mini|Giacomo Casanova (1788) Das Duell oder Versuch über das Leben des Venezianers G. C. (ital. Titel: „Il duello ovvero Saggio della vita di G. C. veneziano“) ist der Titel einer Novelle des venezianischen Schriftstellers und Reisenden Giacomo Casanova, die der Autor 1780 in der von ihm herausgegebenen Literaturzeitschrift „Opuscoli miscellanei“ veröffentlichte. Erzählt wird mit autobiographischem Bezug die Geschichte eines durch eine Beleidigung ausgelösten Ehrenhandels zweier Männer vor der Kulisse der Warschauer Adelsgesellschaft des 18. Jahrhunderts. Die deutsche Übersetzung von Hartmut Scheible wurde 1988 publiziert.Giacomo Casanova: „Das Duell oder Versuch über das Leben des Venezianers G. C.“. Piper München 1988.
Überblick Der wegen seiner Flucht aus Venedig und seines abenteuerlichen Lebens berühmte Venezianer G. C. reist durch europäische Residenzstädte, verkehrt als prominenter Gast in den adligen Salons und sucht ein Amt als fürstlicher Sekretär oder Diplomat, mit dem er seinen aufwändigen Lebensstil finanzieren kann. Am Königshof in Warschau gerät er 1766 in das Spannungsfeld zweier miteinander rivalisierender Tänzerinnen und ihrer Bewunderer, die verschiedenen politischer Gruppen angehören. Er muss eine Beleidigung aus Gründen der Ehre mit einer Duellforderung erwidern. Dies bedeutet das Ende seiner Karrierehoffnungen und er muss Warschau verlassen.
Handlung In Anspielung auf Casanovas Biographie und v. a. auf seinen nach einer fünfzehnmonatigen Haft spektakulären Ausbruch aus den Bleikammern, dem Gefängnis des Dogenpalastes in Venedig, im Jahr 1755 schildert der anonyme Erzähler die Warschauer Episode eines Venezianers und stellt sie in einen moralisch-didaktischen Rahmen: Er erzähle die Geschichte eines „hitzköpfigen“, unvernünftigen, leichtsinnig seiner „Freiheitsliebe“ und, wie die „niedrigsten Lebewesen“, der „Stimme der Natur“ folgenden jungen Mannes, um zu zeigen, dass das „Schicksal“ oft viel grausamer bestraft als ein „vorübergehendes Sklavendasein“. Anstatt im Gefängnis zu sühnen, musste er, fast 20 Jahre aus der Heimat verbannt, „gegen seinen Willen zum Abenteurer geworden“, „schuldbeladen“ durch fremde Länder irren, u. a. durch Holland, England, Deutschland, Kurland und Russland. Die Erlebnisse in Warschau mit den in die Erzählung eingefügten Reflexionen, kritischen Beobachtungen und Selbstgesprächen sollen dem Leser zeigen, dass es ein Fehler ist, „die Einrichtungen der Gesellschaft zu beflecken, die bescheidene Unterordnung, die den treuen Untertanen ziert, einem Verdacht auszusetzen oder in Zweifel zu ziehen, was zu denken für einen Christenmenschen sich geziemt.“
Eine Anstellung, die seinen Wünschen entspricht, fand der Venezianer auf seinen Reisen nicht. Er erklärt sich seine Misserfolge mit dem System der Ämterpatronage: Ein junger, in höfischer Etikette gewandter Mann macht sich in einer Residenz den russischen Botschafter geneigt. Dieser schreibt der Zarin, er habe eine begabte Person für ein Staatsamt gefunden. Die Zarin lädt den Mann ein und bezahlt ihm die Reise. Damit ist sein Glück gemacht. Auch wenn er für kaiserliche Dienste nicht geeignet ist, kann man sich die mangelnde Menschenkenntnis nicht eingestehen, der Botschafter kann sich unmöglich getäuscht haben, ebenso wenig die Hofgesellschaft. Doch im Gegensatz zu diesem Beispiel hatte der Venezianer keine Einladungen der Zarin, nur persönliche Empfehlungsschreiben. Mit einem solchen reist er 1765 weiter nach Warschau und wird von Fürst Adam Czartoryski, dem Angehörigen einer einflussreichen Adelsfamilie, freundlich als Gast in sein Haus aufgenommen. Dieser macht ihn mit seinem Vater, dem Woiwoden von Rotrussland sowie mit den Großen des Königreichs bekannt. Seine einfache Herkunft ist hier durch seinen literarischen Dienst beim alten König August III. bekannt, doch er trägt den Orden der römischen Ritterschaft, den ihm Papst Rezzonico 1760 verliehen hat: „eine respekterheischende Dekoration, die den Dummköpfen imponiert […] Denn die Welt ist voll von boshaften Tröpfen.“
