Polessk (), bis 1946 deutsch Labiau (), ist eine Rajonstadt mit Einwohnern (Stand ) in der russischen Oblast Kaliningrad. Sie ist Verwaltungssitz der kommunalen Selbstverwaltungseinheit Stadtkreis Polessk im Rajon Polessk.
Geographische Lage Die Stadt liegt in der historischen Region Ostpreußen auf einer Höhe von drei Metern über dem Meeresspiegel, etwa 40 Kilometer nordöstlich von Königsberg (Kaliningrad) und 55 Kilometer südwestlich von Tilsit (Sowjetsk) am Übergang der Hauptstraße und Eisenbahn über die Deime (rus. Deima; prußisch Deimena/Deiwmena), kurz vor deren Mündung ins Kurische Haff. Nordöstlich der Stadt liegt das Hochmoorgebiet Großes Moosbruch. mini|Deime in Labiau mini|Deime-Ufer bei der Stadt mini|Gedenktafel Adlerbrücke mini|Westseite Marktplatz mini|Labiau, nordöstlich von Königsberg am Kurischen Haff, auf einer Landkarte von 1910
Geschichte Die Burg Labiau wurde nach der Eroberung des Samlandes zwischen 1258 und 1259 angelegt und sollte Königsberg vor Feinden schützen, die sich über das Haff näherten. 1277 brannten die Schalauer sie nieder. Die Burg wurde anschließend aus Stein als Komturei wieder errichtet. 1352 siegte Heinrich Schindekopf über die Litauer. Die Wasserburg galt als uneinnehmbar und wurde nach 1550 von Anna Maria, der zweiten Frau Herzogs Albrecht, bewohnt. Stadtrecht wurde ihr 1642 durch den Großen Kurfürsten verliehen. 1656 wurde in der Stadt der Vertrag von Labiau zwischen Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg und König Karl X. Gustav von Schweden geschlossen.Eduard Heyck: Deutsche Geschichte. Volk, Staat, Kultur und geistiges Leben. Velhagen und Klasing, Bielefeld / Leipzig 1905, Band 3, S. 126.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Kreisstadt Labiau eine evangelische Kirche, eine Synagoge, ein Amtsgericht, eine Reichsbanknebenstelle, eine Dampfbrauerei, Dampfsägemühlen und Fischhandel.
Im Jahr 1945 war Labiau Kreisstadt des Landkreises Labiau im Regierungsbezirk Königsberg der Provinz Ostpreußen des Deutschen Reichs.
1945 wurde Labiau von der Roten Armee besetzt und nach Kriegsende der Verwaltung der RSFSR, der russischen Teilrepublik der Sowjetunion, unterstellt. Die sowjetische Besatzungsmacht führte 1946 für Labiau die Ortsbezeichnung Polessk ein. Seit der Auflösung der Sowjetunion gehört der Ort zur Russischen Föderation. Von 2008 bis 2016 war Polessk Sitz der städtischen Gemeinde Polesskoje gorodskoje posselenie mit den beiden weiteren Siedlungen Podsobny () (Groß Reikeninken, 1938–1945 Reiken) und Tjulenino () (Viehof).
Ortsname In alten Urkunden auftretende Varianten des Ortsnamens sind: Labegowe moter (1258), in terra Labigow (1261), Labigow/Labiow (1300) und Labiau/Labiaw (1420). Vermutlich stehen diese Ortsbezeichnungen in Zusammenhang mit prußisch labs = gut, prußisch moter = sumpfiges Land, Areal, Beritt, oder auch mit litauisch labguvyna = Heilstein (cuprum aluminatum sive lapis divinus).Cuprum aluminatum wird auch Augenstein, Heiligenstein und Kupferalaun genannt und ist ein Chalcedon aus der Gruppe der Quarze.
