, Ibn al-Muraǧǧā zwischen 1030 und 1040.Herausgegeben von Ofer Livne-Kafri. Shfaram 1995. Er hat zahlreiche Traditionen über die Vorzüge Jerusalems gesammelt und in seinem Werk verarbeitet.Siehe: Introduction von Ofer Livne-Kafri, S. II Die Baugeschichte des Felsendoms beschreibt er in einem ihr gewidmeten KapitelIbn al-Muraǧǧā, S. 58–59. in fast wörtlicher Übereinstimmung mit al-Wāsiṭī, allerdings nach anderen Quellen; die zeitgenössischen Berichterstatter sind aber auch hier die oben genannten Schlüsselfiguren: der Gelehrte Raǧāʾ ibn Ḥaywa und der Schutzbefohlene des Kalifen Yazīd ibn Salām.Nasser Rabbat (1993), S. 60 und Anm. 20, wo irrtümlich das Todesdatum von Ibn al-Muraǧǧā mit 1475 angegeben wird. Baubeschreibungen, Zeichnungen über die Bauarbeiten liegen im islamischen Schrifttum nicht vor. (Siehe unten: der Felsendom in der Lokalgeschichte)
Während die oben genannten Autoren sich überwiegend auf ältere, schriftlich oder mündlich überlieferte Quellen berufen, beschreibt der persische Reisende Nāsir-i Chusrau (gest. zwischen 1072 und 1078), der Jerusalem im Jahre 1047 besuchte, den Tempelberg und den Felsendom anhand eigener Aufzeichnungen.Sefer Nameh. Übersetzt von W. M. Thackston. New York 1985. Somit gewinnt sein Bericht als historische Dokumentation aus dem frühen 11. Jahrhundert im Vergleich zu den von seinen Zeitgenossen gesammelten, z. T. legendenhaften Nachrichten an Bedeutung.O. Grabar (2005), S. 218; 220–221
Wichtige Informationen über den Felsendom und seine Umgebung in der Zeit der Ayyubiden enthält der Reisebericht von Abū l-Ḥasan al-Harawī, ʿAlī ibn Abī Bakr b. ʿAlī († 1214): al-Išārāt ilā maʿrifat az-ziyārāt.Carl Brockelmann: Geschichte der arabischen Litteratur. Brill, Leiden 1943. Band 1, S. 629–630; Supplementband 1, S. 879. Brill, Leiden 1937; Hrsg. Janine Sourdel-Thomine. Institut Français de Damas, 1957; Hrsg. ʿAlī ʿUmar. Kairo 1998. Er hielt sich von August 1173 bis August 1174, während der Herrschaft der Kreuzritter, in Jerusalem auf.Sabri Jarrar (1998), S. 86; Kaplony, S. 734. Nach seinen ausgedehnten Reisen von Konstantinopel bis nach Indien und Jemen ließ er sich in Aleppo nieder, wo ihm Saladin eine eigene Madrasa errichten ließ.
Baugeschichte