mini|hochkant=1.9|Das Schwelmer Eisenwerk um 1935, im Werkshof Fässer und Tanks Das Schwelmer Eisenwerk Müller & Co. wurde 1886 in Schwelm gegründet und entwickelte sich mit technischer Innovationsleistung in der Herstellung von Fässern, Kanistern, Tanks, Tankwagen und Tankstellen zu einem Großunternehmen des 20. Jahrhunderts. Geleitet von vier Generationen der Unternehmerfamilie Müller bzw. Albano-Müller und Vits, bestand das Werk bis 2002.

Geschichte mini|Frühzeit des Werks in den 1870ern, Maschinenfabrik links, Gießerei rechts Fabrikant August Müller (1817–1896) aus Schwelm kaufte 1886 aus einer Konkursmasse einen kleinen metallverarbeitenden Betrieb seitlich des Schwelmer Bahnhofs. Eingerichtet etwa 15 Jahre früher, firmierte der Betrieb anfänglich unter „Schwelmer Eisenwerk Wetzel & Isert“, später unter „Isert & Co.“ Müller gründete ihn nach dem Kauf um zu „Schwelmer Eisenwerk Müller & Co.“Festschrift 1920, S. 57 Am Kauf beteiligt war der bisherige und im Amt verbleibende Werksdirektor Carl Weber.

mini|links|hochkant=0.55|August Müller, um 1890 mini|Innovationssprung 1890 und neues Kernprodukt (aus Werksprospekt) Das Eisenwerk war unverschuldet in Konkurs geraten durch den Zusammenbruch eines verbundenen Bankhauses. Es arbeitete wirtschaftlich mit etwa 65-köpfiger Belegschaft, in zwei Werkshallen eine Gießerei und eine Maschinenfabrik betreibend. Das hergestellte Sortiment reichte von Türklinken über Fässer bis zu Ziegeleimaschinen. Als erstes Werk in Deutschland hatte es 1878 die Produktion eiserner Fässer aufgenommen, diese anfänglich noch in genieteter Bauweise.

Ähnliche Kleinbetriebe der eisenverarbeitenden Industrie waren im Schwelmer Raum schon seit dem 18. Jahrhundert ansässig, sich anlehnend an die historisch gewachsene Eisen- und Stahlerzeugung in den benachbarten Tälern von Heilenbecke und Ennepe (heute Stadtgebiet Ennepetal).Gerd Helbeck: Schwelm. Geschichte einer Stadt und ihres Umlandes. Verein für Heimatkunde Schwelm, 1995. S. 478–509, 566–568 Zu diesen Betrieben gehörte seit 1842 auch die erste Firmengründung August Müllers im Schwelmer Vorort Möllenkotten. Fabrik „August Müller & Co.“ produzierte ein Programm von Novitäten, darunter Pfeifenstiele, Peitschen und Reifröcke, sämtliche mit eisernen Komponenten. Dieser Betrieb entwickelte sich in der zweiten Jahrhunderthälfte so erfolgreich, dass Müller sich 68-jährig das „Schwelmer Eisenwerk“ als Zweitunternehmung zulegen konnte.

Den Kauf motivierte Müllers Wunsch, jedem seiner vier Söhne eine Karriere als Fabrikant zu erschließen. Das Eisenwerk sollte dem jüngsten Sohn Albano Müller zufallen. Da dieser sich noch im Studium befand, führte einstweilen sein Vater die Geschäfte und leitete zunächst eine betriebliche Neuaufstellung ein. Dazu ließ er Direktor Weber 1889 in Berlin ein Patent des Russen Nicolai Benardos erwerben, das die neuartige elektrische Lichtbogenschweißung beschrieb (Reichspatent 38011).Johann Zeman (Hrsg.): Dingler's Polytechnisches Journal. Verlag der J.G. Cotta’schen Buchhandlung. Stuttgart 1887. . (Technische Beschreibung des Patents von Nicolai von Benardos und Stanisław Olszewski vom 31. Oktober 1885) Angewendet auf die Herstellung eiserner Fässer versprach es einen bedeutenden Innovationsvorteil gegenüber dem herkömmlichen Nietverfahren.

mini|links|hochkant=0.55|Albano Müller (senior), 1896 mini|Werkshof mit 200 Liter-Fässern und Fassmachern, 1903 Im Folgejahr 1890 trat Albano Müller (1866–1946) als studierter Maschinenbauer dem Werk bei und gab als dessen Stoßrichtung die neue Schweißtechnik vor. Er veranlasste erhebliche Investitionen in neue Produktionsanlagen, insbesondere für die Eigenerzeugung des benötigten Schweißstroms mittels Dampfmaschinen, Dynamos und Akkumulatoren. Dabei wurde 1892 auch der renommierte Elektrotechniker Oskar von Miller hinzugezogen. Die anschließende Markteinführung der neuartigen Fässer gelangte nach zähem Anlauf 1894 zum Durchbruch, als das Eisenwerk einen ersten Großauftrag über 3000 geschweißte Fässer von den Königlich Bayerischen Staatsbahnen erhielt. Nachfolgend wuchs das Auftragsvolumen stark und rückte die Fässer zunehmend in den Mittelpunkt der Werksproduktion. Sie fanden Verwendung vor allem für den Transport von flüssigen Brennstoffen, Ölen und Chemikalien durch Eisenbahn- und Schifffahrtsgesellschaften.