Demographie + Bevölkerungsentwicklung bis 1945 Jahr Einwohner Anmerkungen 1768 1679 Leopold Krug: Die preußische Monarchie – topographisch, statistisch und wirtschaftlich dargestellt. Teil 1: Provinz Ostpreußen. Berlin 1833, S. 241; . 1782 2129 in 168 Haushaltungen, ohne die 420 militärischen und zivilen Angehörigen der Garnison (eine Schwadron Dragoner)Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preußen. Teil I: Topographie von Ost-Preußen. Marienwerder 1785,S. 14; . 1798 2198 1802 2438 1810 2400 1816 2390 davon 2367 Evangelische, 23 Katholiken (keine Juden) 1821 2979 in 191 Privatwohnhäusern 1831 3157 in 201 PrivatwohnhäusernAugust Eduard Preuß: Preußische Landes- und Volkskunde oder Beschreibung von Preußen. Ein Handbuch für die Volksschullehrer der Provinz Preußen, so wie für alle Freunde des Vaterlandes. Gebrüder Bornträger Verlag, Königsberg 1835, S. 496–501, Nr. 95; . 1858 4216 darunter 4116 Evangelische, 22 Katholiken, ein sonstiger Christ, ein Mennonit, 76 JudenAdolf Schlott: Topographisch-statistische Uebersicht des Regierungs-Bezirks Königsberg, nach amtlichen Quellen. Hartung Verlag, Königsberg 1861, S. 146, Ziffer 124; books.google.de 1875 4487 1880 4683 1885 4744 fast ausschließlich EvangelischeMeyers Konversations-Lexikon. Leipzig 1888. 1890 4861 davon 29 Katholiken, 92 Juden 1900 4455 mit Kirsche, Synagoge, Schloss, Amtsgericht, Reichsbanknebenstelle; meist evangelische Bewohner 1910 4604 am 1. DezemberLabiau. In: Meyers Gazetteer (mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, und alter Landkarte der Umgebung von Labiau). 1925 4840 1933 5879 1939 6544
+ Bevölkerungsentwicklung seit 1946 Jahr 1959 1970 1979 1989 2002 2010 2021 Anzahl Einwohner 5435 5601 6338 6859 7681 7581 6926 (Quellen: Volkszählungsdaten)
Wappen
Kirche Evangelisch
Die Labiauer Stadtkirche war neben dem Königsberger Dom die einzige dreischiffige Kirche im nordwestlichen Teil Ostpreußens. Als chorlose Hallenkirche aus verputztem Feldstein wurde sie Ende des 14. Jahrhunderts mit vorgesetztem Westturm aus Ziegeln errichtet.Walther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens. Band 2: Bilder ostpreußischer Kirchen. Göttingen 1968, S. 60, Abb. 199–201. In der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde sie u. a. mit Einbau des Zellengewölbes restauriert. 1701 erhielt die Kirche eine von Johann Josua Mosengel gebaute Orgel und 1870 einen Neubau von Wilhelm Sauer aus Frankfurt (Oder). Die Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt, wurde danach zweckentfremdet und verfiel. In den 1960er Jahren hat man das Gebäude abgetragen, um Baumaterial zu gewinnen. Die Fundamente fanden Verwendung für den Neubau eines fünfstöckigen Wohnhauses, das jetzt den Platz der Kirche einnimmt.
Kirchengemeinde Die Reformation setzte sich in Labiau relativ früh durch.Walther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens. Band 3: Dokumente. Göttingen 1968, S. 464. Bereits vor 1532 amtierte hier ein lutherischer Geistlicher, im Jahre 1622 wurde eine zusätzliche Pfarrstelle errichtet, deren Amtsinhaber – als sogenannte „litauische Pfarrer“ – bis 1719 zugleich Rektoren der Stadtschule waren. Bis 1945 gehörte Labiau mit seinem weitflächigen Kirchspiel zum Kirchenkreis Labiau in der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union. Nach dem Zweiten Weltkrieg brach aufgrund von Flucht und Vertreibung der einheimischen Bevölkerung sowie der restriktiven Religionspolitik der Sowjetunion das kirchliche Leben ein. In den 1990er Jahren entstand in der Stadt eine neue evangelisch-lutherische Gemeinde. Sie ist Filialgemeinde der Auferstehungskirche in Kaliningrad (Königsberg) innerhalb der Propstei Kaliningrad propstei-kaliningrad.info (russisch, deutsch). der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland.
Kirchenkreis Labiau Bis 1945 war Labiau das Zentrum des nach ihm benannten Kirchenkreises, der zur Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union gehörte. Ihm waren zehn Kirchengemeinden aus den Landkreisen Labiau und Wehlau untergliedert, in denen im Jahre 1925 insgesamt 52.375 Gemeindeglieder registriert waren:Walther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens. Band 3: Dokumente. Göttingen 1968, S. 464–465.
Name Änderungsname 1938–1946 Russischer Name Augstagirren (Groß Baum) Sosnowka Gilge- Agilla/ Juwendt Haffwerder/ Möwenort Matrossowo Krasnoje Rasino Kaymen Kaimen Saretschje Labiau Polessk Laukischken Saranskoje Lauknen Hohenbruch Gromowo Legitten mit Sitz in Groß Legitten Turgenewo Mehlauken Liebenfelde Salessje Popelken Markthausen Wyssokoje Sussemilken mit Sitz in Alt Sussemilken Friedrichsrode Tarassowka
Katholisch Die vor 1945 kleine römisch-katholische Gemeinde besaß als eigenes Gotteshaus die St.-Ansgar-Kapelle. Gebaut wurde sie 1928 nach Plänen des Königsberger Architekten Schönwald. Im Jahre 1925 gab es in der Stadt Labiau 25 Katholiken und 288 weitere im ganzen Kreisgebiet. Das Gebäude der Kapelle wird heute nicht mehr gottesdienstlich genutzt. Hier ist jetzt eine Musikschule untergebracht.
