Inkulturation bezeichnet den Prozess, Gedanken und Praktiken, die in einer Kultur entstanden oder zum Ausdruck gebracht wurden, auf angemessene Weise in eine andere einzubringen, wobei es im Rahmen eines reziproken hermeneutischen Prozesses zu einer gegenseitigen Befruchtung der Kulturen kommt. Der Begriff ist seit Mitte der 1970er Jahre zu einem „theologischen Grundbegriff“Konrad Hilpert: Inkulturation. Anspruch und Legitimation einer theologischen Kategorie. In: Konrad Hilpert, Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Der eine Gott in vielen Kulturen. Inkulturation und christliche Gottesvorstellung. Benziger, Zürich 1993, ISBN 3-545-24114-9, S. 16.Das erste kirchliche Dokument, das ausdrücklich von „Inkulturation“ sprach, war das Dekret 5 Inkulturation des christlichen Glaubens und Lebens der 32. Generalkongregation der Jesuiten, die vom 2. Dezember 1974 bis 7. März 1974 in Rom tagte (Englischer Text). Zugleich beschloss man dort die Einsetzung einer Kommission zur Förderung der Inkulturation. avanciert.
Inkulturation in Geschichtswissenschaft und Soziologie Auch wenn er ursprünglich daher stammt, wird der Begriff Inkulturation in Geschichtswissenschaft und Soziologie nur selten verwendet.Klaus Vellguth: Inkulturation, Version 8. Juni 2022, in: Staatslexikon 8 online, abgerufen am 23. September 2024. Während Kolonialismus oder Kulturimperialismus die Kultur indigener Völker nicht berücksichtigten, sondern versuchten, ihnen einseitig die eigene Kultur überzustülpen, damit aber letztlich nur Ablehnung erzeugten, besagt der Weg der Inkulturation, dass die eigenen Ideen in die andere Kultur eingehen und sich dementsprechend anpassen müssen.
Konkret wird dies etwa, wenn es um die Universalität der Demokratie und Menschenrechte geht. Während die Ideen durchaus als universal gedacht werden können, sei deren Realisierung kulturell geprägt, so dass zum Beispiel das westliche Demokratie- und Menschenrechtsverständnis nicht einfach in islamischen, buddhistischen oder afrikanischen, chinesischen usw. Kontext übertragen werden könne, ohne die dort gewachsenen kulturellen Strukturen zu bedenken und einzubeziehen.
Im politischen Diskurs wird Inkulturation gelegentlich im Sinne einer Integration in eine politische Ordnung verstanden.In diesem Sinn hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann Islamismus von einem „in die Verfassungsordnung inkulturierten Islam“ abgegrenzt. Rüdiger Soldt, Julian Staib, Reiner Burger: Druck macht beweglich FAZ vom 27. September 2024, S. 2.
Inkulturation im Christentum „Inkulturation“ ist zu einem Schlüsselbegriff heutiger Theologie geworden, stellte der katholische Theologe Mariano Delegado 2017 fest.Mariano Delgado: Inkulturation als Wesenseigenschaft des Christentums. In: Klaus Krämer, Klaus Vell (Hrsg.): Inkulturation. Gottes Gegenwart in den Kulturen. Herder, Freiburg 2017, ISBN 978-3-451-37897-3, S. 20–32, S. 20. Sie ist die Konsequenz der Lehre von der Menschwerdung Gottes, wie sie der christliche Glaube bekennt, da diese einerseits immer nur konkret in einer Kultur gedacht werden kann, zugleich aber alle Menschen betrifft.
