mini|Hans Poelzig um 1927 auf einer Fotografie von Alexander Binder Hans Poelzig (* 30. April 1869 in Berlin; † 14. Juni 1936 ebenda) war ein deutscher Architekt, Maler, Bühnenbildner, Filmarchitekt und Hochschullehrer. Vor allem seine Beiträge zur expressionistischen Architektur und zur Neuen Sachlichkeit machten ihn bekannt.

Leben mini|Talsperre Klingenberg in Sachsen, erbaut von 1908 bis 1914 mini|Bühnenbild Poelzigs aus dem Jahr 1926 für Munken Vendt von Knut Hamsun, gezeigt auf der Deutschen Theaterausstellung 1927 in Magdeburg mini|Entwurf Scheunenviertel Berlin 1927 mini|Das Kino Babylon am Bülowplatz (seit 1969 Rosa-Luxemburg-Platz) vor der Fertigstellung 1929 mini|Berliner Gedenktafel in der Rosa-Luxemburg-Straße 30 in Berlin-Mitte mini|Grabstätte in Berlin

Herkunft und Bildung

Hans Poelzig wurde am 30. April 1869 in Berlin (andere Quellen nennen Pölzig) als sechstes Kind von Gräfin Clara Henriette von Poelzig geboren. Seine Mutter war die Tochter von Alexander von Hanstein Graf von Pölzig und Beiersdorf. Ihr Mann, der britische Reeder George Acland Ames, bestritt jedoch die Vaterschaft und ließ sich drei Monate nach der Geburt des Kindes von Clara scheiden. Hans wurde daher mit Nachnamen nicht Ames, sondern Poelzig genannt und von Pflegeeltern, dem Chordirigenten Emil Liese und seiner Frau, in Stolpe, heute ein Teil von Berlin-Wannsee, aufgezogen. Nach Abschluss der Grundschule wechselte Poelzig im Mai 1879 an das Victoria-Gymnasium in Potsdam.Ulrike Eichhorn: Hans Poelzig in Berlin. Edition Eichhorn, Berlin 2014, ISBN 978-3-8442-9823-9. Von 1889 bis 1894 studierte Poelzig Hochbau an der Technischen Hochschule (Berlin-)Charlottenburg. Seine maßgeblichen Lehrer waren Carl Schäfer und Friedrich Adler. 1896 gewann er den Schinkelpreis. 1899 wurde er Bauassessor im Ministerium der öffentlichen Arbeiten des Königreichs Preußen an.

In Breslau von 1903 bis 1920

Poelzigs Karriere begann mit der Berufung als Lehrer für Stilkunde an die Königliche Kunst- und Kunstgewerbeschule in Breslau; 1903 wurde er als Nachfolger von Hermann Kühn deren Direktor. Bereits stark dem Expressionismus verpflichtet, machte er die ab 1911 Königliche Akademie für Bau- und Kunstgewerbe genannte Einrichtung zu einer der fortschrittlichsten Architektur- und Kunstschulen in Deutschland. 1916 wurde Poelzig als Nachfolger von Hans Erlwein StadtbauratPersonalien. In: Kunstchronik. Jg. N.F. 27 (1916) Nr. 26, Spalte 253. in Dresden und 1919 Vorsitzender des Deutschen Werkbundes, den er wesentlich mitprägte und der heute auch stellvertretend für die Neue Sachlichkeit steht.

In Berlin von 1920 bis 1936

Ab 1920 arbeitete er wieder in Berlin und leitete ein Meisteratelier für Architektur an der Akademie der Künste zu Berlin – zu seinem engeren Schülerkreis gehörten Rudolf Schwarz, Konrad Wachsmann, Julius Posener, Max Cetto, Helmut Hentrich, Egon Eiermann, Hermann Zweigenthal und Kurt Liebknecht.

1921 beteiligte er sich an dem in die Architekturgeschichte eingegangenen Wettbewerb für die Neubebauung eines prominent platzierten Areals am Bahnhof Berlin Friedrichstraße.Sein Entwurf wurde anderem in der Zeitschrift Das Kunstblatt (Heft 3, 1922, S. 132–133) abgebildet und besprochen. 1923 wurde er als Professor an die Technische Hochschule Berlin berufen. Hier entwickelte sich zwischen Poelzig und dem einst von ihm geförderten Heinrich Tessenow ein heftiger Diskurs über Inhalte und Art der Ausbildung junger Architekten.

Im Wandel von der handwerklich geprägten Produktion zur industriellen Fertigung rezipierte Poelzig diese Entwicklung in seinen Berliner Jahren und schuf hier die Grundlagen für die Neue Sachlichkeit in der Architektur. Der von ihm so genannte Materialstil brachte durch seine Schlichtheit die Eigenschaften der verwendeten Materialien viel stärker zur Geltung als der ornamental geprägte Stil der Zeit. 1926 wurde Poelzig Vorstandsmitglied im Bund Deutscher Architekten (BDA) und war weiterhin in der Gemeinschaft „Der Ring“ tätig.

