Der Mesopotamische Damhirsch oder Mesopotamien-Damhirsch (Dama mesopotamica) ist ein im Nahen Osten heimischer Hirsch, der heute nur noch im Iran und in Israel vorkommt. Er steht seit 2008 auf der Roten Liste der IUCN als stark gefährdete Tierart. Nach einem Zuchtprogramm in Gefangenschaft hat sich die Population von nur einer Handvoll Hirsche in den 1960er Jahren auf heute über 1000 Tiere erholt. Er wurde erfolgreich wieder ausgewildert.IUCN Red List: Persian Fallow Deer
Merkmale Der Mesopotamische Damhirsch erreicht bei den männlichen Individuen eine Kopf-Rumpf-Länge von 180 bis 190 cm und 160 bis 170 cm bei den Kühen. Der Schwanz ist 16 bis 20 cm lang. Die Schulterhöhe beträgt 100 bis 110 cm bei den Männchen und 90 cm bei den Weibchen. Das Gewicht liegt bei 120 bis 140 kg bei den Bullen und 70 bis 80 kg bei den Kühen. Ausgewachsene männliche Tiere sind im Durchschnitt 50 Prozent schwerer als weibliche. Der Mesopotamische Damhirsch ist größer als der Europäische Damhirsch mit geringfügigen Unterschieden in der Fellfarbe, die etwas dunkler ist. Das Geweih hat eine andere Form, die Schaufeln, die bei den Damhirschen die obere Geweihstange auffächern, sind weniger stark ausgeprägt und durch deutlichere Sprossenbildungen tiefer eingebuchtet. Es hat sehr kurze Augsprossen, Eissprossen und Mittelsprossen, wobei der Eisspross häufig fehlt. Dafür treten kurze akzessorische Sprossen auf, die meist kurz über dem Augspross ansetzen. In diesem Merkmal ähnelt der Mesopotamische Damhirsch der ausgestorbenen pleistozänen Form Dama geiselana, die aber wiederum über ein deutlicher ausgeformtes Schaufelgeweih verfügte.Thekla Pfeiffer: Die fossilen Damhirsche von Neumark-Nord (Sachsen-Anhalt) – D. dama geiselana n. ssp. In: Eiszeitalter und Gegenwart. 48, 1998, S. 72–68.Thekla Pfeiffer-Deml: The fossil fallow deer Dama geiselana (Cervidae, Mammalia, upgrade to species level) in the context of migration and local extinctions of fallow deer in the Late and Middle Pleistocene in Europe. In: Paläontologische Zeitschrift. 92, 2018, S. 681–713.Roman Croitor: Plio-Pleistocene deer of Western Paleartctic: Taxonomy, Systematics, Phylogeny. Institute of Zoology of the Academy of Sciences of Moldova, Chișinău 2018, S. 1–140. Das Geweih des Mesopotamischen Damhirschs ist kürzer als das des Europäischen Damhirschs, ungefähr 50 bis 55 cm lang und robuster. Der dunkle Oberrand des Steißbeins ist weniger entwickelt und der kürzere Schwanz ist weißlich, außer dem sehr dünnen schwarzen Mittelstrich. Der dunkle Nasenspiegel hat eine etwas unterschiedliche Form.S. Mattioli, S. 416–417
Systematik
Der Mesopotamische Damhirsch ist eine Art aus der Gattung der Damhirsche (Dama), die zusätzlich den eher in Europa verbreiteten Damhirsch (Dama dama) enthält. Die Gattung gehört zur Familie der Hirsche (Cervidae) und innerhalb dieser zur Unterfamilie der Cervinae. Der genetisch nächste Verwandte der Damhirsche findet sich in der Gattung Megaloceros, zu der der Riesenhirsch (Megaloceros giganteus) gezählt wird (diese Art wurde genetisch getestet). Die Trennung der beiden Linien erfolgte aber wahrscheinlich bereits im Mittleren oder Oberen Miozän.A. M. Lister, C. J. Edwards, D. A. W. Nock, M. Bunce, I. A. van Pijlen, D. G. Bradley, M. G. Thomas, I. Barnes: The phylogenetic position of the ‘giant deer’ Megaloceros giganteus. In: Nature. 438, 2005, S. 850–853.Sandrine Hughes, Thomas J. Hayden, Christophe J. Douady, Christelle Tougard, Mietje Germonpréf, Anthony Stuart, Lyudmila Lbova, Ruth F. Carden, Catherine Hänni, Ludovic Say: Molecular phylogeny of the extinct giant deer, Megaloceros giganteus. In: Molecular Phylogenetics and Evolution. 40, 2006, S. 285–291 Die Zusammengehörigkeit war aufgrund des beiden Gattungen gemeinsamen schaufelartigen Geweihs schon früher teilweise vermutet worden, sie wird darüber hinaus auch durch ein weiteres morphologisches Merkmal, die Form der Innenohrknochen, unterstützt.Bastien Mennecart, Daniel DeMiguel, Faysal Bibi, Gertrud E. Rössner, Grégoire Métais, James M. Neenan, Shiqi Wang, Georg Schulz, Bert Müller, Loïc Costeur: Bony labyrinth morphology clarifies the origin and evolution of deer. In: Scientific Reports. 7, 2017, S. 13176. doi:10.1038/s41598-017-12848-9
