Der Sexus ([]; lateinisch für „das männliche und weibliche Geschlecht“; Plural: die Sexus) ist in der Sprachwissenschaft ein fester Bestandteil der Wortbedeutung vieler Personenbezeichnungen und einiger Tierbezeichnungen, der sich als natürliches Geschlecht auf das außersprachliche Geschlecht der Bezeichneten bezieht. Der Sexus kann die Bedeutung [+weiblich] oder [+männlich] haben, orientiert am biologischen Geschlecht von Lebewesen; als oppositionelles Unterscheidungsmerkmal ist damit festgelegt, ob die Bezeichnung nur für weibliche oder nur für männliche Menschen (oder Tiere) gebraucht wird. Das binäre Konzept des zweigeteilten natürlichen Geschlechts wird seit Jahrzehnten diskutiert in Richtung einer Erweiterung zur Kategorie „Gender“ als sozialem oder psychologischem Geschlecht, um auch Transmänner und -frauen sowie Personen mit nichtbinärer Geschlechtsidentität in Wortbedeutung und Grammatik angemessen berücksichtigen zu können.
Als Bedeutungselement (Sem) kann der Sexus einer Bezeichnung unsichtbar sein oder sich offen zeigen in geschlechtstypischen Wörtern oder Wortelementen und -formen. Beispielsweise wird der Vorname Paul nur für männliche Personen gebraucht, aber sein männlicher Sexus ist am Wort nicht erkennbar; bei der Form Paula ist der Sexus sichtbar markiert durch die zugefügte Endung -a, die hier als weiblich gelesen wird. An Wortzusammensetzungen wie Geschäftsfrau oder Vertrauensmann ist der Sexus sofort ablesbar, ebenso bei der Zebrastute und dem Flusspferdbullen.
Nur Substantive, die Belebtes bezeichnen (keine Dinge oder Abstrakta), können das semantische Merkmal Sexus als Teil ihrer Wortbedeutung enthalten (siehe Lexikalische Semantik). Das natürliche Geschlecht ist dann ein Faktor bei der Zuweisung des passenden grammatischen Geschlechts (Genus): In der Regel wird beim Vorliegen eines weiblichen Sexus das Femininum zugeordnet und bei männlichem Sexus das Maskulinum (Genus-Sexus-Prinzip). Mit dem Genus einer Bezeichnung müssen bezugnehmende Artikel, Pronomen oder Prädikationen grammatisch übereinstimmen (Kongruenz): Die Paula zeigt ihr Können, der Paul seins. Fast alle Verwandtschaftsbezeichnungen haben die Bedeutungseigenschaft natürliches Geschlecht, nach dem sich das Genus richtet (die Schwester, der Bruder). Keine Sexusmarkierung haben Personenbezeichnungen, die aus Adjektiven oder Partizipien gebildet werden (Substantivierungen) – bei ihnen kann ein Sexus sprachlich ausschließlich durch das Genus festgestellt werden: die Verwandte, der Verwandte; nur mit unbestimmtem Artikel wird ein männlicher Sexus auch als maskuline Form sichtbar: ein Verwandter.
In der deutschen Sprache zeigen rund 12.000 weibliche Berufs- und Tätigkeitsbezeichnungen ihr Sexusmerkmal deutlich in der Wortendung -in, alle haben feminines Genus (eine Lehrerin). Umstritten bleibt in der Sprachwissenschaft, inwieweit die 12.000 maskulinen Bezeichnungsformen ein männliches Sexusmerkmal enthalten und anzeigen (Paul ist ein Lehrer), oder ob ein übergeordneter, geschlechtsneutraler Wortsinn ohne Sexusbezug gemeint ist (Paul und Paula sind Lehrer). Vom Sprachgebrauch ausgehend, wird deskriptiv unterschieden zwischen Sexus-bezogenem Gebrauch der Maskulinformen (nur für Männer) und ihrer Verwendung im verallgemeinernden Sinne ohne Sexusbezug (generisches Maskulinum).
Zu den Begriffen „Sex, Sexualität, Sexualisierung, Sexierung, Sexismus“ hat Sexus als Bezeichnung eines sprachlichen Elements keinen Bezug; mit dem englischen Wort sex für das biologische Geschlecht teilt Sexus die lateinische Wortwurzel. Unter dem Schlagwort „Sexualisierung der Sprache“ wird aber an Konzepten gendergerechter Sprache eine Überbetonung von Sexus kritisiert.
