Quecksilber ( „flüssiges Silber“, so benannt von Dioskurides; davon durch Latinisierung abgeleitet [Hg]; lateinisch „lebendiges Silber“ und ; und ) ist ein chemisches Element mit dem Symbol Hg und der Ordnungszahl 80. Obwohl es eine abgeschlossene d-Schale besitzt, wird es häufig zu den Übergangsmetallen gezählt. Im Periodensystem steht es in der 2. Nebengruppe, bzw. der 12. IUPAC-Gruppe, die auch Zinkgruppe genannt wird. Manchmal wird Quecksilber zu den Edelmetallen gezählt.
Es handelt sich bei Quecksilber um eine silbrige, dichte Flüssigkeit mit metallischen Eigenschaften. Es ist das einzige Metall und neben Brom das einzige Element, das bei Standardbedingungen flüssig ist. Aufgrund seiner hohen Oberflächenspannung benetzt Quecksilber seine inerte Unterlage nicht, sondern bildet wegen seiner starken Kohäsion linsenförmige Tropfen.
Verwendet wird beziehungsweise wurde metallisches Quecksilber in Thermometern, Schaltern, Lampen und Zahnfüllungen (in Legierungen mit anderen Metallen, sogenannte „Amalgame“). Die Verbindung Quecksilbersulfid (auch bekannt als Zinnober) dient als rotes Pigment. Chemisch gesehen ist dieser Stoff identisch mit dem häufigen Mineral Cinnabarit, welches als Hauptquelle für Quecksilber gilt. In gediegener Form tritt Quecksilber hingegen nur selten auf. Der größte Produzent von Quecksilber ist mit Abstand die Volksrepublik China.
Quecksilber ist ein hochgiftiges Schwermetall. Es schädigt Nervensystem, Immunsystem und die Nieren. Besonders die Dämpfe des Metalls sind sehr giftig. Quecksilber spielt zudem eine bedeutende Rolle als Umweltschadstoff.
Etymologie mini|links|„Lebendiges Silber“ im Quecksilber-Brunnen
Quecksilber bedeutet ursprünglich „keckes Silber“, d. h. schnelles – vgl. englisch – bzw. bewegtes oder lebendiges Silber (von , zu germanisch kwikw ,[quick]lebendig‘)Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Band 13, Verlag von S. Hirzel, Leipzig. als Übersetzung von gleichbedeutend (mittel)lateinisch , z. B. bei Plinius.Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage, hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 361 (keck) und 574 (Quecksilber).
Im alten Griechenland gab es zwei Bezeichnungen für das Quecksilber: (nach Theophrastos, 60) für „flüssiges Silber“ und (Dioskurides, V 95) für „Wassersilber“. Beide Bezeichnungen gingen in den lateinischen Bezeichnungen argentum vivum sowie hydrargyrus und später hydrargyrum auf. Letzteres bildete schließlich die Grundlage für das chemische Zeichen Hg. Plinius bezeichnete allerdings nur das natürliche gediegene Quecksilber als argentum vivum, das künstliche, aus Cinnabarit (auch Zinnober) gewonnene, dagegen als hydrargyrus.
Schwefelalkohole werden als Mercaptane („Quecksilber-Fänger“) bezeichnet, weil sie mit Quecksilber unter Bildung von Quecksilbersulfiden reagieren können.
Geschichte Quecksilber ist mindestens seit der Antike bekannt. So wird es schon in den Werken von Aristoteles, Theophrastos von Eresos, Plinius dem Älteren und anderen Schriftstellern der Antike erwähnt. Vom Altertum bis ins 20. JahrhundertKlein: Was nun? Der Sturz des Quecksilbers. In: Naturarzt. Band 50, 1922, S. 46–50. wurde es als Heilmittel verwendet (aufgrund seiner Toxizität, die zuerst von dem Arzt und Empiriker Herakleides von Tarent berichtetLutz Sauerteig: Quecksilber. 2005, S. 1208. wurde, jedoch mit entsprechend negativen Folgen).
