Das Schweizerische Hilfskomitee für die Kinder Spaniens, am 23. Februar 1937 gegründet als Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Spanienkinder (SAS)Antonia Schmidlin: Eine andere Schweiz und in Spanien bekannt als Comité Suizo de Ayuda a los niños de España (kurz: Ayuda Suiza (Schweizer Hilfe)), war ein Zusammenschluss von 14 Schweizer Hilfswerken (unter anderem dem Schweizer Hilfswerk für Emigrantenkinder und der Arbeiterkinderhilfe der Schweiz). Seine Aufgabe war es, die Hilfe der verschiedenen Hilfswerke für die vom Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) betroffenen Kinder zu koordinieren. Initiator des Zusammenschlusses und dessen langjähriger Leiter war Rodolfo Olgiati, der Sekretär des Service Civil International (SCI).

Das Schweizer Engagement im Spanischen Bürgerkrieg Als neutrales Land war die Schweiz nicht Mitglied im Komitee für Nichteinmischung in die Angelegenheiten Spaniens, aber „die offizielle Haltung der Schweiz gegenüber Spanien [zeigte] deutliche Sympathien für die franquistische Partei“Antonia Schmidlin: Eine andere Schweiz – „sei es eher verkappt wie in der Berichterstattung der Neuen Zürcher Zeitung, sei es offen und enthusiastisch wie bei den Katholisch-Konservativen, die Francos Krieg als Kreuzzug gegen den gottlosen Bolschewismus darstellten“.Christian Koller: Vor 80 Jahren Gleichwohl gab es in der Schweiz ein breit gefächertes zivilgesellschaftliches Engagement, aus dem heraus Hilfsaktionen für die im Spanischen Bürgerkrieg besonders notleitenden Personengruppen – Kinder, Frauen, ältere Menschen – organisiert wurden. Eine gewisse Vorreiterrolle spielte dabei das SHEK, das Schweizer Hilfswerk für Emigrantenkinder, das bereits seit 1934 Kinderzüge in die Schweiz organisierte, durch die bis 1939 4.892 in Frankreich lebenden Emigrantenkindern ein Ferienaufenthalt in der Schweiz ermöglicht werden konnte.

1936 war es dann die vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund und der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz gegründete Schweizerische Arbeiterhilfswerk, das humanitäre Hilfe für die Spanische Republik organisierte. „Schon im September 1936 schickte es zehn Tonnen Trockenmilch nach Madrid. Trotz der anhaltenden Wirtschaftskrise erbrachte eine erste Sammlung bis Ende 1936 eine Spendensumme von über 50’000 Franken. Insgesamt spendete die Schweizer Bevölkerung etwa 800 Tonnen Hilfsgüter im Wert von über zwei Millionen Franken. Die Spanienhilfe stand unter dem Motto „Sauver l’Espagne, c’est sauver la Suisse“ und wies damit auf die dem Spanischen Bürgerkrieg zugemessene internationale Bedeutung hin.“

Am 23. Februar 1937 schlossen sich 14 Schweizer Hilfswerke zu dem international unter seiner spanischen Kurzbezeichnung Ayuda Suiza bekannten Dachverband zusammen:Nina Engel: Historische Betrachtung der schriftlichen Mehrsprachigkeit in der humanitären Arbeit

Der Dachverband war eine Auflage und eine Notwendigkeit zugleich.

Der Initiator des Zusammenschlusses und dessen langjähriger Leiter war Rodolfo Olgiati, der Sekretär des Service Civil International (SCI). Die Breite des von ihm geleiteten Bündnisses hatte allerdings ihre Grenzen: die kommunistische Rote Hilfe musste ihm fernbleiben, was damit begründet wurde, dass die Ayuda Suiza „alle Gruppen ausser den extremsten […] (Faschisten, Kommunisten)“ einschlösse.

Der ersten praktischen Aufgabe, der sich Ayuda Suiza widmen sollte, war die „Hospitalisierung von spanischen Kindern in der Schweiz“ bei gleichzeitiger Ablehnung jeglicher Hilfsgüter nach Spanien. Nach Schmidlin hatte dies zwei Hauptgründe: „Die «Hereinnahme» von spanischen Kindern schien die einzige Hilfsform zu sein welche die Behörden als nicht «politisch» und damit unparteiisch auffassten.“ In der Bevölkerung gab es eine große Bereitschaft, ein spanisches Kind für eine begrenzte Zeit aufzunehmen oder gar zu adoptieren, und die Regierung schien bereit, eine begrenzte Zahl von Kindern einreisen zu lassen. In der Praxis kam es dann aber keineswegs zu der „Hereinnahme spanischer Kinder“ in die Schweiz, auch wenn dieses Ziel am 12. Mai 1937 von Rodolfo Olgiati in einem Interview noch aufrechterhalten wurde.

