mini|hochkant=1.5|Jugend-Europa-Haus Hamburg in seiner endgültigen Gestalt 1964. Blick von Süden. Das Jugend-Europahaus (JEH) war die erste Jugend-, Freizeit- und Tagungsstätte in Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg. Vom Frühjahr 1951 bis zum Sommer 1967 diente das Haus als kulturelle „Friedens- und Versöhnungsstätte“ der Betreuung von Kindern und Jugendlichen sowie der Bildungs- und Tagungsarbeit mit Erwachsenen aus Deutschland, Dänemark und anderen westeuropäischen Ländern. Es war zugleich die erste bilateral betriebene und geförderte Einrichtung in der Stadt. Durch das Haus sollte die Zusammenarbeit zwischen den Völkern, insbesondere zwischen Dänemark und Deutschland gefördert werden, vor allen Dingen unter der europäischen Jugend. Mit der Arbeit im Jugend-Europahaus wurde ein bedeutender Beitrag für einen erfolgreichen Wiederaufbau internationaler kultureller Strukturen in Hamburg und zur kulturellen Versöhnung zwischen der dänischen und der deutschen Jugend geleistet.
Geschichte Die Lebenssituation in Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg, das durch Flächenbombardements 1943 weitgehend zerstört wurde, war dramatisch.Arthur Dähn: Die Zerstörung Hamburgs im Kriege 1939–1945. In: Hamburg und seine Bauten 1929–1953, Hrsg. vom Architekten-Ingenieur-Verein, Hoffmann und Campe, Hamburg 1953. Uwe Schmidt beschreibt sie eindringlich für einen zentralen Hamburger Stadtteil:
Im zerbombten Innenstadtbereich gab es Wohnviertel, in denen auch alle Schulen vollständig zerstört waren. In der knappen Hälfte aller Hamburger Schulen konnte im Herbst 1945 der Unterricht nicht wieder aufgenommen werden. Zudem wurde die unterrichtslose Zeit nach dem Krieg um fünf Monate bis März 1946 verlängert, weil die Schulen auf Anordnung der Militärregierung vorläufig geschlossen blieben. Manche Schulen konnten nicht für ihren eigentlichen Zweck genutzt werden, weil in ihnen Militär untergebracht war. Für die Kinder bedeutete das, dass es neben dem Ausfall des schulischen Lernens auch keine geregelten Tagesabläufe mit einer vorgegebenen Ordnung und kein soziales Leben, wie es im Klassenverband stattfinden kann, mehr gab. Der daraus drohenden körperlichen, psychischen und moralischen Verwahrlosung musste sich nicht nur die Schule in den Folgejahren entgegenstellen. Nachdem der Schulbetrieb wieder aufgenommen worden war, sah allerdings vor allem in den Schulen Am Pachthof 15 und 17 in Hamburg-Horn nahe dem Blohms Park die tägliche Schulsituation erbärmlich aus, weil u. a. polnische Armeeangehörige in der Schule Am Pachthof 15 einquartiert gewesen waren und bei ihrem Abzug manche Teile der Ausstattung mitgenommen hatten. Zudem war die Raumknappheit auch dadurch immens, dass die noch während der letzten Kriegsjahre beschlagnahmten und fremd genutzten Räume der Schulen auch weiterhin für den Publikumsverkehr (Postamt, Fahrradhändler, Schuhmacher, Friseur) geöffnet waren.
mini|Blohmspark (1845) Zwischen 1945 und 1950 besuchte der dänische Pfarrer, Schriftsteller und Journalist Karl Nielsen mehrmals Deutschland und insbesondere Hamburg. Hier lernte er die Not der Menschen und erste Schritte zum Wiederaufbau der Stadt kennen.Zur Entwicklung des Wiederaufbaus der Stadt siehe: Dorothee Stapelfeldt: Wohnungsbau der 50er Jahre in Hamburg. Münster/Hamburg 1993. Von 1948 bis 1951 arbeitete Nielsen in Kopenhagen als Redakteur der Zeitschrift „Kontakt“ (erschienen 1948–2005), die von Mellemfolkeligt Samvirke (MS) (Zusammenarbeit zwischen den Völkern), einer dänischen Hilfsorganisation, veröffentlicht wurde. Mellemfolkeligt Samvirke erhielt ein Holzhaus als Geschenk norwegischer Friedensfreunde für die Unterstützung, die diese im damals besetzten Norwegen erfahren hatten. Ursprünglich sollte das Haus nach Jugoslawien geschickt werden, politische Umstände verhinderten dies aber. In dieser Situation entstand die Idee, das Haus in Hamburg aufzustellen und dort eine Jugendeinrichtung zu organisieren – das spätere Jugend-Europahaus –, das mit vorerst bescheidenen Möglichkeiten seinen Beitrag zur Unterstützung der Jugendlichen und der Kinder leisten sollte. Die Idee war ein gemeinsames Werk von Karl Nielsen und Heinrich Carstens, dem Vorsitzenden von International Voluntary Service (IVS) in Deutschland, der das Projekt begeistert förderte. Er hatte schon früh Kontakte zu MS bzw. ihrer Vorläuferorganisation aufgebaut und war ein enthusiastischer Fürsprecher für eine dänisch-deutsche Zusammenarbeit. Die beiden Männer begleiteten tatkräftig auch die Verwirklichung dieser Idee.
