mini|200px|Pastor Karl Nielsen (1967) Karl Nielsen (* 16. April 1895 in Jelstrup (Kirchspiel in der heutigen Vesthimmerlands Kommune in Nordjütland) bei Aars; † 8. März 1979 in Århus) war ein dänischer Pfarrer, Schriftsteller, Dramatiker, Debattenredner, Herausgeber von Büchern und Zeitschriften, Lehrer und ab 1950 Leiter des Jugend-Europahauses in Hamburg-Horn.
Herkunft Familie mini|Familie Niels Nielsen aus Jelstrup (1906) Karl Nielsen wurde als drittes von sechs Kindern der Eheleute Niels Kristian Nielsen (1867–1956) und Else Marie Jensen (1864–1940) geboren.Dansk Biografisk Leksikon. Gyldendal, Kopenhagen, 3. Auflage 1979–1984. Seine Eltern waren seit 1890 verheiratet und bewirtschafteten den eigenen Hof Vestmark in Jelstrup in Nordjütland. Sie waren wirtschaftlich unabhängig.Zur wirtschaftlichen und politischen Lage der Bauern siehe: Peter Manniche: Dänemark. Ein soziales Versuchsfeld, Bad Nauheim : Christian-Verlag 1953. Sein Vater gründete 1898 die Freie Schule HavbroHavbro ist eine Gemeinde westlich von Aars, zu der Ende des 19. Jahrhunderts auch Jelstrup zählte. – Die Havbro Friskole (Freie Schule Havbro) steht in der Tradition der freien Schulen mit den Arbeitsprinzipien von Christen Kold und Grundtvig. Sie hat alle Klassen von 0 bis 9, von denen einzelne Klassenstufen bei geringer Schülerzahl auch zusammen unterrichtet werden. Seit 2015 ist sie mit der Naturschutzinstitution Sneglehuset (Schneckenhaus) fusioniert und seit 2016 können ihre Schüler an den Abschlussprüfungen des Unterrichtsministeriums teilnehmen., die mit vier Schülern im Mansardenzimmer des Wohnhauses begann und bis heute, allerdings in neuen Gebäuden, existiert. In seinem Elternhaus wurde gelesen, diskutiert und der Ehrgeiz der Kinder geweckt. Sie wurden ermutigt, ihren eigenen Weg zu wählen, der für alle weg von der Landwirtschaft und hin zu Literatur und Kunst führte. Hanne Abildgaard: Kirsten Kjær: Menneskemaler, S. 14 (dänisch). Alle seine Geschwister wurden – wie im weiteren Sinne auch er – mehr oder weniger Künstler. Der älteste, Jens (1891–1978), wurde Maler in der Tradition von Emil Nolde.Jens Nielsen, auf Webseite des Holstebro-Kunstmuseums.Das Museum von Holstebro, dem von 1971 bis Ende 2013 eine selbständige Abteilung mit dem Namen »Jens Nielsen og Olivia Holm-Møller Museet« angeschlossen war, besaß bis Anfang 2022 eine große Sammlung der Werke Jens Nielsens und der Werke seiner Partnerin Olivia Holm-Møller (1875–1970). Der zweite Bruder, Frode (1892–1984), der zunächst von 1918 mit der bis heute in Dänemark sehr populären Malerin Kirsten Kjær (1893–1985) verheiratet war,Siehe Webseite des Kirsten Kjær Museums. wurde ebenfalls Maler und wurde vor allem in den USA, wo er eine Kunstmaler-Schule gründete, unter dem Namen Frode Nielsen Dann bekannt. Frode Nielsen änderte bei der Scheidung von seiner ersten Frau im Oktober 1934 seinen Namen in Frode Nielsen Dann (vermutlich als Andeutung seiner Herkunft aus Dänemark, dänisch: Danmark), nannte sich für die amerikanische Öffentlichkeit aber nur „Frode Dann“ und zeichnete mit diesem Namen auch seine Bilder. Im selben Jahr traf er in Kalifornien die amerikanische Künstlerin Katharine Skeele (1896–1963) und liierte sich mit ihr. Das Paar heiratete erst 1946 und Katharine Skeele fügte ihrem Namen den Namen „Dann“ hinzu. Frode Dann und Katharine Skeele Dann gründeten 1951 die Pasadena School of Fine Arts und ließen sich 1955 in Pasadena nieder. Der jüngste Sohn, Valdemar (1897–1986), wurde nach einer Zeit der Selbstfindung in Kanada auf dem elterlichen Hof in Jelstrup Landwirt wie sein Vater und schrieb nebenher Bücher.Valdemar Nielsen besuchte nur den Hausunterricht, begann mit 20 Jahren ein Studium an der Abendschule, brach es aber ab, weil er darauf nicht ausreichend vorbereitet war. Er ging Mitte der 1920er Jahre nach Kanada, wo er zwei Jahre arbeitete und weitere zwei Jahre als Vagabund durchs Land zog. Auf Kosten des dänischen Konsulats kehrte er nach Dänemark zurück. Dort wurde er nach Reisen durch die skandinavischen Länder Landwirt. 1937 übernahm er den elterlichen Hof und erweiterte seinen Namen um den Namen des Hofes und hieß fortan Valdemar Nielsen Vestmark. Nebenbei betätigte er sich als Schriftsteller und verarbeitete seine Zeit in Kanada in drei Büchern. Nachruf Dødsfald (Todesfall) in „Løgstør Avis“, 31. Juli 1986. Die ältere Schwester, Marie (1900–1992), die seit 1926 mit dem Maler Albert Elmstedt (1895–1976) verheiratet war und sich nach ihrem Geburtsort Marie Nielsen Jelstrup nannte, wurde Schriftstellerin. Die jüngere Schwester Dagny (1909–1990), die 1935 den Zeichner Jørgen Schou (1896–1940) heiratete, wurde Malerin – bekannt unter dem Namen Mette Schou –, die Naturbilder, Landschaften sowie Porträts malte.
