miniatur|Unterschrift „Johannes ab Vlmis“, 1549|250px Johann oder Hans Ulmer (, * um 1525/29 im Thurgau; † 10. November 1580 in Egg) war ein reformierter Theologe, Korrespondenzpartner u. a. von Heinrich Bullinger, Konrad Pellikan und Rudolph Gwalther. Während eines Studienaufenthalts in England unterstützte er die jugendliche Jane Grey bei philologischen und theologischen Studien. Er arbeitete als Pfarrer im Gebiet der heutigen Kantone Thurgau und Zürich.

Leben Herkunft Johann Ulmer war ein unehelicher, legitimierter Sohn von Hans Jakob von Ulm (* um 1495; † um 1526/28, spätestens 22. Dezember 1528),Werner Lienhard: 1111 Jahre Teufen, die Perle am Rhein. 890–2001. Festschrift zum Jubiläumsjahr. Freienstein-Teufen 2001, S. 15.Reinhard Bodenmann, Alexandra Kess, Judith Steiniger (Bearb.): Heinrich Bullinger Werke, 2. Abt. Briefwechsel, Bd. XV. Theologischer Verlag, Zürich 2013, Nr. 2153, S. 303f Anm. 7; Bd. XVIII. Theologischer Verlag, Zürich 2017, Nr. 2644, S. 185 Anm. 12, und Nr. 2716, S. 405 Anm. 11. einem Zürcher Ausburger, Vogtherrn von Teufen, Rorbas, Freienstein und Berg am Irchel in der Zürcher Landvogtei Kyburg. Seine Onkel waren der Konstanzer Patrizier Heinrich von Ulm († 1546) zu Griesenberg, verheiratet mit Barbara Blaarerin (* um 1490; † 1562), einer Schwester von Ambrosius Blarer, und Gregor (Gorius) von Ulm († 1576), seit 1530 Bürger von RavensburgAlfons Dreher: Das Patriziat der Reichsstadt Ravensburg. (Veröffentlichungen der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg 30). Kohlhammer, Stuttgart 1966, S. 277. und seit 1537 Eigentümer von Wellenberg (bei Frauenfeld) und Hüttlingen.Hans Heinrich Bluntschli: Memorabilia Tigurina, Oder Merckwürdigkeiten, Der Stadt und Landschafft Zürich. 3. Auflage Heidegger, Zürich 1742, S. 532 (Google-Books). Johann Ulmers Halbbruder Hans von Ulm (* um 1525; † 1599)Er ⚭ I. 1549 Barbara von Hinwil (1527–1582), ⚭ II. 1584 Elisabeth Waldner von Freundstein. besuchte vom 25. Juli 1537 bis 11. März 1540 als zahlender („verdingter“) Schüler die 1538 an das Zürcher Fraumünster verlegte Klosterschule Kappel,Reinhard Bodenmann, Alexandra Kess, Judith Steiniger (Bearb.): Heinrich Bullinger Werke, 2. Abt. Briefwechsel, Bd. XVIII. Theologischer Verlag, Zürich 2017, Nr. 2716, S. 405f Anm. 12.Hans Ulrich Bächtold: Heinrich Bullinger vor dem Rat. Zur Gestaltung und Verwaltung des Zürcher Staatswesens in den Jahren 1531 bis 1575. (Zürcher Beiträge zur Reformationsgeschichte 12). Peter Lang, Bern 1982, S. 205. Auf der Kappeler Schülerliste 1535–1541 wird von Bullinger „Hans von Ulm (von Teufen)“ erwähnt. immatrikulierte sich 1543/44 als „Joannes ab Ulmm Tigurinus (= aus Zürich)“ am Collegium superiorWilhelm Vischer, Alfred Stern (Hrsg.): Basler Chroniken, Bd. I. Hirzel, Leipzig 1872, S. 151 Anm. 3 und 4 (Google-Books). der Universität BaselHans Georg Wackernagel (Hrsg.): Die Matrikel der Universität Basel, Bd. II. Universitätsbibliothek, Basel 1956, S. 37 und (Nachtrag) S. 623. und folgte dem Vater als Gerichtsherr zu Teufen und Berg am Irchel nach.Karl Dändliker: Geschichte der Gemeinden Rorbas, Freienstein und Teufen. F. Scheuchzer Büsach 1870, S. 66 u. ö. (Digitalisat im Internet Archive). Die Halbschwester Barbara von Ulm (* um 1524; † 1568) zu Teufen war seit 1541 mit dem Zürcher Ratsherren Jakob Röist (Röust) (1523–1573) verheiratet.Reinhard Bodenmann, Alexandra Kess, Judith Steiniger (Bearb.): Heinrich Bullinger Werke, 2. Abt. Briefwechsel, Bd. XVIII. Theologischer Verlag, Zürich 2017, Nr. 2679, S. 289 Anm. 5. Die Ehefrau (⚭ 1519) Hans Jakobs von Ulm und Mutter der Halbgeschwister war Barbara zum Thor († um 1539). Johann Ulmer und sein Halbbruder Hans von Ulm hatten einen gleichnamigen Cousin Hans (Johannes) von Ulm (1528–1618) zu Wellenberg,Er ⚭ I. 1570 Maria Barbara Höcklin von Steineck († 1585), ⚭ II. Anna von Plieningen. der markgräflich badischer Obervogt zu Schopfheim und Badenweiler, Rat und Landvogt der Herrschaft Rötteln wurde.