Begriffsbestimmung
Die deutsche Duden-Grammatik von 2016 unterscheidet konkrete Substantive anhand ihrer inhaltlichen Bedeutung (Semantik) danach, ob sie sich auf etwas Belebtes beziehen (Mensch, Katze, Baum) oder auf etwas Unbelebtes (Fahrzeug, Weg, Stein). Auch einigen abstrakten Substantiven kann das semantische Merkmal [+belebt] zukommen (der Klub, das Publikum), ebenfalls juristischen Personen (die Firma, die Stiftung). Als weitere Unterscheidung wird angegeben: „Mit Belebtheit hängt das natürliche Geschlecht zusammen und mit diesem wiederum (wenigstens zum Teil) das grammatische Geschlecht, das Genus.“Duden-Grammatik 2016, S. 151–152, Randnummer 222: Belebtheit ().
Im Rahmen der Wortbedeutung von Personenbezeichnungen definiert die Duden-Grammatik den Sexus kurz als „semantisches Geschlecht“ und behandelt es als Faktor für die grammatische Genus-Zuweisung bei Substantiven:
Die Duden-Grammatik geht nicht konkreter auf das natürliche Geschlecht beziehungsweise den Sexus von Bezeichnungen ein, stattdessen ordnet sie anhand des Sprachgebrauchs alle Personenbezeichnungen in Bezug auf Sexus deskriptiv drei „Klassen“ zu:Duden-Grammatik 2016, S. 157–161, Randnummern 236–238: Personenbezeichnungen (). Klasse A: nur sexusindifferenter Gebrauch (der Mensch, die Person, das Kind) – ohne Sexusmerkmal, alle drei Genera sind vertreten Klasse B: nur sexusspezifischer Gebrauch (der Herr, der Junge – die Dame, die Chefin) – ausschließlich auf männliche oder auf weibliche Personen bezogen Klasse C: sowohl sexusspezifischer als auch sexusindifferenter Gebrauch (der Bürger, der Chef, der Lehrer) – nur maskuline Bezeichnungsformen: einerseits nur mit Bezug auf Männer verwendet, in anderen Textzusammenhängen im geschlechterübergreifenden Sinne (generisch)
Die germanistische Sprachwissenschaftlerin Helga Kotthoff vermerkt 2020 zu diesem um die Jahrtausendwende eingeführten grammatischen Konzept, „dass sich die Duden-Redaktion von Debatten rund um einen Nexus von Genus und Sexus im Bereich von Personenreferenz“ inspirieren ließ.
Beteiligt an diesen Debatten sind auch die Sprachwissenschaftlerinnen Gabriele Diewald und Damaris Nübling; sie analysieren bei Personenbezeichnungen neben Sexus und Genus noch zwei weitere „Ebenen“:
Diewald erklärt dieses Konzept ausführlich 2020 im Handbuch geschlechtergerechter Sprache des Dudenverlags und fasst zusammen: „Inzwischen besteht weithin die Übereinkunft, dass es sinnvoll ist, zwischen biologischem Geschlecht (= natürliches Geschlecht, Sexus) und sozialem Geschlecht (= Gender) zu unterscheiden. […] Die biologische Kategorie ‚weiblich‘ wird mit der Genderkategorie ‚Frau‘ als inhärent verknüpft gedacht; die biologische Kategorie ‚männlich‘ gilt analog dazu als mit der Genderkategorie ‚Mann‘ verbunden.“Duden-Handbuch 2020, S. 50–52. Damit werden auch trans Frauen und trans Männer einbezogen. Nicht einbezogen bleiben allerdings Personen mit einer nichtbinären Geschlechtsidentität (genderqueer, genderfluid, agender und weitere Selbstbezeichnungen). Diewald nimmt Bezug auf die Einführung der rechtlichen Geschlechtsoption „divers“ in Deutschland 2018 und Österreich 2019: „Die Entscheidung zur ‚dritten Option‘ hat die Benennungslücken und damit die Kategorisierungslücken jenseits der prototypischen Zweigeschlechtlichkeit offengelegt und sie hat den fundamentalen Beitrag der Sprache zum Denken erneut unterstrichen.“Duden-Handbuch 2020, S. 65.
Der Sprachwissenschaftler Peter Gallmann zeichnet verantwortlich für den oben angeführten Text aus der Duden-Grammatik und ist für die Schweiz Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung; 2019 unterscheidet er bei Personenbezeichnungen drei „Kategorien“: der Sexus: biologisches Geschlecht das Gender: semantisches Geschlecht – kommunikativ relevantes (psychologisches, soziales) Geschlecht das Genus: grammatisches Geschlecht Gallmann schreibt 2019: „Die Beziehung zwischen Sexus und Genus wird über das kognitive Konzept des Genders vermittelt: Sexus → Gender → Genus […] Die Beziehungen zwischen Sexus und Gender können hier ausgeblendet werden, denn bei grammatischen Phänomenen sind die Beziehungen zur Semantik maßgeblich, also zwischen Gender und Genus.“ Daraus ergeben sich die „prototypischen Genderkategorien: spezifisch weiblich spezifisch männlich genderindifferent Die Kategorie genderindifferent meint nicht, dass kein soziales oder psychologisches Geschlecht vorhanden ist (das wäre ‚genderlos‘), sondern nur, dass es ausgeblendet ist (etwa, weil kommunikativ irrelevant).“ Personenbezeichnungen dieser Kategorie haben geschlechtsneutrale Bedeutung und erhalten das maskuline Genus, nur in Einzelfällen das feminine.