Kindheit, Jugend und Ausbildung Karl Nielsen wurde gemeinsam mit seinen Geschwistern zu Hause unterrichtet (in Dänemark gibt es keine Schulpflicht, wohl aber eine Unterrichtspflicht).In den kommunalen Schulen wurde neben den klassischen Fächern Lesen und Schreiben sowie Rechnen Geschichte und Bibelkunde unterrichtet. Kinder, die von einem Hauslehrer unterrichtet wurden, entgingen dem sturen Auswendiglernen in der staatlichen Schule und erlebten in einem lebendigeren Unterricht nach den Ideen von Christen Kold auch solche Fächer wie Biologie, Geografie oder Kunst. Im Grundschullernen der Kinder in Himmerland (und nicht nur da) spielte im 19. Jahrhundert die dänische Mythologie eine große Rolle,Joachim Larsen: Lesebuch für Volksschule und Heim, 1879. was bei den naturverbundenen und abgeschieden lebenden Menschen auf fruchtbaren Boden fiel, auf dem sich auch die grundtvigsche Theologie erfolgreich entwickeln konnte. Die grundtvigsche HochschulbewegungEs geht um dänische „Hochschulen“, die mit deutschen Volks- und Heimvolkshochschulen, nicht mit Hochschulen im Sinne von Universitäten, vergleichbar sind. – Fußend auf einer Idee von N. F. S. Grundtvig aus der Zeit um 1830, mit einer „freien“ Unterrichtsform dem Bedürfnis nach volkstümlicher Aufklärung zu entsprechen und eine Hochschule zu errichten, begann vor allem der Pädagoge und Theologe Christen Kold (1816–1870) ab 1851 mit der zweiten Hochschule (in Ryslinge auf Fünen) in Dänemark und besonders nach dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 Hochschulen aufzubauen, in denen methodisch die Verkündung durch das „lebende Wort“, durch das Lehr-Gespräch (wie in den kirchlichen Erbauungsversammlungen) als Lehrprinzip verfolgt wurde. Ursprünglich nur für Männer wurden ab 1885 beide Geschlechter in den Hochschulen aufgenommen. Prominentestes Beispiel ist die Hochschule in Askov. Etwa ab 1900 wurden Handwerker-, Arbeiter-, Sport- oder Krankenpflege-Hochschulen und Schulen mit Verbindung zu kirchlichen Einrichtungen gegründet. Die großen Hochschulen wurden Institutionen, die lokalen verschwanden mit der Zeit. spielte in der Familie und ihrer Umgebung eine wichtige Rolle. Karl Nielsen studierte nach dem Abitur und einem Aufenthalt in LiselundUffe Hansen, Asger Højmark: „De Grundtvigske Fri- og Valmenigheder“, S. 308. von 1916 bis 1921 in Døckers Kurs (einer Studieneinrichtung in (Kopenhagen-)Frederiksberg, die stark von Lehre und Ideen des dänischen Kirchenreformers Grundtvig geprägt war) Theologie und besonders auch Grundtvigs Lehre und Schriften zum Verhältnis von Mensch und Glauben in der Volkskirche. Er entwickelte die Einstellung, dass der Mensch im Mittelpunkt der Glaubensarbeit in den Gemeinden zu stehen habe („Erst ist der Mensch Mensch – dann Christ“), dass die seelsorgerische Arbeit in der Gemeinde vor den kirchlichen Ritualen und der kirchlichen Tradition zu stehen habe und frei sein müsse von kirchlich-hierarchischer Leitung oder gar Bevormundung. Und Karl Nielsen handelte nach dieser Überzeugung!
