mini|Blick von Norden auf die St.-Wilhadi-Kirche

Die St.-Wilhadi-Kirche in Ihlienworth, einem zur Samtgemeinde Land Hadeln gehörenden Ort, ist die älteste Kirche im Hadelner Sietland. Der nicht lange nach 1200 errichtete romanische Feldsteinbau ist nach Willehad benannt, dem ersten Bischof von Bremen. In der Kirche befindet sich das einzige Altarretabel, auf dem das Leben und Wirken dieses Heiligen dargestellt ist.

Heute gehört die Kirche der Kirchengemeinde Ihlienworth im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Lage und Umgebung Die St.-Wilhadi-Kirche liegt auf einer mittelalterlichen Wurt im Dorf Ihlienworth am Rande der Marsch. Das Kirchengelände grenzt im Westen an die Hauptstraße und im Osten direkt an die Medem. Nördlich der Kirche befindet sich das 1906 errichtete Pfarrhaus. mini|Totentreppe an der Medem Zumindest in der nassen Jahreszeit fand der Verkehr im Gemeindegebiet hauptsächlich auf dem Wasserwege mit sogenannten Flöten statt. Die Kirchwurt besitzt daher eine eigene, aus Feldsteinen gemauerte Anlegestelle, die „Totentreppe“ genannt wurde, da auch die Särge auf diesem Wege zum Friedhof gelangten. Der von einer Mauer umgebene Friedhof rings um die Kirche wurde 1949 aufgelöst. Einige alte Grabsteine sind erhalten. Zudem sind Grabplatten von Beisetzungen innerhalb der Kirche aus dem 16. bis 18. Jahrhundert außen an der Kirchenmauer angebracht.

Geschichte Das Gebiet um Ihlienworth wurde im 12. Jahrhundert im Zuge der sogenannten Hollerkolonisation urbar gemacht. 1185 wurde der Ort als Elingewehr erstmals genannt. Nach Ansicht von Edgar Hennecke soll dieser Ortsname von dem heiligen Ägidius, der im deutschen Sprachgebiet auch Ilgen hieß, abgeleitet sein. Dieser sei der ursprüngliche Patron der Kirche gewesen. Allerdings fehlen für diese These weitere Belege. Auch ein hölzerner Vorgängerbau der heutigen, Anfang des 13. Jahrhunderts errichteten Feldsteinkirche ist bisher nicht archäologisch nachgewiesen. Es ist aber anzunehmen, dass schon bei der ersten Erwähnung des Ortes eine Kirche existierte.

Urkundlich genannt ist die Kirche von Ihlienworth zum ersten Mal in einer Urkunde aus dem Jahr 1230, die im Stader Copiar, dem 1420 angelegten Copialbuch der Bremer Domkirche, wiedergegeben ist. Das romanische Gebäude war zu dieser Zeit erst wenige Jahrzehnte alt.

Die Benennung der Kirche nach dem heiligen Willehad, dem aus England gebürtigen Missionar und ersten Bischof von Bremen, verweist auf eine Gründung von Bremen aus. Willehads Nachfolger Ansgar betrieb ab 860 die Heiligsprechung seines Vorgängers und stellte dafür Berichte über die an Willehads Grab geschehenen Wunder zusammen. Darin wird auch eine von Blindheit geheilte Ida genannt, deren ansonsten unbekannter Wohnort Medemahem möglicherweise mit der zu Ihlienworth gehörenden Ortschaft Medemstade zu identifizieren ist.

Ihlienworth war der Hauptort der „Fünf Kirchspiele“ des Sietlands, nämlich Ihlienworth, Steinau, Odisheim, Wanna und Süderleda. Nach dem Abbruch der Kapelle in Süderleda wohl im 14. Jahrhundert gab es zwar nur noch vier Kirchen im Sietland, da aber Ihlienworth 1481 in die Kirchspielgemeinden Oster- und Wester-Ihlienworth geteilt wurde, blieb die Zahl der Kirchspiele gleich. Die beiden Ihlienworther Kirchspiele bildeten je eigene Gerichtsbezirke, teilten sich aber Kirche und Geistliche. Das Sietland gehörte zunächst zum Herrschaftsgebiet der Grafschaft Stade und gelangte im frühen 13. Jahrhundert in den Besitz des Herzogs von Sachsen. Das Land Hadeln behielt aber eine gewisse Autonomie. Im 15. Jahrhundert verpfändete der Herzog von Sachsen-Lauenburg die fünf Kirchspiele an das Erzbistum Bremen, das damit auch die weltliche Herrschaft innehatte. Kirchlich unterstand die St.-Wilhadi-Kirche dem Archidiakon von Hadeln und Wursten als Vertreter des Erzbischofs.