Bei den Czartoryskis lernt er den neuen polnischen König Stanislaus kennen und er wird zu vielen prächtigen Veranstaltungen eingeladen. Dort macht er Seiner Majestät und den Magnaten „den Hof“. Aus Erfahrung weiß er um die Regeln der Konversation. Wenn der König ihm eine Frage stellt, die er nicht versteht, fragt er nicht zurück, denn es ist unmöglich, dass Seine Majestät sich unverständlich äußert und ebenso unmöglich ist es, dass ein Höfling den König nicht versteht. In einem solchen Fall verbeugt man sich und antwortet irgendetwas: „es mag passend sein oder nicht, es ist immer richtig.“ Es darf keine Gesprächspause eintreten, sonst ist dies ein Anzeichen einer Verstimmung oder einer Ungnade und wird zum Gespräch in der ganzen Stadt. Durch eine solche Situation, als der König nicht weiß, was er zu dem Venezianer sagen soll und ihn in die polnische Komödie einlädt, obwohl er nicht polnisch spricht, gerät er im März 1766 in eine unauflösbare Konfliktsituation.
Ausgangspunkt ist der Konkurrenzkampf zweier Tänzerinnen und ihrer Beschützer. Die namentlich nicht genannte venezianische Künstlerin wird protegiert von dem „Groß-Podstoli“Kammerherr der Krone, dem Spross einer alten Adelsfamilie, General Xaver Branicki, dem der König verpflichtet ist. Die Venezianerin ist eifersüchtig auf die andere Primaballerina Casacci, mit der der Protagonist befreundet ist, und da sie alle, die sie zum Lager der Rivalin zählt, als ihre Feinde betrachtet, verklagt sie den Venezianer bei Branicki. Dieser verspricht ihr, ihn zu bestrafen. Bei der nächsten Theatervorstellung applaudiert der König der Casacci, und deshalb geht der Venezianer in der Pause zu den Garderoben, um ihr zu gratulieren. Branicki folgt ihm, sagt zu ihm, er liebe die Casacci und er solle sie ihm überlassen. Der Venezianer reagiert darauf scherzhaft galant, einem so schönen Kavalier müsse man weichen. Aber Branicki provoziert weiter, nennt ihn einen venezianischen Feigling, da er zurückweiche, und fordert ihn grob auf zu verschwinden: „Fout le camp“. Der Venezianer beherrscht sich, legt die Hand auf den Degengriff und antwortet, ein venezianischer Feigling werde bald den polnischen Helden ins Jenseits befördern. Mit diesen Worten verlässt er das Theater und geht ins Haus Czartoryski. Die Nachricht vom Eklat trifft dort schnell ein und er fragt den alten Woiwoden um Rat. Doch dieser überlässt ihm die Entscheidung: „Ein Mann von Ehre […] muss in einer derartigen Lage entweder viel oder nichts unternehmen.“
Der Erzähler schiebt an dieser Stelle in die Handlung eine Reflexion über die Beleidigung der Ehre und die angemessene Reaktion ein. Der Venezianer befragt dazu die Philosophen. Platon plädiert dafür, erlittenes Unrecht zu erleiden, sei weniger unehrenhaft, als es zu begehen. Jesus Christus ist derselben Auffassung. Die Adelsgesellschaft erwartet jedoch, dass sich der Beleidigte einem Kampf stellt. Rousseau schreibt dazu, wirklich gerächt seien nur die, die ihre Beleidiger zwingen, sie umzubringen. Zu einem solchen Ende möchte es der Venezianer nicht kommen lassen, aber er gelangt zu dem Schluss, dass „[d]ie Herausforderung zum Duell [-] der natürliche Impuls eines Charakters [ist], der durch seine Erziehung sich zu mäßigen und seine primitiven Reflexe zu zügeln weiß.“ Er denkt auch über eine Strategie nach, wenn Branicki seine Forderung aus Standesgründen, wegen seines Staatsamtes oder aus Angst vor dem Tod ablehnt.