Der Mesopotamische Damhirsch wurde 1875 von Victor Brooke als Cervus (Dama) mesopotamicus beschrieben.Victor Brooke: On a new species of deer from Mesopotamia. In: Proceedings of the Zoological Society of London., 1875, S. 261–266 (). Danach galt er lange als Unterart des Damhirschs, bis in den 2000er Jahren aktuelle Systematiken dazu übergingen, ihn als eigenständige Art anzuerkennen.Christian Pitra, Joerns Fickel, Erik Meijaard, P. Colin Groves: Evolution and phylogeny of old world deer. In: Molecular Phylogenetics and Evolution. 33, 2004, S. 880–895, doi:10.1016/j.ympev.2004.07.013. Sein taxonomischer Status bleibt jedoch umstritten. Eine molekulargenetische Studie aus dem Jahr 2012 kam zu dem Ergebnis, dass der Mesopotamische Damhirsch zwar genetisch ähnlich, aber morphologisch unterschiedlich zum Damhirsch ist. So unterscheiden sich beide Formen hinsichtlich der Mikrosatellitenloci und durch mitochondriale Gene. Basierend auf letztere wurde im Jahr 2008 bei Untersuchungen des d-loop-Bereichs die Trennung der Linien, die zum Mesopotamischen Damhirsch und zum Europäischen Damhirsch führen, auf etwa 400.000 Jahre geschätzt.Marco Massetti, Elena Pecchioli, Christiano Vernesi: Phylogeography of the last surviving populations of Rhodian and Anatolian fallow deer (Dama dama dama L., 1758). In: Biological Journal of the Linnean Society. 93, 2008, S. 835–844.Jose Luis Fernández-García The endangered Dama dama mesopotamica Brooke, 1875: genetic variability, allelic loss and hybridization signals. In: Contributions to zoology Bijdragen tot de dierkunde. 81 (4), 2012, S. 223–233, doi:10.1163/18759866-08104003 Dem gegenüber verlagern Analysen des Cytochrom b und umfangreicherer Abschnitte der Mitochondrien-DNA diese Aufspaltung bis in das Untere Pliozän und teilweise auch in das Obere Miozän vor rund 4 bis 9 Millionen Jahren.Alexandre Hassanin, Frédéric Delsuc, Anne Ropiquet, Catrin Hammer, Bettine Jansen van Vuuren, Conrad Matthee, Manuel Ruiz-Garcia, François Catzeflis, Veronika Areskoug, Trung Thanh Nguyen, Arnaud Couloux: Pattern and timing of diversification of Cetartiodactyla (Mammalia, Laurasiatheria), as revealed by a comprehensive analysis of mitochondrial genomes. In: Comptes Rendus Palevol. 335, 2012, S. 32–50.Juan P. Zurano, Felipe M. Magalhães, Ana E. Asato, Gabriel Silva, Claudio J. Bidau, Daniel O. Mesquita, Gabriel C. Costa: Cetartiodactyla: Updating a time-calibrated molecular phylogeny. In: Molecular Phylogenetics and Evolution. 133, 2019, S. 256–262. Genetische Untersuchungen aus dem Jahr 2026 gehen von einem Trennungszeitraum vor etwa 1,91 bis 2,48 Millionen Jahren aus.Alberto Rocha-Méndez, Patrick Arnold, Lutz Kindler, Sabine Gaudzinski-Windheuser, Wil Roebroeks, Fulco Scherjon und Michael Hofreiter: Eemian palaeogenetics demonstrates loss of diversity in modern fallow deer (Dama dama). iScience 29, 2026, S. 116204, doi:10.1016/j.isci.2026.116204.
Verbreitung Prähistorische und historische Verbreitung Im Pleistozän, als der Mensch Europa besiedelte, waren möglicherweise Damhirsche in Mesopotamien, der Levante und in Anatolien verbreitet. Die anatolische Population scheint mit dem Europäischen Damhirsch, der dort noch heute überlebt, koexistiert und mit ihm Hybridpopulationen gebildet zu haben. Es gibt die Vermutung, dass der Mesopotamische Damhirsch zur Zeit der Pharaonen zu den Menagerie-Tieren gehörte, die nach Ägypten eingeführt wurden. Einige Forscher vermuten, dass der Hirsch im 16. oder 17. Jahrhundert im gesamten Nahen Osten verbreitet war.