Arbeitsleben Pfarrer in den USA 250px|mini|Grand View College, Des Moines, Iowa ca. 1900 Am 6. Mai 1921 heiratete Nielsen in Vrå in Nordjütland seine erste Ehefrau Cathrine Hansen. Mit ihr reiste er im Herbst 1921 in die USA, um seine Ausbildung zum Pfarrer in Des Moines (Iowa) am dortigen dänisch-amerikanischen Predigerseminar Grand View College zu vervollständigen, wohin ihn die „Kommission für ein Pastorat in der Dänischen Kirche“ entsandt hatte.Thorvald Hansen: The Karl Nielsen Matter, S. 127. 250px|mini|Dannevirke vom 3. Juli 1929 Seite 1 Am Schluss der Ausbildung 1922 machte er allerdings kein theologisches Examen und verweigerte die Ordination. Dies verursachte einen Skandal, der von der amerikanisch-dänischen Wochenzeitung Dannevirke breit aufgegriffen wurde.
Unterstützt und gefördert wurde er vom damaligen Leiter des Grand View College, Pastor Carl P. Højbjerg. Jeweils mit einem Ruf versehen arbeitete er ab 1922 zusammen mit seiner Frau im Siedlungsgebiet dänischer Auswanderer (westlich des Michigansees gelegen, genannt West Denmark) in mehreren WahlkirchengemeindenWahlkirchengemeinde ist eine Gemeindeform innerhalb der dänischen Volkskirche. Die Mitglieder zahlen keine Kirchensteuer, wählen ihren Pfarrer selbst, entlohnen ihn und seine Mitarbeiter, sorgen für seine Unterkunft und sichern den Erhalt des Kirchengebäudes und der Grundstücke. als Pfarrer. Erst nach einem in der Folge des Skandals geänderten Weiheritual wurde Nielsen 1923 als Pfarrer ordiniert. Seine Beiträge und Artikel in Dannevirke, die auch in Dänemark stark beachtet wurden, fanden in der dänisch-amerikanischen Öffentlichkeit eine große Resonanz. In den rund fünf Jahren seines Aufenthalts veröffentlichte er in dieser Wochenzeitung mehr als 20 Artikel und Beiträge sowie eine Vielzahl von Leserbriefen. 1925 publizierte er das Buch Kirkeliv eller Menighedsliv (Kirchenleben oder Gemeindeleben), eine theologische Streitschrift, die sowohl in Dänemark als auch in den dänischen Gemeinden in den USA Aufsehen erregte und die in Dänemark bis in die 1940er Jahre immer wieder zitiert wurde.
Beruflicher Werdegang in Dänemark Der dänische Theologe und Hochschullehrer Holger Begtrup lernte 1924 Karl Nielsen auf einer Vortragsreise in den Vereinigten Staaten kennen. Er bot ihm eine Stelle als Lehrer an der von ihm 1895 gegründeten und geleiteten Frederiksborg Heimvolkshochschule in Ullerød, westlich von Hillerød (Nord-Seeland) an. 1926 kehrte Nielsen nach Dänemark zurück und arbeitete bis 1928 an dieser Heimvolkshochschule als Lehrer, wollte aber auch eine kirchliche Tätigkeit ausüben. In Frederiksborg eröffnete sich aber keine Gelegenheit dafür, wohl aber wenig später im Norden von Seeland. Zugleich mischte er sich mit Verve in die theologischen Debatten ein. Bei seinen öffentlichen Auftritten richtete er heftige Angriffe gegen den religiösen Idealismus, den er vor allem im grundtvigschen Lager erkannt hatte. Er opponierte lautstark gegen die seiner Meinung nach verkrusteten Strukturen der Kirche und der Hochschulen, ohne aber Wesentliches verändern zu können. Sein späterer Nachfolger in Ågård, Richard Andersen, beschreibt Nielsens erste Phase nach seiner Rückkehr so:
1927 kaufte Nielsen in einer Wahlkirchengemeinde in Odsherred (Sjælland) den Hof „Toftegård“, 1928 wurde er in Odsherred Pfarrer und richtete auf diesem Hof und dem Gebäude der Freien Schule auch eine Schule für 15 bis 16 Schüler ein.„Dannevirke“, 5. September 1928, S. 2. mini|Ågård frimenighedskirke (Vejle)