Orthodox In Polessk wurde Ende der 1990er Jahre ein russisch-orthodoxes Gotteshaus errichtet. Die Gemeinde gehört zur Diözese Kaliningrad und Baltijsk.
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|Ordensburg Labiau (1914)
Bauwerke In der Stadt befinden sich die alte Burg Labiau des Deutschen Ordens (heute industrielle Nutzung) und ein russisch-orthodoxes Frauenkloster. An der gegenüberliegenden Seite der Stadt, beginnt an der Deime der Friedrichsgraben.
Persönlichkeiten Söhne und Töchter der Stadt
Jacob Ephraim Polzin (1778–1851), Architekt Kasimir von Auer (1788–1837), preußischer Generalmajor Louis von Hanenfeldt (1815–1888), preußischer Generalleutnant Carl Blankenstein (1864–1933), deutscher Schauspieler und Hörspielsprecher Bruno Skalweit (1867–1926), deutscher Agronom, Ordinarius für landwirtschaftliche Betriebslehre an der Albertus-Universität Nikolaus Robert-Tornow (1886–1957), preußischer Verwaltungsjurist und Landrat Bernhard Obersteller (1889–1972), deutscher Politiker (GB/BHE), Mitglied des Schleswig-Holsteinischen Landtags Albert Newiger (1889–1956), deutscher Generalmajor Christoph Aschmoneit (1901–1984), führender deutscher U-Bootbauer Erich Altrock (1920–2004), deutscher Schauspieler Hellfried Lack (1928–2006), deutscher Möbel-Designer Dagmar Blei (* 1940), deutsche Linguistin
Personen, die mit der Stadt in Verbindung stehen
Johannes Bretke (1536–1602), von 1562 bis 1587 Pfarrer an der Labiauer Stadtkirche, übersetzte hier das Neue Testament und die Psalmen der Bibel in die Litauische Sprache, danach in Königsberg (Preußen) auch das Alte Testament
Siehe auch Landkreis Labiau Liste der Städte in der Oblast Kaliningrad
Literatur In der Reihenfolge des Erscheinens Daniel Heinrich Arnoldt: Kurzgefaßte Nachrichten von allen seit der Reformation an den lutherischen Kirchen in Ostpreußen gestandnen Predigern. Königsberg 1777, S. 48–52; books.google.de Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preußen. Teil I: Topographie von Ost-Preußen. Marienwerder 1785, S. 14; . Johann Georg Krünitz, Friedrich Jakob Floerken, Heinrich Gustav Flörke, Johann Wilhelm David Korth, Carl Otto Hoffmann und Ludwig Kossarski (Hrsg.): Labiau. In: Oekonomisch-technologische Encyklopädie. Band 58. Berlin 1792, S. 46–47; books.google.de Leopold Krug: Die preußische Monarchie – topographisch, statistisch und wirtschaftlich dargestellt. Teil 1: Provinz Ostpreußen. Berlin 1833, S. 241–245, . August Eduard Preuß: Preußische Landes- und Volkskunde oder Beschreibung von Preußen. Ein Handbuch für die Volksschullehrer der Provinz Preußen, so wie für alle Freunde des Vaterlandes. Gebrüder Bornträger, Königsberg 1835, S. 496–501, Nr. 95; . Max Toeppen: Ueber preussische Lischken, Flecken und Städte. Ein Beitrag zur Geschichte der Gemeindeverfassungen in Preußen. In: Altpreußische Monatsschrift, Band 4, Königsberg 1867, S. 511–536, insbesondere S. 515–527; . Adolf Boetticher: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen. Band 1: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Samlandes. Königsberg 1898, S. 60–66; Google Books Wilhelm Sahm: Geschichte der Stadt Labiau. Hrsg.: Stadtverwaltung Labiau, 1942. Erich Weise (Hrsg.): Handbuch der historischen Stätten. Band: Ost- und Westpreußen. Unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1966. Kröner, Stuttgart 1981, ISBN 3-520-31701-X (= Kröners Taschenausgabe, Band 317). Labiau, Kreisstadt, 3,5 km vom Kurischen Haff, an der Deime, wo der Große Friedrichsgraben abzweigt, Regierungsbezirk Königsberg, Provinz Ostpreußen. In: Meyers Gazetteer, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Labiau (meyersgaz.org).
Weblinks
Stadt Labiau. Territorial.de Polessk. mojgorod.ru (russisch).
Einzelnachweise
Kategorie:Ort im Rajon Polessk