mini|Sprengstoffgürtel, wie er von der Islamistengruppierung Haiʾat Tahrir asch-Scham getragen wird
Ein Selbstmordattentat ist ein Attentat auf Menschen oder Objekte durch einen oder mehrere Täter, die dabei ihren eigenen Tod in Kauf nehmen oder absichtlich herbeiführen. Synonym zu „Attentat“ wird „Anschlag“ verwendet, anstelle von „Selbstmord“ wird auch von Suizid gesprochen.Komposita: Selbstmordanschlag, Suizidanschlag, Selbsttötungsanschlag, Suizidattentat.
Wenn jemand einen Anschlag mit einem Sprengstoffgürtel ausführt, steht außer Zweifel, dass er den eigenen Tod wirklich gewollt und im Voraus einkalkuliert bzw. geplant hatte. Bei manchen Anschlägen in der Vergangenheit war dies hingegen nicht eindeutig.Schneiders (2006), S. 59 (online)
Geschichte Das Opfern des eigenen Lebens für ein bestimmtes Ziel findet sich schon in der römischen Geschichtsschreibung. Teils wurde er als Möglichkeit in Kauf genommen; teils waren die Tatumstände so, dass der Tod des Täters höchstwahrscheinlich oder unausweichlich war. Der Täter beabsichtigt, im Zuge seiner Tat Menschen mit in den Tod zu reißen. Mögliche Gründe sind ideengeschichtliche Veränderungen. In größerem Maße werden Selbstmordattentate durch waffentechnische Entwicklungen ermöglicht. Sprengwaffen sind seit langem einfach herzustellen bzw. zu handhaben.
Militärstrategisch sind Selbstmordattentate und andere vergleichbare Aktionen wie asymmetrische Kriegführung ausrüstungsmäßig Unterlegener gegenüber waffentechnisch höhergerüsteten (aber andere schwache Seiten aufweisenden) Feinden von Wichtigkeit.
In ihrer modernen Form, die sich seit den 1970er Jahren, verstärkt seit 1981, entwickelte, wurden Selbstmordattentate zunehmend zum Merkmal des islamistischen Terrors. Christoph Reuter behauptete in seinem 2003 erschienenen Buch, Selbstmordattentate hätten in der islamischen Welt ihren Ursprung und die Iraner hätten den Boden dafür bereitet.Christoph Reuter: Selbstmordattentäter: Warum Menschen zu lebenden Bomben werden. München 2003, S. 18f. Der Islamwissenschaftler Elhakam Sukhni widersprach dieser These und schrieb in einem 2011 erschienenen Buch:
Sukhni schrieb, der erste Selbstmordanschlag im islamischen Raum sei die Selbstsprengung eines Mitglieds der „Japanischen Roten Armee“ während des Anschlags am internationalen Flughafen von Tel Aviv (der Flughafen Ben Gurion) am 30. Mai 1972 gewesen. Takeshi Okudaira beabsichtigte, aus Solidarität mit dem palästinensischen Widerstand gemeinsam mit zwei weiteren Japanern (darunter Kōzō Okamoto) israelisches Sicherheitspersonal zu töten, und sprengte sich nach einem langen Feuergefecht schließlich mit einer Handgranate selbst in die Luft.Elhakam Sukhni: Die „Märtyreroperation“ im Dschihad: Ursprung und innerislamischer Diskurs. München 2011, S. 17f. Der Anschlag wurde bekannt als Massaker am Flughafen Lod.
Selbstmordattentate sind ein Vorgehen terroristischer Gruppen. Es gibt einige Thesen, warum ihre Zahl in jüngster Zeit zugenommen hat. Einige meinen, im Zuge wirtschaftlicher und informationeller Globalisierung habe ein Widerstreit konkurrierender Ideologien zugenommen. Wirtschaftliche Disparitäten sind bekannter als zum Beispiel in den 1970er Jahren.
Motivgrundlagen Selbstmordattentäter folgen häufig einem vermeintlich höheren Ziel und sehen sich selbst als Widerstands- oder Glaubenskämpfer. Bei Selbstmordattentaten steht meist eine Gruppe oder Organisation im Hintergrund; es gibt aber auch Einzeltäter.
Der Schwerpunkt des Angriffs der extremen politischen und religiösen Gruppen auf militärische und politische Ziele verschob sich auf häufigere Angriffe gegen Zivilisten. Dies wird mit dem taktischen Gewinn für die Terroristen, der aus der wichtigen Rolle der öffentlichen Meinung für die Gestaltung der Politik in den angegriffenen Demokratien resultiert, erklärt.