Das Haus sollte nach einem längeren Findungsprozess im Blohms Park auf den Fundamenten der 1943 zerbombten Blohmschen Villa errichtet werden. Die Villa, ein imposantes Landhaus, das in seiner ersten Gestalt 1834 fertiggestellt wurde, gehörte im Laufe der Zeit mehreren Industriellen. Am längsten, von 1875 bis 1916, gehörte sie dem Hamburger Kaufmann Ludwig Friedrich Blohm (1837–1911), dem Bruder von Hermann Blohm, was zur Etablierung des Namens „Villa Blohm“ im Blohms Park führte. Der letzte Besitzer des Hauses bis zu dessen Zerstörung war die Kreisleitung V der NSDAP. Hier war bis 1945 auch die Hitlerjugend untergebracht gewesen.
Bereits im Frühjahr 1950 wurden die Reste der Villa gesprengt und entfernt. Im Herbst begannen die Vorbereitungen für den Aufbau des zukünftigen Jugend-Europahauses. Teile der ehemaligen Kellerräume der alten Villa wurden für den Keller des neuen Hauses freigelegt. Im November wurden neue Grundmauern errichtet. Mellemfolkeligt Samvirke organisierte inzwischen den Transport des norwegischen Holzhauses nach Hamburg. Das in Norwegen in seine Bauteile zerlegte Haus wurde Anfang Dezember 1950 mit dem Küstenmotorschiff „Gerda Luise“ nach Hamburg gebracht. Den Transport vom Hafen zum Blohms Park organisierten freiwillige Helfer. Den Aufbau des Hauses leisteten diese Helfer unter der Leitung eines dänischen Zimmermanns ebenfalls. Das Haus wurde so positioniert, dass die Giebel in West-Ost-Richtung lagen, der Eingang befand sich auf der zum Park hin weisenden Ostseite. Außerdem wurde ein Anbau an das Haus geplant.
Unmittelbar an der Ostseite des Hauses, unter dem Eingang befand sich zuvor ein etwa 8 Meter tiefer Brunnenschacht des ehemaligen Ziehbrunnens der Blohmschen Villa mit einem Querschnitt von 1 m × 1,5 m. Da dieser Brunnen seit dem Anschluss der Villa an die städtische Wasserversorgung 1874 nicht mehr benutzt worden war, waren dessen gemauerte Wände stark von Hausschwamm befallen. Um den Brunnen wieder nutzbar zu machen, hätte er nur mit giftigen Mitteln bekämpft werden können, was zu einer Gefährdung der Arbeiter und zu einer Bauverzögerung geführt hätte. Der Brunnenschacht wurde daher zugeschüttet und mit einer Betonplatte abgedeckt. Nach dem Abschluss dieser Vorarbeiten konnte das Haus relativ zügig aufgestellt werden.
Unter der Leitung des jungen Architekten Jürgen Karsten,Jürgen Karsten war der Sohn des späteren Vorstandsmitglieds und Repräsentanten der Jugendbehörde im Vorstand des Jugend-Europahaus e. V., Regierungsrat Albert Karsten wurde bereits im Frühjahr 1951 der geplante eingeschossige Anbau errichtet, in dem sich der sogenannte Saal befand. Der Eingang zum Haus wurde in die Mitte dieses Saalanbaus verlegt und der bisherige Eingang zum Durchgang in den Saalanbau umgestaltet. Der zugeschüttete Brunnenschacht befindet sich seither unter diesem Übergang.Gerd Rasquin: , 1999, Fassung von 2018.
Noch im Dezember 1950, kurz vor Weihnachten, wurde Richtfest gefeiert. Im Januar 1951 waren auch die Innenausbauten weitgehend abgeschlossen. Am 1. März 1951 fand die Eröffnungsfeier statt und das Haus konnte seiner Bestimmung übergeben werden.
