Strategische Studien () ist die Bezeichnung für einen interdisziplinären angewandten Zweig der Wissenschaftsdisziplinen Politikwissenschaft und Militärgeschichte im anglophonen Wissenschaftsbetrieb.
Sie beinhalten die ganzheitliche (generalistische) Analyse, Beschreibung, Erklärung, Prognose und Handlungsempfehlung für gesamtgesellschaftlich bedeutsame Fragestellungen und Probleme von langfristiger, d. h. strategischer Reichweite in den Bereichen Sicherheitspolitik, Militärpolitik, Militär und aus anderen gesellschaftlichen (z. B. ökonomischen, sozialen, technologischen) Gebieten.
Objekt der Strategischen Studien ist die Wechselwirkung zwischen politischen Zielstellungen, politischer und ökonomischer Macht und dem Einsatz politischer, darunter militärischer Gewalt.
Strategischen Studien nutzen interdisziplinär Theorien und Methoden anderer Disziplinen und Zweige, z. B. der Internationalen Beziehungen, der Militärwissenschaft, der (Militär-)Geographie, der Volkswirtschaftslehre, der Geschichtswissenschaften, und weiterer Disziplinen. Sie vereinen in sich Ansätze der Praxeologie, also der Wissenschaft vom Handeln.
In den eurasischen russischsprachigen (en. russophone; ru. русскоговорящиe) Regionen werden vergleichbare Studien in den politischen, ökonomischen und technischen Wissenschaftsdisziplinen sowie in den Militärwissenschaften unter der Bezeichnung Strategische Forschung (ru. стратегические исследования)Siehe Fachtermini der Übersetzung aus dem Russischen. In: Militärwörterbuch Russisch–Deutsch. (Hrsg.) Horst Hochhut, Militärverlag der DDR (VEB), Berlin 1979, S. 157 vorgenommen.
Herkunft, Entwicklung, Merkmale der Strategischen Studien Zur Vorgeschichte des Strategiedenkens Das strategische Denken entwickelte sich in einem langen historischen Prozess im engen Zusammenhang mit der Herausbildung von politisch handelnden Menschengruppen, Völkern, Staaten, Klassen, Nationen und Bündniskoalitionen, und mit den von ihnen geführten bewaffneten Auseinandersetzungen, der Kriegskunst und dem militärtheoretischen Denken. Elemente einer strategischen Praxis entstanden wahrscheinlich bereits mit den Anfängen der Entwicklung menschlicher Gesellschaft weit vor der Antike.
Die ältesten europäischen schriftlichen Überlieferungen stammen aus der Zeit des Trojanischen Krieges, aufgezeichnet in Homers Werk Ilias. Auf der Basis mehrerer Tempelinschriften ist die Schlacht bei Kadesch um 1274 v. Chr. zwischen dem altägyptischen Pharao Ramses II. und dem Hethiterkönig Muwattalli II. überliefert. Sie gilt als bestdokumentierte Beschreibung eines Krieges und des Kriegswesen in der Antike bis zu diesem Zeitpunkt.Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Artemis & Winkler, München 1997, ISBN 3-7608-1102-7, S. 230.
Eine erste systematische Beschäftigung mit dem Kriegswesen (Militärwesen) an sich war das Buch Die Kunst des Krieges des chinesischen Generals Sunzi im 5. Jahrhundert vor Christus. Es gilt als das älteste erhaltene Werk über Strategie.
Insbesondere aus römischer Zeit sind viele theoretische Werke über das Militärwesen und den Festungsbau überliefert. Der Spätrömische Militärtheoretiker Flavius Vegetius Renatus verfasste im 4. Jahrhundert mit Epitoma rei militaris ein Werk über das Militär und Kriegsführung das im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit hinein als Standardwerk galt.Clifford J. Rogers: The Vegetian Science of Warfare in the Middle Ages. In: The Journal of Medieval Military History. Volume 1, 2003.
Zur Geschichte des wissenschaftlichen Strategiedenkens mini|Clausewitz’ Werk Vom Kriege, hrsg. Berlin 1957, Standort Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB).
Erste Ansätze zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit strategischen Fragen findet man seit Beginn der Neuzeit, etwa bei Niccolò Machiavelli (Die Kunst des Krieges) und anderen, wobei diese zumeist auf Autoren des Altertums wie auf Thukydides zurückgriffen.
Einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des strategischen wissenschaftlichen Denkens markiert das Buch Vom Kriege von Carl von Clausewitz (1780–1831), das 1832 erstmals erschien. Clausewitz legte eine tiefgehende strategische Analyse des Phänomens Krieg vor; er beschrieb Zusammenhänge zwischen politischen Zielen und dem Einsatz kriegerischer Mittel sowie mit Kriegen einhergehende Risiken.Carl von Clausewitz: Vom Kriege. Dümmler, Berlin 1832; vgl. auch Peter Paret: Clausewitz and the State. London 1976, bzw. 2007, ISBN 978-0-691-13130-6.
Das für Strategische Studien charakteristische Zusammenspiel von Theorie und Praxis definiert schon Clausewitz an den Begriffen Kriegskunst und Kriegswissenschaften, die er unterscheidet durch den Zweck: Schaffen und Hervorbringen gegenüber Erforschen und Wissen.Carl v. Clausewitz, Vom Kriege, Berlin 1957, S. 116 f.
Das Streben von Clausewitz nach Objektivität und Berechenbarkeit, seine tiefe Abneigung gegen die Gefahr der Entartung des Krieges und der damit einhergehenden Dynamik hin zu dem, was man heute totaler Krieg nennt, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend geringgeschätzt.Eine denkwürdige Ausnahme stellte das Buch des russischen Industriellen und Wissenschaftlers Ivan Bloch mit dem Titel The War of the Future in its Technical Economic and Political Relations dar, welches 1899 erschien. Eine verkürzte Ausgabe erschien 2011 als Reprint unter dem Titel Is War now Impossible? Being an Abridgement of the War of the Future in its Technical Economic and Political Relations. Kessinger Legacy Reprints, ISBN 978-1-164-94552-9.
Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich in Großbritannien eine Denkschule, die von Militärhistorikern, Journalisten sowie pensionierten Soldaten geprägt wurde und deren Ziel es war, aus der Geschichte Lehren zu ziehen und über den Einsatz und den Gebrauch militärischer Macht, die Bedeutung von Führung, Waffentechnik und das Zusammenspiel von Politik und Militär zu forschen. Es waren vor allem B. H. Liddell Hart und J. F. C. Fuller, die als Begründer einer strategischen Wissenschaft galten.Zu den Hauptwerken in den 20er und 30er Jahren zählten: Basil Liddell Hart: The Remaking of Modern Armies. Murray, London 1927; The Real War. A True History of the World War 1914-1918. Faber, London 1930; Europe in Arms. Faber, London 1937; Through the Fog of War. Faber, London 1938; zur Biographie von Liddell Hart siehe: Alex Danchev: Alchemist of War. The Life of Basil Liddell Hart. Weidenfeld and Nicolson, London 1998, ISBN 0-7538-0873-0; sowie die kritische Würdigung bei: John J. Mearsheimer: Liddell Hart and the Weight of History. Brassey’s, London 1998, ISBN 0-8014-2089-X; zu den Hauptwerken von Fuller zählten Tanks in the Great War. Murray, London 1920; The Reformation of War. Hutchingson, London 1920; The Foundations of the Science of War. Hutchingson, London 1926; On Future Warfare. Sifton Praed, London 1928; War and Western Civilization. 1832-1932. A Study of War as a Political Instrument and the Expression of Mass Democracy. Duckworth, London 1932; Decisive Battles. Their Influence upon History and Civilizations. Scribners, New York 1940.
Hier sind die kritischen Auseinandersetzungen mit der Appeasement-Politik Großbritanniens, die Fehler in der Anfangszeit des Krieges sowie die Analysen zum Verlauf des Krieges, zur Diplomatie der Alliierten und zum Ende des Krieges zu sehen. Die Arbeiten von B. H. Liddell Hart und Fuller zum Zweiten Weltkrieg bemühten sich um ein hohes Maß an Objektivität.
In Deutschland gab es in Ansätzen eine vergleichbare Entwicklung: Hier ist die ab 1901 erschienene Geschichte der Kriegskunst von Hans Delbrück zu nennen.Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der Politischen Geschichte. Silke, Berlin 1901.
Die Sicht auf eine Wissenschaft vom Krieg wandelte sich merklich Mitte des 19. Jhdt. zu einer ablehnenden Haltung im deutschen Militär. Andererseits wurde ab 1857 durch v. Moltke dem Älteren (1800–1891) eine eigene militärwissenschaftliche Abteilung im preußischen Generalstab gegründet, die mit Historikern, Statistikern und Geographen d. h. für strategische Arbeiten nahezu ideal besetzt wurde.Karl-Volker Neugebauer, S. 173.