Jugend im Thurgau und Ausbildung in Konstanz und der Schweiz Johann Ulmer wurde „in einem Dorf … im Thurgau“ (ἐν κώμῃ … ἐν Δουργαυίᾳ – en kōmē … en Dourgauïa) – weit entfernt (πόῤῥω) von Zürich – geboren und wuchs dort auch auf; Thurgau als Landschaftsbezeichnung bzw. Bezeichnung des römisch-katholischen Archidiakonates umfasste dabei auch das Gebiet rechts der Töss um Teufen. miniatur|Schloss Neu-Griesenberg Ab etwa 1544 besuchte Johann Ulmer zwei Jahre lang oder etwas länger (biennio aut paulo plus) die Konstanzer Lateinschule unter Matthias Schenck, 1546 hielt er sich bei seinem Onkel Heinrich von Ulm in Schloss Neu-Griesenberg im Thurgau auf.Brief von Ambrosius Blarer vom 26. Oktober 1546; Reinhard Bodenmann, Alexandra Kess, Judith Steiniger (Bearb.): Heinrich Bullinger Werke, 2. Abt. Briefwechsel, Bd. XVIII. Theologischer Verlag, Zürich 2017, Nr. 2644, S. 184–187; Zürich Staatsarchiv (E II 357,664 bullinger-digital.ch). Vielleicht hat er zuvor bis zu dessen Tod auch eine Zeitlang im Pfarrhaus von Alexander Schmutz d. Ä. (* um 1490/95; † 1544) im benachbarten Leutmerken gelebt. Nach seiner eigenen Darstellung hatte Johann Ulmer sich sein ganzes bisheriges Leben (bis 1546) „im Thurgau“ aufgehalten, zu dem er auch Konstanz zählte, und seit November 1546 nicht lange „außer nur zwei Jahre“ (πλὴν μιᾶς μόνης διετίας – plēn miās monēs diëtias) in Zürich verbracht, wo Heinrich Bullinger sein Lehrer wurde, er sei aber nie Zürcher Bürger (πολίτης; ἔνοικος – politēs; enoikos) gewesen.Ulmer verteidigt damit die Annahme eines Stipendiums in England: Zürcher Bürgern war es verboten, finanzielle Unterstützung von fremden Staaten anzunehmen; vgl. Brief von Peter Martyr aus Oxford an Heinrich Bullinger in Zürich vom 1. Juni 1550. In: Parker Society (Hrsg.): Epistolae Tigurinae de rebus potissimum ad Ecclesiae Anglicanae reformationem pertinentibus conscriptae A. D. 1531–1558. John William Parker, Cambridge 1848, Nr. CCXXVIII, S. 317–319, bes. S. 318 (Google-Books); (englische Übersetzung) The Zurich Letters, Bd. II. University Press, Cambridge 1847, Nr. CCXXVIII, S. 481–484, bes. S. 483f (Google-Books). Ambrosius Blarer hatte Bullinger seinen Neffen Johann Ulmer und einen gewissen Augustin, mit dem Ulmer einige Jahre in einem Haushalt gelebt hatte, als Schüler empfohlen. Seine Halbschwester Barbara von Ulm, die ihren Bruder Johann sehr schätzte, besorgte den beiden Studenten eine Unterkunft, die Mittel für Johanns Unterhalt verwaltete der Halbbruder Hans von Ulm zu Teufen.Brief von Ambrosius Blarer vom 16. Dezember 1546; Reinhard Bodenmann, Alexandra Kess, Judith Steiniger (Bearb.): Heinrich Bullinger Werke, 2. Abt. Briefwechsel, Bd. XVIII. Theologischer Verlag, Zürich 2017, Nr. 2716, S. 404–409. Kurz nach ihrer Ankunft in Zürich versuchte Bullinger, den Verkauf von 56 Büchern aus der Bibliothek von † Werner Steiner durch Johannes Fries für 23 Gulden an Johann und Augustin zu vermitteln.Briefe von Heinrich Bullinger vom 30. November und 18. Dezember 1546; Reinhard Bodenmann, Alexandra Kess, Judith Steiniger (Bearb.): Heinrich Bullinger Werke, 2. Abt. Briefwechsel, Bd. XVIII. Theologischer Verlag, Zürich 2017, Nr. 2697 und 2719, S. 340–344 und 412–415.

Studium in Oxford Im Frühjahr 1548 wechselte Ulmer an die Universität Oxford. In England saß während der gesamten Zeit seines Aufenthaltes der minderjährige König Eduard VI. (1537–1553) auf dem Thron, den Regentschaftsrat leiteten der Lord High Admiral Edward Seymour, 1. Duke of Somerset (1547–1549), und nach dessen Hinrichtung John Dudley, 1. Duke of Northumberland (1550–1553), die beide den Protestantismus unterstützten.

