mini|hochkant|Platon (römische Kopie des griechischen Platonporträts des Silanion, Glyptothek München) Anamnesis (auch Anamnese, ) ist ein zentrales Konzept in Platons Erkenntnistheorie und Seelenlehre, dem zufolge alles Wissen in der unsterblichen Seele immer schon vorhanden ist, aber bei der Geburt vergessen wird. Den metaphysischen Hintergrund bildet die Präexistenzlehre, die besagt, dass die Seele schon vor der Entstehung des Körpers existiere und über geistige Fähigkeiten verfüge. Nach dieser Theorie erschafft der menschliche Intellekt kein neues Wissen, sondern erinnert sich nur an Vergessenes. Somit beruht jede Erkenntnis auf Erinnerung. Das Wissen steht der Seele zwar immer potentiell zur Verfügung, sie hat aber für gewöhnlich keinen Zugriff darauf. Ein Zugang entsteht, wenn das vergessene Wissen durch äußere Anstöße wieder in das Bewusstsein zurückgerufen wird. Durch die Anstöße, die ein Lehrer gezielt gibt, erinnert sich die Seele des Lernenden an etwas, das ihr eigentlich bereits vertraut ist. Platon erörtert das Anamnesis-Konzept in den Dialogen Menon, Phaidon und Phaidros.
Den Ursprung des latenten Wissens verortete Platon gemäß seiner Ideenlehre im transzendenten Bereich der Ideen. Mit seinem Anamnesis-Konzept gab er den Anstoß zur philosophischen Auseinandersetzung mit dem Problem einer apriorischen – von der sinnlichen Erfahrung unabhängigen – Erkenntnis. In der Frühen Neuzeit drehte sich die Debatte um die umstrittene Annahme angeborener Ideen. Dabei wurde die antike Erinnerungslehre zwar verworfen, aber die Existenz von Vorstellungen, die zu einer ursprünglichen Ausstattung des menschlichen Geistes gehören, von manchen Denkern verteidigt. Das Gegenkonzept bietet der Sensualismus, der alle Erkenntnis auf die passive Aufnahme von Sinnesdaten zurückführt.
Anamnesis in der Seelenlehre Platons Voraussetzungen
Die Auffassung von der Seele, die Platon in seinen literarisch gestalteten Dialogen von seinem Lehrer Sokrates darlegen und begründen lässt, kann mit seiner eigenen Position gleichgesetzt werden. Dieser Auffassung zufolge ist die menschliche Seele präexistent und unsterblich, das heißt, sie existiert sowohl vor der Entstehung des Körpers als auch nach dessen Tod. Nach der Seelenwanderungslehre ist sie nicht von Natur aus mit einem bestimmten Körper verbunden, sondern bewohnt und beseelt nacheinander viele Körper unterschiedlicher Art, macht also zahlreiche irdische Leben durch. In der Zeit zwischen zwei irdischen Leben ist sie körperlos und hält sich in einem jenseitigen Bereich auf.Zur Seelenlehre und Seelenwanderungslehre Platons siehe die Übersichtsdarstellungen bei Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2), Basel 2007, S. 375–390 und Jörn Müller: Seelenwanderung. In: Christoph Horn u. a. (Hrsg.): Platon-Handbuch, Stuttgart 2009, S. 324–328.
Anamnesis als Wiedererlangung eines „ureigenen Wissens“
In der Zeit ihrer Körperlosigkeit erhält die Seele Gelegenheit, an einem „überhimmlischen Ort“Tópos hyperouránios nach Platon, Phaidros 247c. die Ideen, die absoluten, zeitunabhängig bestehenden Urbilder aller Einzeldinge, zu betrachten. Da sich diese Wahrnehmung auf die Ideen selbst richtet und nicht auf die ihnen nur ähnlichen Objekte der Sinnesorgane, ist sie nicht mit der Unsicherheit und den Mängeln der täuschenden Sinneswahrnehmungen behaftet. Vielmehr handelt es sich um eine unmittelbare und irrtumsfreie Wahrnehmung des wirklich Seienden, der eigentlichen Realität. Die Objekte dieser Wahrnehmung sind ausschließlich unwandelbare Gegebenheiten; kontingente Sachverhalte gehören nicht zu diesem „ureigenen Wissen“Oikeía epistḗmē nach Platon, Phaidon 75e. der Seele. Im Lauf ihrer Aufenthalte auf der Erde und in der Unterwelt hat die Seele aber auch Kenntnis von vielen einzelnen kontingenten Dingen erlangt, und auch diese Kenntnis bleibt in ihr latent erhalten.Platon, Menon 81a–d. Die Betrachtung der kontingenten Einzeldinge kann in der Seele Erinnerungen an die Ideen, deren Abbilder die Dinge sind, hervorrufen.Hans Otto Seitschek: Wiedererinnerung/Anamnesis. In: Christian Schäfer (Hrsg.): Platon-Lexikon, Darmstadt 2007, S. 330–333, hier: 330f.