1896 starb August Müller und hinterließ seinen Besitzanteil am Eisenwerk dem Sohn. Albano Müller wandelte 1900 das Werk in eine Aktiengesellschaft und übernahm deren mehrheitlichen Besitz in den Folgejahren. Seinen neuen Fabrikantenstatus in Schwelm manifestierte er 1899 mit dem Bau einer repräsentativen Villa am Rand der Schwelmer Altstadt (heute Baudenkmal Hauptstraße 22).

mini|links|hochkant=0.5|Erstes Produktlogo um 1910 mini|Von Fässern zu Tanks (Brauereimesse München 1909) Müller entwickelte das Produktthema der Fässer weiter zu Behältern von immer größerem Volumen. Mit stark zunehmender Industrialisierung Deutschlands gewann neben dem Transport auch die Lagerung von Flüssigkeiten an Bedeutung. Dazu fertigte das Eisenwerk die frühesten Reservoirs, Kessel und Tanks, anfänglich vor allem in Form sogenannter Laden- und Kellerbehälter zur Abgabe von Brennstoffen und Haushaltschemikalien in Apotheken und Drogerien. Unter dem Titel der „Explosionssicheren Gefäße“ definierte das Werk eine neue eigene Kernkompetenz und vermarktete diese mit erstem Produktlogo in Form eines Davidsterns (Bedeutung als Talisman). Um die gesamte Distributionskette zu bedienen, fertigte man die frühesten Tankwagen (noch im Pferdebetrieb) und Kesselwagen für die Eisenbahn ebenso wie Kannen, Wannen und Kanister für den Handeinsatz. mini|Gesamtansicht um 1910 mit neuem Emaillierwerk hinten links

Wachsende Konkurrenz bei Fässern und Tanks veranlasste Müller ab 1902 zu einem neuerlichen Innovationsschub. In aufwändiger Entwicklung ließ er ein Verfahren entstehen, eiserne Behälter inwändig mit einer Beschichtung aus Glasemaille zu versehen. Geeignet für flüssige Nahrungsmittel, richtete sich die Innovation an Brauereien, Brennereien, Kellereien und Molkereien. Das eigene Email wurde 1903 als „Schwelmit“ vorgestellt. Erste innenemaillierte Tanks des Eisenwerks kamen als offene Gärbottiche um 1905 zum Einbau in den Kellern der Schwelmer Brauerei (wo sie noch über Jahrzehnte in Nutzung blieben). In anderer Form wurden Bierlagertanks gefertigt, die nach eigenem Patent stapelbar waren und so eine optimale Raumausnutzung in den Brauereikellern ermöglichten. Vermarktet unter griffigem Titel als „Zeppelintanks“, fanden sie lebhafte Nachfrage und gingen im Export noch bis nach Südamerika. Eigens für den neuen Produktzweig wurde auf dem stetig expandierenden Werksgelände ein großdimensioniertes Emaillierwerk mit Ofen für Behälter von bis zu 38 000 Litern errichtet. Gärbottiche und „Zeppelintanks“ des Eisenwerks wurden 1910 auf der Weltausstellung in Brüssel prämiert.

Im Ersten Weltkrieg, wie später auch im Zweiten Weltkrieg, nahm das Eisenwerk die Herstellung von Munition auf, in beiden Fällen vornehmlich Granatenhülsen. An die Kriegsenden von 1918 und wieder 1945 schlossen sich jeweils Episoden eines weitgehenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs und mehrjähriger Existenznot an. Noch ein weiteres Mal fand sich der Betrieb während der Jahre der Weltwirtschaftskrise um 1931 in seinem Fortbestand akut gefährdet.

mini|Zapfsäulen der frühen 1930er Jahre Der stark expandierende Automobilverkehr in den 1920er Jahren erlaubte es dem Eisenwerk, sich als einer der frühesten und bedeutendsten Hersteller von Zapfsäulen und Zapfstellen (den späteren Tankstellen) zu etablieren. Aufbauend auf der eigenen Kompetenz bei unterirdischen Tanks und Pumpen, entwickelte das Werk ab 1923 innovative Messtechnik für Zapfsäulen (5 L Messgefäß, 2 × 5 L Zwillingsmessgefäß, Durchlaufmesser) und gewann damit bis zum Ende des Jahrzehnts nahezu sämtliche großen Mineralölgesellschaften Deutschlands als Abnehmer der eigenen Produktserie „Schwelmer Tank-Anlagen“. Angeboten wurden Komplettlösungen aus oberirdischen Zapfsäulen und unterirdischen Tanks. Dabei sicherte das Werk seinen anerkannt hohen Qualitätsstandard vor allem dadurch, dass es sämtliche Komponenten wie Leitungen, Pumpen, Armaturen und Messgefäße im eigenen Betrieb herstellte.