Quecksilber wurde in der Antike durch Verreiben von Zinnober mit Essig oder durch Erhitzen von Zinnober über ein Sublimationsverfahren gewonnen. Vitruv war bereits die Legierung des Quecksilbers mit Gold bekannt. Diese wurde zum Feuervergolden von Gegenständen benutzt, wobei das Quecksilber verdampfte. Im 5. Jahrhundert n. Chr. kannte man als Quecksilberverbindung das Sublimat (Quecksilber(II)-chlorid), genannt auch Mercurius sublimatus („destilliertes“ QuecksilberWilhelm Hassenstein, Hermann Virl: Das Feuerwerkbuch von 1420. 600 Jahre deutsche Pulverwaffen und Büchsenmeisterei. Neudruck des Erstdruckes aus dem Jahr 1529 mit Übertragung ins Hochdeutsche und Erläuterungen von Wilhelm Hassenstein. Verlag der Deutschen Technik, München 1941, S. 40. bzw. Hydrargyrum bichloratum corrosivumOtto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 147.). Paracelsus war der erste Arzt, der Präzipitate (etwa Mercurius praecipitatus, weißes QuecksilberpräzipitatOtto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 147.) und basische Quecksilbersalze herstellte und als Heilmittel verwendete. Ab dem 16. Jahrhundert wurde Quecksilber wirtschaftlich bedeutungsvoll, weil es zur Gewinnung von Silber aus Silbererzen über Amalgambildung benötigt wurde.
Bereits in Altertum und Mittelalter wurde Quecksilber in der Heilkunde verwendet.C. B. Khadilkar: Mercury and its uses in medicine (for the last 3000 year). In: Med. Bull. (Bombay). 15, 1947, S. 152–162.Johann Almkvist: Über die Quecksilberbehandlung in Europa während des Mittelalters. In: Wiener klinische Wochenschrift. 60, 1948, S. 15–19.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert hielt man Quecksilber für ein geeignetes Medikament gegen Frauenleiden, weswegen es zum Teil in toxischen Mengen verabreicht wurde.
Vom Ende des 15. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts waren Quecksilberpräparate wie die graue Quecksilbersalbe oder das AsurolOtto Loeb: Neue Mittel. Über Asurol zur Behandlung der Syphilis. Von Dr. Hoffmann, aus d. Klinik f. Hautkrankheiten der Krankenanstalten der Stadt Düsseldorf. In: Medizinische Klinik. Band 6, 1910, S. 1054; auch in Therapeutische Monatshefte. Band 24, 1910, S. 553.Walther Schönfeld: Über die einzeitig kombinierte intravenöse Quecksilbersalvarsanbehandlung der Syphilis unter besonderer Berücksichtigung von Novasurol-Silbersalvarsanmischungen. In: Münchener medizinische Wochenschrift. Band 68, 1921, S. 197–199. weit verbreitete Mittel zur Behandlung der Syphilis (zuletzt auch in Kombination mit Arsenverbindungen wie Arsphenamin; siehe auch Biometallorganische Chemie).Volker Zimmermann: Die beiden Harburger Syphilis-Traktate. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 7, 1989, S. 72 und 77. Zu einer QuecksilberkurLutz Sauerteig: Quecksilberkur. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, S. 1209. wurde das Quecksilber in der Regel auf die Haut aufgetragen, injiziertGottfried Schramm: Zur Geschichte der subkutanen Injektionen und Injektabilia in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit besonderer Berücksichtigung der Quecksilbertherapie. Stuttgart 1987. oder gelegentlich sogar inhaliert, wobei es in vielen Fällen zu Vergiftungserscheinungen kam. Syphilis galt als Volksseuche und Anspielungen auf die Symptome der Syphilis sowie der damit einhergehenden Quecksilbervergiftung finden sich in vielen literarischen Werken der damaligen Zeit.