Ab dem 1. Januar 1933 war er Direktor der Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst in Berlin, die er aber am 10. April auf Veranlassung der Nationalsozialisten wieder verlassen musste.

Die rechte Presse warf ihm vor, er sei ein „Baubolschewik“, weil er an dem Wettbewerb für ein Theater in Charkiw (damals Sowjetunion) 1930 und einem Sowjetpalast in Moskau 1931 teilgenommen hatte. Dies wurde mit einer Befürwortung des Kommunismus gleichgesetzt. Die Angriffe setzten sich auch nach der „Machtergreifung“ der Nazis fort. Poelzig wies wiederholt die Behauptung zurück, er sei jüdischer Abstammung.

Im Jahr 1935 erhielt Poelzig den Ersten Preis für seinen Entwurf für ein Theater- und Konzerthaus in Istanbul. Für dies Projekt aber auch für Verhandlungen über einen Vertrag als Professor an der Akademie der Schönen Künste in Istanbul für drei Jahre reiste er zwei Mal nach Istanbul.

Zum 30. November 1935 schied er nach Erreichen der Altersgrenze von 65 Jahren aus seinen Ämtern als Vorsteher eines Meisterateliers an der Preußischen Akademie der Künste und als Lehrer der Technischen Hochschule aus.

Am 14. Juni 1936 starb Hans Poelzig an den Folgen eines dritten Schlaganfalls. Er wurde am 17. Juni auf dem Dorffriedhof von Wannsee beigesetzt. Das vom Land Berlin betreute Ehrengrab befindet sich in der Abteilung 9W.

Ehrungen Im Jahr 1929 verlieh ihm die Technische Hochschule Stuttgart die Ehrendoktorwürde. 1931 richtete die Berliner Akademie der Künste die Ausstellung „Poelzig und seine Schule“ aus und ehrte Hans Poelzig im Jahre 2008 erneut mit einer Ausstellung seiner Werke aus dem Nachlass.Nikolaus Bernau: Mehr als Rokoko-Expressionismus. In: Berliner Zeitung, 3. Januar 2008.

Privates Aus seiner ersten Ehe (1899–1924) mit Maria Voss gingen der Kaufmann Hans Poelzig (1900–1941), der Schauspieler und Darmstädter Schauspieldirektor Jochen Poelzig (1901–1946), die Schauspielerin Ruth Poelzig (1904–1996) und der Architekt Peter Poelzig (1906–1981) hervor. Seine Schwägerin Helene war mit dem Historiker Albert Werminghoff verheiratet. Seit 1918 verband ihn eine enge Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft mit der Bildhauerin und Architektin Marlene Moeschke (1894–1985), die 1924 seine zweite Ehefrau wurde. Das Paar hatte drei Kinder. Von 1929 bis 1930 entstand nach den Plänen von Marlene Moeschke-Poelzig das Atelier- und Wohnhaus für die Familie an der Tannenbergallee 28 in Berlin-Westend.Petition für Rettung der Poelzig-Villa Auf Druck der Nationalsozialisten schloss Marlene Moeschke-Poelzig 1937 das Poelzig-Atelier.