Die Dynamik der Entwicklung und Verbreitung des Christentums in seinen Anfängen wird der Fähigkeit zur Inkulturation zugeschrieben: „Erst in einer sich abgrenzenden und zugleich aufnehmenden Auseinandersetzung mit ägyptischen, hethitischen, sumerischen, babylonischen, persischen und hellenistischen Kulturen gewann das Christentum seine Gestalt“.Klaus Vellguth: Inkulturation, Version 8. Juni 2022, in: Staatslexikon 8 online, abgerufen am 23. September 2024. So mahnte z. B. im 6. Jh. Papst Gregor I. Augustinus von Canterbury, die heidnischen Kultstätten in England nicht zu zerstören, sondern in christliche Kirchen umzuwandeln, und auch religiöse Erfahrungen der „missionierten Neuchristen“ in das Leben der christlichen Gemeinschaften aufzunehmen, was wesentlich zum Missionserfolg bei den Angelsachsen beitrug. Auch die Missionierung Germaniens durch Bonifatius orientierte sich an einer solchen „Kontextsensibilität“.Klaus Vellguth: Inkulturation. Version 8. Juni 2022, In: Staatslexikon 8 online. (staatslexikon-online.de, abgerufen am 23. September 2024)
Erst in dem Maße, in dem das Christentum sowohl in den Kirchen des Orients und der Orthodoxie, insbesondere aber auch im lateinischen Westen seine Form, Theologie und Ausdrucksweise gefunden hatte, schwand das Bewusstsein dafür, dass dies Prozessen der Inkulturation zu verdanken ist. Tatsächlich tat sich das Christentum lange Zeit und vor allem in der Begegnung Europas mit neuen Kulturen schwer, in der Auseinandersetzung mit neuen und anderen Kulturen sich neuerlich in Frage stellen zu lassen und sich in fortlaufenden Prozessen der Inkarnation weiterzuentwickeln. Der Ritenstreit um die Inkulturation in China ist ein prominentes Beispiel.Claudia v. Collani, Klaus Hock: Ritenstreit. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. 2018 Online Die in seiner Folge erlassenen päpstlichen Verbote wurden erst 1939 (für China) bzw. 1940 (für Indien) aufgehoben.Konrad Hilpert: Inkulturation. Anspruch und Legitimation einer theologischen Kategorie. In: Konrad Hilpert, Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Der eine Gott in vielen Kulturen. Inkulturation und christliche Gottesvorstellung. Benziger, Zürich 1993, ISBN 3-545-24114-9, S. 22–25.
Inkulturation als Thema des II. Vatikanums Auch wenn der Begriff in keinem der Schlussdokumente verwendet wird, bildet das Zweite Vatikanische Konzil die Grundlage dafür, dass die Erneuerung von Theologie und Ritus der Katholischen Kirche nach 1965 wesentlich vom Bemühen um Inkulturation geprägt war (und ist). Bei der Bischofssynode zum 20. Jahrestag des Konzils wurde dessen Intention ausdrücklich im Begriff der Inkulturation gefasst.Zweite außerordentlichen Bischofssynode, II, D 4 (10. Dezember 1985), in: OR dt. 1 (3. Januar 1986) 12–14, hier 14.
Der Begriff der Kultur ist bereits für die Dogmatische Konstitution Gaudium et Spes (1965) zentral und kommt dort 49 Mal vor. Kultur wird dabei explizit normativ verwendet und positiv verstanden als das, was der Mensch zur gelingenden Entfaltung seiner Natur individuell und in Gemeinschaft hervorbringt.„Unter Kultur im allgemeinen versteht man alles, wodurch der Mensch seine vielfältigen geistigen und körperlichen Anlagen ausbildet und entfaltet; wodurch er sich die ganze Welt in Erkenntnis und Arbeit zu unterwerfen sucht; wodurch er das gesellschaftliche Leben in der Familie und in der ganzen bürgerlichen Gesellschaft im moralischen und institutionellen Fortschritt menschlicher gestaltet; wodurch er endlich seine großen geistigen Erfahrungen und Strebungen im Lauf der Zeit in seinen Werken vergegenständlicht, mitteilt und ihnen Dauer verleiht zum Segen vieler, ja der ganzen Menschheit.“ Gaudium et Spes Nr. 53.