Das Verbreitungsgebiet der Hirsche schwankte während der Jahrtausende. Die Damhirsche sind seit dem ausgehenden Pliozän bekannt. Innerhalb der Gruppe bestehen zwei Entwicklungslinien, von denen eine Tiere mit einfachen, zwei- bis vierendigen Geweihen umfasst, wie es unter anderem von Dama philisi und Dama celiae bekannt ist. Die zweite Linie schließt die Tiere mit Schaufelgeweihen ein, zu denen auch der Mesopotamische Damhirsch gehört.Jan van der Made, Juan José Rodríguez‑Alba, Juan Antonio Martos, Jesús Gamarra, Susana Rubio‑Jara, Joaquín Panera und José Yravedra: The fallow deer Dama celiae sp. nov. with two‑pointed antlers from the Middle Pleistocene of Madrid, a contemporary of humans with Acheulean technology. In: Archaeological and Anthropological Sciences. Band 15, 2023, S. 41, doi:10.1007/s12520-023-01734-3. Nach gängiger Ansicht bildete sich dieser im Verlauf des Mittelpleistozäns im östlichen Mittelmeergebiet heraus und setzte sich von dem weiter westlich verbreiteten Dama clactoniana ab. Teilweise wurde diskutiert, ob die im gleichen Zeitraum in Mitteleuropa verbreitete und mitunter als eigenständige Art geführte Form Dama geiselana einen Einfluss auf die Herausbildung des Mesopotamischen Damhirschs hatte. Dies ließ sich genetisch nicht bestätigen, da sie sich erst vor rund 228.000 Jahren herausgebildet hatte und lediglich eine Unterart des europäischen Damhirschs darstellt. Es ist aber auch denkbar, dass sich die Linie des Mesopotamischen Damhirschs bis zu Dama pontica zurückverfolgen lässt, eine Form, die anhand eines Geweihrestes aus der Taurida-Höhle auf der Halbinsel Krim bekannt ist und im Altpleistozän vor etwa 1,8 bis 1,5 Millionen Jahren lebte.I. A. Vislobokova: A New Species of Fallow Deer Dama pontica sp. nov. (Artiodactyla, Cervidae) from the Lower Pleistocene of Taurida Cave in the Crimea and the Early History of the Genus Dama. In: Paleontological Journal. Band 58 (6), 2024, S. 714–724, doi:10.1134/S0031030124601026. Die frühen Vertreter unterscheiden sich aber etwas von den heutigen Tieren, beispielsweise in der Art der Sprossenbildung. Im Jungpleistozän bildet der Mesopotamische Damhirsch eine dominante Art an einigen Fundstellen der Levante, so in der bedeutenden neandertalerzeitlich genutzten Tabun-Höhle. Dort kamen allein in Fundschicht B über 1720 Knochenreste von 78 Individuen zum Vorschein, was gut zwei Drittel aller aufgefundenen Tierknochen entspricht. Vermutlich starben die Damhirsche hier eines natürlichen Todes in der Höhle, da sie als Falle wirkte. In den älteren Fundschichten C und D, die in ihrem Alter dem späten Mittelpleistozän entsprechen, fanden sich ebenfalls Reste des Mesopotamischen Damhirsches, wenn auch mit drei und elf Individuen in deutlich geringerer Anzahl. Die Knochen zeigen hier aber deutliche Schnittspuren und geben so eine Nutzung der Kadaver durch den frühen Menschen an.Ana B. Marín-Arroyo: New opportunities for previously excavated sites: paleoeconomy as a human evolutionary indicator at Tabun Cave (Israel). In: Jamie L. Clark, John D. Speth (Hrsg.): Zooarchaeology and Modern Human Origins, Human Hunting Behavior during the Later Pleistocene. Vertebrate Paleobiology and Paleoanthropology Series. Springer, London, 2013, S. 59–75.Ana B. Marín-Arroyoa, Francisco Gil Cano, Mark Lewis: Late Pleistocene foot infection in Dama mesopotamica from Tabun B (Mount Carmel, Israel). In: International Journal of Paleopathology. Band 8, 2015, S. 48–50. Während der Natufien-Periode Israels vor etwa 15.000 bis 9500 Jahren sind nach zooarchäologischen Studien die Damhirsche im Süden Israels ausgestorben, obwohl sich Gazellen und vor allem Rehwild vermehrten. Man geht davon aus, dass dies auf den Klimawandel in Kombination mit veränderten Landnutzungsmustern und dem Jagddruck zurückzuführen ist. Während der frühen Eisenzeit um 1300 bis 1200 v. Chr. waren Damhirsche eine wichtige Spezies, die am Altar auf dem Berg Ebal in der Nähe der Stadt Nablus im nördlichen Westjordanland geopfert wurde. Die damaligen Damhirsche der Region waren größer, die überlebenden Populationen haben sich zu kleineren Tieren entwickelt.