Werk

Bauten und Entwürfe 1903–1906: Erweiterungsbau des Rathauses in Löwenberg, Niederschlesien (heute Lwówek Śląski, Polen) 1906: Pfarrkirche in Maltsch (Schlesien) (heute Malczyce, Polen) 1908–1914: architektonische Gestaltung der Staumauer der Talsperre Klingenberg in Sachsen vor 1909: Mehrfamilienwohnhaus in BreslauDer Baumeister, 1. Jahrgang 1909, Heft 2. 1910: Landhaus Zwirner, seit 1926 Boberhaus, in Löwenberg, Niederschlesien, Hirschberger Straße 10 1910: Wettbewerbsentwurf für ein Bismarck-Nationaldenkmal auf der Elisenhöhe bei Bingerbrück (gemeinsam mit dem Bildhauer Theodor von Gosen; nicht prämiert)Max Schmid (Hrsg.): Hundert Entwürfe aus dem Wettbewerb für das Bismarck-National-Denkmal auf der Elisenhöhe bei Bingerbrück-Bingen. Düsseldorfer Verlagsanstalt, Düsseldorf 1911. (n. pag.). 1911: Wasserturm mit Markthalle, so genannter „Oberschlesienturm“, in Posen (nur Fundament erhalten als Unterbau des Iglica-Turms der Messe in Poznań) 1911: Büro- und Geschäftshaus in Breslau, Junkernstraße (heute ul. Ofiar Oświęcimskich) / Altbüßerstraße (heute ul. Łaciarska) 1911–1912: Fabrikanlage für die Chemische Fabrik Moritz Milch & Co. in Luban (poln. Luboń) bei Posen (nur teilweise erhalten)Hans Poelzig’s Sulphuric Acid Factory in Luboń, Poland (1911–1912), in: Website „Socks-Studio“, 26. November 2013 (englisch). 1911–1913: Pergola, Ausstellungsgebäude (Vier-Kuppel-Pavillon) und Restaurant für die Jahrhundertausstellung 1913 in Breslau 1913: Gruftkapelle beim Schloss Carolath in NiederschlesienWährend an anderer Stelle von einem 1912 ausgeführten „Mausoleum“ „auf dem Schlossplatz“ die Rede ist, sind Poelzigs erhaltene Entwürfe als „Kapellenanbau“ (Anbau an eine bestehende Schlosskapelle) bezeichnet und auf 1913 datiert.drei Blätter (Grundrisse, Schnitte, Ansichten, Perspektive des Innenraums) beim Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin, Inventar-Nummern 2681, 2682, 2683 1914: Konzertsaal in Breslau 1913–1915: Betriebsgebäude der Annagrube in Pschow in Oberschlesien (heute Pszów, Polen) 1916: Wettbewerbsentwurf für das Haus der Freundschaft in Istanbul 1917: Entwürfe für eine Feuerwache in Dresden 1917: Entwürfe für ein Bürogebäude der Stadtverwaltung in Dresden 1918–1919: Umbau des Großen Schauspielhauses in Berlin (zerstört)zeitgenössische Abbildung in: Walter Müller-Wulckow: Deutsche Baukunst der Gegenwart. Bauten der Gemeinschaft. Langewiesche Verlag, Königstein/Taunus / Leipzig 1929, S. 61.Mit diesem viel publizierten Umbau schuf Poelzig sich einen europaweiten Ruf. 1920: Expressionistisches Transformatorenhaus in Friedland in Ostpreußen 1920: Mausoleum für Karl August Lingner in Dresden, unterhalb des Lingnerschlosses 1920: Entwürfe für ein Festspielhaus im Park von Schloss Hellbrunn in SalzburgAndrea Gottdang: Programm und Propaganda. Hans Poelzigs Vorprojekt für das Salzburger Festspielhaus. In: INSITU, Zeitschrift für Architekturgeschichte, Jahrgang 2009, Heft 2, S. 223–240. 1921: Wettbewerbsentwurf für die Bebauung eines Grundstücks an der Friedrichstraße in Berlin 1923: Poelzig-Bau als Verwaltungsgebäude des Textilunternehmens Gebrüder Meyer in Hannover-Vinnhorst, Beneckeallee 32 (teilweise Ausführung einer größeren Planung)Matthias Schmidt: Hans Poelzig in Hannover. Zum ehemaligen Verwaltungsgbäude der Textilfabrik Meyer in Hannover-Vinnhorst. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 3. Jahrgang 1983, Heft 3, S. #.P. Paul Zalewski: Hans Poelzig in Hannover. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 28. Jahrgang 2008, Heft 2, S. 49–54. 1925–1926: Geschäftshaus „Haus am Zoo“ mit Kino Capitol in Berlin-Charlottenburg, Budapester Straße (nördlich am heutigen Breitscheidplatz; kriegszerstört)A. Wedemeyer: Das Berliner Filmtheater „Capitol“. In: Deutsche Bauzeitung, 60. Jahrgang 1926, Nr. 43 (vom 29. Mai 1926), S. 353–359.Walter Müller-Wulckow: Deutsche Baukunst der Gegenwart. Bauten der Gemeinschaft. Langewiesche Verlag, Königstein/Taunus / Leipzig 1929, S. 67 (Abbildung). 1926: Mosaikbrunnen auf der 5. Jahresschau Deutscher Arbeit 1926 (Jubiläums-Gartenbau-Ausstellung) in Dresden 1926–1927: Deli-Kino in Breslau (nicht erhalten)Walter Müller-Wulckow: Deutsche Baukunst der Gegenwart. Bauten der Gemeinschaft. Langewiesche Verlag, Königstein/Taunus / Leipzig 1929, S. 65 (Abbildung).Wilhelm Lotz: Hans Poelzigs Deutsches Lichtspieltheater in Breslau. In: Die Form, 2. Jahrgang 1927, S. 153 (Text; Digitalisat bei der Universitätsbibliothek Heidelberg), S. 154 (Abbildungen; Digitalisat), S. 155 (Abbildungen; Digitalisat), S. 156 (Abbildungen; Digitalisat). 1927: Wohnhaus in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart 1927: Büro- und Fabrikgebäude der Trikotagenfabrik Sigmund Goeritz AG in Chemnitz, Ulmenstraße (nur ein Teil der ursprünglichen Planung ausgeführt) 1927–1928: Typenentwurf einer Tankstelle der Reichskraftsprit und der Deutschen GasolinJoachim Kleinmanns: Super, voll! Kleine Kulturgeschichte der Tankstelle. Jonas Verlag, Marburg 2002, S. 86.