Während eines irdischen Lebens hat die Seele keinen unmittelbaren Zugang zu dem Ideenwissen, über das sie vor diesem Aufenthalt in einem Körper verfügte. Es bleibt aber immer latent in ihr vorhanden, und sie behält grundsätzlich die Fähigkeit, sich daran zu erinnern. Diese Fähigkeit wird aktiviert, wenn die Seele einen Anstoß erhält, der sie zur Suche nach verlorenem Wissen veranlasst. Der Anstoß kann von Sinneseindrücken ausgehen, die einer begrifflichen Deutung bedürfen, oder auch von einer zum Nachforschen anregenden Unterredung. Da die Natur ein einheitliches Ganzes bildet, das der Seele in seiner Gesamtheit vertraut ist, kann jede Beobachtung und jeder Hinweis einen solchen Anstoß geben und eine Erinnerung an eine bestimmte vergessene Einzelheit auslösen. Von dieser Erinnerung aus kann der Zugang zu anderen Einzelheiten und letztlich zu allem vorübergehend eingebüßten Wissen gewonnen werden. Die einzige Voraussetzung dafür ist die nötige Beharrlichkeit.Platon, Menon 81c–d; Phaidon 72e–77a. Jede Erkenntnis, jedes Lernen ist für den platonischen Sokrates nichts als Wiedererinnerung. Die Annahme, dass alles Lernen ein Wiederentdecken sei, eine Reaktivierung von bereits vorhandenem Wissen, soll erklären, wie man dazu kommt, etwas scheinbar völlig Unbekanntes zu suchen und zu finden, auch wenn man zu Beginn der Suche nicht einmal zu wissen scheint, was deren Ziel ist.Platon, Menon 80d–e.
Insbesondere will Platon mit dem Anamnesis-Konzept begreiflich machen, wie man von der Welt der Sinne aus zur Erkenntnis von nicht Sinnlichem vorstoßen kann. Er erläutert dies anhand des Beispiels der Gleichheit. Es soll erklärt werden, wie der Begriff des „Gleichen“ zustande kommt, wie also die Gleichheit, in Platons Ausdrucksweise „das Gleiche selbst“, vom Verstand erfasst wird. Den Ausgangspunkt eines darauf bezogenen Erkenntnisprozesses bildet die Wahrnehmung einzelner Objekte, wie Hölzer oder Steine, die einander gleichen. Einzelne Objekte derselben Art sind einander mehr oder weniger ähnlich, doch niemals absolut gleich, denn es gibt immer auch Aspekte, unter denen sie verschieden sind. Somit ist jede sinnlich wahrnehmbare Gleichheit relativ, es liegt stets eine Mischung von Gleichsein und Ungleichsein vor. Die Sinnesobjekte sind also hinsichtlich des Gleichseins defizitär, ihnen fehlt diesbezüglich immer etwas. Durch diesen Mangel unterscheiden sie sich von „dem Gleichen selbst“, dem Prinzip der Gleichheit, das als solches absolut ist und keinerlei Ungleichheit in sich aufweisen kann. Das absolute Gleichsein ist eine Denknotwendigkeit; es muss dem Menschen gedanklich präsent sein, denn es bildet den Maßstab zur Bestimmung relativer Gleichheit. In der Welt der nur mangelhaft gleichen Dinge kommt es aber nirgends vor. Damit stellt sich die Frage, wie die Erkenntnis der Mangelhaftigkeit überhaupt möglich ist, denn sie setzt das Konzept eines nicht mangelhaften Gleichseins voraus. Da ein perfektes Gleichsein nirgends sinnlich wahrgenommen werden kann, ergibt sich für Platon die Folgerung, dass ein solches Konzept nur durch eine Wiedererinnerung ins Bewusstsein treten kann. Die Wiedererinnerung ist demnach die Voraussetzung dafür, dass im menschlichen Geist der Begriff der Gleichheit gebildet wird. Sie muss sich auf einen Bereich jenseits der Sinnesobjekte beziehen, der von Mängeln prinzipiell frei ist und in dem somit Vollkommenheiten wie vollkommene Gleichheit existieren. Dieser Bereich ist die Ideenwelt.Thomas Jürgasch: Theoria versus Praxis?, Berlin 2013, S. 96–102.