Als weiterer bedeutender Produktzweig kam ab Mitte der 1920er Jahre der Bau von motorisierten Tankwagen hinzu. Eines der ersten Modelle des Eisenwerks wurde 1926 auf der GeSoLei in Düsseldorf vorgestellt. Man montierte Tank-Aufbauten auf Fahrgestelle unterschiedlichster Hersteller, etwa Büssing, M.A.N., Henschel, Maffei, van Lienen und Ackermann. Für diese Produktion wurden auf dem weiter wachsenden Werksgelände ab 1927 eigene Fertigungsstätten eingerichtet (hinzugekauftes „Werk II“ jenseits der Loher Straße).

mini|links|hochkant=0.5|Albano Müller junior, um 1929 mini|Tankwagen der frühen 1930er (auf LKW Henschel, Anhänger Ackermann) 1925 trat als Vertreter der dritten Familiengeneration Albano Müller junior (1897–1964) der Geschäftsführung bei. Der Ehemann seiner Schwester, Ernst Hellmut Vits, rückte 1929 in den Aufsichtsrat ein. Juniorchef Müller gründete 1925 einen Werkschor „Schwelmer Eisenwerk Müller & Co.“, der zu späterer Zeit auch außerhalb des Betriebs auftrat und in der zweiten Jahrhunderthälfte zu einer festen kulturellen Institution Schwelms wurde, mit regelmäßigem Jahresprogramm öffentlicher Konzerte.Auch durch den Weltkrieg ließ sich der Chor nicht unterkriegen. Eisenwerks-Sänger blicken auf 70 Jahre bewegte Geschichte zurück. In: Westfalenpost (Schwelm), 3. Februar 1996 Der Chor bestand über mehr als 90 Jahre bis 2018.Werkschor ist bald Geschichte. Der Männerchor Eisenwerk Müller löst sich zum Jahresende auf. In: Westfalenpost (Schwelm), 21. Dezember 2018

mini|links|hochkant=0.5|Erstes Werkslogo ab 1925, mittig ein sprudelndes Fass Über die 1920er Jahre hinweg verdoppelte sich die Belegschaft des Eisenwerks von etwa 500 auf über 1000 Mitarbeiter. Die 1930er Jahre brachten eine erneute Verdoppelung auf über 2000. Das neue Jahrzehnt stand für das Eisenwerk vor allem im Zeichen der Wiederaufrüstung Deutschlands und beginnenden Kriegswirtschaft. Ab etwa 1935 bestimmten zunehmend staatliche Aufträge, vor allem von Luftwaffe und Heer, die Werksproduktion. Der Eisenwerk fand sich unverhofft in der Lage, mit allen seinen angestammten Produktlinien unmittelbar dem neuen Rüstungsbedarf des Staates zuarbeiten zu können. mini|Tankwagen der Kriegsjahre (auf Fahrgestell Ford, im Werkshof)

Für die Luftwaffe und deren ab etwa 1935 entstehendes dichtes Netz von Fliegerhorsten lieferte das Eisenwerk in großen Stückzahlen innenemaillierte unterirdische Treibstofftanks im 50.000-Liter-Format. Eigene Montage-Teams bauten die Tanks auf Flugplätzen in ganz Deutschland und auch zahlreichen (besetzten) Nachbarländern ein. Tankwagen und sogenannte „Notschnelltanker“ des Eisenwerks (kleine, leichte Anhänger) versorgten die Flugzeuge auf den Rollfeldern ebenso wie die Panzer an der Front.

Für das Heer entwickelte das Eisenwerk ab 1936 in Kooperation mit der Firma Ambi-Budd den sogenannten „Einheitskanister“ (20 L). Er vereinte in Form und Funktion zahlreiche innovative Komponenten und ging maßgeblich auf Oberingenieur Vinzenz Grünvogel zurück, den Leiter der Entwicklungsabteilung des Eisenwerks seit 1934. Mehr als 2 Millionen Kanister dieser Art wurden bis Kriegsende in Schwelm hergestellt. Für die Marine konstruierte das Eisenwerk Tankschiffe vor Ort in verschiedenen Seehäfen, sowie ab 1942 in Schwelm sogenannte „Spitztanks“ (Reservetanks für schwimmenden, geschleppten Einsatz).