Damit im Zusammenhang stand die Entwicklung von religiösem Fundamentalismus zu einem Konkurrenzmodell zur „freiheitlichen, demokratischen und säkularen Moderne“. Die waffentechnische Entwicklung erlaubt es zudem mehr als früher, mit relativ einfachen und von einer einzigen Person bedienbaren Waffen oder umfunktionierten zivilen Geräten (wie Flugzeugen, Tanklastern) eine vergleichsweise große Gruppe an Menschen tödlich zu treffen. Wobei der Anschlag ohne Aufsehen vorbereitet wird, aber eine große Medienpräsenz bewirkt. Das Ziel informeller Kriegsführung wird immer wichtiger. Dazu trägt im extremen Fall die wachsende Miniaturisierung und Privatisierung von Massenvernichtungswaffen mit immer verletzlicherer komplexer Umwelt bei.W. Laqueur: The new terrorism: Fanaticism and the arms of mass destruction. New York 1999. Sowie: W. Enders, T. Sandler: Is transnational terrorism becoming more threatening? Atime series investigation. In: Journal of Conflict Resolution. 44, 2000, S. 307–332. Und: B. Hoffman: Inside terrorism. New York 1998.
Seit den 1980er Jahren sind vor allem Israel, Irak, Afghanistan und Sri Lanka Schauplatz von Selbstmordattentaten. Weltweit waren zwischen 1980 und 2001 nur drei Prozent aller Terroranschläge Selbstmordattentate; sie waren in diesem Zeitraum aber für mehr als die Hälfte der durch Terror verursachten Todesfälle verantwortlich. Die Anschläge auf das World Trade Center sind hierbei unberücksichtigt. Selbstmordattentate gelten als eine effektive Methode zur Tötung von Menschen. Die meisten Menschen starben bei den Anschlägen vom 11. September 2001; daneben gab es auch Attentate, bei denen nur der Attentäter starb.
Akzeptanz in der muslimischen Welt Umfragen des Meinungsforschungsinstitutes Pew in 21 muslimischen Ländern zeigten, dass die große Mehrheit der muslimischen Bevölkerung Selbstmordattentate ablehnt. Gefragt wurde, ob Selbstmordattentate gegen Zivilisten zur Verteidigung des Islam „oft oder manchmal“ gerechtfertigt seien. Die Ansichten hierzu sind von Land zu Land sehr unterschiedlich und reichen von 1 % Befürwortung in Aserbaidschan bis zu 40 % bei Palästinensern. Die größte Akzeptanz hatten Selbstmordattentate in Südasien (Pakistan: 13 %, Bangladesch: 26 %, Afghanistan: 39 %) und in Nordafrika bzw. dem mittleren Osten (Irak: 7 %, Marokko: 9 %, Tunesien: 12 %, Jordanien: 15 %, Ägypten: 29 %, Staat Palästina: 40 %).Pew Research Center (2013) THE WORLD’S MUSLIMS: RELIGION, POLITICS AND SOCIETY. Chapter 2: Religion and Politics, 30. April 2013.
Klassifizierungen Art, wodurch der Tod des Attentäters eintritt Bei dem klassischen Selbstmordattentat tötet sich der Täter zeitgleich mit den Opfern. Meist erfolgt dies durch Sprengstoff, der am Körper in einem Sprengstoffgürtel oder in einem Fahrzeug deponiert ist und vom Attentäter gezündet wird. Diese Art des Selbstmordattentates wurde erst 1982 im Umfeld der späteren Hisbollah im Libanon entwickelt und verbreitete sich dann von dort aus in die Welt. Eine andere Form ist das Attentat, bei dem der Täter sich nach Durchführung selbst tötet. Der vom (vermeintlichen) Haupttäter getragene Sprengsatz wird von einem Mittäter mit einer Fernsteuerung oder Zeitzünder zur Explosion gebracht. Beispielsweise erfolgt diese Art bei den schwarzen Witwen. Das Attentat kann mit oder ohne Wissen des Sprengstoffträgers erfolgen, dem so teilweise eine Opferrolle zukommen kann.
Zweck des Selbstmordattentats Es soll eine sehr starke Wirkung in der öffentlichen Meinung erreicht werden. Der Attentäter will den Märtyrerstatus im Rahmen seiner Religion erhalten, um etwa ein „Leben im Paradies“ zu erreichen. Der hohe logistische Aufwand, das Leben des Täters während des Attentats und danach zu schützen, entfällt. Durch die Eigentötung des Attentäters sollen die Hintermänner geschützt werden, da keine aussagefähigen Gefangenen gemacht werden können. Gegenmaßnahmen sind daher meist auf Festnahmen bei misslungenen Selbstmordattentaten beschränkt. Der Gegner soll durch das Demonstrieren äußerster Entschlossenheit verunsichert werden. Dem Gegner soll seine Machtlosigkeit gegen derartige Attentate vor Augen geführt werden.