Metallisches Quecksilber diente im gleichen Zeitraum zur Behandlung von Darmverschlüssen. Der Patient nahm dazu oral mehrere Kilogramm metallisches Quecksilber auf, um das Hindernis im Darm zu überwinden. Wenn er die Behandlung überlebte, verließ das Metall seinen Körper auf natürlichem Wege ohne weitere Vergiftungserscheinungen.Fränztl: Enterotomie bei Ileus. In: Virchows Archiv. Band 49, 1870, S. 164–192.
Quecksilber(I)-chlorid wurde in der Vergangenheit sowohl äußerlich, etwa gegen Hornhautflecken oder Feigwarzen, als auch vielfach innerlich und bis in die 1990er Jahre als Spermizid in Form von Vaginal-Zäpfchen zur Empfängnisverhütung angewandt. Früher hatten fast alle Merfen-Präparate, auch Lutschtabletten, als Wirkstoff die etwa 1951 als wirksam entdeckte organische Quecksilberverbindung Phenylmercuriborat, während diese heute alle quecksilberfrei sind. Ebenfalls antiseptisch wirkte Merbromin im nur bis 2003 zugelassenen Mercurochrom.
Am Quecksilber wurde vom niederländischen Physiker Heike Kamerlingh Onnes im Jahre 1911 das erste Mal das Phänomen der Supraleitung entdeckt. In: Neue Zürcher Zeitung. 28. September 2005. Unterhalb von 4,183 Kelvin (−268,967 °C) verschwindet dabei der elektrische Widerstand vollständig. Die Nähe zum Siedepunkt von Helium trug dabei zwar zur Entdeckung bei, ist jedoch rein zufällig.
mini|hochkant|Alchemie-Symbol In der griechischen Antike symbolisierte das Quecksilber sowohl den Gott Hermes als auch den zugehörigen Planeten. Dies wurde später von den Römern und den Alchemisten für den gleichgesetzten Gott Mercurius übernommen. Daher ist im Lateinischen Mercurius und im Englischen mercury sowohl die Bezeichnung für das Quecksilber als auch für den Planeten und den Gott. Als alternative Bezeichnung für das Metall wird im Englischen aber auch quicksilver verwendet.
Quecksilber wurde (als Mercurius philosophorum,Vgl. Bernhard D. Haage: Das alchemistische Bildgedicht vom „Nackten Weib“ in seiner bisher ältesten Überlieferung. In: Centaurus. Band 26, 1982, S. 204–214.Vgl. auch [Anonymus:] Vers-Bild-Allegorie vom Mercurius philosophorum (15. Jh.) In: Joachim Telle: Sol und Luna. Literar- und alchemiegeschichtliche Studien zu einem altdeutschen Bildgedicht. Hürtgenwald 1980 (= Schriften zur Wissenschaftsgeschichte. Band 2), S. 130. lateinisch für „Quecksilber der Weisen“; vgl. Stein der Weisen) in der Alchemie verwendet, um (andere) Metalle zu veredeln. So sollte durch Quecksilberzusatz aus Kupfer Silber entstehen. Angestrebt wurde auch eine Verfestigung des Quecksilbers, die fixatio mercurii, beispielsweise (beschrieben im 15. Jahrhundert durch Hans Kluge) durch physikalisch-chemische Behandlung einer Mischung von Quecksilber mit Kupfervitriol, der weitere Zusätze wie Weinstein, Salpeter und Glaspulver beigefügt wurden.Lotte Kurras: Kluge, Hans. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 5, Sp. 1264. Auch der Speichel eines nüchternen Menschen wurde im Mittelalter für geeignet gehalten, das Quecksilber zu verfestigen, etwa zur Anwendung als äußerliches Arzneimittel.Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 447 (zu quecksilber, der do mit nüchter speichel getöt sey) und 474 (zum töten des Quecksilbers mit Speichel, wobei das disperse Quecksilber eine relativ dauerhafte Emulsion bildet, ohne ständige Zusammenballung zu Tropfen).