Umstritten ist die Hypothese von Dominic Scott, wonach Platon zwischen zwei Arten von Informationsverarbeitung durch menschliches Denken unterscheidet: der ausschließlich auf die Ideen gerichteten Anamnesis, die allein dem Philosophen vorbehalten bleibt, und der gewöhnlichen, nichtphilosophischen Auswertung von Sinneseindrücken, die keines Rückgriffs auf Anamnesis bedarf, sondern auf Konzepten basiert, die nur mittels Sinneserfahrung gewonnen wurden. Daraus ergibt sich eine markante Diskontinuität zwischen philosophischem und nichtphilosophischem Denken.Dominic Scott: Recollection and Experience. Plato’s theory of learning and its successors, Cambridge 1995, S. 17–23, 53–85. Die Gegenposition ist die traditionelle Lehrmeinung der Philosophiehistoriker, die Thomas Williams und Charles H. Kahn gegen Scott verteidigen. Ihr zufolge besteht für Platon zwischen philosophischem und nichtphilosophischem Denken Kontinuität und Anamnesis spielt bei allen Denkvorgängen eine mehr oder weniger wesentliche Rolle.Thomas Williams: Two Aspects of Platonic Recollection. In: Apeiron 35, 2002, S. 131–151; Charles H. Kahn: On the Philosophical Autonomy of a Platonic Dialogue: The Case of Recollection. In: Ann N. Michelini (Hrsg.): Plato as Author. The Rhetoric of Philosophy, Leiden 2003, S. 299–312. In diesem Sinne äußert sich auch Bernd Manuwald: Wiedererinnerung/Anamnesis. In: Christoph Horn u. a. (Hrsg.): Platon-Handbuch, Stuttgart 2009, S. 352–354, hier: 353.
Die Anamnesis im Rahmen eines philosophischen Gesprächs ist nicht ein punktuelles Ereignis, mit dem der Schritt vom Nichtwissen zum Wissen vollzogen wird, sondern ein auf Argumente gestützter diskursiver Erkenntnisprozess, wobei Platons Dialektik angewendet wird. Dabei verwandelt sich eine bloße richtige Meinung in Verstehen, über welches man Rechenschaft ablegen kann.Peter Stemmer: Platons Dialektik. Die frühen und mittleren Dialoge, Berlin 1992, S. 244f.; Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2), Basel 2007, S. 365f. Allerdings bezeichnet Platon in anderem Zusammenhang den letzten Schritt eines Erkenntnisprozesses, den Einblick in die Ideenwelt, als „plötzlich“.Platon, Siebter Brief 341c–d.
Anamnesis und die Präexistenz und Unsterblichkeit der Seele
Aus der Fähigkeit zur Anamnesis, sofern sie tatsächlich vorhanden ist, ergibt sich als Folgerung nur die Existenz eines Wissenssubjekts vor der Entstehung des Körpers, nicht aber die Unsterblichkeit der Seele. Die Unsterblichkeit leitet Platon aus anderen Überlegungen ab.Theodor Ebert: Platon: Phaidon. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2004, S. 199. Die Annahme, dass die Seele ihr Wissen aus einer vorgeburtlichen Existenz mitgebracht hat, ergänzt er im Phaidon dahingehend, dass die Seele nach dem Tod in die körperlose Daseinsweise zurückkehre, in der sie sich vor ihrer Verbindung mit dem Körper befunden habe. Der Eintritt in einen Körper und der Tod als Verlassen dieses Körpers seien gegenläufige Bewegungen, die einander zyklisch ablösten. So erscheint die Anamnesis als Bestandteil eines Gesamtmodells der Seelenlehre, das auf der Vorstellung der Unsterblichkeit und der Wiedergeburt beruht.Siehe dazu Filip Karfík: Das Argument aus den Gegensätzen (69e–72d). In: Jörn Müller (Hrsg.): Platon: Phaidon, Berlin 2011, S. 47–62.
Im Phaidon argumentiert Sokrates gegen die Meinung, die Seele sei eine Harmonie oder Stimmung, ein harmonisches Mischungsverhältnis bestimmter Eigenschaften, auf deren richtiger Kombination das Dasein des belebten Körpers beruhe. Eine so aufgefasste Seele wäre notwendigerweise ebenso wie der Körper, mit dessen Tod auch das Mischungsverhältnis seiner Eigenschaften endet, in der Zeit entstanden und vergänglich. Sokrates weist darauf hin, dass ein solches Verständnis der Seele mit dem Anamnesis-Konzept unvereinbar ist.Platon, Phaidon 91c–92e. Siehe dazu Bernd Manuwald: Welchem Logos kann man noch vertrauen? In: Jörn Müller (Hrsg.): Platon: Phaidon, Berlin 2011, S. 111–126 und die dort S. 126 genannte Literatur.
Demonstration der Anamnesis im Dialog Menon