Das Projekt Mediensprache (Universität Hannover) führt im Kleinen linguistischen Wörterbuch das „natürliche Geschlecht (Sexus: männlich, weiblich)“ und erklärt es nicht rein biologisch (2020):
Dagegen enthält das Grammatische Informationssystem (grammis) des Instituts für Deutsche Sprache in seiner Wissenschaftlichen Terminologie nur eine biologistische Kurzdefinition von 2020: „Sexus ist das biologische Geschlecht von Lebewesen im Gegensatz zum Genus, dem grammatischen Geschlecht.“ Alternative Bezeichnungen seien „biologisches Geschlecht“ und „natürliches Geschlecht“. Ungenannt bleibt, worin genau der „Gegensatz“ liegt.
Bereits 1998 hatte Lann Hornscheidt am binären Konzept des Sexus die „Konstruktion einer natürlichen Zweigeschlechtlichkeit durch Sprache“ kritisiert.Antje Hornscheidt (Lann Hornscheidt): Grammatik als Ort von Geschlechterkonstruktion: Eine kritische Analyse. In: Hornscheidt u. a. (Hrsg.): Kritische Differenzen – geteilte Perspektiven: Zum Verhältnis von Feminismus und Postmoderne. Springer VS, Wiesbaden 1998, ISBN 3-531-13184-2, S. 140–173, hier S. 140 (Seitenvorschau: doi:10.1007/978-3-322-89056-6_6). Hornscheidt identifiziert sich als nichtbinär (weder weiblich noch männlich) und arbeitet seit den 1990er-Jahren an sprachlichen Mitteln zur Geschlechtsneutralität.
Sexusindifferente Personenbezeichnungen
Die Eigenschaft Sexus ist nicht Bestandteil der Wortbedeutung derjenigen Personenbezeichnungen, die von der Duden-Grammatik in die geschlechtsneutrale „Klasse A“ eingeordnet werden: „nur sexusindifferenter Gebrauch […] es kommen faktisch alle drei Genera vor“. Das Genus solcher Substantive ergibt sich entweder aus dem Lexem oder aus anderen Faktoren der Genus-Zuweisung. Weil sie das Bedeutungselement Sexus nicht haben, nehmen Bezeichnungen aus dieser Klasse auch nicht zwei Sexus-spezifische Formen an; sie sind nicht movierbar (von Gelegenheitsbildungen abgesehen).
Ein Vergleich von vier Personenbezeichnungen zeigt in Bezug auf Belebtheit unterschiedliche Bedeutungseigenschaften (semantische Merkmale), wobei nur die erste Bezeichnung eine Angabe zum natürlichen Geschlecht enthält:
die Lehrerin die Person der Liebling das Kind[+belebt] [+menschlich] [+weiblich] [+Lehrberuf][+belebt] [+menschlich] – [+Rechtssubjekt][+belebt] [+menschlich] – [+Kosename][+belebt] [+menschlich] – [+Lebensphase]
Personenbezeichnungen ohne Sexus
Eine Auswahl der gängigsten Bezeichnungen, die nicht über das semantische Merkmal Sexus verfügen:
Femininum Maskulinum Neutrum die Person der Mensch das Kind die Geisel der Gast das Genie die Wache der Spitzel das Mitglied die Waise der Vormund das Individuum
Gerhard Stickel kennzeichnete diese kleine Gruppe 1988: „Mit dem Femininum Person und dem Maskulinum Mensch wird nichts über das Geschlecht der damit jeweils Gemeinten mitgeteilt.“Stickel 1988, S. 338. Die Slawistin Ursula Doleschal beschrieb diese Eigenschaft 2002 als „inhärente Geschlechtsabstraktion“ (Neutralität aus sich heraus).
2017 bezeichnet Gabriele Diewald diese Gruppe als „geschlechtsindifferente Substantive“:
Diewald ergänzt 2018: „Geschlechtsunspezifische Nomina treten per definitionem nicht paarig im Sinne der Opposition ‚weiblich‘/‚männlich‘ auf – weder als eigenständige Lexeme, noch als Ableitungen.“