mini|Die evangelische Friedenskirche in Mönchengladbach-Eicken (1885), auf dem Dach der Glockenstuhl von 1887 Die evangelische Friedenskirche steht in Mönchengladbach (Nordrhein-Westfalen) im Stadtteil Eicken, Margarethenstraße 20. Das bis 1953 „Betsaal“ genannte Gebäude wurde 1885 erbaut. Zu den Besonderheiten dieser Kirche gehört, dass sie zwei spielbare Hauptorgeln, eine romantische und eine neobarocke, besitzt. Ein bemerkenswertes kirchengeschichtliches Ereignis war der sogenannte „Schlosserkrieg“, der sich hier 1938/1939 während des Kirchenkampfes im Dritten Reich zwischen Bekennenden und Deutschen Christen abspielte.
Baugeschichte mini|Innenraum der Friedenskirche mini|Das Gemeindezentrum von 1985 an der Straßenfront Im 19. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung von Gladbach durch Textilindustrie stark an. Das galt auch für die Zahl der Evangelischen – hier vor allem durch zugezogene Facharbeiter und Unternehmer aus dem Bergischen Land – so dass 1857 eine zweite, 1881 eine dritte Pfarrstelle eingerichtet werden musste. Auch die 1847–1852 neu erbaute evangelische Kirche in der Stadtmitte, später Christuskirche genannt, konnte bald die Gottesdienstbesucher nicht mehr aufnehmen. So fasste man den Plan zum Bau einer zweiten Gottesdienststätte.
Nun hatte eine Spenderin, Frau Geheimrat Altgelt, der Gemeinde eine größere Summe zum Bau einer „Klein-Kinder-Schule“ zur Verfügung gestellt. Darum entschied man, Kindergarten und neue Kirche zusammen zu erbauen. Von dem gespendeten Geld kaufte man ein großes Grundstück an der Margarethenstraße und der Gladbacher Architekt W. Weigelt wurde mit dem Bau beauftragt. Weigelt konzipierte einen Kindergartenraum und dahinter, nur durch eine Rollladenwand getrennt, die man bei Bedarf öffnen konnte, eine Hallenkirche. Am 15. März 1885 wurden Betsaal und „Klein-Kinder-Schule“ durch den damaligen Pfarrer und Superintendenten Hermann Otto Zillessen eingeweiht.100 Jahre Friedenskirche, S. 3–5. Nach wenigen Jahren wurde der Betsaal zu klein, so dass Weigelt ihn 1892 auf 26,5 m Tiefe erweiterte, indem er die Ostwand nach hinten verlegte; außerdem baute er Emporen ein.100 Jahre Friedenskirche, S. 5f.
1887 wurde auf dem Dach ein kleiner Glockenstuhl errichtet, der die Glocke des ersten, 1852 abgerissenen evangelischen Gotteshauses von Mönchengladbach, des Betsaals von 1684, aufnahm. Diese Glocke stammt aus dem Jahr 1686 und trägt die Inschrift: Kirchen Siegel der Refermieten zu Gladbach 1686100 Jahre Friedenskirche, S. 5.; „Refermieten“ ist verschrieben für „Reformierten“. Im Ersten Weltkrieg gelang es dem Presbyterium, die Glocke unter Denkmalschutz stellen zu lassen, um ihre Ablieferung und Einschmelzung zu vermeiden. Im Zweiten Weltkrieg musste die Glocke 1942 dennoch abgeliefert werden und alle Versuche, sie durch Tauschobjekte zu retten, schlugen fehl; doch blieb die Glocke in Ostdeutschland erhalten und kehrte 1949, von der russischen Militärregierung freigegeben, nach Gladbach zurück.100 Jahre Friedenskirche, S. 7. Auch das Kirchengebäude überstand den Zweiten Weltkrieg unbeschadet.100 Jahre Friedenskirche, S. 7.
Der Betsaal bzw. die spätere Friedenskirche wurde nicht unmittelbar an der Margarethenstraße, sondern nach hinten versetzt erbaut, was für protestantische Kirchen nicht untypisch war.Die Friedenskirche am Tag des offenen Denkmals, RP online 12. September 2011 Dieser Umstand ermöglichte es 1985, einen Erweiterungsbau (Gemeindezentrum) vor der Friedenskirche auf einer Höhe mit der Straßenfront zu errichten. Dieser Bau wurde von Architekt Heinz Aretz entworfen und am 21. April 1985 eingeweiht.100 Jahre Friedenskirche, S. 28. Allerdings verdeckt er von der Straße aus zu einem großen Teil die Sicht auf die Friedenskirche, die so zu einer Kirche „im Hinterhof“ (B. Limburg) geworden ist.Vgl. Bernd Limburg zur Evang. Friedenskirche in Eicken Das Gemeindezentrum beherbergt das evangelische Jugendzentrum „Treibhaus“http://www.himmel-erde.com/jugend/treibhaus.html und seit 2006 die Ökumenische Altentagesstätte Eicken.Angela Rietdorf: Seit 40 Jahren gibt es die ökumenische Altentagesstätte Eicken, RP online vom 14. Sept. 2018
Name Der ursprüngliche Name Betsaal sollte an das erste evangelische Kirchengebäude von Gladbach erinnern, das von 1684 bis 1852 bestand. Da es damals den Protestanten nicht erlaubt war, regelrechte Kirchen zu erbauen, durfte dieses erste evangelische Gotteshaus von Gladbach nur „Betsaal“ heißen und musste ohne Glockenturm und außerhalb der Stadtmauern am Fliescherberg erbaut werden.100 Jahre Friedenskirche, S. 4; Bonnet, Anmerkungen zur Geschichte, S. 4.