Im Herbst hielt sich Johann Ulmer bei Bartholomew Traheron (Benthalmai Outis) († um 1558)Ehemaliger Franziskaner, 1537 bei Bullinger in Zürich, 1551–1553 Dean der Kathedrale von Chichester, nach 1555 marianischer Exulant in Frankfurt am Main und Wesel; Philippe Denis: Les églises d'étrangers en pays rhénans (1538–1564). (Bibliothèque de la Faculté de philosophie et lettres de l'Université de Liège 242). Les Belles Lettres, Paris 1984, S. 221 u. a. auf. Kurz nach ihm kam im Herbst 1548 auch Augustin Bernher, der in Zürich ein Schüler von Johann Wolf gewesen war, aus TübingenHeinrich Hermelink (Barb.): Die Matrikeln der Universität Tübingen, Bd. I 1477–1600. Kohlhammer, Stuttgart 1906, S. 332, Nr. 72. nach OxfordBrief von Johann Ulmer aus Oxford an Heinrich Bullinger vom 27. November 1548; siehe auch Postskript Ulmers zu einem Brief von Bartholomew Traheron vom 31. Dezember 1548; Parker Society (Hrsg.): Epistolae Tigurinae de rebus potissimum ad Ecclesiae Anglicanae reformationem pertinentibus conscriptae A. D. 1531–1558. John William Parker, Cambridge 1848, Nr. CLXXXVI, S. 252–254; vgl. S. 213. und wohnte mit seinem Freund UlmerBriefe von Augustin Bernher aus Bexterley vom 31. Mai 1552 und von Johann Ulmer aus Oxford vom 9. August 1552 an Heinrich Bullinger; Parker Society (Hrsg.): Epistolae Tigurinae de rebus potissimum ad Ecclesiae Anglicanae reformationem pertinentibus conscriptae A. D. 1531–1558. John William Parker, Cambridge 1848, Nr. CLXXVIII, S. 239, und Nr. CCXVI, S. 301. bei Traheron.Arnold Lätt: Austin (Augustin) Bernher, ein Freund der englischen Reformatoren. In: Zwingliana 6,6 (1936), S. 327–336, bes. S. 327f. Es dürfte sich bei ihm um den bereits 1546 von Ambrosius Blarer erwähnten Freund „Augustin“ handeln. Augustin Bernhers Schwester Agnes († nach 1560)Beat Rudolf Jenny (Bearb.): Die Amerbachkorrespondenz, Bd. IX Die Briefe aus den Jahren 1553–1555, Halbbd. 1 1553–30. Juni 1554. Verlag der Universitätsbibliothek, Basel 1942, S. 274 (PDF der Universitätsbibliothek Basel). war mit dem Pfarrer Alexander Schmutz d. Ä. (* um 1490/95; † 1544) in LeutmerkenPfarrpfründe des Kollators Heinrich von Ulm. – unmittelbar bei Schloss Griesenberg gelegen – verheiratet gewesen, einem Neffen von Blarer.Erich Trösch: Schmutz, Alexander. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) (online, abgerufen am 18. Juli 2021).

1549 erhielt John ab Ulmis in Oxford das Baccalaureat.Anthony a Wood: Athenae Oxonienses. An Exact History of all the Writers and Bishops, who have had their Education in the … University of Oxford, Bd. I. Thomas Bennet, London 1691, Sp. 702 und Sp. 706 (Google-Books). Als Bakkalar ausgezeichnet, wurde „Joannes Ulmensis“ auf Empfehlung von Traheron und John Cheke hin in das King’s College (Christ Church College) aufgenommen.Brief des Mediziners Richard Master († 1588) aus Oxford an Rudolph Gwalther in Zürich vom 14. Juni 1551. In: Parker Society (Hrsg.): Epistolae Tigurinae de rebus potissimum ad Ecclesiae Anglicanae reformationem pertinentibus conscriptae A. D. 1531–1558. John William Parker, Cambridge 1848, Nr. CLXXVII, S. 237f. Augustin Bernher wurde durch John Hooper als Amanuensis (Sekretär) an den Hofprediger und früheren Bischof von Worcester Hugh Latimer vermittelt. Bernher blieb in England und unterstützte die Protestanten während der Verfolgung unter Königin Maria I.Benjamin Richings: Narrative of the Persecutions and Sufferings of the Two Martyrs, Robert Glover & Mrs. Lewis, of Mancetter, Warwickshire. With Some Account of Their Friend Augustine Bernher, Rector of Southam, and Other Eminent Martyrs and Confessors. 2. Auflage L. & G. Seeley / Macintosh, London 1842, bes. S. viii–xii und 123–170 (Google-Books; 1. Auflage 1833 Google-Books).

Begegnung mit Thomas Cranmer und weitere Besuche in London