Mit der kulturellen Vielfalt in den eigenen Reihen konfrontiert und durch die Vertreter der katholischen Kirchen des Orients„Die Wiederentdeckung dieser Eigentümlichkeit (der orientalischen Kirchen) und ihr Begreifen als Reichtum war ein wichtiger heuristischer Schlüssel, um das Eingehen auf die regionalen und kulturellen Kontexte auch für die jungen Kirchen außerhalb Europas als legitim, ja als wichtige Aufgabe zu erkennen.“ Konrad Hilpert: Inkulturation. Anspruch und Legitimation einer theologischen Kategorie. In: Konrad Hilpert, Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Der eine Gott in vielen Kulturen. Inkulturation und christliche Gottesvorstellung. Benziger, Zürich 1993, ISBN 3-545-24114-9, S. 16. sowie vor allem einige afrikanischer Bischöfe herausgefordert hat das Konzil eine systematische Reflexion darüber formuliert, dass das Christentum von Anfang an seine Form in verschiedenen Kulturen gefunden hat. Auch wenn das Wort noch nicht vorkommt, wurde doch der Sache nach hier erstmals von einem Konzil Inkulturation als grundlegende Praxis des Christentums anerkannt:
Das Konzil hat so „die Fähigkeit und Bereitschaft für eine neue Inkulturation der christlichen Botschaft“ festgestellt.Giuseppe Albergio: Ein epochaler Übergang? in: Giuseppe Alberigo und Günther Wassilowsky (Hrsg.): Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils (1959–1965), Band V, Ostfildern/Leuven Grünewald/Peeters 2008, ISBN 978-90-429-1862-7, S. 655–741, S. 661. Hier wurde das Grundanliegen umgesetzt, weswegen Papst Johannes XXIII. das Konzil einberufen und ihm die Aufgabe gestellt hatte, ein umfassendes, wie er es nannte, Aggiornamento der kirchlichen Lehre, Struktur und Praxis umzusetzen; dabei hatte er nicht nur die Inkulturation von Lehre und Ritus in außereuropäischen Kulturen im Sinn, sondern auch und gerade in die europäischen Kulturen der Gegenwart.Vgl. Marie-Dominique Chenu OP: La Parole De Dieu. Band 2: L'évangile Dans Le Temps. Paris 1964, S. 189–198.
Inkulturation in Exegese, Liturgie und Spiritualität Der Begriff Inkulturation war zwar vereinzelt bereits seit den 1920er Jahren verwendet worden. Er setzte sich in der katholischen Kirche erst durch, nachdem er in der Bibelwissenschaft nach dem Konzil Anerkennung gefunden hatte.
Die katholische Internationale Theologische Kommission hat in einem Dokument Glaube und Inkulturation 1988 betont, dass schon der Austausch des vom JHWH-Glauben geprägten Volkes Israel mit seiner Umgebung als ein Ausdruck von Inkulturation zu begreifen sei: „Im Alten Testament wurden Kulturen eingeschmolzen und transformiert und so in den Dienst der Offenbarung des Gottes Abrahams gestellt“.Internationale Theologische Kommission: Glaube und Inkulturation (1988), Nr. 5. Jesus Christus, nach christlichem Glauben der Messias Gottes, und sein Evangelium wurzeln demnach zwar ganz in der religiös-kulturellen Umwelt des Volkes Israel seiner Zeit. Seine Menschwerdung sei aber universell und somit zu allen Zeiten jeweils auf die Inkulturation angewiesen.Internationale Theologische Kommission: Glaube und Inkulturation (1988), Nr. 12-22. Inkulturation bewirke immer sowohl die Befruchtung des Glaubens durch das Hineingehen in eine neue Zeit und Kultur als auch eine Reinigung der Kulturen durch das Evangelium. Wichtig sei dabei, dass die Vielfalt der Inkarnationen immer in Bezug zur Einheit des kirchlichen Glaubens bleibe.„Doch die Communio unter den Kirchen verlangt beständig, dass das kulturelle „Fleisch“ jeder Kirche sich nicht von der gegenseitigen Anerkennung im apostolischen Glauben und von der Solidarität in Liebe abschirmt.“ Internationale Theologische Kommission: Glaube und Inkulturation (1988), Nr. 29b. Das Dokument würdigt Volksfrömmigkeit als eine wertvolle – wenn auch immer kritisch zu reflektierende – Form der Inkulturation und sieht die Befruchtung des christlichen Glaubens in Ländern, deren Kultur von nichtchristlichen Religionen geprägt ist, sowie auch grundsätzlich den Dialog der Religionen positiv.