Nach seiner Entscheidung schreibt der Venezianer in höfischer Sprache einen Brief an Branicki und fordert ihn zu einem Duell an einem Ort, an dem die polnischen Gesetze nicht gebrochen werden. Es folgt ein mehrmaliger höflicher Briefwechsel über die Waffen, den Ablauf der Aktion und den Termin. Da sich die Kontrahenten nicht einigen können, besucht Branicki ihn in seinem Zimmer. Es folgt ein respektvolles Gespräch über die strittigen Fragen, das der Erzähler in Dialogform wiedergibt. Sie einigen sich, sprechen einander ihre Hochachtung aus und versprechen sich, wenn sie beide überleben, gute Freunde zu werden. Darauf trifft der Venezianer seine Vorbereitungen, bringt seine Aufzeichnungen bei einem Freund in Sicherheit und bestellt ein delikates, nicht zu üppiges Mittagessen, um, wie Horaz es vorschlägt, die „Kräfte des Körpers und des Geistes“ in ein stabiles Gleichgewicht zu bringen. Dann fahren sie gemeinsam in Branickis Wagen zum Duellplatz, unterhalten sich über ihre Reisepläne für den Sommer, den sie hoffentlich erleben werden, und erreichen schließlich den großen Garten des Grafen von Brühl. Als ein von Branicki zu seinem Gefolge geladener Generaladjutant des Königs überrascht merkt, dass Duellpistolen vorbereitet werden, erhebt er Einspruch gegen den Zweikampf, da der Garten innerhalb der Starostei von Warschau liegt und er fürchtet, durch seine Anwesenheit bei einem Gesetzesverstoß in Ungnade zu fallen. An der Reaktion des Groß-Podstoli, es gehe um seine Ehre und er trage für alles die Verantwortung, wird deutlich, dass er sich diese Provokation bei einem König, der wenig Rückhalt bei den Landesfürsten hat, erlauben kann. Damit beginnt das Duell: Übergabe der Pistolen, zehn Meter Distanz, ein Wortwechsel, der offenbar Branicki irritiert, Kommando. Beide schießen gleichzeitig. Der Venezianer wird an der Hand getroffen, Branicki schwer am Bauch verletzt. Aber er kann noch zwei seiner Leute, die ihn mit ihren Säbeln rächen wollen, zurückrufen und bietet dem Venezianer ein Pferd zur Flucht an, um dem Gericht zu entgehen. Doch dieser lehnt ab. Darauf wird der Podstoli zur Behandlung in die Stadt gebracht. Um den Venezianer kümmert sich niemand und er lässt sich von Bauern auf ihrem Schlitten zum Kloster der Barfüßermönche fahren. Als Bissinski, der Adjutant Branickis, ihm auf der Straße zur Stadt mit gezogenem Säbel entgegenreitet, kann er sich unter Strohmatten verstecken und entgeht seiner Rache.
Der Venezianer fasst als Ergebnis zusammen, dass sich zwar Branicki ihm gegenüber ehrenvoll verhielt, dass aber von seinen über den Ausgang des Duells erzürnten Leuten die Zusagen, ihn zu versorgen und zu beschützen, nicht eingehalten wurden. Die Anhänger Branickis sinnen auf Rache und Bissinski sucht den Venezianer mit seinen Ulanen in Warschau in den Häusern seiner Freunde. Es kommt zu Ausschreitungen. Der Venezianer wird daraufhin auf Befehl des königlichen Großmarschalls Bielinski beschützt und vom König begnadigt. Bissinski muss nach Königsberg fliehen. Branicki erkundigt sich nach seinem Gesundheitszustand. Der Venezianer besucht den ehemaligen Gegner und bittet ihn um Vergebung, um sein Wohlwollen und seinen Schutz. Der Erzähler kommentiert, die erste Bitte sei eine Lüge, die zweite entspreche der Wahrheit. Branicki willigt in die Versöhnung ein.
An dieser Stelle wird wieder eine Reflexion über die Duellordnung eingefügt. Der Venezianer stellt sich verschiedene Fragen, u. a. ob er nicht, anstatt auf den Körper Branickis, in die Luft hätte schießen sollen und wie sein Gegner darauf reagiert hätte, oder ob man nach dem Duell durch Beichte von der Exkommunikation freigesprochen werden könne. Darüber unterhält er sich mit dem Beichtvater Czartoryskis und sie einigen sich für die Absolution auf die Formel: „Sollte es sich bei meinem Konflikt mit dem Podstoli, der mir kein Duell gewesen zu sein scheint, doch um ein Duell gehandelt haben, so bereue ich und bitte die heilige Mutter Kirche um Lossprechung von meiner Sünde und die Wiederaufnahme in die Gemeinde der Gläubigen.“