Außerdem wurde das Gotteshaus in der Margarethenstraße zunächst „Betsaal“ genannt, weil es nach damaligem Verständnis nur eine evangelische Gemeinde von Gladbach gab und ebenso nur eine Kirche, nämlich die am Kapuzinerplatz in der Stadtmitte. 1953 wurde der Betsaal in „Friedenskirche“ umbenannt, während die evangelische Kirche in der Stadtmitte in „Christuskirche“ umbenannt wurde.100 Jahre Friedenskirche, S. 11.
Pfarrorganisation Die evangelische Gemeinde von Gladbach hatte am Ende des 19. Jahrhunderts drei Pfarrer und ebenso viele Pfarrbezirke. Dabei waren die Pfarrer des II. Pfarrbezirkes die eigentlichen Pfarrer des Betsaals, es predigten aber turnusgemäß auch die anderen Pfarrer der Gemeinde im Betsaal.100 Jahre Friedenskirche, S. 30f. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Zahl der Evangelischen in Mönchengladbach durch den Zuzug von Heimatvertriebenen stark zu. Deshalb entschied die Kirchenleitung, die evangelische Gemeinde von Mönchengladbach offiziell zu teilen. So existieren seit dem 1. Januar 1965 die Christuskirchengemeinde und die Friedenskirchengemeinde von Mönchengladbach.100 Jahre Friedenskirche, S. 8.
Zur Friedenskirchengemeinde gehörten anfangs die Pfarrbezirke Eicken, Pesch, Lürrip und Neuwerk; heute ist Lürrip als eigenständiger Bezirk entfallen und gehört nunmehr zum zweiten Pfarrbezirk. 2018 kam Hardt als neuer Pfarrbezirk hinzu. In den anderen Pfarrbezirken außer Eicken (wo die Friedenskirche steht) existieren Gemeindehäuser, in denen auch Gottesdienst gehalten wird (Pesch: Paul-Schneider-Haus; Neuwerk: Karl-Immer-Haus; Hardt: Albert-Schweitzer-Haus; vom Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Lürrip musste sich die Gemeinde 2004 aus finanziellen Gründen trennen, heute beherbergt es eine freikirchliche Christengemeinde). Seit 1965 waren die Pfarrer der Friedenskirche: 1965–1967 Bernhard Vosswinckel; 1970–1977 Hans-Uwe Hüllweg; 1980–1985 Elke Müller;100 Jahre Friedenskirche, S. 31 1987–2022 Dirk Sasse.125 Jahre Friedenskirche, S. 74Evangelische Kirche im Rheinland: Pfarrer Dirk Sasse geht nach 35 Jahren in den Ruhestand, 9. Mai 2022 online
Orgel Seifert-Orgel mini|Der Neorenaissance-Prospekt der Seifert-Orgel von 1904. Die Tänzerfigur ist nicht Bestandteil des Prospektes, sondern steht auf einem Seil, das durch den Kirchenraum gespannt ist. Das erste Instrument war von 1885 bis 1892 ein Harmonium. Mit der Kirchen-Erweiterung von 1892 wurde in der neuen Ostwand der Kirche, hinter bzw. über dem Altar, eine Orgelfassade im Stil der Neorenaissance gebaut, eine künstlerische Seltenheit.Vgl. Holger Brülls: Mönchengladbacher Orgeln aus drei Jahrhunderten. Die denkmalwürdigen Instrumente im Stadtgebiet unter musik-, kunst- und zeitgeschichtlichem Aspekt. In: Rheydter Jahrbuch für Geschichte, Kunst und Heimatkunde. 19/1991, S. 41–62, hier S. 52. Zunächst wurde hier eine Orgel (II/P/16) der Gebrüder Oberlinger (Windesheim) eingebaut (1892), die man schon ein Jahrzehnt später als zu klein empfand. So kam es 1904 zum Orgelbau durch Ernst Seifert (Köln-Mansfeld); einige Register wurden dabei aus der Oberlinger-Orgel übernommen.