Bei der Erreichung des dritten Ziels blieb es bei dem „sollte“: „Verschiedene Versuche, spanische Kinder in der Schweiz unterzubringen, scheiterten vorerst am Widerstand der Schweizer Behörden.“Ähnlich ist es auf der Webseite des Virtual Museum of the Spanish Civil War unter der Überschrift “Swiss Aid to Children in Spain” truck zu lesen. Die „Evakuierung spanischer Kinder“ wurden zu einem innerspanischen Projekt.

Aus der Arbeit der Ayuda Suiza mini|Ein Ayuda-Suiza-Camion als Lieferwagen für Hilfsgüter mini|Ein Ayuda-Suiza-Camion als Evakuierungsfahrzeug „Am 24. April 1937 reisten die ersten neun schweizerischen Helferinnen und Helfer nebst zwei Journalisten und einem Fotografen mit vier Camions nach Spanien.“ Jeder dieser neu angeschafften „Camions“, Lastwagen, trug einen symbolträchtigen Namen, der an einen Wohltäters der Menschheit erinnern sollte: an Pestalozzi, den Freund der Waisen; an Dunant, den Gründer des Roten Kreuzes; an Wilson, den Vater des Völkerbundes; an Nansen, den Forscher und Organisator so vieler Hilfsaktionen. Im Oktober 1937 kam als fünfter Wagen der Camion Zwingli, hinzu, benannt nach dem Schweizer Reformator, und an Weihnachten 1937 folgte der Camion Dufour.Antonia Schmidlin: Eine andere Schweiz. S. 76 f. Wer sich hinter dem Namen Dufour verbirgt, wird von Schmidlin nicht angegeben. Alle diese Lastwagen besaßen auf den Ladeflächen klappbare Bänke, die bei der Hinfahrt hochgeklappt waren, um Platz für die Hilfsgüter zu haben. Nach der Entladung wurden die Bänke heruntergeklappt, um den zu evakuierenden Passagieren Sitzmöglichkeiten zu bieten.

Die im April 1937 nach Spanien aufgebrochenen Helferinnen und Helfer quartierten sich in Burjassot in der Carrer de Colom 36 ein. ()Auf einer SCI-Website aus dessen International Archives wird von der Anbringung einer Commemorative plaque for SCI volunteers in Burjassot am 15. Dezember 2011 berichtet. Im Text wird dann aber klar, dass es bei der Ehrung nicht nur um die Freiwilligen aus den Reihen des SCI ging, sondern um die Ayuda Suiza insgesamt. Neben der Abbildung der Gedenkplakette, die auch auf einem Foto bei Google-Maps zu erkennen ist, befindet sich auf der Webseite noch ein Foto, auf dem einer der Camions vor dem Haus zu sehen ist, in dem sich die Ayuda Suiza einquartiert hatte. Sie waren die Vorhut von etwa dreißig Freiwilligen, die im Bürgerkrieg die Arbeit der Ayuda Suiza stemmten, darunter unter anderem:

Von Burjassot aus organisierten die Schweizer die Evakuationen aus dem umkämpften, aber durch Flüchtlinge aus anderen Regionen auch überlaufenen Madrid, die zum damaligen Zeitpunkt nach Valencia führten, von wo die Flüchtlinge per Bahn in Kinder- und Flüchtlingsheime in der Region verteilt wurden. Die vier Lastwagen pendelten täglich zwischen Valencia und Madrid und transportierten dabei auf dem Hinweg Lebensmittel und Hilfsgüter für die Flüchtlingsdurchgangsheime in Madrid. Bei den anschließend evakuierten Menschen handelte es sich nicht nur um Kinder. Schmidlin zitiert eine Statistik nach der vom 6. Mai bis zum 27. Juni 1937 8.955 Personen transportiert wurden. Davon waren 3.880 Kinder, 4.077 Frauen und 998 Männer, wobei es sich bei den Erwachsenen vorrangig um Mütter mit Kleinkindern, Schwangere und Rekonvaleszenten handelte. Und in der Folgezeit wurden auch andere Ziele als Valencia für die Transporte rekonvaleszenter Kinder angefahren: Busot, Dénia, Barcelona, Castellón und Alicante.