Aus dem frühen 16. Jahrhundert ist die Existenz von fünf Bruderschaften bekannt, die eigene Altäre stifteten und Prozessionen veranstalteten. Mindestens zwei von ihnen, die Liebfrauenbruderschaft und die Bruderschaft zum heiligen Kreuz, unterhielten aus ihren Stiftungen, dem St.-Marien-Lehn und dem St.-Crucis-Lehn, Vikare. Nach Ansicht von Dietrich Diederichs-Gottschalk wurde der Willehad-Altar, der im Mittelschrein eine Kreuzigungsszene hat und auf einer Seite Szenen aus dem Leben der Jungfrau Maria zeigt, von den Bruderschaften gemeinsam gestiftet und genutzt. Eine im 19. Jahrhundert auf dem Dachboden der Kirche entdeckte Figur einer undefinierbaren Heiligen stammt möglicherweise von einem weiteren Altar.

Die Reformation setzte im Land Hadeln schon früh ein. Als erster lutherischer Pastor in Ihlienworth ist 1527 Jochim Busse genannt. In den 1530er Jahren kauften die Kirchspieleinwohner dem Erzbistum das Patronatsrecht ab. Dieses Gemeindepatronat bestand bis 1938. Im Jahr 1598 wurde eine Schule gegründet.

Der Großteil der Kirchenausstattung wurde in den folgenden zwei Jahrhunderten angeschafft. Inschriften, die an die finanzielle Mitwirkung einzelner Gemeindeglieder an verschiedenen Baumaßnahmen erinnern, spiegeln den Wohlstand der Gemeinde ebenso wider wie die großen Grabplatten.

Während der NS-Zeit hatte mit Hugo Hoyer, seit 1927 im Amt, zunächst ein vom Nationalsozialismus überzeugter Pastor die Pfarrstelle inne. Hoyer war bereits 1931/32 der erste Kreisleiter der NSDAP in Hadeln und trat 1933 den Deutschen Christen bei. Der zuständige Superintendent kritisierte seine Predigten als nicht dem Evangelium gemäß. 1937 ging Hoyer nach Mecklenburg. Sein Nachfolger Helmut Reverey gehörte der Bekennenden Kirche an.

Bau Die Kirche besteht aus einem rechteckigen Saalbau, dem Langhaus, von dem ein eingezogener Rechteckchor durch einen niedrigen Chorbogen getrennt ist. Der hölzerne Glockenturm steht unverbunden dicht vor der Westmauer. Die Kirche hat zwei Portale auf beiden Seiten des Langhauses und eine Priesterpforte an der Nordseite den Chores. Von den ursprünglichen kleinen, rundbogigen, romanischen Fenstern ist nur eins erhalten. Vier Fenster wurden 1785 vergrößert, die übrigen 1904/05. Das äußere Erscheinungsbild ist durch Renovierungen um 1875 und 1904/05 geprägt. mini|Chorraum mit dem Wilhadi-Altar; seitlich erkennbar die Gewölbeansätze, der Sakramentsschrank (links) und die Gestühle für Pastoren und Juraten Innen sind Chor und Langhaus mit hölzernen Flachdecken bedeckt. Niedrige, aus Backstein gemauerte Eckvorlagen mit Kapitellen im Chor lassen vermuten, dass der Chor zwischenzeitlich ein niedriges Gewölbe hatte oder dass zumindest die Absicht bestand, eins einzuziehen. Die Decke im Langhaus wird von drei mittig im Kirchenraum aufgestellten Stützen gehalten. Decke und Stützen wurden um 1600 farbig bemalt. Auf den Stützen sind die Bibelworte und zu lesen. Von der originalen Deckenbemalung hat sich dagegen kaum etwas erhalten, da im Zuge der Renovierung 1904 die Bohlen und einzelne Balken ersetzt wurden. Anschließend gestaltete der Kirchenmaler Reinhold Ebeling die Decke neu – laut Inschrift auf einem Balken „nach den alten Mustern“. Dabei übernahm er Namen, Hauszeichen und Wappen der Stifter von 1600 und ergänzte sie durch die Namen und Wappen der Stifter von 1904. Auch die Ausmalung der Chordecke mit Ranken von 1700 wurde von Ebeling erneuert. An der Ostwand des Chores ist ein Sakramentsschrank eingemauert. In den 1980er Jahren fand eine Innenrenovierung statt.

Ausstattung

Wilhadi-Altar Der gotische Flügelaltar wird auf 1460/70 datiert. Er ist das einzige vorreformatorische Ausstattungsstück der Kirche. Der Schrein ist mit 1,30 m Höhe verhältnismäßig niedrig, füllt aber aufgeklappt mit 3,80 m Breite die Hälfte des Chorraumes aus. „Das Retabel vereint drei eigentlich Altäre“, eine zentrale Kreuzigungsdarstellung sowie rechts Bilder zu Willehad und links zu Maria. Deshalb wird angenommen, dass er als Andachtsstätte für mehrere Bruderschaften diente, die in der kleinen Kirche keinen Platz für eigene Altäre hatten.