Es ist bezeichnend, dass das Jugend-Europahaus auf den Fundamenten eines Hauses aufgebaut wurde, in dem zuletzt vor seiner Zerstörung u. a. die Hitlerjugend – eine Organisation, die in ganz anderem Geiste mit Jugendlichen arbeitete – residiert hatte. Karl Nielsen wurde mit der Leitung der neuen Einrichtung, der eine große Aufgabe aufgeladen worden war, betraut, und er hatte dieses Amt bis zur Auflösung der Einrichtung inne.
Durch die allmähliche Ausweitung der Aktivitäten und die wachsende Anzahl der Besucher Mitte der 50er Jahre zeigte sich die Notwendigkeit, das Haus zu erweitern. Diese dringend erforderliche bauliche Erweiterung wurde 1958/59 als Anbau an der Ostseite des Saals und im gleichen Stil wie das ursprüngliche norwegische Holzhaus ausgeführt. Die detaillierten Pläne für die Errichtung des Anbaus lieferte der dänische Architekt Jens Dall aus Aabenraa. Die Arbeiten für diesen Erweiterungsbau wurden, wie bereits 1950 für den Saal-Anbau, ebenfalls von Jürgen Karsten geleitet. Bei der Einweihung der Erweiterung bezeichnete 1959 der Leitende Regierungsdirektor der Jugendbehörde Hamburg, Raloff, das Haus mit der darin geleisteten Arbeit als „ein Juwel unter den Jugendhäusern“„Hamburger Abendblatt“, 6. Juni 1959. der Stadt.
Karl Nielsen hatte schon früh die Idee, das Jugend-Europahaus zu einem Vorbild für Kulturzentren in Europa zu entwickeln und diese in einen lebendigen Austausch miteinander zu bringen. Mangels finanzieller Ressourcen wurde diese Vision vom „Zentrum eines Netzwerks europäischer Kulturzentren […] (jedoch) nicht verwirklicht“.Kjeld Juul: Mod Nye Grænser, S. 194. mini|Jugend-Europahaus – Karl Nielsen und Mitarbeiterinnen (1951)
Nach der erfolgreichen Einrichtung von Häusern der Jugend in Hamburg-Horn und in allen anderen Hamburger Bezirken in den 60er Jahren wurde die Kinder- und Jugendarbeit im Jugend-Europahaus in Absprache zwischen der Jugendbehörde Hamburg und dem dänischen Ministerium für Kulturelle Angelegenheiten 1967 aufgegeben. Im Mai 1967 ging Karl Nielsen in den Ruhestand. Am 10. Dezember 1967 fand im Jugend-Europahaus die Abschiedsfeier für ihn und mit ihm statt. Zwischen Mai und Ende Dezember wurde das Haus von Inge Iwan verwaltet. Jugendarbeit und Tagungen gab es aber nicht mehr. Zum 31. Dezember 1967 wurde die Arbeit des Hauses endgültig eingestellt. Ab dem 1. Januar 1968 diente das Gebäude als Sitz der 1967 gegründeten Dänisch-Deutschen Akademie, die die Tagungsarbeit unter ihrem neuen Leiter Børge Møllgaard Madsen (1920–1975) mit dem bisherigen Trägerverein „Jugend-Europahaus e. V.“ und mit neuen Themenstellungen fortführte. Zum 1. Januar 1970 übernahm Carl Nyholm die Leitung der Akademie, der er bis zu ihrer Auflösung am 31. Dezember 1999 vorstand.
In Zusammenhang mit der Auflösung der Akademie, wurde in der Jugendbehörde in Hamburg überlegt, wie das Haus danach genutzt werden könnte. Eine der Ideen, die aber nicht realisiert wurde, sah vor, das Haus als Jugendherberge zu nutzen. Im Endeffekt stand es dann eine Zeit lang leer, bis es vom Verein „Beschäftigung + Bildung e. V.“ (heute: B+B Beschäftigung und Bildung gGmbH) als „JuWo-Haus im Park“ für Jugendwohngruppen umgebaut und für diesen Zweck von Oktober 2010 bis Ende Dezember 2019 genutzt wurde. Ab April 2020 wurden in dem Haus als Notunterkunft vorübergehend während der Covid-19-Pandemie durch den Kreisverband Hamburg-Altona und Mitte des Deutschen Roten Kreuzes obdachlose Frauen untergebracht.Blohms Park auf Bambooblog. Seit dem 7. Oktober 2022 ist das umgebaute Haus als „Residenz im Park“ ein Haus für Schutz suchende Mütter und ihre Kinder.
Das Gebäude mini|hochkant=1.5|Briefkopf des Jugend-Europahauses (1951–1967)