Frühe Beispiele Im Alten Testament im Buch der Richter, Kapitel 16, wird der Selbstmord von Samson beschrieben, bei dem über 3000 Männer und Frauen starben. Dies wurde vom Schriftsteller David Grossman in seinem 2005 erschienenen Buch Löwenhonig. Der Mythos von Samson als mythischer Prototyp eines Selbstmordattentats gedeutet.David Grossman: Löwenhonig. Der Mythos von Samson. Berlin Verlag, Berlin 2006, S. 122f.
Frühe Selbstmordattentate gab es in der Antike bei den christlichen Circumcellionen in Nordafrika und im Mittelalter bei den muslimischen Assassinen im vorderen Orient.
1927 verübte ein überschuldeter Farmer das Schulmassaker von Bath: er ließ eine Bombe in einer Schule detonieren und sprengte kurz danach sein mit Metallteilen gefülltes Auto in die Luft, wodurch er und zwei weitere Menschen starben.
Am 21. März 1943 versuchte der Wehrmachtsoffizier Rudolf-Christoph von Gersdorff, Adolf Hitler durch ein Selbstmordattentat zu töten. Hitler eröffnete anlässlich des Heldengedenktages eine Ausstellung sowjetischer Beutewaffen im Zeughaus Berlin. Von Gersdorff war abkommandiert, als Experte die Ausstellung zu erläutern. Er wollte Hitler und die anwesende Führungsspitze (Göring, Himmler, Keitel und Dönitz) mit zwei Clam-Haftminen, die er in den Manteltaschen trug, in die Luft sprengen. Nachdem von Gersdorff den Zeitzünder aktiviert hatte, lief Hitler durch die Ausstellung, ohne vor Ausstellungsstücken innezuhalten, und verließ das Gebäude unerwartet frühzeitig. Von Gersdorff entschärfte die 10-Minuten-Zeitzünder deshalb auf einer Toilette des Zeughauses.
Während des Indochinakrieges sprengte sich am 31. Juli 1951 ein vietnamesischer Attentäter mit einer Granate neben dem französischen General Charles Chanson und dem profranzösischen Gouverneur Thái Lập Thành in die Luft und tötete dadurch beide. Dies gilt als das erste moderne Sprengstoff-basierte Selbstmordattentat in einem Kriegsgebiet.Adam Dolnik: Understanding Terrorist Innovation: Technology, Tactics and Global Trends. Routledge, 2007, ISBN 0-415-54516-1, S. 43.der Attentäter war nach Angaben der vietnamesischen Polizei Angehöriger der kommunistischen Việt-Minh-Miliz (Thorsten G. Schneiders: Heute sprenge ich mich in die Luft. S. 58 (online)).
Am 15. Dezember 1981 steuerte ein Attentäter ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug zur Botschaft des Irak im Libanon; mehr als 60 Menschen starben.Schneiders weist S. 53 darauf hin, dass mehrere Autoren diesen Anschlag übersahen und fälschlich 1982 (nicht 1981) als das Jahr nannten, in dem die Entwicklung begann. Einige Wissenschaftler argumentieren, die Anschläge würden im linksextremistischen Umfeld der 1960er und 1970er Jahre wurzeln.Thorsten G. Schneiders: Heute sprenge ich mich in die Luft. S. 54 ff. Möglicherweise war das Massaker am Flughafen Lod bei Tel Aviv (am 30. Mai 1972), verübt von drei Männern der „Japanischen Roten Armee“, der erste Suizidanschlag der jüngsten Geschichte.Thorsten G. Schneiders: Heute sprenge ich mich in die Luft. S. 56.
Der Anschlag vom 15. Dezember 1981 blieb nicht der einzige Selbstmordanschlag auf eine Botschaft. Zum Beispiel wurde die US-Botschaft in Beirut im April 1983 schwer beschädigt; die neue US-Botschaft wurde im September 1984 von einem Attentäter in einem sprengstoffbeladenen Lieferwagen angegriffen.Libanon: „Wir werden die Teufel erledigen“. In: Der Spiegel. 39/1984, S. 128 f.welt.de: Chronik (1979 bis 2007): Anschläge auf US-Botschaften
Neuzeitliche Beispiele