Die verhältnismäßig schmale Kreuzigungsdarstellung in der Mitte wird gerahmt von einer Madonna als Himmelskönigin mit dem Jesuskind und Willehad im Bischofsgewand mit dem Modell des Bremer Doms in der Hand, das ihn als Gründer der Stadt und des Bistums Bremen ausweist. Beide stehen unter Maßwerkbaldachinen. An die jeweilige Heiligenfigur schließen sich in den Seitenflügeln Schnitzreliefs mit Szenen aus dem Leben dieser Personen an. Die einzelnen Reliefs sind durch breite, mit Architekturelementen gegliederte Rahmen voneinander getrennt, in denen jeweils kleine Heiligenfiguren stehen. Derartige Zierelemente kommen bei gotischen Schnitzwerken in Norddeutschland sonst nicht vor. Mit Sicherheit ursprünglich vorhandene Maßwerkschleier über den einzelnen Reliefs sind nicht erhalten.

Als Vorbild für die zentrale Kreuzigungsdarstellung diente der Kupferstich Kalvarienberg des Meisters E. S. Das Relief zeigt Jesus am Kreuz zwischen den Schächern. Links wird seine Mutter Maria vom Lieblingsjünger und einer Jüngerin gestützt. In der Mitte kniet Maria Magdalena am Kreuzesstamm. Der Reiter hinter ihr hält ein Schriftband mit der lateinischen Inschrift vere filius dei erat homo iste, „dieser Mensch war wahrlich Gottes Sohn“ (). Im Hintergrund drängen sich weitere Soldaten. mini|hochkant|Willehadseite des Altars Die vier Szenen aus dem Marienleben – Mariä Verkündigung, Jesu Geburt, seine Anbetung durch die Heiligen Drei Könige und seine Darstellung im Tempel – auf der Marienseite sind nach Vorbild niederländischer Holzschnitte gestaltet. Für die vier Szenen aus dem Leben des Willehad auf dem rechten Seitenflügel gibt es dagegen keine Vorbilder. Mögliche Parallelstücke sind vermutlich dem reformatorischen Bildersturm in Bremen zum Opfer gefallen. Während die große Bischofsfigur im Mittelschrein bärtig dargestellt wird, ist Willehad in den Reliefs im Seitenflügel bartlos abgebildet. Links oben kniet er vor Karl dem Großen, der ihn als Missionsbischof nach Wigmodien schickt. Daneben sitzt er, nun im Bischofsgewand mit Mitra, neben dem Kaiser; beide halten zusammen ein Modell des Bremer Doms, der hier anders als bei der großen Figur im Mittelschrein mit niedrigen Westtürmen, aber dafür mit Vierungsturm dargestellt ist. Dasselbe Doppelbild zeigt auch das erste Bremer Stadtsiegel, das von etwa 1230 bis 1366 in Gebrauch war. Die beiden unteren Reliefs zeigen Willehad als Prediger und auf dem Totenbett. Die letzte Szene ist dem Motiv des Marientods nachempfunden. Da Willehads Verehrung sich fast ausschließlich auf das Bistum Bremen beschränkte, ist anzunehmen, dass sich auch die Werkstatt dort befunden hat.

In nachreformatorischer Zeit wurde das Retabel mehrfach umgestaltet. Seit wann die Flügel nicht mehr beweglich sind und die Bemalung der Rückseiten der Flügel verschwand, ist nicht bekannt. In der Renaissancezeit erhielt der Schrein einen oberen Randabschluss aus Beschlagwerkvoluten mit Gemälden, die aber nicht erhalten sind. Die jetzige Fassung mit üppiger Vergoldung stammt von Ebelings historisierender Rekonstruktion von 1905. Ebeling ergänzte auch die Predella und setzte einen Maßwerkkamm auf der Oberkante mit einem kielbogenförmigen Relief mit der Darstellung des Abendmahls, möglicherweise die Tür des gotischen Sakramentsschranks, in der Mitte. Im Gesprenge brachte Ebeling eine spätgotische Schnitzfigur des sitzenden Willehad mit Dommodell an, die dritte Darstellung dieses Motivs auf dem Retabel. Woher diese Figur stammt, ist nicht sicher; dass sie bereits früher das Retabel krönte, ist aber auszuschließen, da sich an dieser Stelle bei gotischen Kreuzigungsretablen fast immer der auferstandene Christus befindet. Die Rückseite des Retabels bemalte Ebeling mit Ranken im byzantinischen Stil.

Evangelische Ausstattung