Eine deutsche Schule strategischen wissenschaftlichen Denkens verbreitete sich mit der Wehrwissenschaft in der Mitte der 1930er Jahre in Europa. Deren Einfluss auf die sowjetische (russländische) Militärwissenschaft und deren Strategiebegriff ist klar nachweisbar. Bei Karl Linnebach (1879–1961) wird im Jahr 1939 eine Definition zur Wehrwissenschaft gegeben, die beim Vergleich eine große Ähnlichkeit mit dem Begriff Militärwissenschaft in der sowjetischen Militärenzyklopädie vierzig Jahre später ausweist.
Zur Herausbildung der institutionellen Strategischen Studien
In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bekam der Wissenschaftszweig Strategie einen weiteren Impuls durch den Beginn des nuklearen Zeitalters.
Vor allem in den USA setzte eine eigenständige Befassung mit strategischen Fragen ein, die aus dem Motiv genährt wurde, die Folgen der Einführung von Kernwaffen für die internationalen Beziehungen zu verstehen und den sich ab 1947 abzeichnenden Ost-West-Konflikt zu begreifen. Das Hauptaugenmerk lag daher auf der Rolle von Kernwaffen für die westliche Abschreckungsstrategie sowie auf der Analyse der strategischen Ziele der Sowjetunion. Auch wurde die Neuorganisation des Westens zu einem eigenen Gegenstand der Analyse (Atlantische Allianz, Europäische Integration).
Dabei wurde auch eine für akademische Disziplinen ungewöhnliche Annäherung an die Politik vollzogen. Vor allem in den USA wurden Vertreter der strategic studies in den Prozess der politischen Entscheidungsbildung einbezogen, denn es galt in einer Situation strategischer Unübersichtlichkeit nach Maßstäben für eine kluge strategische Politik zu suchen.
Auch wurde die Neuorganisation des Westens zu einem eigenen Gegenstand der Analyse (Atlantische Allianz, Europäische Integration). Die Konsequenzen des ab Ende der 1950er Jahre absehbaren nuklearen Patts zwischen den USA und der Sowjetunion für die internationale Stabilität und für die Verteidigung des Westens führten dazu, dass die Beschäftigung mit Rüstungskontrolle und Abrüstung zu zentralen Themenbereichen der strategischen Studien wurde.
Auch in Frankreich regten sich mit dem Soziologen Raymond Aron und dem General André Beaufre ernst zu nehmende Autoren, die an der internationalen strategischen Debatte partizipierten.Raymond Aron: Frieden und Krieg. Eine Theorie der Staatenwelt. S. Fischer, Frankfurt a. M. 1963, Neuauflage 1990, ISBN 3-10-001004-3; André Beaufre: Dissuasion et stratégie. Armand Collin, Paris 1964.
In Großbritannien blieb eine starke community bestehen, die nicht zuletzt unter dem Einfluss von B. H. Liddell Hart, der 1970 starb, zusammenwuchs und politisch und akademisch ihre Früchte trug. Besonders wichtig war die Gründung des Institute for Strategic Studies (ISS) in London durch den ebenfalls von B. H. Liddell Hart beeinflussten Journalisten und Labour-Politiker Alastair Buchan, dem Labour-Politiker (und späteren Verteidigungsminister) Denis Healey und dem britischen Militärhistoriker Michael Howard.Vgl. David Curtis Skaggs: Of hawks, doves, and owls: Michael Howard and strategic policy. In: Armed Forces and Society. Vol. 11 (Sommer 1985) No. 4, , S. 609–626. Das ISS wurde bald zu einem internationalen Institut als International Institute for Strategic Studies (IISS) und ist seit den 60er Jahren das internationale Zentrum der politisch-strategischen Debatte.
Auf dem Kontinent entstand ansonsten nur eine kleine strategic studies community, die sich in Deutschland mit Namen wie Wilhelm Cornides, Lothar Rühl, Uwe Nerlich, Karl Kaiser und Helga Haftendorn und in der Schweiz mit den Namen Curt Gasteyger, Daniel Frei und Kurt R. Spillmann verband.
Merkmale der Strategischen Studien