Ab August 1937 gab es eine Verschiebung der Arbeitsschwerpunkte der Ayuda Suiza. Erstmals in Burjassot wurden kranke Kinder mit Kondensmilch versorgt, und es folgten dann Verteilungen von Lebensmitteln direkt an Kinderkrankenhäuser und Kinderkolonien. Der nächste Schritt war die Einrichtung von Kantinen, deren erste im Oktober 1937 in einem Flügel einer Madrider Frauenklinik eröffnet wurde. Sie wurde geleitet von Elsbeth Kasser. Diese Kantinen dienten nicht nur der Versorgung notleidender Menschen, sondern sollten auch spanische Frauen als Mitarbeiterinnen gewinnen und zur Selbsthilfe befähigen. Über die damit verbundene Konzeption heißt es bei Schmidlin:

Mitte April 1938 eröffnete Ayuda Suiza in Madrid im Speisesaal einer Schule eine Suppenküche für alte Menschen, und angesichts der immer schwieriger werdenden Lebensmittelversorgung übernahm die Organisation auch Patenschaften für Kinderkolonien, die von verschiedenen spanischen Kinderhilfswerken getragen wurden. Diese Patenschaften ermöglichten es, dass ständig 840 Kinder in 24 Kinderkolonien von Ayuda Suiza mit Lebensmitteln versorgt werden konnten. Im Sommer 1938 wurde eine Kantine für 200 Kinder in Burjassot eröffnet.

Mit dem Vorrücken der Franco-Truppen auf Valencia und der Übersiedelung der republikanischen Regierung von dort nach Barcelona im November 1937 verlagerten sich auch die Aktivitäten der Ayuda Suiza. Ab dem Juli 1938 wurden immer weniger Evakuierungsfahrten durchgeführt, und im Dezember 1938 wurde Burjassot als Standquartier aufgegeben. Trotzdem konnten zwischen dem 1. Juli 1938 und dem 11. Januar 1939 noch knapp 7.000 Personen transportiert werden, darunter 3.052 Kinder, 3.225 Frauen und 690 Männer. Nach dem 11. Januar 1939 fanden keine Evakuierungsfahrten mehr statt. Im von den Franquisten eingenommenen Madrid konnte Ayuda Suiza noch bis 22. April 1939 eine Kantine unterhalten, bevor dann die Equipe Mitte Mai endgültig Madrid verlassen musste. An früheren Stützpunkten, so in Valencia, Barcelona und Murcia wurden Lebensmittel und andere Hilfsgüter von franquistischen Truppen beschlagnahmt. Der letzte Mitarbeiter der Ayuda Suiza verließ im September 1939 Spanien.

Die sich neutral gebende Schweiz hatte das Franco-Regime bereits am 14. Februar 1939 offiziell anerkannt – einen Monat vor der Eroberung Madrids. Nach dem Ende des Bürgerkriegs wurden bald wirtschaftliche Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Franco-Regime aufgenommen.

Spanische Kindertransporte in die Schweiz Eingangs wurde schon erwähnt, dass die SHEK zwischen 1934 und 1939 sogenannte Kinderzüge für in Frankreich lebende spanische Kinder organisierte und denen so einen temporären Ferienaufenthalt in der Schweiz ermöglichte. Gerade die SHEK war es aber, die sich innerhalb der Dachorganisation Ayud Suiza gegen Kinderzüge direkt aus Spanien sträubte. Schmidlin macht dafür unter anderem Konkurrenzdenken verantwortlich und insbesondere das Bemühen des SHEK, sich vom SCI abzugrenzen und sich einen autonomen Handlungsraum zu erhalten. Das führte dazu, dass nur vereinzelt spanische Kinder in die Schweiz kommen konnten. Der Schweizerischer Caritasverband, Unterstützer der Ayuda Suiza, ermöglichte 1937 auf Wunsch des Papstes 41 baskischen Kindern die Aufnahme in der Schweiz. Über deren Aufenthalt dort liegen keine Informationen vor.

Mit dem Vorrücken Francos und den dadurch ausgelösten Flüchtlingsströmen nach Frankreich, die auch zu einer tausendfachen Aufnahme spanischer Kinder in einigen europäischen Ländern und in Mexiko geführt hatte, wurde das Thema von Kinderevakuierungen in die Schweiz auch in der Ayuda Suiza wieder drängender. Größere praktische Folgen hatte das aber nicht. Schmidlin spricht von 300 spanischen Kindern, die sich gegen Ende des Bürgerkriegs im Februar 1939 in der Schweiz befunden hätten, und dies traten „bereits ab April 1939 […] wieder ihre Rückreise nach Spanien an. Es waren die (franquistischen) spanischen Behörden, die auf eine baldige Rückkehr der Kinder drängten.“