Im Zuge der Orgelbewegung reifte der Plan, das Instrument durch Austausch einiger Register aufzuhellen. Albert Schweitzer gab am 6. November 1928 ein Orgelkonzert in der Mönchengladbacher Christuskirche,Peter Kleine: Albert Schweitzer in der Christuskirche. In: Evangel. Christuskirchengemeinde Mönchengladbach (Hg.): 100 Jahre Bachverein Mönchengladbach 1892–1992. Festschrift. Mönchengladbach 1992, S. 27–31. und als er beim anschließenden Empfang im Haus Erholung von den Orgel-Umbauplänen im Betsaal hörte, verlangte er hingefahren zu werden, spielte auf dieser Orgel und riet von einem Umbau ab („Das Örgelchen lassen Sie mal so, meine Herren!“).Vgl. Angela Rietdorf: 22. April 2018. Entgegen einem verbreiteten Missverständnis war Albert Schweitzer nämlich kein Befürworter von einseitig neobarock ausgerichteten Orgeln; er schätzte den runden, warmen und feierlichen Ton guter romantischer Orgeln und deren Streicherstimmen.Vgl. Rainer Noll: Der Orgelfachmann und Bach-Internet Albert Schweitzer. 2017. online 1931 ließ man dann aber doch neun grundtönige Register durch obertönige austauschen (durch die Orgelbaufirma P. Furtwängler & Hammer).
1968 wurde die Seifert-Orgel stillgelegt, als Firma Hammer auf der gegenüberliegenden Empore eine neobarocke Orgel erbaute. Bis auf die damals ausgeräumte Balganlage blieben aber Pfeifenwerk und Substanz der Seifert-Orgel erhalten. Dadurch war es 2017–2020 möglich, sie durch Orgelbauer Martin Scholz (Mönchengladbach) restaurieren und in ihren Ursprungszustand versetzen zu lassen. Ein 2017 gegründeter Orgelbauverein unterstützt die Friedenskirchengemeinde bei der Finanzierung. 2020 wurde die restaurierte Orgel eingeweiht.Siehe auch eine Orgelführung auf Youtube vom März 2021. Die Disposition lautet:Disposition auf der Seite des OrgelbauvereinsBrülls: Mönchengladbacher Orgeln (wie zuvor), S. 51. Dort findet sich die Disposition Stand 1991 mit Zuweisung der Register zu den Baujahren 1892, 1904 und 1931.Die Orgeln der Friedenskirche im Organindex (mit Fehlern, so wird das ursprüngliche Instrument Pius Furtwängler zugeschrieben u. a.)Acker: Eicken, evangelische Friedenskirche (wie unter Literatur), S. 40.
mini|Spieltisch der Seifert-Orgel I Hauptwerk C–f3 1. Bordun 16′ 2. Principal 8′ 3. Flaut major 8′ 4. Gedeckt 8′ 5. Quintade 8′ 6. Gamba 8' (S) 7. Viola 8' (S) 8. Vox angelica 8' (S) 9. Oktav 4′ 10. Rohrflöte 4′ (O) 11. Cornett IV (S) 12. Trompete 8′ (O) II Schwellwerk C–f3 13. Lieblich Gedeckt 16′ 14. Geigendprincipal 8′ 15. Hohlflöte 8′ (O) 16. Salicional 8′ 17. Vox coelestis 8′ 18. Aeoline 8′ (S) 19. Gedeckt 8′ (S) 20. Flöte 4′ (O) 21. Flautino 2′ (S) 22. Sesquialtera II ′ (S) Pedal C–f1 23. Violon 16′ 24. Subbaß 16′ (O) 25. Gedeckt 16′ (S) 26. Oktav 8′ (O) 27. Gedeckt 8′ 28. Tuba 16′ Koppeln: II/I, I/P, II/P Spielhilfen: 2 freie Kombinationen, Rollschweller, Tutti, Zungen ab Traktur: pneumatische Membranladen Anmerkungen: (O) = Register aus der Oberlinger-Orgel von 1892 (S) = von Orgelbau Scholz in den Jahren 2017/20 wiederhergestellte Register aus der ursprünglichen Seifert-Disposition sämtliche unbezeichneten Register sind originale Seifert-Register von 1904
Hammer nahm 1931 folgende Eingriffe vor: Im Hauptwerk wurden Nr. 6–8 und 11 ersetzt durch Quinte ′, Waldflöte 2′, Terzflöte ′und Mixtur IV; im Schwellwerk Nr. 18, 19, 21, 22 ersetzt durch Fugara 4', Octave 2', Terzian II, Quinzimbel III; im Pedal Nr. 25 ersetzt durch Oktave 4'. Orgelbauer Martin Scholz stellte die ursprüngliche Disposition wieder her. Das restaurierte Instrument besitzt mit Vox angelica und Vox coelestis in jedem Manual eine Schwebung (als Kombinationsregister, zu dem noch ein anderes gezogen werden muss).
Hammer-Orgel Die Orgelbaufirma Emil Hammer erbaute 1968 eine neue Orgel auf der Westempore gegenüber dem Altar. Die Disposition, aufgestellt vom Orgelbauer und von KMD Lothar Oehm, lautet wie folgt:Die Orgeln der Friedenskirche im OrganindexAcker: Eicken, evangelische Friedenskirche (wie unter Literatur), S. 40.
mini|Prospekt der Hammer-Orgel von 1968